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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Bruder)
Berlin, 30. Oktober 1756
ZH I, 233


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Mein lieber Bruder,

Ich habe Dir schon neul. Posttag schreiben und das memoire raisonné
mitschicken wollen, es hat nicht angehen können. Und das letztere werdet ihr
schon wenigstens deutsch haben. Ich bin Gott Lob recht gesund und schwärme
den Tag zieml. herum. Vormittags zu Hause oder bey HE. Grafen Fink.
Nachmittags aber sehe mich um; biß gegen Abend die ich mehrentheils für
mich zubringe. Ein Concert hat mich HE. Baro und die größten Hofmusikos
kennen gelernt. Es wird Freytags bey HE. Janitzsch gehalten. HE. Baro ist
auf 8 Tage mein Lehrmeister auf der Laute geworden. Mehr denke nicht daran
zu wenden. Dieser alte Mann der dem Tausche zieml. ähnlich ist im Eigensinn
übertrift er ihn, scheint mir zieml. gewogen worden zu seyn, und ich glaube von
seinen Sachen vielleicht mehr aufweisen zu können als sich andere bisher
rühmen können. HE. Schuster ist Professor bey der Maler Akademie geworden
und logirt in eben dem Hause mit ihm. Er giebt jetzt ein Werk von Kupferstichen
in der schwartzen Kunst aus worinn die größten Künstler unserer Zeit nebst
ihrem Lebenslauf kommen sollen. Er hat mir das erste Probeblatt durch HE.
Dubuisson Kgl. Blumenmahler geschenkt und Benda ist auch jetzt fertig; den
ich auch noch von ihm zu erhalten hoffe. Er hat mich heute besucht; und sich durch
das Tombeau des Weiß sehr einnehmen laßen. HE Kammermusikus Baro ist
auf unsern drollichten sehr übel zu sprechen v hat sich deswegen mit dem Gr. F.
verzürnt der nicht leiden kann daß man seinen Lehrmeister verachtet. Die Stücke
die ich aufgewiesen haben mir und den Meinigen desto mehr Aufmerksamkeit
zugezogen; der Neid selbst hat sie billigen müßen wieder Willen. HErrn
Reichard thue die Versicherung daß ich mein Wort in Ansehung derselben halten
werde sie nicht gemein zu machen. Ich habe eine Hauptstimme von dem
Durantschen Concert die Flöte wo ich nicht irre aber vergeßen und bitte Dich also
mit erster Post sie mir zu überschicken. Ich denke noch immer daß ich
Gelegenheit haben werde mich vielleicht öffentl. damit hören zu laßen. Vergiß es daher
nicht mein lieber Bruder. Wenn Du noch etwas beylegen könntest. Das große
zum Exempel was ich zu Hause gelaßen oder das Schwartzsche nach HE.
Reichards Verbeßerung; oder den Melancholicum den er auf der Laute absetzen
wollen: so wäre es mir um so viel lieber. Ich denke noch 14 Tage wenigstens
hier zu bleiben. Gedruckte Sachen kosten hier weniger auf der Post und die
Music blüht hier unter allen schönen Künsten. Versag mir das Vergnügen
und das Hilfsmittel mich ein wenig zu zeigen nicht, wenn es Dir mögl. ist.
Die Buchladen habe hier alle biß auf des Waysenhauses ihren besucht. Mit den
Franzosen ist nicht auszuhalten. Jasperd ist der verdrüslichste unverschämteste
Kerl auf der Welt. Neaulme ◦ ? ◦ hat ein altes holländisches Weib hier, die ich
gestern schön bezogen. Bourdeaux ist noch der einzige mit dem zu handeln.
Klüter hat einen Haufen Kinder, und scheint in schlechten Umständen zu seyn.
Ein Mann der ganz Europa v die Levante mit zum Theil durchstrichen hat.
Ich fand ihn an dem Memoire rais. arbeiten aus Lust und für die lange
übersetzte einen Bogen in der Geschwindigkeit. Gestern komme von ungefehr zu
ihm er will eben taufen laßen und bittet mich mit zum Schmauß. Ich habe
den Abend mit viel Zufriedenheit hingebracht und hatte ein Theil der Nacht
mit angesetzt. Anstatt die Sechswöchnerin im Bett zu finden, saß sie im vollen
Putz und gieng frischer im Hause als die gesundeste Frau herum.
HE. Sahme hat mir heute ein freundschaftl. Billet geschrieben. Ich
habe ihn nicht seit den 2 Abenden gesehen die ich bey meiner Ankunft
mit ihm zugebracht. Der geheimte Rath ist zu Hause und er mit Arbeiten
überhäuft.
Den jungen HE. von Beausobre habe bey Gr. F. gesehen. Er hat die
Correctur der Zeitungen; und außer der Ehre ein Eleve du Roi zu heißen
der ihn hat auf seine Unkosten reisen laßen ist er der Autor der Songes
d’Epicure;
die du in Königsb. gesehen. Den ältesten von Krokau habe eben
daselbst gestern gesprochen auch mit einem engl. Sprachmeister M. Mountel
Bekanntschaft gemacht.

den 30 Octobr.

Ich bin heute übereilt worden. Werde alles bestellen. Mache Couverts um
diese Briefe und erwarte nächstens mehr. Grüße 1000 mal meinen alten lieben
Vater ich bin mit Deinem Schreiben an HE. B. sehr zufrieden gewesen den
Umstand mit Funk verstehe nicht. Du must Dich selbst hierüber eine Erklärung
ausbitten.
à M. H. H. homme de lettres.
Auf der Reise nach London (über Amsterdam) war H. am 14. Oktober in Berlin angekommen; vgl. zur Reise
Hamann, Gedanken über meinen Lebenslauf
, LS S. 333ff. Er begegnete dort u.a.
Moses Mendelssohn
,
Johann Georg Sulzer
und
André-Pierre Le Guay de Prémontval
.

memoire raisonné nicht ermittelt



zu Hause vll. bei Erhard Ursinus, Geheimer Oberfinanzrat in Berlin


vmtl. Ernst Gottlieb Baron, Lautenist an der Hofkapelle

Johann Gottlieb Janitsch, Komponist an der Hofkapelle


Tausche Lautenist in Königsberg, ist in
Lauson, Die Laute
(in Zweeter Versuch..., S. 143) parodiert.



vmtl. Johann Matthias Schuster






Silvius Leopold Weiss (1686–1750)

drollichten ein Lautinist in Königsberg, der ebenfalls Weiss heißt und Lehrer von
Finck von Finckenstein
war; parodiert in
Lauson, Die Laute
(in ›Zweeter Versuch...‹, S. 144)




Johann Reichardt
, Hs. Lautenlehrer in Königsberg


Francesco Durante










eine Filiale der Buchhandlung des Halleschen Waisenhauses (1702–1821 in Berlin)

Jean Jasperds Buchhandlung an den Werderschen Mühlen

Jean Neaulmes Buchhandlung in der Grimmschen Gasse

Etienne de Bourdeaux









Billet nicht überliefert


Rath vll. bei Erhard Ursinus (1706–1785), Geheimer Oberfinanzrat in Berlin, vgl.
Hamann, Gedanken über meinen Lebenslauf
, LS S. 333/25


Louis v. Beausobre
war als Geheimrat seit August 1755 mit der Zensur der Zeitungen für die preußische Regierung in Berlin beauftragt.



vmtl. Krockow

M. Mountel nicht ermittelt



Zu den weiteren Daten und Reisestationen nach London vgl.
Hamann, Gedanken über meinen Lebenslauf
, LS S. 333ff.: 1. Oktober 1756 Abreise aus Kurland nach Danzig, 14. Oktober Ankunft in Berlin, 23. November Reise nach Hamburg, 28. November Reise nach Lübeck, 24. Januar 1757 nach Hamburg, 5. Februar nach Bremen, 9. bis 17. Februar nach Amsterdam, dann nach Rotterdam, 16. April Überfahrt nach Harwich, 18. April 1757 Ankunft in London, 8. Juli 1758 Abreise von Gravesande, 16. Juli Ankunft in Riga bei
Carl Berens
.






Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (32).

Bisherige Drucke:
Gildemeister I 111–112.
ZH I 233–234, Nr. 106.