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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater), Maria Magdalena Hamann (Mutter)
Riga, 1753
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er sie neugierig darnach gemacht, v für deßen Mittheilung die Frau B. befugt
gewesen wäre mit Maulschellen zu bedanken. Sie können sich von dem
Hofmeister, den Sie haben, einen Begrif machen, unter deßen Aufsicht ein solches
Stück verfertigt worden. Dem Maler, der auch meinen jungen Herrn jetzt im
Zeichnen unterrichtet, habe ich es gleichfalls vorgehalten, v. ihn höflich
gebeten für meinen jungen Herrn Stücke von beßeren Geschmack auszusuchen;
er zuckte die Schultern dazu, als wenn das erste nicht an ihn läge. Ich bin
versichert, daß diese Sache von der Frau Baronin sehr übel aufgenommen
werden würde, v. denen Herrn von Beyer gewiß das Haus höflich verboten
werden möchte, wenn ich den Brief an Sie hätte gelangen laßen; ihr Hofmeister
möchte selbst nicht mit Ehren bestehen. Ich habe ihn gestern bey HErrn Belger
näher kennen gelernt v gefunden, daß er seine Untergebenen nach seinem
Geschmak bildet. Ohne vielleicht viel von der Sittenlehre zu wißen v. einen
klugen Satz gehörig schreiben zu können, sind sie schon in der Baukunst, in
Sonnen Uhrmachen pp. erschrecklich bewandert v. voller Eigendünkel. Das
war ein kluges Volk, das seine Sclaven in Gegenwart der Kinder voll v. toll
saufen lies und sie ihnen dies Laster zu vereckeln; v. dasjenige Wesen ist
weise, das so viel menschl. Ungeheuer auf der Welt geboren werden v. leben
läst, damit diejenigen, die ihre Vernunft v. Gewißen liebhaben, die Bosheiten
v. Thorheiten, die sie an andern anspeyen, an sich selbst nicht ertragen lernen.
Ich habe bey dieser moralischen Betrachtung aufgehört, v. weil es 7 Uhr v.
mein Herr Baron in Gesellschaft war, bin ich ein wenig bey Herrn Belger
gegangen. Die Herren von Bayer v die Printzen von Dolgorucki haben ihn mehr
als 6 mal überschickt hinzukommen, v er hat mir von beiderseits kleine Briefe
geschrieben gewiesen, mit denen sie ihn eingeladet haben, v ihm drohen
böse zu werden. Seine Hartnäckigkeit nicht hinzugehen hat diejenigen
befremdet, die von der genauen Freundschafft wißen, in der er sonst mit ihnen gelebt
hat. Wir haben unsere Abendandacht gehalten und er ist schlafen gegangen.
Ich weiß jetzt nichts mehr, was ich Ihnen zu berichten hätte, v. was ich
noch weis, muß ich zu den nächsten Briefen laßen, die ich über die Post zu
schreiben gedenke. Mein lieber Baron besucht wohl ziemlich fleißig
Gesellschaften; ich sehe es aber nicht ungern, weil ihn solche so nöthig als die Schule
sind, v. weil seinen v. meinen Arbeiten eben nicht einen merklichen Eintrag
thun. Es geschieht in der Gesellschafft seiner gnädigen Mama, v. er besitzt noch
viel Blödigkeit v. steifes Wesen, das nach einer LandErziehung aussieht.
Grüßen Sie doch, liebste Eltern, alle gute Freunde, insbesondere das
Rentzensche, Zöpfelsche pp Haus, den Herrn Karstens Frau Lieut. v. Jgfr.
Degnerinn pp. von mir. Ich empfehle Sie dem lieben Gott v mich Ihrer Liebe v
Zärtlichkeit. Leben Sie so gesund, vergnügt v zufrieden als ich, v. erkennen Sie
mich jederzeit für Dero gehorsamsten Sohn.
Johann George Hamann.








Ein Adelsgeschlecht von Bayer gehörte wie die Budbergs zur livländischen Ritterschaft.







kluges Volk Spartaner im Umgang mit den Heloten; s.
Plut. mor.
, 28,7–11; auch in
Hamann, Beylage zu Dangeuil
wird darauf angespielt (N IV S. 228/9, ED S. 364).







Ein Adelsgeschlecht von Dolgorukow gehörte wie die Budbergs zur livländischen Ritterschaft.



















Provenienz:
Unvollständig überliefert. Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (10).

Bisherige Drucke:
ZH I 32–33, Nr. 12.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
33/13 saufen lies und
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies um statt und  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): saufen lies um conj.