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Johann Georg Hamann → Peter Christoph Baron von Witten
Riga, 28. Oktober 1758
ZH I, 272



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Lieber Herr Baron,

Ich weiß die Zufriedenheit mit Ihrem letzten Briefe nicht beßer
auszudrükken als durch eine geschwinde Beantwortung deßelben. Wegen der Aufnahme
meines letzten Packs bin etwas besorgt gewesen, weil ich weiß, daß man mit
den besten Absichten zuweilen in der Art selbige zu erreichen sehr ungeschickt
oder unglücklich seyn kann. Sie werden recht wohl thun sich immer zu
erinnern, daß Sie vermöge Ihres Standes Gott, dem Nächsten und sich Selbst
Pflichten schuldig sind und in der Ausübung derselben Ihren Ehrgeitz und
Ihre Wollust setzen.
Ich habe Sie ersucht, Lieber Herr Baron, diejenigen zwo Briefe ins reine
zu schreiben, mit Verbeßerung meiner Fehler, und mir selbige mit Ihrer
Unterschrift zuzuschicken, falls Sie solche derselben nicht für unwürdig
erkennen, und bitte Sie nochmals darum, weil ich Ihnen von dieser Mühe
einigen Nutzen versprechen kann. Sie werden darinn auf eine reine
Rechtschreibung sehen, und ihre Hand so abzumeßen suchen, daß Sie mit jeden
auf einem halben Bogen auskommen, wie ich es gethan. Die Frage vom
Beruff möchte jetzt zu unserer Materie hinlänglich erschöpft seyn. Wir wollen
also auf den Edelmann jetzt kommen, und ich erwarte davon Ihre Gedanken
nach Gelegenheit, wenn Sie mit der ersteren Arbeit fertig sind, nämlich,
die beyden ersten abzuschreiben.
Jetzt will ich noch einige nichtsbedeutende Anmerkungen über Ihr letztes
Schreiben auf das Papier werfen.
„Was der Beruf sey, so ist selbiges – – Das erste ist kein Deutsch, man sagt
beßer, was den Beruf anbelangt, oder betrift. Das letzte ist ein polnischer
Druckfehler. Beruff ist männlichen Geschlechts, es muß daher heißen, selbiger.
Sie werden auf der gleichen handgreifliche Schnitzer sich bey Zeiten gewöhnen
Acht zu haben, weil solche ein deutsches Ohr sehr beleidigen.
Nächste kommt von nahe her. Sie haben also Unrecht Nechster zu schreiben.
Commata werden Sie gehörig anzumerken suchen. Es sind ein Dutzend in
Ihrem Briefe ausgelaßen; die Puncta stärker zeichnen. Es dient so wohl zur
Zierde als zum Verstande.
„Folglich ist es ein der Grund zu einem wahren Beruf, welches auch ein
kurländischer von Adel auszuüben „schuldig ist“ – – Wenn das: welches auf
Beruf geht, so ist es der schon oben angemerkte Fehler. Geht es aber auf alles
vorhergehende, so ist es gleichfalls undeutlich und übellautend.
Wie aber diese drey Theile in eines wahren Erfüllung zu bringen, comma
– oder Semicolon. Hier ist entweder etwas ausgelaßen oder verschrieben.
Namen und Ort mit deutschen Buchstaben. Der Monath November wird
mit keinem w geschrieben; sondern mit einem v. Sollten wir nicht schon lange
über dergleichen Kleinigkeiten hinweg seyn? Und wird es uns nicht leicht
werden denken zu lernen, so bald wir im stande seyn werden aufmerksam zu
seyn? Was können wir von unserm Verstande fordern, wenn uns unsere
Sinnen nicht ein mal gehören? Diese 3 Fragen laßen Sie sich nicht umsonst
geschehen. Sie füllen das übrige Leere meines Briefes aus.
Ist es ein bloßer Gedächtnis Irrthum oder haben Sie Ursachen von der
gewöhnlichen Rechtschreibung des Wortes überzeugen abzugehen, welches
bey Ihnen überzeigen aussieht. Wir haben 2 Wörter im Deutschen, die einen
sehr ähnlichen Laut haben, in der Bedeutung und Buchstabierung aber
unterschieden sind. Zeigen, wenn es die Handlung eines Fingers, der davon auch
seinen Namen führt, und die Vorrichtung eines Theils von der Zählscheibe
einer Uhr anzeigt bedeutet, wird mit dem i geschrieben. Zeugen aber, wenn
es die Außage eines Menschen, der etwas gesehen oder gehört, in sich schlüßt,
mit einem u. Wir werden am besten thun, wenn wir es bey dem alten
bewenden laßen und das Wort überzeugen von dem letzteren herleiten. Den ich
überzeugen will, muß von meiner Meynung abweichen. Es kommt also auf
Gründe an, wie bey Gericht auf Zeugen, und wie fern ich meinen Gegner an
der Menge und dem Ansehen derselben überlegen bin. Es liegt also ein sehr
lehrreiches Bild von der Art jemand zu überzeugen, in der Etymologie dieses
Worts. Man sagt aber auch überweisen, oder beweisen, wie im lateinischen
demonstrare et probare. Ich könnte Ihnen noch mehr Schulfüchsereyen hier
sagen, die hieher nicht gehören.
Ich erwarte die Abschrift so gut und rein, wie Ihnen möglich. Sie werden
sich einen Zeitvertreib daraus machen.
Meinen unterthänigen Respect an Dero Gnädige Eltern beyderseits nebst
meinen verbindlichen Empfehlungen an Dero sämtliches Hochwohlgebornes
Geschwister.
Grüßen Sie Herrn Lindner, von dem ich eine Antwort und meine Bücher
nebst Laute erwarte, um die ich neulich gebeten. Ich bin mit einer aufrichtigen
Hochachtung und Zuneigung Gütiger Herr Baron Ihr ergebenster Diener.
Hamann.

Riga den, 28. Octobr. 1758.









Brief 125 u. 126












Schreiben nicht überliefert




































Etymologie in Grammatiken des 18. Jhds. wird darunter überwiegend noch das verstanden, was heute als Morphologie bezeichnet wird.














Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], II 41.

Bisherige Drucke:
Roth I 325–328.
ZH I 272–274, Nr. 127.