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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater)
Riga, 20. Januar 1759
ZH I, 287
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Riga den 9/20 Jänner 1759.

Herzlichgeliebtester Vater,

Gott gebe Ihnen gute Gesundheit, Leben und Seegen. Ich hoffe und
wünsche, daß Sie sich beßer befinden. Herr Buchholtz hat diese gute Nachricht
meinem Bruder gemeldet, daß er Sie leidlicher angetroffen. Grüßen Sie ihn
als meinen alten Lehrer, Wohlthäter und Freund aufs herzlichste von mir.
Ich denke Ihm bald Selbst zu schreiben.
Gott hat mir den letzten Tag des vergangenen Jahres mit vielem
außerordentlichen Seegen beschlüßen, und das Neue eben so denkwürdig anfangen
laßen. Er läst meinen Becher überlaufen, Er wird mir alles schenken, was mir
seelig und nöthig ist, Er wird mich alles genüßen – – aber auch alles
verleugnen lehren, wenn es Sein Gnädiger Wille ist.
Ich erhielt den 27. Dec. pass. Ihren lieben Brief, in dem Sie mir
erlaubten zu heyrathen, und mir Glück dazu versprachen, wenn ich es mit Gott
anfienge. Den Tag darauf schrieb ich also meine LiebesErklärung, und zwar in
einem Briefe an meinen Freund in Petersb. dem ich meldete, daß ich seine
Schwester heyrathen wollte, – – Ich schickte denselben unten und ersuchte Sie
entweder die zerrissene Stücke davon mir zuzuschicken oder ihn unter ihrem
Couvert einzuschlüßen. Sie hat das letztere gethan – – und ich erwarte heute
die Antwort meines Freundes. Es scheint bey ihr Ernst zu werden; ich will es
aber noch nicht wißen. Gott wird alles lenken und mich für allen Thorheiten
behüten, und vom Bösen erlösen. Er wird mir Gnade geben auf dem rechten
Wege zu bleiben, und mich auf Seinen Fußsteigen erhalten, daß meine Tritte
nicht gleiten. Ich hoffe aber darauf, daß Du so gnädig bist, mein Herz freuet
sich, daß Du so gerne hilfest. Ich will dem Herrn singen, daß Er so wohl an
mir thut.
Ich legte ein klein französisch Billet an meine Freundinn bey dem Briefe an
Ihren Bruder bey, worinn ich Sie auf Gott wies, und ihr versicherte, daß er
den Stummen als Taub, und den nur den Tauben als stumm vorkäme.
Ihm sey Lob für Seine unaussprechliche Barmherzigkeit! Er ist für uns beyde
weder stumm noch taub gewesen. Den Sonntag nach dem Neuen Jahre haben
wir eine Predigt des Morgens gehört, die für mich und unsere Schwester recht
von Gott bestellt zu seyn schien; und am heil. Dreikönigsfeste hat unser
Rector Lindner, der von nichts weiß, eben so viel, ja recht auf uns beyde
abzielendes von der Führung Gottes mit den Seinigen vorsagen müßen zu
unserem Unterricht und Aufmunterung. Mein Bruder ist so gut mir diese
Predigt abzuschreiben.
Wird Sie meine Frau, Herzlich Geliebtester Vater, so wird Sie es durch und
nach Gottes Willen, und ich habe eben so viel dabey gethan, als daß Sie Mein
Vater geworden – – ich wiederhole es Ihnen, ich habe eben so wenig dabey
beygetragen, als daß Sie unsere Seelige Mutter zu Ihrem und unserm Besten
gewählt haben. Ich weiß, daß dieser Gnädige Gott auch diejenige Liebe in
mein Herz pflanzen wird,und die er selbst fordert, nach der ein Mann
seinem Vater und seine Mutter verlaßen soll um seinem Weibe anzuhangen,
und sie werden seyn ein Fleisch. Ich weiß noch mehr, daß Sie mir hierinn
nichts nachgeben wird. Gott wolle durch Seinen guten Geist auch unsere
Herzen läutern und heiligen, und die Ermahnung der morgenden Epistel auch
in uns kräftig und thätig seyn laßen, daß wir unsere Leiber begeben zum
Opfer, das da heilig, lebendig und Gott wohlgefällig sey.
Sie bekommt nichts mit mir; ich fordere aber auch nichts von mit Ihr.
Alles was ich ihr anbieten kann, schrieb ich dem Bruder, ist mein Herz, mein
Leib und mein Name. Wir haben beyde nicht nöthig an ein eigen
etablissement zu denken und dafür zu sorgen. Sie soll die Haushälterin Ihres Bruders
Karl bleiben, und ich Sein Handlanger. Wenn es Gott gefällt eine Änderung
zu machen, dann wird es auch meine Schuldigkeit seyn Sie zu ernähren. Und
dafür wird der auch Rath schaffen, der mir Ihre Schwester zur Frau geben
wird und will.
Sie möchte mit mir von gleichem Alter seyn. Ob Sie ein Paar Jahr jünger
oder ein halb Jahr älter; dies habe ich Ihr niemals ansehen können, viel
weniger jetzt, da ich auf gutem Wege bin in Sie verliebt zu werden.
Sie ist in meinen Augen schöner als die stoltzeste Lilie; wenn Sie ist es
nicht ist wäre, so würd Sie meine Liebe dazu machen, daß Sie es für mich
wenigstens seyn wird. Und Sie wird es immer seyn, so lange ich Sie lieben
werde – – und ich werde Sie ewig lieben. Ist sie in anderer Augen nicht schön
genung; desto beßer für mich.
Erhalte ich heute Briefe, herzlich geliebtester Vater, so bin ich vielleicht mit
Gottes Hülfe Ihnen im stande mit nächster Post den Tag meiner Verlobung
zu bestimmen. Sie werden nicht unterlaßen denselben zu feyren, und einige
Arme an Ihrer Freude Theil nehmen zu laßen. Bewirthen Sie Ih unsere
nächsten Blutsfreunde wenigstens in der Stille, es wird Ihnen beßer als ein
notifications-Schreiben schmecken.
Sieben Jahre um Ihre beste Schwester zu dienen, schrieb ich an meinen
Freunden, sollen mir so kurz als eine Kirmeswoche vorkommen; denken Sie
des wegen nicht, daß ich auch nur einen Augenblick verlieren werde um mein
Glück voll zu machen.
Ohngeachtet ich heute im stande wäre den Ring zu bestellen; so wird mir
doch Gott auch im Gegentheil die Gnade geben die Hand und Herz zurück
zu ziehen, wenn er mir Seinen Willen dazu zu erkennen geben wird. Er wird
mich denselben lehren lieben und Kräfte schenken ihn zu erfüllen.
Ich empfehle Sie der liebreichen Obhut unsers himmlischen Vaters, der
uns leitet wie die Jugend. Er schenke Ihnen bald Ihre Gesundheit wieder und
erhalte und stärke Sie nach Seinem gnädigen Wohlgefallen. Ich küße Ihnen
mit kindlichster Ehrfurcht und Zärtlichkeit die Hände und ersterbe Ihr
gehorsamst verpflichtester Sohn.
Johann George Hamann.


Jgfr. Degnerinn, HE. Blindau nebst allen guten Freunden grüße zum
Neuen Jahr.

Am Rande der zweiten Seite:
Ohngeachtet ich mich auf Ihr gütiges Versprechens in Ansehung des
wilden Schweines verlaße; so nehme mir doch die Freyheit wieder daran zu
erinnern –
greg. 20.1.1759












Brief nicht überliefert

zu Hs. Heiratsabsichten mit Catharina Berens vgl.
Hamann, Gedanken über meinen Lebenslauf
, LS S. 434f.

LiebesErklärung nicht überliefert


Sie die Schwester J. C. Berens’, Catharina










Billet nicht überliefert












































notifications-Schreiben Verlobungsanzeige
















Blindau nicht ermittelt







Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (51).

Bisherige Drucke:
Roth I 337–338.
Gildemeister I 151–152.
ZH I 287–289, Nr. 134.