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Johann Georg Hamann → Joseph Johann Baron von Witten
Riga, 15. September 1758
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Mein lieber Baron,

Fahren Sie fort in Ihrer Denkungsart; und laßen Sie sich zum voraus zu
Ihrem künfftigen Wachsthum Glück wünschen. Ein ehrlicher Mann sey Ihnen
immer schätzbar! Hören Sie ihn gern, so rauh auch seine Stimme, so
gerädert auch seine Aussprache seyn mag. Der Nutzen, den Sie von seiner
Rechtschaffenheit ziehen können, ist ganz der Ihrige. Wer Schmeichler zu entbehren
weiß, ist werth Freunde zu haben. Ein einziger überwiegt die Schätze Indiens.
„Wo liegt Indien?“ Wird Ihnen der Herr Hofmeister fragen. Sagen Sie
nur auf meine Verantwortung:
„In der alten und neuen Welt.“
Der Herr Bruder traut mir entweder viel Faulheit oder seinen fähigen
Kopf zu; daß er mir schon wieder vorschlägt bald zu Ihnen zu kommen. Ich
denke jetzt mit Gottes Hülfe recht fleißig zu seyn; und Sie würden eben so
verdrüslich seyn aussehen in Ihrem Eyfer auf das Latein und die Historie
gestört zu werden. Unsere Abrede, mein lieber Herr Baron, war uns nicht
einander eher zu sehen, biß wir beyde einige Prüfetage ohne wechselsweiser
Furcht und Schaam auszuhalten im stande sind. Ich traue Ihrem Wort
ohne eine Handschrifft darüber zu fordern.
Ich Endesunterschriebener – – – – – Unter uns! sub rosa – Dies würde
eben so poßierlich klingen, als es in das Gesicht fällt ohne Augenmaas eine
Seite im Briefe einige Zeilen höher und oder tiefer als die
gegenüberstehende anzufangen.
Ihr Brief, mein kleiner Herr Baron, ist so ordentlich regelmäßig und rein
geschrieben, daß ich mich schäme meinen eigenen dagegen zu halten. Ich
schreibe mit meinen dunkeln Augen bey Licht, und zwar noch ohne Brille,
weil ich mir durch ihren Druck nicht meinen Sinn des Geruchs schwächen will.
Wie würde ich dies gegen die Blumen und den Wein verantworten können?
Vermelden Sie meinen unterthänigsten Respect an der Gnädigen Frau
ReichsGräfin und des Herrn Generalen Excell. Excell. und sagen Sie die
verbindlichste Grüße der Fräulein Schwester wie auch Ihrem kleinen
Chevalier in meinem Namen vor. Ich bin mit einer wahren Neigung Dero
ergebener Diener und Freund.
Riga den 15. Sept: 1758.
Hamann.
Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], II 36.

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 297–298.
ZH I 249–250, Nr. 114.