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Johann Georg Hamann → Gottlob Immanuel Lindner
Königsberg, 9. März 1759
ZH I, 291


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Geliebtester Freund,

Ich habe vorige Woche erstl. Ihren Brief erhalten. Sie werden die Absicht
meiner schleunigen Abreise schon längst erfahren haben. Gott Lob! Mein
geschwinder Gehorsam auf den Wink meines lieben Vaters ist dadurch belohnt
worden, daß ich ihn über Vermuthen beßer gefunden. Er hat auch schon einen
Versuch auszugehen gemacht, womit er aber einhalten müßen; heute mit
Gottes Hülfe einen neuen, wo ich wie ein Pappelbaum ihm zur Seiten gehen
muß. – So weit von meinen hiesigen Angelegenheiten; ich weiß daß Sie an
dem Leben meines Alten Antheil nehmen und an meiner Zufriedenheit darüber.
Ihre liebe Mama habe gleich bey meiner Ankunft besucht und bin gestern
gleichfalls bey ihr gewesen. Sie befindet sich Gott Lob! munter. Hat ihr
Hauskreutz an ihrem Gast, das sie mit viel Gedult träget. Sie ist sehr
vergnügt über Ihren Entschluß zur Theologie zurückzukehren, schien aber etwas
über die Heftigkeit, womit Sie sich auf die entgegengesetzte Seite Ihrer
bisherigen Denkungsart zu werfen scheinen, besorgt zu seyn. Ich habe Sie
deswegen so gut ich konnte beruhigt, und es war mir lieb, daß unsere Gedanken
überein trafen. Erlauben Sie mir, Geliebtester Freund, noch eine kleine
Erörterung derselben hinzuzufügen, weil dadurch ohnedem eine Beantwortung
einiger Stellen in Ihrer werthen Zuschrift geschieht.
Ich habe gehört, Sie wollen Ihre jetzige Stelle verlaßen, und sich nach Riga
begeben pp. weil Sie glauben, daß die gegenwärtige Verfaßung Ihrem
Entschluß zur Gottesgelahrtheit zurückzukehren im Wege stünde. Es ist eine
Pflicht mit der Stellung zufrieden zu seyn, worinn wir uns finden; und je
schwerer sie uns wird, desto größer der Sieg über uns selbst und der Beystand
Gottes ihn zu erhalten. Ohne die wichtigsten Gründe verlaßen Sie also Ihren
gegenwärtigen Posten nicht. Wenn Ihnen eine andere Verfaßung nöthig und
nützlich seyn wird; so wird Sie Gott wohl darein versetzen, wie Sie an meiner
jetzigen Verruckung ein Beispiel haben.
[..]Frau Consistorial Räthin, war schon für ein wenig Schwärmerey bey
Ihnen besorgt [und] ich weiß an mir selbst, daß wir diese Klippe vorbey
müßen, daß aber keine Gefahr dabey ist, so lange der Meister auf unserm
Schifflein ist, gesetzt daß er auch wieder seine Gewohnheit – auf einem Polster –
schlafen sollte. Laßen Sie ihn schwärmen, sagte ich, der liebe Gott wird es
wohl seinem Feinde und Freunde verbieten einen Schwärmer aus ihm zu
machen.
Hier muß ich eine Lehre mir selbst so wohl als Ihnen sagen. Wir müßen
uns des Menschensohnes und seines Bekenntnißes nicht schämen; aber auch
nicht die Perlen seiner Lehre jedermann vorwerfen. Eylen Sie daher nicht
Ihr Licht aufzudringen, bauen Sie nicht auf die Empfindung Ihres Glaubens
denn die ist öfters ein Betrug uns. Fleisches und Blutes, und hat die
Vergänglichkeit deßelben mit dem Grase und den Blumen des Feldes gemein –
noch weniger beurtheilen Sie andere nach den ersten Erfahrungen, durch die
Sie Gott geführt hat und führen wird.
Sie haben mir erlaubt und mich zum Theil aufgemuntert ernsthafft an Sie
zu schreiben; ich habe es daher gethan und Sie werden mir die Ihnen
mitgetheilte Erinnerungen, so leicht und gering sie auch sind, als wohlgemeint
zu gute halten.
Sie schreiben mir von ihrem Wege in Wüsteneyen. Der Psalmist aber sagt:
Die Wohnungen in der Wüsten sind auch fett – daß sie triefen. Ψ 65.
Ich freue mich herzlich über den Hunger und Durst, den Sie von sich
bekennen. Die Unersättlichkeit aber ist der Genügsamkeit – wie in irrdischen also
auch in himml. Dingen entgegen gesetzt. Nicht der Brodte wegen, nicht der
Aufwallungen wegen, der guten Gedanken und Bewegungen wegen – Gott
mag uns den Brodkorb so hoch hängen als er will, gesetzt daß er uns auch die
Brosamen versagt – Derjenige, dem alle Macht im Himmel und auf der Erden
gegeben, der bey seinem Abschiede versprochen allenthalben bey uns zu seyn,
nicht nur allenthalben sondern auch keinen Tag unsers Lebens biß ans Ende
deßelben ausgenommen, legt uns alles aus, wenn er uns allein, so allein
daß wir uns selbst fehlen, antrift – wie ers mit seinen Jüngern machte. Sein
Geist soll uns in alle Wahrheit leiten – und diese allein macht uns frey – und
sollt ihr etwas anders oder sonst halten, das laßet euch Gott offenbaren ◦  
     ◦
Regel, darein wir kommen sind, wandeln und ◦    ◦ Phil.
III.
15, 16.
Wenn Sie auch ohne Frucht arbeiten müßen, so fahren Sie nur getrost fort
in Ihrem jetzigen Beruf. Entschlagen Sie sich aller Vereckelungen, die Sie
anwandeln, und glauben Sie, daß Ihnen dasjenige von Gott befohlen
worden, was Sie jetzt thun, weder in Betracht auf Ihr eigen Selbst, noch
Kinder, noch Eltern, noch Freunde pp. Eine selbstgewählte Ordnung zu leben,
die man sich mahlt, und die man sich zu erschwingen bemüht, ist wie ein
selbstgewählter Gottesdienst dem Herrn ein Gräuel. Sie werden sehen wie
viel Zeit Sie übrig behalten werden, wenn Sie sich aller Nebendinge – selbst
in Ihrem jetzt erneuerten studio Theol. entschlagen werden. Wenn wir
bitten: Gib uns heute unser tägl. Brodt; so bitten wir zugl. daß uns Gott jeden
Tropfen Schweißes jeden Tag zuzählen soll, mit dem wir daßelbe eßen das
heist, verdienen oder erwerben sollen nach der Weltsprache. Denn eigentl.
zu reden weiß kein Christ etwas davon vom Brodte, das er verdient oder
erwerben sollte; alles ist für ihn nur Gabe Gottes, die er mit Lob und Dank
gegen den genüst, der es verdienen und erwerben muste, da er zitterte, zagte,
und Blut schwitzte.
Sie haben mir viele dunkle Betrachtungen gemeldet, die sich auf facta
zu gründen scheinen, davon ich nichts weiß. Was wollen sie sagen, daß es
schwer sey die Unschuld zu retten. Wer hat Ihnen dies schwere Geschäfte
aufgetragen; das gehört für irrende Ritter, wie mir ein guter Freund öfters
vorgerückt hat. Weßen Unschuld meynen Sie? Ihre eigene? Sind Sie derselben
so gewiß, oder ist Ihnen so viel daran gelegen unschuldig zu leiden. Sokrates
sagte zu seiner Frau: Wünschest Du lieber, daß ich schuldig leiden soll.
Anderer Leute ihre Unschuld? Diese geht Sie noch weniger als Ihre eigene an.
Sie wißen, daß mein Briefwechsel längst aufgehört hat. Warum fällt es
Ihnen so spät ein, mich darum zu ersuchen? Zu was für Veranlaßungen hat
er Ursache gegeben? Haben Sie etwa den Dienst schon aufgesagt, und meynt
man daß ich Sie aufrührerisch gemacht? Gesetzt daß man mir auch dies
aufbürdete, was wäre mir daran gelegen? Es wird mir lieb seyn etwas von
Ihren Verlegenheiten und der jetzigen Stellung in Ihren Hause zu wißen,
wenn es Ihnen gefällt mich zum Vertrauten darinn zu machen oder es der
Mühe lohnt die Feder dazu anzusetzen.
◦      ◦ jemals an, ob man mir Recht oder Unrecht thut. Ich hänge
ja nicht mehr von ihnen ab; und ich danke Gott daß ich weder über das Recht
noch Unrecht meiner Handlungen mehr wie ehemals grübele und mich darüber
ohne Noth beunruhige. Handle ich Recht; was habe ich mich darauf
einzubilden oder das zu verfechten. Handle ich Unrecht; so geht das Gott allein
an, und ich glaube einen Gott der nicht mit uns ins Gericht gehen wird,
gesetzt daß uns Menschen, und unser eigen Herz verdammen –
Wie viel kostet es uns Menschen nicht von der gesetzlichen Furcht loß zu
werden, und zu der Freymüthigkeit und Freude zu gelangen, die uns in Christo
gegeben ist, und die eine Wirkung seines Geistes ist.
Was wollen Sie für große Anstalten zu Ihrem neuen studio haben. Drey
Leibbücher wären für mich hinlänglich, das erste lesen Sie und schmecken Sie
schon, und wenn Sie solches als ein Christ lesen, so wird Sie Ihnen als
einem Gottesgelahrten mehr zu statten kommen als ein Auszug der besten
Ausleger. Das zweyte Buch wäre Rogalls und Schultzens Gesangbuch; Sie
kennen noch zu wenig unsere KirchenPoesie, dieser Schatz liegt auf einem
offenen Felde – demohngeachtet wenigen entdeckt und noch von wenigern wird
ein Besitz davon gemacht und ein rechter Gebrauch. Da Sie ein Dichter sind,
so sey dies Ihr klaßischer. Das dritte ist die Sammlung von Luthers kleinen
Schrifften, die Rambach herausgegeben. Ich werde selbige ehstens meinem
Bruder mitschicken. In diesem Buch finden Sie über die Hauptlehren unsers
Glaubens dieses Vaters uns. Kirchen, außerlesenste und körnichste Gedanken
und Erklärungen, die zugl. polemisch und praktisch sind. Was für eine
Schande für unsere Zeiten, daß der Geist dieses Mannes, der uns. Kirche gegründet,
so unter der Asche liegt. Was für eine Gewalt in der Beredsamkeit und
Ausdruck – was für ein Geist der Auslegung – was für ein Prophet – Wie gut
wird Ihnen der alte Wein schmecken, und wie sollten wir uns. verdorbenen
Geschmacks schämen. Was sind Montaigne und Baco, diese 2 Abgötter des
witzigen Frankreichs und tiefsinnigen Engl. gegen ihn.
Carpzov Critica Sacra ist in Ihres Nachbars Bibliothec. Verbinden Sie
die Lesung deßelben mit einem guten System und oder Compendio der
Kirchengeschichte und besonders der Reformation. Mosheim und Seckendorf
etwa. Wenn Sie eine Stunde des Tages hiezu verwenden, so ist es überflüßig.
Das Ebräische und griechische möchte Ihnen gern so viel ich kan
empfehlen aber in beyden Sprachen nicht weiter zu gehen als man nöthig hat die
Bibel fertig genung lesen zu können. Rauens Grammatick mit Kypke
Anmerkungen sind die beste und hinlängl. Anweisung zum hebräischen; ich
glaube nicht daß Sie selbige einmal werden nöthig haben zu wiederholen –
Diese kann Ihnen der HE. Bruder in Riga mittheilen, hebräische Lexica hat
Ihr alter Nachbar. Zum neuen Testament wird Ihnen eben derselbe Kypke
Annotationes oder Obseruationes mittheilen.
Wenn Sie 2 höchstens 4 Stunden die Woche zu diesen Sprachen wiedmen,
so werden Sie spielend bey einem anhaltenden Fleiße derselben stärker
werden, als Sie gedacht. Er fördert das Werk unserer Hände, ja das Werk
unserer Hände fördert Er, wenn wir in Seinen Namen daran gehen und nicht
unsere Namen zum Endzweck uns. Mühe machen –
Ueberlegen Sie selbst wie viel Stunden Sie außer Ihrem Unterricht zur
Zubereitung und Schaarwerk deßelben, zu Spatziergängen, Besuchen und
Epoquen übrig behalten.
Ich habe mich unterstanden Ihnen diesen kindischen Plan mitzutheilen.
Sie werden mich des wegen nicht auslachen. Ein Auge zugemacht, wenn wir
scharf sehen und treffen wollen, mit Einfalt, das heist mit einem einzelnen
Auge gearbeitet, das auf den gerichtet ist, welcher der überaus große Lohn
derselben seyn wird, und von dem der Seegen, der Frühe und Spatregen
abhängt. Ihm nicht die Zeit der Früchte vorgeschrieben, auch nicht den Leib, die
giebt er Seinem Saamen und dem unsrigen wie er will. Unsere Blätter sollen
nicht verwelken. Gottes Brünnlein, so verächtlich es aussieht, hat Waßers die
Fülle, unterdeßen der sich weitergießende Nil versiegt und die auf den Wegen
Thema und auf den Pfaden im Reich Arabiens sehen – und warten – wenn
sie am sichersten sind einen Strom zu finden sich und ihre Heerden zu tränken;
aber zu schanden werden und sich schämen, wenn sie dahin kommen. Hiob. VI.
Sie verlangen von mir einen Aufsatz von französchen Redensarten – Soll
ich Ihnen Collectanea geben, die hab ich nicht und nützen nicht daher will ich
auch keine machen. Das müßen Sie selbst durch eine kleine Aufmerksamkeit
im Lesen; und daran wird es Ihnen nicht fehlen, sobald Sie weniger lesen
werden. Ich glaube daß es Ihnen noch mehr an den Grundsätzen und
Geschmack der franzosischen Sprache als an Redensarten fehlt. Ich habe einen
Anfang einer Sprachlehre in Riga gemacht, worinn aber nur biß auf die
Lehre von den Pronoms gekommen und ich hätte wohl Lust diese Arbeit zu
Ende zu bringen. Wenn Sie einmal nach Riga kommen, kann Ihnen mein
Bruder selbige zu lesen gegeben, ich habe solche dem jüngeren HE. Berens
zum Gebrauch mitgetheilt.
Suchen Sie bey Gelegenheit Mauvillon und Girard Synonimes zu lesen
und lernen Sie etwas beßer die Grammaire des Dames kennen, wo Sie
Stellen den Kindern vorzugeben und aussuchen können, bey denen Sie selbst
lernen.
Mein Bruder wird Ihnen gern die Gefälligkeit in Ansehung des Vernets
erweisen. An dem Buch ist mir viel gelegen, weil selbige hier nicht zu haben,
sonst hätte ich es von dem andern zu ihrem Gebrauch losreißen laßen, daß Sie
es behalten könnten. Ich will ihm selbst deswegen schreiben.
Halten Sie mir meine Geschwätzigkeit zu gut, und glauben Sie, daß die
Qvelle davon eine wahre und herzliche Freundschaft ist. Ihre Briefe werden
mir sehr angenehm seyn; die Nachläßigkeit darinn die Sie sowohl als mein
unartiger Bruder gegen Ihre Freunde haben, ist immer ein Fehler gewesen,
worüber ich mich aufgehalten und ein Zeichen, daß Sie beyde, Meine Herren,
in andern Dingen eben so zerstreut unordentl. und saumseelig sind. Beßern Sie
sich also auch darinn. Wir wollen uns nicht auf Einfälle oder große und
seltene Empfindungen in unsern Briefen einander zu Gaste bitten; sondern
uns Scherz und Ernst einander gerade heraus schreiben, wie uns die Feder
denselben eingiebt. Ich umarme Sie und empfehle Sie der Obhut und
Regierung des guten Gottes und Seines Geistes. Grüßen Sie, wo Sie es für gut
befinden – wenigstens meinen ehrl. Baßa, wenn ich ihm nicht jetzt antworten
könnte. Ich bin Ihr treuer Freund.
H.

Absicht versagte Eheschließung mit Catharina Berens
Brief nicht überliefert

Abreise nach Königsberg, auf Wunsch des Vaters









Die Mutter Lindners musste vmtl. einem Soldaten der russischen Truppen Quartier geben, die Königsberg seit dem 21. Januar 1758 besetzt hielten.

Dazu hatte auch H. geraten, Brief Nr. 130 (ZH I 281/35)







Stelle in Grünhof bei den v. Witten









Räthin die Mutter Lindners



























































Briefwechsel mit den v. Witten, vor allem Peter Christoph (Briefe 113ff.)
























































griech. epoché, Unterbrechung














































Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 4 (7).

Bisherige Drucke:
Roth I 339–345.
Gildemeister I 154–155.
Paul Konschel, Der junge Hamann (Königsberg 1915), 93–98.
ZH I 291–296, Nr. 136.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
292/26 das laßet euch Gott offenbaren ◦        ◦ Regel, darein wir kommen sind, wandeln und ◦    ◦
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies das laßet euch Gott offenbaren; doch soferne, daß wir nach derselben Regel, darein wir kommen sind, wandeln und gleich gesinnt seyen.
295/20 gegeben
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies geben