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Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner
Königsberg, 4. August 1756
ZH I, 225

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Geliebtester Freund,

Sie glauben mir zuvor gekommen zu seyn, unterdeßen Sie meinen Brief
etwas später werden erhalten haben. Ich werde durch das Andenken meiner
Freunde immer sehr aufgerichtet; wie sollte ich es nicht durch Ihr zärtliches
Schreiben seyn? Ihren Brief wollte vorgestern da ich ihn erhielt sogleich
bestellen laßen. Mein Bruder hat ihn aber auf dem halben Weg wieder zu Hause
bringen müßen. Ich gieng daher den folgenden Tag als gestern zu Ihrer
lieben Mama, die ich voller Unruhe fand. Der ganze Roßgarten hat durch eine
Feuers Noth gewaltig gelitten, dergl. man sich hier nicht besinnen kann. Der
hefftige Sturm breitete selbige so ungemein aus; v die Angst einiger großen
Häuser die in Gefahr waren machte daß man die andern dabey verwahrloste.
Es fieng sich in der Weißgerbergaße an v gieng beynahe bis an die Kirche.
Man ist wenigstens für selbige schon besorgt gewesen. An der Schwanen
Brücke hat es vorn auf dem Roßgarten mit dem großen Hause, in dem ehmals
ein President wohnte, aufgehört welches ganz abgebrannt hinten aber desto
weiter um sich gefreßen. Die Fr. Consistorial Räthin ist auch schon geflohen
mit ihren Sachen zu den Predigern. Weil sich der Wind aber umgewandt,
haben diese wieder ihre Zuflucht zu ihr genommen. Beyde sind mit der bloßen
Angst davon gekommen. Die Jgfr. Schwester befindt sich am Blutspeyen
bettlägerich. Die Mama aber Gottlob recht munter und frisch. Die Ursache des
Feuers weiß man nicht. Es ist bey einem Fuhrmann ausgekommen der seine
Wand angesteckt haben soll um der Wantzen loß zu seyn. Das Uebel biß auf
die Wurzel ausgerottet. Andere meynen daß es angelegt, wozu der Verdacht
sehr groß anfängl. gewesen weil es in kurzer Zeit an 3 Orten zugl. gebrannt
v wie man sagt nichts zu löschen wie andere Feuersbrünste gewesen; woran
der Sturm ohne Zweifel schuld gewesen. Unser ehrl. Wagner der Schwabe
sprach die Wandläuse unschuldig hatte aber die Franzosen in Verdacht, die
näml. die das Fort Philipp eingenommen. Er hat die Empfindungen nicht;
ich habe ihm ihren Zeddel gegeben. Gestern ist Feuer auf dem Haberberg
angelegt worden. Man hat es noch zu rechter Zeit entdeckt auch den Thäter
davon, der einer Frau die ihm kein Bier mehr auf Credit geben wollen, diesen
Schrecken zugedacht v den Haberberg auch willens gewesen so kahl als den
Roßgarten zu machen. St. Blancard hat mir ein klein Verzeichnis an Sie
geschickt das ich nicht einmal mitschicken wollen la belle allemande les
egaremens de Julie
v dergl. mehr. Von den übrigen Commissionen gab habe in
meinem vorigen Rechenschafft gegeben. Ich weiß nicht daß eine Akademie hier
ist. Wolson scheint sehr vergnügt zu leben; mit ihm einmal in Schulzen
Garten gewesen wo ich den M. Kant HE Schultz ◦ ? ◦ Freytag v Prof. Kypke fand.
Der letztere logirt jetzt in ihrem Hause v hält se. eigene Wirtschafft jetzt,
worinn er sehr zugenommen. Man erzählt hier von einem Testimonio das er von
einer Magd hier gegeben, die er sonst gelobt aber dabey angemerkt daß sie
obstinata und voluptuosa wäre. Man muß diesen Worten seinen Accent v
seine Miene finden um alle das kurzweilige darinn zu finden, worüber man
lacht, wenn es einem erzählt wird. Mein alter Vater wird Gott Lob ein wenig
ruhiger er wird Ihnen selbst schreiben; v wünscht Ihnen v allen den Ihrigen
viel tausend Gutes mit mir. Sie können sich leicht vorstellen wie viel der
Abschied kosten wird. Er wird mich wenigstens so lange aufhalten als es ihm
mögl. seyn wird; v mir. Ich v mein Bruder küßen Marianchen die Hände v
empfehlen uns Ihren HE Brüdern. Erkundigen Sie sich doch bey dem
jüngsten wo er die 2 Theile vom Schaupl. der Natur hingegeben, die ihm meiner
geliehen. Ich bin mit dem meinigen sehr übel zufrieden, wie er mit meiner
Bibliothec hausirt hat. Leben Sie wohl v leben Sie vergnügt. Ich umarme
Sie als Ihr wahrer und beständig aufrichtiger Freund.
den 4. Aug. 756.
Hamann.


Adresse:
à Monsieur / Monsieur Lindner / Maitre de la Philosophie / et des bell:
lett: et Recteur / du College Cathedral / de et / à / Riga.




Schreiben nicht überliefert



Roßgarten Stadtteil von Königsberg, der sich nördlich an die Burgfreiheit anschloss.








Räthin
Auguste Angelica Lindner
, Mutter von J. G. Lindner










Friedrich David Wagner
, Nachbar der Hamanns

Franzosen wohl Syphilis gemeint

Fort Philipp vll. die Kaserne am Herzogsacker

Haberberg südl. Stadtteil Königsbergs




St. Blancard nicht ermittelt, Brief Nr. 103 (ZH I 223/30)







Testimonio Führungszeugnis


voluptuosa wollüstig
obstinata hartnäckig

















Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (30).

Bisherige Drucke:
Heinrich Weber, Neue Hamanniana (München 1905), 36–37.
ZH I 225–226, Nr. 104.