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Johann Georg Hamann → Gottlob Immanuel Lindner
Riga, 5. Oktober 1758
ZH I, 263

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S. 264



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Riga den 5. Octobr. 1758.

Geliebtester Freund,

Eben werde von unserm Freunde aufgeweckt; habe heute versucht ein
wenig aufzustehen, es hält aber noch schwer. Gott wolle mir bald wieder zu
meiner Gesundheit helfen, die ich zu einigen Kopfarbeiten nöthig habe.
Wie geht es Ihnen? Es thut mir leyd, daß Sie gleichfalls ein wenig haben
aushalten müßen. Ich wünsche Ihnen einen gesunden Winter, machen Sie
sich an demselben so viel Bewegung als möglich. Sparen Sie Ihren Schlaf
und schonen Sie Ihre Augen. Ihre Diaet mit Habergrütze wird Ihnen sehr
gut thun.
Was für ein Faullenzer im Lesen sind Sie gewesen? Nicht einmal
Klopfstocks Lieder zurück. Meine lateinischen Dichter bitte mir bald aus. Sie sollen
kein Hamburgisch Magazin bekommen, nicht ein gedruckt Flick von hier, biß
alles zurück ist. An keinen Rapin zu denken, biß die andern Poeten wieder
zurück sind.
Vergeßen Sie nicht Saurins Catechismus; und mein lateinisch Wörterbuch?
Mein Bruder ist diesen Dienstag mit Fuhrmann Törner abgereißt. Mein
lieber Vater klagt über seine Saumseeligkeit; wie viel Ursache haben wir also
dazu? Er hat dafür schön Wetter Gott Lob! und kann so viel Tage eher hier
seyn als er Wochen später abgegangen.
Mein Kopfweh erlaubt mir nicht Ihren freundschaftl. Brief zu
beantworten, nicht einmal alle Stellen daraus zu verstehen. Weil ich mich gestern
leidlich befand, schrieb ich an Ihre junge Herren in puncto des Honigs NB in
Wachs und versuchte heute aufzustehen; es fällt mir aber noch zu sauer.
Gehen Sie keinen Schall nach; der Schall geht weder Sie noch mich an.
Wozu wollen wir uns ohne Noth beunruhigen. Seyn Sie ganz gleichgiltig.
Ich werde meinen Schritt so lange fortgehen, als er mir gefällt v ich sehe
dadurch nützl. zu seyn. Von Urtheilen, von Erkenntlichkeit ist hier nicht die
Rede. Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß wir unsern Nächsten um Gottes
Willen dienen müßen v daß alle Freundschafft die wir von andern genießen,
weder eine Würkung noch ein Verdienst unserer ist, sondern von ihm kommt.
Wenn wir dies glauben, so haben wir nicht nöthig unzähl. viele Dinge zu
wißen, zu vermuthen, zu errathen, zu argwohnen e. g. wie uns. Kleinigkeiten
aufgenommen werden, was die Absichten bey anderer Beyfall v Gunst
Bezeigungen sind.
Aeneas Sylvius der Pabst Pius II. Pasqvill auf den Adel steht in meiner
Beylage zu Dangeuil angeführt. Leben Sie wohl biß auf beßere Gesundheit
v lieben Sie mich als Ihren aufrichtigen Freund
Hamann.


Liebster Freund; Ich schreibe dieses im beysein ihres Herrn Bruders und HE
Hamans und daß bey einer Taße Coffe, um unsern Freund welcher fast bettlägerig
ist, zu trösten. Meine wenige Geschäfte die ich auch hier habe machen mir nichts
destoweniger viele Sorgen, und ich weiß fast selbsten nicht wenn zu stande kommen
werde; der Himmel sey mein Mitwerber, sonst kommt der arme um seinen ehrlichen
Nahmen. Peltz und Kufer wenn der Preiß nur nicht gesteuert wird, werde für
Sie Liebster Freund mit vielem Vergnügen besorgen.
Eine dringende Bitte die ich an Sie habe, ist diese vor alles andre, daß Sie ihren
HE Bruder bey dieser Gelegenheit erinnern um die 24. ellen Palie Grisette anstatt des
Stoffes aus HE I & B. Bude zu nehmen, vergeßen Sie es doch ja nicht Liebster
Freund, die Frau Schwester ist ganz chagrin sie glaubt mann vernachläßiget ihre Bitte.
Sie wüßen wohl wie viel Angst diese commission mir schon verursacht hat. a propos
die Salfiette wird unausbleiblich citiret. Leben Sie wohl liebster Freund, ich umarme
Sie und bin nach einem herzl. Gruße von der Frau Schwester p ich bin mit aller
aufrichtigkeit Der ihrige
B.


Adresse mit rotem Lacksiegel:
à Monsieur / Monsieur Lindner mon ami / à / Grünhoff.












vll. Hamburgisches Magazin, oder gesammlete Schriften, aus der Naturforschung und den angenehmen Wissenschaften überhaupt (26 Bde., 1747–1763)

René Rapin, dessen Kapitel über Philosophie in den Reflexions sur l’eloquence, la poetique, l’histoire et la philosophie H. übersetzt hatte (N IV S. 43–129); nach A. Henkel fällt die Arbeit an der Übersetzung womöglich in die Zeit dieses Briefes. Brief Nr. 130 (ZH I 281/33)







Brief nicht überliefert
















Hamann, Beylage zu Dangeuil
, N IV S. 235/39, ED S. 383









Kufer vll. Koffer oder Kufen (für Schlitten)



Palie Grisette blaßgrau

HE I & B. nicht ermittelt



Salfiette vll. als witzige falsche Aussprache von Serviette


vmtl.
George Bassa




Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 4 (5).

Bisherige Drucke:
ZH I 263–264, Nr. 122.

Zusätze fremder Hand:
264/13–27 vermutlich George Bassa