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Johann Georg Hamann → Peter Christoph Baron von Witten
1758
ZH I, 270


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Zweeter Brief.

Mein Herr,

Sie wißen, daß ich einen kleinen Anfang in der Physick gemacht. Ich habe
dabey bemerkt, daß die Naturforscher einen Körper in allerhand
Verbindungen setzen, auf die Veränderungen deßelben unter solchen Umständen Acht
geben, und durch dergleichen Versuche Entdeckungen von Ihren Eigenschafften
machen. Ebenso habe ich es mit dem Worte Beruff angegriffen, es in
mancherley Redensarten eingeflochten und diejenigen Begriffe wahrgenommen, die
in meinem Verstande entstehen, wenn jemand sagt: das ist mein Beruff, das
gehört nicht zu meinem Beruff, ich habe keinen Beruff dazu, ich sehe es als
einen Beruff an v. s. w.
In allen diesen Redensarten versteht man eine Verbindlichkeit, die
entweder aus gewißen Gründen folgt, oder sich auf gewiße Pflichten
bezieht. Dies ist aber noch zu allgemein; denn nicht jede
Verbindlichkeit wird ein Beruff genannt, sondern nur eine solche, welche den Gebrauch
unsers Lebens zu einem gewißen Endzweck, und die Anwendung unserer
Kräfte zu gewißen Uebungen, Geschäften und Handlungen, betrift. Die
Gründe also, die mich bewegen diese oder jene Bestimmung von meinem
Leben, und allem dem, was dazu gerechnet werden kann, zu machen,
werden als ein Beruff angesehen. Dies scheint mir die erste Bedeutung des
Wortes zu seyn.
Der Beruf zu einer gewißen Lebensart liegt öfters in einer Neigung oder
Lust, in einer herrschenden Leidenschaft, der ich ein Genüge zu thun suche, in
Naturgaben v Fähigkeiten, in dem Willen derjenigen, von denen wir
abhängen, in dem Exempel derer, mit denen wir umgehen; in Umständen, Zufällen,
Vorurtheilen liegt die Ursache, warum ich mein Leben diesem oder jenem
Gegenstande oder Endzwecke wiedme, und alle die Kräfte und Zugehör meines
Lebens den Mitteln diesen Endzweck zu erreichen. Daß aber eine Sache zu
einem Bewegungsgrunde werde diese oder jene Wahl in den Absichten und
Beschäfftigungen des Lebens zu treffen, oder daß eine Verbindlichkeit des
Beruffs daraus entstehe – hiezu ist nöthig in einer solchen Sache eine gewiße
Beziehung, Uebereinstimmung und Füglichkeit auf uns Selbst oder die Liebe
die wir uns schuldig sind, wahrzunehmen. Hierin würde also die erste
Bedeutung des Beruffs bestehen, deßen allgemeiner und abgesonderter Begriff
im gemeinem Leben auf einige Ämter eingeschränkt wird. – Laßt uns jetzt die
Anwendung davon auf den Beruf des Edelmanns machen. In diesem
Verstande würde derselbe ungefehr folgende Frage in sich schlüßen: Giebt es
in dem Stande und in der Natur des Adels gewiße Bestimmungen, die sich
auf einige Gegenstände mehr als auf andere beziehen? Was sind das für
Gegenstände, zu denen ein Edelmann mehr Ursache hat, mehr Gelegenheit,
eine fügligere Lage, wie der Bürger und Bauer, und die ihn verbindlich
machen eine besondere Richtung seinen Kräfften und seinem Fleiß zu
geben? Gesetzt der Adel wäre nichts als ein Vorurtheil oder eine Hypothese,
so behielte er gleichwol sein Augenmerk, das man niemals aus dem
Gesichte verlieren muß, um den grösten Nutzen davon in der Gesellschafft zu
ziehen und den besten Gebrauch davon zu machen. Aus diesem
Gesichtspunct muß der Edelmann die Bestimmung betrachten, nach der er sich zu
bilden, und die Ehre seiner Geburt wahrscheinlich zu machen suchen muß. Alle
Theile seines Lebens müßen sich auf diesen Gegenstand als ihren
Mittelpunct beziehen. – –
Die zwote Bedeutung eines Berufs zeigt eine Verbindlichkeit zu gewißen
Pflichten an, die aus meiner getroffenen Wahl folgen, nach der ich schuldig
oder willens bin meine Kräffte und meine Zeit anzuwenden, oder meine
Fähigkeiten und Handlungen einzurichten. Alles dasjenige was aus dieser
Wahl folgt, gehört zum Beruff; was aber selbige aufhebt oder ihr zuwieder
ist, entfernt mich von demselben – – Ich will mich jetzt nicht damit aufhalten,
die Ähnlichkeit und den Unterscheid dieser letzten Erklärung von der ersteren
genauer anzusehen, gegen einander zu halten, noch zu untersuchen, in wie
fern der letztere von dem ersteren abhänge. Es gehört mehr zur Sache die
Anwendung jetzt auf den Edelmann zu machen. In diesem Verstande wird durch
seinen Beruf eine Reyhe von Pflichten entstehen verstanden, die aus dem
Vorzug seiner Geburt folgen, aus dem Range, den er in der Gesellschaft
genüst und den Vortheilen, die damit verbunden sind. Seine Einsichten, seine
Sitten, seine Denkungsart, Grundsätze pp. müßen mit seinem Stande
übereinstimmen. Je mehr daher seine Erziehung nach seinem Stande eingerichtet
seyn wird, je früher und gründlicher er in seiner Jugend von demjenigen,
wozu ihn seine Geburt berufft unterrichtet wird, desto beßer wird er demselben
in späteren Jahren nachzuleben wißen.
Sie haben jetzt das Beste, was ich im stande bin Ihnen zu sagen. Ich
erwarte jetzt die Verbeßerung und Ergänzung, die Sie für nöthig finden um
meine Anmerkungen richtiger und deutlicher zu machen. Ich will noch einige
eine einzige hinzufügen, die mir mitten in meiner Arbeit eingefallen. Sollte
es den Philosophen, wenn sie die Zeichen der menschlichen Begriffe erklären
und recht bestimmen wollen nicht öfters als den Kindern gehen, die sich
Mühe geben das Qvecksilber fest zu halten?
Ich bin mit aller Hochachtung Mein Herr, Ihr gehorsamer Diener.
Musterbrief, wie Peter Christoph v. Witten ihm, H., antworten könnte.












































































Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], II 33.

Bisherige Drucke:
Roth VIIIa 13–16.
ZH I 270–272, Nr. 126.