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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater), Maria Magdalena Hamann (Mutter)
Riga, 31. März 1753
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Riga den 20/31 März. 1753.

Liebwerthester Vater,

Ich habe vorige diese Woche ein klein Paquet mit Briefen abgefertigt,
die ein Apothecker Geselle, den ich nicht kenne, mitgenommen hat, v.
unterdeßen die Ihrigen zu meiner großen Zufriedenheit erhalten. Ich freue mich
herzlich, daß Sie Gott Lob! alle gesund sind. Der Höchste stärke Sie, lieber
Papa, bey Ihrer Arbeit und seegne selbige. An Herrn M. HE. Karstens,
Lauson, Wolson, Hennings pp habe ich geschrieben. Weil ich noch Zeit zu haben
glaubte, so ließ ich die Briefe an meine liebe Eltern zu letzt, um mich auf
alles das besinnen zu können, was ich zu schreiben hätte. Meinem Bruder
hatte ich auch einen ziemlich ausführlichen Brief zugedacht. Ich bin aber so
unvermuthet v. ohne Noth übereilt worden, daß ich Mühe hatte mit dem
nöthigsten, an Sie, meine liebe Mutter v. Bruder fertig zu werden. Eine
Antwort an HE. Secr. Sahme v. ein Brief an Herrn Regim. Q. M. Link hat gar
unterbleiben müßen; so sehr ich es mich auch gegen den erstern Freund
vorzuwerfen habe, so hat es doch nicht angehen können. Wird der ehrliche Franz
oder Fuhrmann Reiß nicht bald einen Brief an mich bringen, damit Sie nur
mein Logis kennen lernen v ich Sie angewöhne sich bey mir zu melden, wenn
sie ankommen v. abgehen wollen.
Herr Gericke hat mir die erste Nachricht von des HErrn von Marschall Tode
gebracht, die mich gewaltig erschreckt hat. Er hat sie aus den berlinischen
Zeitungen erfahren, wie ich sie nachher auch in der hamburgischen gelesen habe.
Man kann sich ohnmöglich einiger Betrachtungen bey diesen Todesfall
erwehren, wenn man die Geschichte dieser Familie ein wenig kennt. HE. Linck
wird mehrere vielleicht machen können. Daß die Vorsehung auch die ihrigen
über die Handlungen der Menschen macht, ist für denjenigen, der eine glaubt,
keine gleichgiltige Sache.
Papa mit seinem Pfeifchen, die 3 L’hombre Spieler, der Freund um 9 des
Abends mit einer wollenen Peruke, meine liebe Mutter beym Spinnrocken!
ich kann sie mir noch alle vorstellen. Die Frau Lieut. habe ich im Geist nach
des Herrn M. Peruqve lauffen gesehen um sie recht betrachten zu können; v
die Jgfr. Degner habe ich eine viertelstunde nachher lachen gehört. Es hat
keiner als ich gefehlt.
Herr Gericke besucht mich öfters genung; ich bin nicht mehr als einmal bey
ihm gewesen. Ich halte mich an Herrn Belgers Haus. Er hat einen sehr tollen
Brief an Sie geschrieben (die meinigen mit Gelegenheit sind durch ihn bestellt
worden) wie er sagt v will mich bey Ihnen verklagen, wie er mir gestern
gedroht hat. Ich habe Ihn gebeten Ihnen kein blindes Schrecken mit einer
falschen Conduite Liste einzujagen. Sein Gemüth hat etwas ehrl. das er niemals
verlieren wird; v dies macht ihn eben zu einem eignen v. unglückl.
Staatsmann. Ich bin gewiß, daß ich von meinen lieben Eltern reden höre, so offt ich
ihn besuche. Der Herr Baron läst seinen verbindlichen Gruß Ihnen abstatten.
Wie sehr wünschte ich mir, ihn selbst mit der Zeit in das Haus meiner lieben
Eltern einmal führen zu können! Kaum ist es mir glaublich, daß ich schon
über ein viertel Jahr hier gewesen bin; den 7 Dec. alten Styls bin ich nach
Kegeln gekommen; Montags darauf habe ich meine Arbeit angefangen. Ist
das halbe Jahr um; so will ich mich melden. Ist man mit mir zufrieden, so
bleibe ich noch. Ob ich auf 100 Thrl. dringe? Die geringste Schwierigkeit wird
mich verekeln. Meine Empfindlichkeit in diesem Stück kennt niemand wie ich.
Ich danke Gott, daß ich meine Zeit nicht umsonst hier weder für mich selbst
noch für meinen lieben Baron zugebracht habe. In demjenigen, womit ich mit
ihm nicht zufrieden bin, liegt die wenigste Schuld an ihn. Liefländische
Erziehung! Mutter! auch zum Theil Hofmeister! So hart wie ich ihm bisweilen
seyn muß; so zärtlich bin ich gegen ihn. Er wird mich gewiß nicht vergeßen,
v. mich eben so ungern verlieren wollen. So sehr ich mich an die Kinder halte;
so entfernt bin ich noch von allen denen, die mich nichts angehen, v. meinen
Grundsätzen, Denkungs Art v Neigungen entgegen sind. Der Gruß, den Sie
mir unten aufgetragen haben, lieber Papa, ist daher nicht von mir bestellt
worden; der Begrif einer feinen Achtsamkeit v. wahren Höflichkeit ist für den
Stoltz ein Räthsel Simsons. Wenn Sie in Riga wären, lieber Papa, ich
zweifele nicht, daß sie in Gnaden bey ihr stehen würden; denn sie ist bey allem
dem eine Dame, ohngefehr wie die Gräf. Gesler, die aber nur gegen ihre
Schuldn. grausam ist. Ich sehe, daß ich bey dem Geheimnis, das ich aus
meinem Charakter mache, zu am besten fahre, v ich will dabey bleiben. Man
kennt einige gute Eigenschafften von mir, man vermuthet bisweilen andere,
die es nicht sind; im übrigen weis man selbst nicht recht, was man aus mir
machen soll. Die Kinder lieben mich, weil ich sie liebe, v. weil ich niemals streng
gegen Sie bin, als biß ich sie überführt habe, daß ich es Ursache habe zu seyn;
es fehlt mir auch niemals daran mit ihnen aufgeweckt umzugehen v sie
spielend arbeiten zu lernen. Uebrigens erhällt mich der liebe Gott gesund. Hat man
Ursache sich über etwas auf der Welt zu beschweren, so lange man diese
Wohlthat genüst. Es fehlt mir an nichts bisher v. ich bin von einem zufriednen
Herzen. Ich umarme Sie aufs herzlichste, lieber Papa, v wünsche Ihnen
alles Gute. Leben Sie wohl, mit meiner lieben Mutter will ich auch noch
ein Wort reden.

Herzlich geliebteste Mama,

Sie haben Seife gekocht; sie haben meine Jgfr. Muhmchens bey sich gehabt.
Haben Sie auch Waffeln gebackt? Haben auch die Jgfr. Muhmchens meine
Gesundheit getrunken? Ich habe gestern bey HErrn Belger gepunscht, v. recht
gut darauff geschlafen. Wißen Sie auch schon, daß ich auch ein Jgfr.
Muhmchen hier habe; ich glaube gewiß, daß ich es Ihnen noch nicht geschrieben. Sie
ist auch schon meine Braut gewesen; nun will ich sie aber nicht haben,
ohngeacht ihr Vater ein Advocat ist. Lorchen, die mich ihren Cousin Amen nennt,
v. mir manchen Musching, aber mir doch nicht so viel als ihren übrigen
Bräutigams gegeben hat, Lorchen, die sonst so viel von meinen blanken Knöpfen
gehalten hat, sieht weder mich noch meine blanke Knöpfe an, wenn ich den
HErrn
meinen Baron mitbringe, der einen rothen Rock v eine blauseidene
Weste in seinem Staat trägt, die mit einer goldenen Espagne besetzt sind.
Ihnen wird, liebe Mama, gewiß nicht mit einer Schwiegertochter gedient seyn,
die so wenig von mir hällt. Wollen Sie mir nicht die Erlaubnis geben, daß ich
mir eine beßere Braut aussuchen darf. Ehe ich aber mit ihr breche, will ich
warten, biß ihre Mutter mir ein paar Hand Manschetten wird ein wenig
geflickt haben, die ich ihr gestern brachte. Ich bin recht verlegen, geben Sie mir
doch einen guten Rath, was ich thun soll. Wenn Ihnen der liebe Gott
Gesundheit schenkt; so leben Sie doch vergnügt v. vergeßen Ihren Sohn nicht.
Joh. George Hamann.
greg. 31.03.1753



















HErrn von Marschall Tode nicht ermittelt








L’hombre Kartenspiel



Herrn M. Peruqve Perücke von
Johann Gotthelf Lindner














greg. 18.12.1752



Thrl. Taler, meist ist der 24 Silbergroschen entsprechende Reichstaler, eine im ganzen dt-sprachigen Raum übliche Silbermünze, gemeint (Groschen: Silbermünze [ca. 24. Teil eines Talers] oder Kupfermünze [ca. 90. Teil eines Talers]; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch).












Räthsel Simsons Ri 14,12–18


vll. Anna Eleonore Gräfin v. Geßler (1695–1774)
















Muhmchen Lorchen, s.u. die Tochter von
Philipp Belger
.






Lorchen die Tochter von
Philipp Belger
. Zur Erheiterung der Mutter stellt H. das Kind als Braut dar, die ihn verschmäht.

Musching Kosewort für Kuss (konnte ebenso als Kosewort für Mutter oder Kind verwendet werden)













Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (11).

Bisherige Drucke:
Karl Hermann Gildemeister (Hg.): Johann Georg Hamann’s, des Magus im Norden, Leben und Schriften. 6 Bde. Gotha 1857–1868, I 38–40.
ZH I 34–36, Nr. 13.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
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Geändert nach Druckbogen (1940); ZH: sebst  Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies selbst  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): selbst