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Johann Georg Hamann → Peter Christoph Baron von Witten
Riga, 15. September 1758
ZH I, 247




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Mein Gütiger Herr Baron,

Ich habe alle Tage an Sie geschrieben, weil es aber nicht mit der Feder in
der Hand geschehen, so ist nichts auf Papier, und folglich eben so wenig
Ihnen zu Händen gekommen. Darüber erhielte Ihren schmeichelhafften Brief
mit letzterer Post, worinn Sie meinen Bedingungen unterzeichnet haben.
In dem Gewühl von Gegenständen, die sich zur Unterhaltung unsers
abgeredeten Briefwechsels anbothen, ist mir die Wahl schwer geworden. Wir
wollen das Faß erst wo anzapfen; wenn die erste Probe ein wenig trübe
aussieht, so wird es bald klarer laufen.
Es fiel mir unter andern ein, Ihnen einige Gedanken über den Beruff
eines kurländischen Edelmanns mitzutheilen. Da ich aber im Begriff war mir
selbige abzufragen; so fühlte ich mich zu schwach mich an diese Materie zu
wagen. Die Sache selbst schien mir doch einer Aufmerksamkeit und
Untersuchung würdig zu seyn. Helfen Sie mir die Zweifel auflösen, die ich mir
selbst gegen meine Aufgabe machte.
Kann man dem Edelmann wohl einen Beruf zuschreiben, oder paßet sich
dieser Begriff bloß auf den Bauren, oder Handwerker, oder Gelehrten? Um
hierauf zu antworten, müßen wir uns einander erklären, was wir durch den
Beruff verstehen. Ist dies ausgemacht, daß der Edelmann einen Beruff hat,
der ihn von andern Ständen und gesellschafftlichen Ordnungen unterscheidt,
und zu einer besondern Art derselben macht und bestimmt; so wollen wir
unsere Neugierde weiter treiben, biß wir finden, worinn denn der Beruf
eines Edelmanns bestehe?
Jetzt würden wir einen guten Weg zu unserm Ziel zurückgelegt haben.
Meine Gelehrigkeit, meine Freude Ihnen nachzugehen wird Sie aufmuntern
sich die andere Hälfte Ihrer Arbeit nicht verdrüßen zu laßen. Sie werden
einige Hauptzüge entwerfen, wodurch sich der Adel Ihres Vaterlandes von
dem Bilde eines Edelmanns überhaupt und den Kennzeichen besonderer
Völker und Staaten unterscheidet. Hier würden Sie einige historische
Nachrichten und politische Beobachtungen nöthig haben, die Sie aus der besten
Bibliothek nicht so geschwinde sammlen würden, als die Belesenheit Ihres
würdigen Hofmeisters sie Ihnen im Vorbeygehen anbieten wird.
Nun würden Sie meinen Vorwitz, Lieber Herr Baron, so weit gegängelt
haben, daß wir das Augenmerk deßelben erreicht haben. Sie würden aus den
vorangeschickten Sätzen im stande seyn meiner Anfrage ein ziemlich
hinlänglich Genüge zu thun, und mir Ihren Sinn über den Beruff eines
kurländischen Edelmanns erklären können.
Hier haben Sie den Zuschnitt zu einer Reyhe von Briefen, die ich von Ihnen
erwarte: Sie werden über den Innhalt eines jeden, den Sie mir schreiben
wollen, eine kleine Unterredung mit Ihrem Herrn Hofmeister anstellen und
seine Begriffe mit Ihrem eigenen Nachdenken zu Hülfe nehmen. Es wird aber
Ihre eigene Arbeit seyn selbige aufzusetzen und auf eine deutliche Art in
Worten auszudrücken: Aufmerksamkeit und Ordnung in Ihren Gedanken wird
sich wenigstens durch einen natürlichen Verstand desjenigen, was wir sagen
wollen und eine gehörige Rechtschreibung der Wörter zeigen.
Sie sehen, wie der Satz, über den wir beyde unsern Kopf und unsere Feder
ein wenig üben wollen, die Frage ist: Worinn der Beruff eines kurländischen
Edelmannes bestehe? Diese läst sich ohne Mühe in gewiße Theile spalten,
absondern, und stückweise ansehen. 1. Was ist ein Beruff. 2. Was ist der
Beruff eines Edelmanns. 3. Was ist ein kurländischer Edelmann. 4 Was ist der
Beruff deßelben?? Die ganze Kunst zu denken besteht in der Geschicklichkeit
unsere Begriffe zergliedern und zusammensetzen zu können. Das beste
Uebungsmittel unserer Vernunfft besteht darinn, Schule in sich selbst zu halten. Die
Fertigkeit zu fragen und zu antworten ertheilt uns das Geschick eines
Lehrers und ernährt zugleich die Demuth eines Schülers in uns. Der weiseste
Bildhauer und Meister der Griechischen Jugend, der die Stimme des Orakels
für sich hatte, frug wie ein unwißendes Kind, und seine Schüler waren
dadurch im stande wie Philosophen zu antworten ja Sitten zu predigen, ihm
und sich selbst.
Sie werden sich keine Gebirge von Schwierigkeiten in der Uebung
vorstellen, die ich Ihnen aufgebe. Muth und Gedult gehören zu den Schularbeiten,
und durch diese werden jene reif, wenn sie zu Kriegs-exercitiis und Feldzügen
einmal da seyn sollen. Liuius wird Ihnen erzählt haben, womit Hannibal
die Alpen schmeltzte. Die Gedult ist eine Tugend, die uns sauer zu stehen
kommt; und aus mislungenen Versuchen entsteht wie der Eßig aus
umgeschlagenen Getränken. Die Tapferkeit selbst ist nichts als die Blüthe der
Gedult. Haben Sie welche mit meinem Briefe, der die Geschwäzigkeit eines Alten
nicht uneben nachahmt. Ich werde zu diesem Charakter keine Maske nöthig haben.
Nach meiner unterthänigsten Empfehlung an Dero Gnädige Eltern, die
ich mit den herzlichsten Wünschen alles hohen Wohlseyns begleite, verharre
mit der aufrichtigsten Neigung Ew. Hochwohlgebornen ergebenster Diener
und Freund.
Riga. den 15. Septembr. 1758.
Hamann.



Brief nicht überliefert




















































Bildhauer
Sokrates







Liuius
Titus Livius
, ab urbe cond. 21,37











Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], II 35.

Bisherige Drucke:
Roth I 293–297.
ZH I 247–249, Nr. 113.