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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Bruder)
Riga, August 1758
ZH I, 242



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Mein Herzenslieber Bruder,

Mit Mutter Händen leitet er die Seinen stetig hin und her. Gebt unserm
Gott die Ehre. Gott erzeigt Dir viel Gnade, und ein größer Glück wird Dir
angebothen, als du hattest erwarten können. Danke ihn von Herzen und
nimm es nicht an, als biß Du Dich seinem Willen ganz gewiedmet hast und
Dir Seinen Beystand von oben dazu versprechen kannst. Wenn es sein Wille
ist, und Dein Ernst Dich demselben zu ergeben, so wird Dir alles gewährt
werden, ja selbst das was uns entgeht, dient denn zu unserm Besten. Wir
müßen als Sünder Gott bitten, als unwürdige und dürftige; nicht als
Geschöpfe, sondern als Erlöste. Gott will uns nicht anders hören, annehmen,
und erkennen als in seinem Sohn. Ohne den ist unser Gebeth ein Abscheu,
und alles Gute, das wir thun und ihm vorsetzen nicht beßer als das Brodt,
das er den Propheten Ezechiel zu eßen befahl; Speise mit unserm Unflath
gebacken. Ich schreibe Dir nicht als ein Schwärmer, nicht als ein Pharisäer,
sondern als ein Bruder, der Dich nicht eher hat lieben können, solange er
Gott nicht erkannte und liebte; der Dich aber jetzt von ganzen Herzen wohl
will, und seit dem er beten gelernt hat, nicht vergeßen auch für Dich zu bitten.
Alle Zärtlichkeiten des Bluts, der Natur sind leere Schaalen, die denen nichts
helfen, die wir lieben. Wir können unserm Nächsten nicht anders als Schaden
thun und sind wißende und unwißende Feinde deßelben. Durch Gott allein
liebt unser Herz die Brüder, durch ihn allein sind wir reich gegen sie. Ohne
Jesum zu kennen, sind wir nicht weiter gekommen, als die Heyden. In dem
würdigen Namen, nach dem wir Christen heißen, wie der Apostel Jakobus
sagt, vereinigen sich alle Wunder, Geheimniße und Werke des Glaubens und
der wahren Religion. Dieser würdige Name, nach dem wir genannt sind, ist
der einzige Schlüßel der Erkenntnis, der Himmel und Hölle, die Höhen und
Abgründe des Menschlichen Herzens eröfnet. Ließ das herrliche Lied:
Beschränkt Ihr Weisen dieser Welt p mit wiederkäuen, und laß Dir den Ton
meiner Briefe nicht anstößig seyn. Du wirst mich als keinen Kalmäuser
antreffen, wenn ich die Freude haben sollte Dich zu sehen. Ich lebe jetzt mit Lust
und leichten Herzen auf der Welt und weiß daß die Gottseeligkeit die
Verheißung dieses und des zukünfftigen Lebens hat und zu allen Dingen nützlich ist.
Seit dem ich Gottes Wort als die Artzeney, als den Wein, der allein unser
Herz fröhlich machen kann und unser Gesicht glänzend von Oel, als das
Brodt, das das Herz des Menschen stärkt kennen gelernt habe, bin ich weder
ein Menschenfeind, noch hypochondrisch, noch ein Ankläger meiner Brüder,
noch ein Ismael der Göttlichen Regierung mehr. Das Böse auf der Welt,
das mir sonst ein Aergernis war, ist jetzt in meinen Augen ein Meisterstück der
Göttl. Weisheit; und der Befehl des Erlösers: Wiedersteht dem Bösen nicht,
ein Kleinod der Göttl. und Christlichen Sittenlehre. – – Mit Deiner Antwort,
welche die Ehre gehabt dem hiesigen Magistrat zu gefallen, bin daher auch
zufrieden biß auf die kritischen Züge, die Dir darinn entfahren. Unterdrücke
dergl. Einfälle so viel möglich. Du weist wie sehr ich an der Läusesucht des
satyrischen Witzes siech gelegen.
Wenn es Gottes Wille ist Dich hier zu haben, so beschleunige Deine Abreise
so viel wie möglich. Sende alle Deine Bücher lieber mit einem Schiffer ab,
um so leicht als möglich zu Lande zu gehen. Bringe meine 2 Lauten mit, ich
hoffe, daß aus Lübeck die zerbrochene mit meinen Büchern angekommen; wo
nicht, würdest Du mich verbinden um selbige zu schreiben. Ich denke es
gleichfalls zu thun. Die Postküßen die ich dort gelaßen um selbige überzuschicken,
gehören HErrn Hennings, deßen Bruder oder Freunden Du selbige einliefern
kannst. Bringe Dir Eßigs Historie, mein lieber Bruder durchschoßen und
unbeschnitten mit. Erkundige Dich, ob Marschalls Evangelisches Geheimnis der
Heiligung ins Deutsche übersetzt, und schaffe Dir dies Buch an. Es ist schon
im vorigen Jahrhundert im Engl. ausgekommen. Siehe Herveys Urtheil
im 2 oder 3. Theil des Aspasio um Dich zur Lesung deßelben aufzumuntern.
Falls es nicht übersetzt, will so ich mit Gottes Hülfe diese Arbeit thun oder
Dir überlaßen. Bringe von Schrifften und Musikalien so viel mit als Du
kannst. Wenn Dir unser lieber Vater Luthers Schrifften überlaßen will, so
laße diesen Schatz nicht zurück. Zu Schiff wird die Fracht wenig kosten.
Gott lenke alles nach Seinem Gnädigen Willen. HE. Pastor Gericke der
Vater freut sich sehr über Deine Wahl, und ich – – ich – – ich, mein lieber
Bruder, ich denke von Dir beßer als mir Selbst und zweifele nicht, daß Gott
viel Gutes, recht sehr viel Gutes zum Besten Seines Hauses und seiner
Heerden, sie mögen in Cammern oder Schaffen bestehen, im Sinn hat durch
Deine Hand auszurichten und selbige dazu stärken wird. Wie froh bin ich über
die Gnade gewesen, die mir Gott durch Dein Glück und Gegenwart so
unvermuthet bereitet hat. Ich erschrock als ich von Deiner Ueberkunfft hörte,
weil ich glaubte, daß ein gleicher Sinn mit dem meinigen Dich hiezu antriebe
– – und ich unsern alten lieben Vater nicht gern verlaßen wißen wollte. Als
ich aber die Umstände erfuhr, war ich desto angenehmer entzückt. Ich umarme
Dich herzlich und empfehle Dich der Gnädigen Obhut unsers himmlischen
Vaters und unsers liebreichen Erlösers, der Seinen guten Geist reichlich über
Dich ausgüßen und Dich mit allen Tugenden deßelben salben wolle. Amen.
Ich ersterbe Dein treuer Bruder
Johann George.












Ezechiel Hes 4,13










Jakobus Jak 2,7






Kalmäuser Grübler oder Stubengelehrter




Wein Pred 9,7

Oel Lk 10,34



Ismael 1 Mo 16,11


Befehl Mt 5,39

Antwort bzgl. einer Stelle des Bruders als Lehrer an der Domschule Riga; nicht überliefert.

Magistrat in Riga, wo H. seit dem 16. Juli sich aufhielt


Läusesucht »... bey welcher durch die verdorbenen Säfte eine Menge Läuse ausgebrütet werden ... entstehet gemeiniglich aus großer Unreinigkeit« (Adelung Bd. 2, Sp. 1945, s.v. Läusekrankheit)





Lübeck vmtl. bei der Verwandtschaft mütterlicherseits, wo u.a. die Bücher Hs. nach der Verschickung von London aus zunächst lagerten.





Marshall, The gospel mystery of sanctification
, erschien erst 1765 in Übers.



Hervey, Meditations and contemplations
(H. kannte die dt. Ausg.)





















Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (44).

Bisherige Drucke:
Roth I 288–290.
Paul Konschel, Der junge Hamann (Königsberg 1915), 86–88.
ZH I 242–244, Nr. 110.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
244/1 will so
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies so will