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Johann Georg Hamann → Peter Christoph Baron von Witten
Riga, 27. September 1758
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Hochwohlgeborner Herr,

Gütiger Herr Baron,

Ich werde Sie in diesem Briefe mit der Nachricht eines berühmten Streites
unterhalten, der vor ein paar Jahren in Frankreich über die Frage entstand:
ob der französische Adel eines Berufs zum Handel fähig wäre? Ein gewißer
Abt Coyer, der Verfaßer einiger moralischer Tändeleyen, gab eine Schrift
heraus, die den Titel führte: La noblesse commerçante. Hier sind die
Hauptbegriffe derselben.
Der Adel in Frankreich hat das Vorurtheil, daß nur zwey Stände mit der
Ehre deßelben bestehen können. Miles aut Clerus, sind die gebahnte Wege um
sein Glück zu machen, wie es öfters die letzten Entschlüßungen der
Verzweifelung sind. Diese beyden Stände, welche eigentlich auf Unkosten des Staats
leben, und von den Reichthümern deßelben unterhalten werden müßen,
haben nicht Stellen genung in Verhältnis des ganzen Adels überhaupt – –
und des dürftigen unter demselben besonders. Ein Ueberwuchs dieser beyden
Äste entvölkert ein Land, und erschöpft die öffentlichen Einkünffte
deßelben. Man vergleiche hingegen den großen Einfluß des Kaufhandels in die
Stärke, in das Glück und den Ruhm einer solchen Monarchie, als Frankreich
seiner Lage an der See, seines fruchtbaren Bodens, seines Umfanges, seines
Interesse nach mit den Nachbaren deßelben ist: so wird die Ehre, die Macht,
der Glantz und Ueberfluß, die durch den Handel dieser Monarchie
zuwachsen müßen, die Begriffe und Triebe der Ehre in ihrem Adel beßer
bestimmen. Hat der Umfang zweener Meere, deren Wellen an euren Ufern
brüllen, nicht mehr Gefahren um euren Muth zu üben als das größte
Schlachtfeld? Hat die Ruhe, womit ein nützlicher Kaufmann Unternehmungen und
Unterhandlungen zwischen den Bedürfnißen ganzer Familien, Städte und
Nationen entwirft, und seinen Gewinn dabey berechnet, nicht mehr Reitz
als die unfruchtbare Muße und die vom Aberglauben öffters erbettelte
Ueppigkeit eines Klosterlebens? Ist es nicht mehr Ehre und Lust die
Wirtschafft und den Nutzen großer Waarenläger und Capitalien zu zeigen, und ist
es nicht Baurenstoltz eure Ahnen, eure verwünschte Schlößer dem Verdienst
und der reinlichen Pracht eines Handelsmannes entgegenzusetzen, wenn ihr
euch nicht schämt selbst euer Vieh und Erndte zu Markt zu führen? Seht den
Adel in England an, fährt der Herr Coyer fort, der Bruder eines
Abgesandten an unserm Hofe lernte zu gleicher in Amsterdam aus. Die Geschichte und
die tägliche Erfahrung, Klugheit und Noth, die Ehre eures Adels und die
Unmöglichkeit denselben ohne Mittel zu behaupten, das Vaterland und eure
häusliche Umstände rücken dem franzosischen Adel die Thorheit und den
Schaden seines Vorurtheils gegen den Handel vor.
Der Verfaßer dieser Schrift, von deßen Gründen und Denkungsart ich
Ihnen hier eine kleine Probe mitgetheilt, machte so viel Aufsehen, daß er sich
genöthigt sahe im vorigen Jahr ein Developpement et Defense du Systeme
de Noblesse Commerçante
in zwey Theilen herauszugeben, die mir noch nicht
zu Händen gekommen.
Unter der Menge von Abhandlungen, zu denen gegenwärtig Anlaß
gegeben, will ich nur 3 anführen. La noblesse militaire ou le patriote francois;
die Aufschrift erklärt den Innhalt. Sie hat die Fehler und den Eckel der
Declamation; und ihres Verfaßers unwürdig, wenn es der Chevalier
d’Arc
seyn sollte, deßen Lettres d’Osman ich Ihrer künftigen Neigung zu
lesen so wohl als Ihrem Geschmack empfehlen möchte. Die zweyte ist la
noblesse oisive
– – von der ich Ihnen nichts zu sagen weiß. Die letzte heißt:
la noblesse commerçable ou Ubiquiste, worinn der Einfall, den Adel selbst
zu einer Waare zu machen, und die Ahnen wie das papierne Geld mit Wucher
circuliren zu laßen, mit einem munteren und leichtfertigen Witz von allen
möglichen Seiten gedrehet und gewendet wird. – – Es ist eine Mode des
jetzigen Alters über den Handel so philosophisch und mathematisch zu denken als
Newton über die Erscheinungen der Natur und Fontenelle über die Würbel
des Descartes. Einzelne Menschen und ganze Gesellschafften und Geschlechter
derselben sind gleichem Wahn unterworfen. In der Fabel vom Hut lesen wir
die treue Geschichte unserer Erkenntnis und unsers Glücks. Egypten,
Carthago und Rom sind untergegangen. Der Eroberungsgeist hat seinen Zeitlauf
gehabt; die im finstern schleichende Pestilenz eines Machiavells hat sich selbst
verrathen; wie weit die heutige Staatskunst durch die Grundsätze der Wirthschafft
und die Rechnungen der Finanzen kommen möchte wird die Zeit lehren. Die
beste Kunst zu regieren gründet sich wie die Beredsamkeit auf die Sittenlehre.
Alle Entwürfe hingegen der Herrschsucht entspringen aus einer Lüsternheit
nach verbothenen Früchten, die den Saamen des Unterganges mit sich führen.
Unsere Erziehung muß nach dem herrschenden Geschmack der Zeiten, des
Landes und des Standes, zu denen wir gehören, eingerichtet werden; dieser
herrschende Geschmack muß aber durch gesunde Einsichten und edle
Gesinnungen geläutert werden.
Die Frage also, die ich Ihnen aufgelegt, ist unserer Untersuchung würdig.
Der Inhalt des gegenwärtigen Briefes zeigt, daß der Adel so gut als andere
Stände seinen Beruff habe, daß derselbe gleichfalls Unwißenheit und
Vorurtheilen aufgeopfert wird; daß die Wirkungen davon unter verschiedenen
Völkern gleichfalls verschieden sind, als die Denkungsart des engl. und
franzosischen Adels in Ansehung des Handels. Die Verdienste eines spanischen
Edelmannes sind lange in einer romanhafften Liebesritterschafft und einer
Neigung zur Guitarre eingeschränkt gewesen; des Pohlen Adel besteht mit
der Liverey und dem Pfluge.
Zweifeln Sie also nicht, daß sich etwas gründliches, wenigstens zu unserer
Anwendung über meine Aufgabe denken und sagen ließe. Laßen Sie sich durch
gegenwärtige Anmerkungen dazu aufmuntern. Nach meinen unterthänigen
Empfehlungen verbleibe, Mein Gütiger Herr Baron, Dero ergebener Diener
und Freund.
Riga. den 16/27 Septembr. 1758.
Hamann.


























































Hut Die »Geschichte von dem Hute« in
Gellert, Fabeln und Erzählungen
(Tl. 1, S. S4–7); H. erwähnt die Fabel auch in Über Descartes (N IV S. 221/23)



Niccolo Machiavelli
; den ›Machiavellismus‹ beklagt H. auch in
Hamann, Biblische Betrachtungen eines Christen
, LS S. 112/7ff.
























greg. 27.9.1758

Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], II 37.

Bisherige Drucke:
Roth I 300–305.
ZH I 250–252, Nr. 115.