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Johann Georg Hamann → Gottlob Immanuel Lindner
Riga, September 1758
ZH I, 245




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Geliebtester Freund,

Ich komme eben von unserm Hofe ein und erhalte das Paquet von Briefen
worauf ich gewartet. Es ist vorige Post liegen geblieben, weil s Sie keine
addresse darauf gemacht. Inskünfftige werden Sie mich homme de lettres
nennen und abzugeben bey HErrn Carl B. Ich bin voller Unruhe – – und
etwas hypochondrisch. Sie werden mir daher mein Geschmier
entschuldigen; weil ich überdies wieder auszugehen gedenke. Unordnung in meiner
Lebensart und diese ewige Peiniger – – Menschenfurcht und
Menschengefälligkeit. Artzt hilff Dir Selber werden Sie sagen. Ich kenne meine Krankheit und
meinen Artzt; und will zu seinen Recepten wieder Zuflucht nehmen.
Studieren Sie noch so grimmig? Liebster Freund. Schonen Sie Ihren Leib und
sichten Sie meine Schwärmerey. Gehen Sie um Gottes Willen zu Ihrem
Beruf zurück, und werden Sie selbigem nicht untreu. Ich kann jetzt anders
nichts als Hirtenbriefe schreiben. Falls Sie das Paquet gelesen haben, was
Sie aus Uebereilung erbrochen, werden Sie Ihre Lust gehabt haben mich so
von einem Freunde gehetzt zu sehen. Ich wünschte wenn Sie es gethan
hätten. Ich bin selbst einmahl in eben den unschuldigen Fehler gefallen, daß ich
die Möglichkeit deßelben weiß. Sie würden keine Geheimniße darinnen
angetroffen haben, die ich Ihnen nicht Selbst laut vorlesen wollte.
Laßen Sie sich den Briefwechsel mit den jungen Barons keine Qvaal noch
Arbeit seyn. Sie mögen schreiben was Sie wollen, so ist es gut für mich, und
ich will Sie bald gewöhnen mit meinen Briefen gleichfalls fürlieb zu nehmen,
wenn und wie sie kommen. Die Fr Gräfin v der Herr General werden keine
Schreiben von mir erwarten – – falls – – werden Sie mich im Vorbeygehen
zu entschuldigen wißen. Ich müste nichts als Complimente schreiben – –
und die kann ich nicht, habe auch nicht nöthig solch Schaarwerk zu thun. Den
jungen Herrn werden Sie ein wenig die Uebersetzung und die Worte meines
Briefes ein wenig in den Mund zu drehen und zu erheben suchen. Es fällt
einigen Leuten so schwer Empfindungen zu verstehen als andern Worte ohne
Sinn zusammen zu schreiben. Ich werde jetzt zu Herrn Bruder gehen um zu
hören ob was von meinem Bruder angekommen. Ich habe nichts vor mich
gefunden, so gewiß ich mir auch darauf staat machte.
Weil Sie und B. Freunde sind, so werde ich mir denselben immer als Ihren
Schatten vorstellen und daher meine Briefe an ihn in Ihren einrücken. Sein
Geld habe eben abgezahlt und soll heute oder mit ersten gewiß bestellt
werden an die Dumpin. Bitten Sie ihn, daß er jetzt mehr Ursache als jemals hat
dem Rath, den ich ihm gegeben, buchstäblich zu folgen. Um ihn daran zu
erinnern, will ich ihn wiederholen – – Gott zu vertrauen, mit dem
Gegenwärtigen zufrieden und dankbar dafür zu seyn, ohne Murren alles zu ertragen
und nicht ein Haar breit von den Pflichten der Treue und der Stimme seines
Gewißens und Herzens abzuweichen. Falls eine Veränderung in seinen
Umständen geschehen sollte, für nichts zu sorgen. Falls ihn Gott austreiben will,
ist Stelle und Brodt für ihn fertig. Das zehnte Geboth muß uns ehrwürdiger
als Jonathans Seele seyn. Der Apfel, die reife Frucht, die abfällt, soll uns
hier recht gut schmecken. Das Reiß muß erst dort abgehauen werden, ehe wir
uns unterstehen müßen aufzunehmen, uns es zuzueignen und in uns. Garten
einzupropfen. Der Stein muß erst von jenen Bauleuten verworfen werden,
ehe er als ein Eckstein in unserm Gebäude gebraucht werden kann. Ich würde
das Herz nicht haben so viel zu sagen, wenn ich nicht wüste, daß diese
Offenherzigkeit ihn jetzt ungedultiger machen wird seine Feßeln mit Gewalt zu
zerbrechen oder durch Künste abzufeilen. Falls er dies misbrauchen will,
muß er wißen, daß er sich gewärtig halte mich als einen Lügner zu finden.
Sapienti sat.
Ich möchte ihn sehr gern mit einer Commission beschweren, die niemand so
gut als er für mich bestellen kann. Mein lieber Wirth ist ein großer Liebhaber
von Wild, er wird so gut seyn, wenn er was gutes für mich aufkaufen kann
und eine Gelegenheit dazu ist, mir solches zuschicken. Das Geld dafür soll
gleich übermacht werden. Er wird wenigstens sich darüber erklären, ob er es
kann und will thun ohne gar zu große Unbeqvemlichkeit. Melden Sie mir
seine Herzens Meynung darüber.
Grüßen Sie das Pastorath, das Alte und Neue, aufs ergebenste von mir
mit einem wiederhohlten Dank für alle daselbst erzeigte und genoßene
Höflichkeiten. Ich höre auf, weil ich weder Materie noch Zeit mehr übrig habe zu
schreiben. Sie werden es eben so machen. Lieben Sie mich trotz aller meiner
Fehler; desto mehr Verdienst und Dank für Ihre Freundschafft von
demjenigen, der sich von Grund des Herzens nennt Ihren aufrichtigen und
verpflichtesten Diener und Freund.
Hamann.


Adresse mit rotem Lacksiegelrest:
à Monsieur / Monsieur Lindner / Gouverneur des Messieurs / les jeunes
Barons de Witten / à / Grunhoff. / par faveur.

Hofe Berenshoff, Landsitz der Familie Berens







Artzt hilff Dir Selber Lk 4,23


grimmig G. I. Lindners Zweifel am Theologiestudium, vgl. dazu Brief 136



Hirtenbriefe u.a. an die von G. I. Lindner betreuten Wittenschen Söhne


Freunde gehetzt von George Bassa, Brief Nr. 112 (ZH I 246/17), Brief Nr. 119 (ZH I 259/5)




Barons v. Witten; für die Zeit Sept. bis Nov. 1758 sind 11 Briefe an Peter Christoph und Joseph Johann v. Witten überliefert.






Schaarwerk Frohndienst










Dumpin nicht ermittelt








Jonathans Seele 1 Sam 20,3



einzupropfen vgl. Röm 11,23
Der Stein Ps 118,22, Mt 21,42 u.a.






Sapienti sat lat. sprichw. für: für den Verständigen genug


Wirth
Carl Berens






Pastorath ... Alte und Neue Samuel A. u. Johann Chr. Ruprecht












Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 4 (6).

Bisherige Drucke:
Heinrich Weber: Neue Hamanniana. München 1905, 42–43.
ZH I 245–247, Nr. 112.