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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Ruprecht
1754–1756
ZH I, 221


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GeEhrtester Freund

Nach Anwünschung eines guten Morgens und einer angenehm
zurückgelegten Spatzierfahrt überschicke Ihnen den Schuckford v bitte meinen
ergebensten Dank für Mittheilung deßelben so nachdrücklich als möglich abzulegen.
Ich habe in demselben eine Uebersetzung von Prideaux mit Löschers Vorrede
angeführt gefunden v daß derselbe sein Werk biß auf Constant. M. Zeiten
beschloßen haben soll. Was ich durch Ihre Güte zum Gebrauch bekommen
geht nur biß auf die Zerstörung Jerusalems v hat meines Wißens keine
Vorrede von Löscher. Erkundigen Sie sich doch, ob noch eine andere Uebersetzung
von Prideaux heraus, v ob des Tittels seine unvollkommen ist. Es scheint
beynahe. Dero GeEhrteste Papa wird Ihnen wohl Nachricht davon geben
können. Der einliegende Zedel bittet sich eine Erklärung der aufgeschriebenen
Worte von Ihnen aus, GeEhrtester Freund. μετρος v. ιχθυων weiß ich pars
et piscis
die beyden andern Wörter aber nicht. Schaffen Sie mir doch eine
Erklärung derselben. Was für Hypotheses! v was für eine Kunst sie
wahrscheinlich zu machen. Die Meynung die Arche in Indien zu setzen ist eine der
schönsten. Das Ansehen des Cato ist mit ein wenig Hinterlist von ihm angeführt.
Sie werden auch keine Anführung dabey anfinden. Nicht Cato sondern
Annius Viterbiensis. pag. 67. Ich glaube daß es mit mehreren Anführungen
der Alten so gehen möchte, wenn man selbige alle nachschlagen wollte; weil
ich es mit einigen der heil. Schrift versucht, die der Autor seinen Meynungen
zu gefallen ziemlich zwingt. Er macht den Aberglauben den Freygeistern zum
Trotz, die ihn für ein Geschöpf der Priester halten, zu einer Geburth die
welche dem Hofe und den Staatsleuten ihren Ursprung zu danken hätte.
Und er hat es auch dieser Schooßmeynung nicht an Gründen fehlen laßen,
sondern erinnert sich öfters bei allen Gelegenheiten genung derselben.
Nimrod, Semyramis, Ninyas v seine Nachfolger, die man den Kindern in
Schulen so nichtswürdig vorstellt v Esau sind ganz anders als im gemeinen
Büchern charakterisirt pp.
Ich werde mit Ihrer Erlaubnis den 3ten Theil von oben bitten laßen v.
Ihnen selbigen auch zu befördern suchen; v bin nach einem ergebensten
Empfehl an Dero GeEhrteste Eltern v in Erwartung Ihres heutigen Besuchs, der
Ihnen mit einer guten Gesellschaft die Sie hier finden werden, belohnt
werden wird, mit aller Hochachtung Ihr verbundenster
Hamann.




Prideaux, The old and New Testament connected
; Vorrede V. E. Löschers Vorrede steht in der 2. Aufl. davon (1726), H. hatte dagegen wohl die 1. Aufl. (1721) ausgeliehen bekommen.

Constant. M. Kaiser Constantin



andere Uebersetzung s.o. Z. 6



Zedel nicht überliefert


















3ten
Prideaux, The old and New Testament connected
erschien in 2 Teilen, war in der gemeinten Ausg. vll. anders gebunden.






Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], II 30.

Bisherige Drucke:
ZH I 221–221, Nr. 101.

Zusätze ZH:
Die Briefe [Nr. 85–102], meist kleine Zettel, stammen aus den Jahren 1754–56; einige ließen sich wohl genauer datieren und in die bisherigen einreihen, es erscheint jedoch angemessener, sie geschlossen zu bringen. Es sind meist kurze Nachrichten an Ruprecht, den jungen Pastor in Grünhof, Hamanns Nachbar.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
221/14 μετρος
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies μερος  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): μερος
221/29 im gemeinen
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies in  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): in gemeinen