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Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner
Riga, 19. März 1753
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Riga den 8/19 März. 1753.

Geliebtester Freund,

Ich würde mich herzlich freuen, wenn Sie gesund und vergnügt lebten; ich
bin Gott Lob! die meiste Zeit beides, v was Ihnen nicht fremde vorkommen
wird, mehrentheils auf meiner Stube v. bey meinen Geschäfften. Wenn mich
die letzteren auch bisweilen ein wenig unzufrieden machen, so genüße ich doch
auch viele Augenblicke eine Wollust v. GemüthsRuhe, davon ich den Ursprung
selbst nicht einsehe. Mein äußerliches scheint dieses vielleicht nicht allemal in
andern Gesellschafften zu versprechen; genung daß ich in mir selbst keine
Überwicht des Verdrußes in mir fühle. Das Andenken meiner Freunde macht
mich zärtlich, v meine Mine schwermüthig; mein Herz wünscht sich unterdeßen
zu der Ehre Glück, von Ihnen auch abwesend geliebt zu werden. Hier kann
ich mich noch nicht rühmen neue erworben zu haben; ich habe mir auch noch
nicht Mühe darum gegeben. Für so einen Weltweisen, wie Sie, lieber Freund,
sind, könnte sich vielleicht Riga beßer paßen als für mich. Wenn Berens
mein Berens hier wäre, der würde mir die beste Aussicht von seinem
Vaterlande geben können. Ich sehe jetzt alle Tage fleißig nach seinen Geschwistern
ohne daß ich ein eintziges kenne noch zu kennen wünsche. Sein Herr Bruder
hat mich noch heute die Hosen anziehen gesehen; Sie können also leicht denken,
wenn er selbst hier wäre, daß wir sehr genau auf einander Acht geben könnten.
Des Herrn Belgers Haus ist das eintzige fast, das ich hier besuche, v. mehr
aus Nothdurfft auszugehen v. meiner Beqvemlichkeit wegen, die ich daselbst
finde, als aus Neigung, sie müsten denn eine kleine Gefälligkeit für meine
Wittwe dazu machen, die ich da mehrentheils finde v. am Sonntage mit
einem Amtmann Verlöbnis gegeben hat. Sic perit gloria mundi! Der
lateinische Hexameter hat nur gedient die Seite voll zu machen; sie werden ihn
daher für keinen Seufzer ansehen, der von Herzen gegangen ist.
Herr Belger sagt mir Ihrentwegen an meinen Vater etwas geschrieben zu
haben. Schreiben sie mir doch, worinn es bestanden hat. Der Herr President
von Mengden hat sich durch den Prof. Baumgarten aus Halle einen
Hofmeister verschrieben, an deßen Stelle ich Sie gewünscht hätte. Herr Gehrke
dachte auch darann, daß Sie es vielleicht nicht würden abgeschlagen haben.
Es ist aber schon vor meiner Zeit geschehen, v. wenn derjenige, der für diesen
Posten bestimmt ist, noch nicht angekommen ist, wird er wenigstens mit ersten
hier seyn. Der junge Herr ist sonsten von dem Pastor Blank geführt worden,
v hernach bey dem LandMarschall von Igelström gegeben, wo Porsch mit
schlechter Ehre gewesen, jetzt hat unterdessen der Vater selbst Hofmeister Stelle
vertreten, der sich in der Geschichte, Sittenlehre v. Wirthschaftskunst für sehr
gelehrt halten soll. Den Herrn LandMarschall von Igelström hab ich hier zu
Mittage gesehen; er hat sich eine hohe Schule vorgenommen auf seinem Gute
anzulegen, es sind dazu Profess. verschrieben worden. Ich habe ihn als einen
sehr ehrgeitzigen Mann v zugleich als einen großen galanthomme bey dem
Frauenzimmer beurtheilt. Er will seine Söhne keine Academien besuchen
sondern sie zu Hause alles lernen laßen; v hierauf werden Sie denn reisen müßen.
Sie können ihn sich ohngefehr unter dem Rath Schimmelpfennig vorstellen,
etwas älter v ernsthaffter. Aus dem Einfall seine Kinder zu erziehen, können
Sie ohngefehr seine Gemüthsart beurtheilen; an dem einen Sohn hat seine
Weisheit gescheitert. Er hat sich in ein benachbartes Fräulein verliebt,
Porschische Streiche angegeben, Ruthen v sie zur Frau bekommen. Er steht schon
in den untersten Kriegs-Diensten. Gehen Sie doch, lieber Freund, mit meinen
Briefen vorsichtig um! Der President von Mengden giebt 200 Alb. jährlich
v. 50 belauffen sich die Reise Unkosten. Sie wären denn in meiner
Nachbarschafft ein 4 Meilen ohngefehr gewesen. Die Frau Presidentin wird als eine
gutthätige, aber herrnhutsche andächtige Frau beschrieben. Er soll selbst zur
Noth einen guten Prediger abgeben können; von einem hitzigen v.
verdrüslichen Gemüth, der weit gereist ist v diejenigen Länder vorzieht, wo er in der
Jugend gewesen, dem, wo er jetzt lebt. Wer weis, wie es dem neuen
Hofmeister bey ihm glücken wird. Tantzen, fechten, v. Reiten wird vermuthlich
zum Contract gehören. Er hat sich nach Halle gewandt, weil er mit dem
Colleg. Fried. nicht sonderlich zufrieden zu seyn scheint. Seine Gemalin ist
eine Tochter des unglückl. München. Es ist von Königsberg ein Prediger v.
Hofmeister für des letzteren Familie v. Kirche verschrieben worden, auf den
Ssie übel zu sprechen sind. Dies ist HE. Carius; der von dem Insp.
Schiffert recommendirt worden; man hat nach ihm ein ausdrückliches Fuhrwerk
geschickt, das ledig wieder zurückgekommen, ohne daß man die Achtsamkeit
gehabt einen Brief mitzugeben, worinn man sich wegen dieser
Unbescheidenheit entschuldigt hat. Weder Carius noch Schiffert haben in der Zeit
geschrieben, v sie wißen nicht, worann sie sind. Der Fuhrmann ist schon vor 4 Wochen
v. länger wieder zurückgekommen. Erkundigen Sie sich doch durch Wolson
um die Umstände etwas weitläuftiger; HE. Blank hat die Commission
gehabt v. er ist selbst in dieser Sache verlegen, weil er mit Leuten zu thun, die
weder Vernunfft noch Wohlstand verstehen, sondern wie er selbst sagt, sich auf
den Heyland beruffen.
Sie melden mir, liebster Freund, in dem letzten, das Sie meinem Bruder
in die Feder gesagt haben, daß Sie mir viel zu schreiben hätten. Thun Sie es
doch so bald, wie Sie können. Des HErrn Sahme Brief ist offen gekommen,
wie es das zugegangen? Ihnen gebe ich ein für allemal die Freyheit es zu
thun. HE. Hennings hat mir auch geschrieben. Was hat er von meinem ersten
Brief aus Liefland gedacht? Ich glaube, er hat mich für trunken gehalten.
Er mus denselben noch nicht erhalten haben, da er an mich geschrieben. Die
Veränderungen, die in Königsberg in meiner Abwesenheit, nach seinem
Bericht vorgegangen sind, sehen gar zu außerordentlich u zu plötzlich aus, als
daß sie wahr seyn sollten. Ich werde Ihm antworten, wie ers verdient. Sein
Brief hat mir mehr als ein Wunsch gekostet ihn ins Gesicht einen Betrüger
nennen zu können.
Hab ich Ihnen schon für den Esprit des Nations gedankt? Der Verfaßer
hat mir in vielen Stücken sehr genung gethan; er ist den einfältigsten
Begriffen in seinem Entwurf, mehrentheils gefolgt, wie er versprochen hat. Ich
wünschte, daß er einige Gedanken in einer Fortsetzung v. einer besonderen
Anwendung seiner Grundsätze mehr entwickeln möchte. In einigen Stellen, die
die Naturlehre betreffen, scheint er mir etwas unbestimmt v. dunkel zu seyn.
Wenn ich ein gutes Buch zum ersten mal lese, so wißen Sie, daß ich es mehr
zu verstehen als zu beurtheilen suche; v. der allgemeine Eindruck des
Verfaßers macht mich gegen einige besondere Schwürigkeiten unempfindlich. Ich
habe es aufmerksam gelesen; es hat mir sehr gefallen. Was Sie mehr dabey
gedacht haben, erwarte ich von Ihnen, daß Sie es mir mittheilen sollen.
Ich habe eben heute in den Hamburgischen Zeitungen außer dem Katzen v
Kater Concert gelesen, daß die Sorbonne sitzt über den Esprit des Loix zu
sprechen. Des Grafen Cataneo Versuch haben Sie ertappt; ich danke Ihnen
recht herzlich für die Achtsamkeit, mit der Sie für mein Vergnügen sorgen.
Sie glauben, ohne daß ich es nöthig finde zu beschweren, wie sehr ich wünschen
möchte Ihnen von meiner Seite ein gleiches zu bezeigen. Ich mag lieber nichts
meinen Freunden als bloße Complimente geben. An meinem guten Willen
zweiflen Sie nicht; mein Herz hat einen ehrlichen Grund, auf den Sie sich
verlaßen können, wenn Sie es brauchen wollen. Süßmilch, dieser gelehrte
Buchhalter des Menschl. Geschlechts, hat auch einige Abhandlungen wieder
den Montesquiou vorgelesen, die man auch vermuthlich in den Memoires
der Berlinischen Academie wird zu lesen bekommen. Sie betreffen den
Schaden, den die christl. Religion der Vermehrung der Menschen gethan. Als ein
Catholik ist Montesq. genöthicht gewesen die Päbstl. Religion so zu nennen;
v ich weis nicht, ob er denn Unrecht haben wird.
Der Herr v. Loen ist Geheimer Rath v. President der Grafschafft
Tecklenburg v. Lingen geworden! Ob der Abt Prades sein Glück machen wird?
Schreiben Sie mir doch, wie seine Schutzschrifft gerathen ist, die Sie
vermuthlich werden gelesen haben, v alles theilen Sie mit, was Sie von dem HErrn
Secretair Sahm bekommen. Unsere Freundschafft giebt mir das Recht alles
zu fordern. Bedienen Sie sich der Erfindung öffters meinem Bruder zu
dictiren, wenn Sie nicht selbst schreiben können.
Erinnern Sie doch meinen Bruder, daß er mir die Erzählung beylegt, die
zu Heilbronn kürzlich herausgekommen sind v. am die Untersuchung des
Satzes, ob die Gottesleugnung v. die verkehrten Sitten aus dem System der
Fatalität herkommen. Sie werden beide nicht viel austragen. Die Elemens
des Sciences principales
wünschte ich wohl zu haben, um dergl. Kleinigkeiten
bey meinem Baron brauchen zu können, wenn ich weiter mit ihm im
frantzoischen seyn werde. Eine so beqveme Logic v. Arithmetick als in dieser kleinen
Schrifft gegeben wird, wünschte ich mir wohl gern zu besitzen. Die Dialogues
Socratiques
des Prof. Vernet für den Printzen von Sachsen Gotha schlügen
auch wohl in mein Handwerk, wenn ich wißen werde, was sie davon urtheilen.
Die Nachahmung des Popischen Lockenraubes, die den Titel führt: Sieg des
Liebes Gottes werde ich mir von dem Herrn Lauson mit seinen Gedichten
ausbitten, wegen eines Verses, der mir sehr darinn gefallen hat:
Warum, wird ein Poet nicht[, eh] er schreibt, ersäufft?
Ich will selbst an ihn schreiben; unterdrücken Sie daher diesen Einfall. Er
könnte es vielleicht für keinen Scherz annehmen, daß ich ihm nach dem Leben
stünde.
Der Abt von Bernis ist mir heute eingefallen, weil man seine
Unterhandlungen bey der Republick Venedig in den Zeitungen gelobt hat. Haben Sie
noch nichts von seinen Gedichten zu sehen bekommen. Das Pastoral-Schreiben
dieses franzoischen Abgesandten an die Marqvisin von Pompadour ist
vielleicht so unbekannt, daß man nichts von dem Inhalt noch dem Werth dieser
Satyre auf ihn in Königsberg zu hören bekommen hat. In allem Fall
erinnern Sie sich meiner, wenn der HE. Sahme daran gedacht hätte.
Haben Sie nicht selbst etwas gemacht, das Sie mir zu lesen schicken
können! kein Liedchen, keine Erzählung. Die Schrifften der deutschen Gesellschafft
fordere ich als ein Mitglied in Hoffnung. Schicken Sie mir doch selbige mit
einer kleinen Historie v. Critick der enthaltenen Stücke über. Ich wollte gern
ihre Rede von der Begeisterung in der Tugend bald lesen. Wenn werden Sie
fertig seyn? bey Hartung?
Ich habe schon in Kegeln einen Brief an Ihren Herrn Bruder fertig gehabt.
Unsere darüber einfallende Reise nach Riga hat denselben bis hieher
aufgehalten. Er liegt noch, weil ich unentschlüßig bin ihn, da er so alt ist, zu
überschicken, v. mich für die Mühe fürchte einen andern zu schreiben. Ich hatte ihm
in demselben eben den Vorschlag gethan uns einander zu sprechen; wenn der
Winter nicht so geschwind abgegangen wäre. Er hätte nach Riga kommen
müßen (man kann in einem Tage bey guten Wege hin v. zurück seyn) oder ich war
willens selbst mir ein paar Tage Zeit dazu zu nehmen: oder wir hätten uns den
halben Weg theilen v. uns in einem Kruge, wo es mir gefallen hat, einander
sprechen wollen. Dies hätte mit aller Gemächlichkeit in einem eintzigen Tage
abgemacht werden können. Bey jetziger Witterung ist nicht daran zu gedenken.
Weil heute wieder Mittwoch ist (ich habe Ihren Brief schon gestern Abends
angefangen) so ist heute bey uns Gesellschafft. Die ganze Woche ist hier fast
zu dergl. öffentl. Zusammenkünfften ausgesetzt, in denen geeßen, getrunken,
gespielt, v. bisweilen getantzt wird. Man findet sich da von selbst ein, ohne
gebeten zu werden. Die LebensArt der Vornehmen hat hier etwas für unsern
Ort zum voraus. Die Einbildung des Adelstandes ist hier vernünfftiger, v
man macht sich aus dem von v dem gnädigen Titel sehr wenig. Der junge
Herr von Osten, an dem ich in einem vorigen Briefe an meinem Vater gedacht
habe, hat mich heute wieder besucht. Er ist aus Heßen Caßel, wie er mir heute
erzählt hat; seine Mutter hat ihn vermuthlich aus Familien Umständen mit
nach Riga genommen. Sie ist gekommen ihren Bruder, den HErrn Regierungs
Rath von Vietinghoff zu besuchen. Der letztere ist ein Mann, der es hier allen
durch seinen Geschmack v durch seine glänzende LebensArt zuvorthut, zu der
seine Mittel hinreichen. Man hat mir von seinen Schildereynen so vieles
vorgesagt, daß ich große Lust habe sie einmal zu besehen, dazu mir schon Hoffnung
gemacht worden ist. Er ist eben ein so großer Liebhaber v vermuthlich auch ein
Kenner der Musick, v. unterhällt seine eigene Musikanten. In Porcellain,
Meublen, Kleidung v vielen andern hat er was zum voraus. Die Frau
Baronin hat unlängst an ihn einen Speicher verkaufft, in dem er sich schlechtweg
Vietinghoff genannt der Schele unterschrieben hat. Weil nur zweymal in
unserm Hause diese öffentl. Gesellschafften gewesen sind; so habe ich sie ihnen
noch nicht beygewohnt, da ich durch Arbeit daran bin verhindert worden, die
jetzt wie Sie sehen in einem Briefe an Sie besteht. Ich habe aus dieser Ursache
nicht heute einmal zu Mittage unten gespeist; v daß ich auch dazu gehöre,
wird darf mir nicht wiederholt zweifelhafft seyn. Die Fräulein frug mich
so heute, ob ich nicht unten kommen würde um mir eine gute Nacht zu sagen.
Mein Baron, der mich für eine halbe Stunde besucht hat, erzählte mir, daß
an 5 Tische unten gespielt würde, der 6te aber unbesetzt wäre. Der Herr von
Meck wäre auch hereiningekommen, ohne weder jemanden zu sehen noch zu
grüßen. Diesen Mann macht seine Neigung wie ich gehört habe zum Spiel
unglücklich v närrisch, da es ihm sonst an Verstand nicht fehlen soll. Er ist der
Verfaßer einer Wochenschrifft die in Riga herausgekommen v der ruhige
Bemerker heißt. Mein Baron hat ihn selbst von Bedienten Geld leyhen gesehen
um sein Spiel fortsetzen zu können, das ihn zuweilen ganz entblöst. Er hat
Wagen v. Pferde verspielt; seine Frau kam heute in einem fremden Wagen v
ich weiß, daß sie aus unserm Hause auch schon einmal mitgenommen worden
ist. Ehegestern hat er sich mit Leib v. Seel für 1000 Thrl. ausgeboten.
Vielleicht werde ich ihn einmal unten zu sehen bekommen. Ich habe mich über
eine Stunde jetzt mit dem kleinen Osten die Zeit vertrieben. Er ist ein Kind
von 7 biß 8 Jahren der aber eine ganz besondere Munterkeit besitzt v. einen
klugen Hofmeister erfordert. Er lernte neulich bey mir des Helcken klein
Gedicht auswendig: Die Pferde schmeißen pp v. ich bin heut nicht imstande
gewesen ihn von den Kleinigkeiten loß zu bekommen. Er braucht das
Buchstabiren noch im Lesen, er liest aber mit so einer action v. einem solchen affect, daß
ich meine Kurzweil mit ihm gehabt habe. Sie würden für Lachen bersten,
wenn Sie ihn hören sollten, das Stück daraus aufsagen: Gestern Brüder
konnt ihrs glauben pp. das er heute fast ganz auswendig gelernt hat. Er
schiebt beide Arme zurück, wenn er auf die Stelle kommt: Fort, du theurer
Bacchus Knecht v weiß die folgende Strophe so kläglich zu machen, daß der
Baron v. ich meine Lust daran gehabt haben. Er avancirt mit Händen v.
Füßen, v. wir fürchten uns alle für ihn, als er auf die Stelle kam: Narre für
Dein Gläschen Wein pp. Ich möchte meinem lieben Baron etwas von seiner
Dreistigkeit v. Freyheit wünschen. Er ist ziemlich blöde v. jungferlich. Bosheit
besitzt er nicht, so sehr ich ihn auch auf die Probe gesetzt habe. Er fällt mich
um den Hals so offt ichs haben will. Ich möchte ihn gern ein wenig
männlicher haben. Er hat mir schon Thränen genung vergießen müßen, mein Amts
Eifer hat die meisten davon ausgeprest. Ich habe mich aus Noth mehr wie
einmal härter gegen ihn anstellen müßen, als ich es gewesen bin, um ihn
aufzumuntern. Wie eine Maschiene ist er erzogen worden. Da ich ihn nicht jünger
in meine Hände bekommen habe; so muß ich wenigstens alles anwenden ihn
weiter zu stoßen. An seiner Fähigkeit darf ich nicht verzweifeln. Sein
Fortgang in der Historie, seine Neigung zur Malerey, die gewiß bey ihm recht stark
ist, v zur Dichtkunst machen mich zu allem Hoffnung. Stellen Sie sich ein
Kind vor, das Verse schreibt, ohne weder buchstabieren noch lesen zu können.
Seine Einbildungskraft ist gut; v es fehlt ihm nicht an Mutterwitz. Was
will man von einem Verstande fordern, der niemals gebraucht v. geübt
worden ist? Ich sehe Gott Lob! mit vielem Vergnügen, daß er zunimmt, denken,
überlegen v. aufmerksam seyn lernt. Wenn auch alles dieses nicht wäre, so
halte ich mich doch mehr zum Mitleiden als zur Ungedult mit ihm verbunden.
Er liebt mich recht zärtlich v ich gebe ihm an Freundschafft zu ihm nicht nach.
Da ich ziemlich geübt worden bin in Scherzen die Wahrheit zu sagen; so zog
ich ihn gestern ein wenig auf, nachdem ich ihm den Nachmittag sauer genung
gemacht hatte, daß er mich gern verlieren würde. Er umarmte mich mit
weinenden Augen. Ich entzieh mich daher allem Vergnügen, wenn ich meine Zeit
für ihn brauchen kann; v ich sehe die Kräffte v. die Mühe nicht an, die es mich
kostet. Ohne anders zu reden, als ich denke, ich finde auch meine gröste
Zufriedenheit nicht selten in der Arbeit, die ich mit ihm habe. Meine Sprache ist
mir bisweilen hinderlich; aber sie macht mich niemals zum Unterricht
ungeschickt; v er hat auch hierinn eine Achtsamkeit, die mir von seinem guten
Gemüthe versichert, in dem er mich sogleich zu helffen sucht. Ich habe mein
Herz gegen Sie ausgeschüttet. Der meiste Theil meines Briefes wird Ihnen
vielleicht gleichgiltig wo nicht gar ermüdend vorkommen. Doch nein! Die
Freundschafft wird Sie mich bey Sie entschuldigen, mit der ich Sie von
Grund des ♡s umarme v zeitlebens Ihr Hamann seyn werde.
greg. 19.03.1753
























so wird der Ruhm der Welt vergeudet


























Alb. Albertsreichsthaler, 1616 in den Niederlanden eingeführt, im 18. Jhd. zeitweise auch in Preußen und Dänemark geprägt; wichtiges internationales Zahlungsmittel im Ostseeraum.









Colleg.[ium] Fried.[ericianum] in Königsberg














































Buchhalter des Menschl. Geschlechts
Süßmilch, Die göttliche Ordnung

In der Ausg. von 1761 von
Süßmilch, Die göttliche Ordnung
, 2. Teil, findet sich unter Kap. XVIII. gegen
Montesquieu, Lettres persannes
: »Ob die christliche Religion der Bevölkerung nachtheiliger als die alten heydnische Religionen der Römer und Griechen? wird gegen den Präsident Montesquiou geleugnet und der Vorzug der christlichen gegen diesen giftigen Satz behauptet.«













herausgekommen evtl. wurde Hamann auf diese und die folgende Schrift durch die
Berlinische privilegirte Zeitung
aufmerksam, wo sie von Lessing rezensiert wurden.












Uz, Der Sieg des Liebesgottes
, 3. Buch, S. 20












Königliche deutsche Gesellschaft von Königsberg
, die Schriften erschienen 1754.



Lindner, Anweisung zur guten Schreibart
, S. 403. Lindner hat am 21.11.1752 diese Rede vor der Königl. Dt. Gesellschaft in Königsberg gehalten: »Rede von dem Feuer, oder dem wahren Enthusiasmus in der Tugend...«.

Hartung erschien 1755 bei Hartung in:
Lindner, Anweisung zur guten Schreibart

Kegeln heute Ķieģeļmuiža (Bezirk Kocēnu), Lettland [57° 28' N, 25° 13' O]




























Meublen Möbeln














Wochenschrifft ... Bemerker 1746/47 erschienen davon 50 Hefte.



Julianna v. Meck, geb. Dunten






Helck, Fabeln
, S. 86





Lessing, Kleinigkeiten
, Beginn von »Der Tod«, S. 36





Lessing, Kleinigkeiten
, in der 5. Str. von »Der Tod«, S. 36


































Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (1).

Bisherige Drucke:
Heinrich Weber, Neue Hamanniana (München 1905), 7–11.
ZH I 23–30, Nr. 10.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
25/26 wie es das
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies wie ist das  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): wie ist das conj.