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Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner
Königsberg, 10. März 1759
ZH I, 296


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Königsberg. den. 10. März. 1759.

Herzlich geliebtester Freund,

Ich danke für Ihre gütige Zuschrift, die mich recht sehr erfreut. Mein Vater
ist heute zum erstenmal allein ausgegangen und läst s Sie auf das
zärtlichste grüßen. Ihre liebe Mama habe vorgestern morgen besucht, zum theil
in Angelegenheiten Ihres HE. Bruders in Mitau, ich konnte nicht viel mit
ihr reden, weil der Pastor da war. Sie hat mich gestern bitten laßen Sie mit
nächsten Nachmittag zu besuchen, wo Sie immer allein, welches ich auch thun
werde. Ihre beyden Brüder haben an mir geschrieben und ich habe Ihnen
mit dieser Post b geantwortet. Ich freue mich herzlich über des HE. Doct.
Beßerung und wünschte den Grünhöfer zufriedner – helfen Sie mit dazu.
Nun Ihr Haus voll ist, muß die Wirthin nicht kränklich seyn. Ich wünsche,
daß sie sich jetzt beßer befindet. Gott schenke Ihnen beyderseits gute Gesundheit
und helfe Ihnen alle Bürden so wohl des Amts als der Haushaltung tragen.
Ich freue mich herzlich über Herrn Berens Ankunft; und wünsche herzlich
daß Seine eigene Zufriedenheit und des ganzen Hauses Ihre dadurch
vollkommen seyn möge. Ich habe keine Ursache von meinem Entschluß abzugehen,
den ich gefast an ihn nicht zu schreiben – und seine Briefe weder zu erbrechen
noch zu beantworten. Ich erkenne alle seine Freundschaft, – das sie ihm
fruchtlos und überlästig von meiner Seite gewesen noch ist, ist meine Schuld nicht,
auch nicht einmal meine Sorge. Als einen Freund haße ich ihn und fürchte ich
ihn gewißermaßen, als einen Feind liebe ich ihn. Es ist mir nicht einmal
möglich Herrn Karl in einer Kleinigkeit zu dienen, zu der mein Vater v ich mich
anheischig gemacht. Es verdrüßt mich, ich schäme mich deswegen, aber ich
frage nichts darnach. Es ist wahr, ich habe Dinge gethan, die mir selbst
unerklärlich sind, und ihm noch unverständlicher. Ich sage aber so viel: „Wenn
„ihrs begreifen könnt, so wolt ich ungern der Sachen theilhafftig seyn;
„vielweniger wollt ich ein Anfänger dazu seyn. Gott hat sie an einen Ort gesetzt,
„den ihr in eurer Rhetoric nicht findet, auch nicht in eurer Philosophie noch
Politic findet derselbe Ort heist Glaube, in welchem alle Dinge stehen,
„die wir weder sehen noch begreifen können. Wer dieselbe will sichtbar,
„scheinlich und begreiflich machen, wie ihr thut, der hat das Herzeleid und
„Heulen zu Lohn, wie ihr auch habt, ohne unsern Willen.“ Dies sind Worte
unsers Vaters Luther an Melanchthon, ich lese diesen Kirchenlehrer mit
ungemeiner Vertraulichkeit, und habe mir vorgenommen alle seine Werke
durchzugehen – weil ich hier nichts anders zu thun habe und nichts beßeres für
mich bey langer Weile zu thun weiß. Mein Gemüth ist Gott Lob! sehr ruhig
und heiter, und in einem Gleichgewicht – – An diesem Gleichgewicht ist mir
aber auch nicht gelegen – –
Freylich, Geliebtester Freund, ist unser Herz der gröste Betrüger, und wehe
dem, der sich auf selbiges verläßt. Diesem gebornen Lügner zum Trotz bleibt
aber Gott doch treu. Unser Herz mag uns wie ein eigennütziger Laban so offt
täuschen als es will; so ist Er größer als unser Herz. Unser Herz mag uns
verdammen und schelten wie es will; ist es denn Gott, daß es uns richten
kann. Ich will diese Materie ein mal für alle mal mit einem Verse schlüßen,
den ich Sonntags mitgesungen:

Hält mir mein Gott die Augen zu
Kann ich nicht weiter sehen
Als was ich gegenwärtig thu (auch das nicht immer)
So laß ichs gern geschehen
Kommt die Vernunft mit ihrer Zunft
In ausgeschmückten Gründen
So muß ich überwinden.

Ich habe D. Funck gestern besucht und ihm einen Gruß von Ihnen
mitgebracht. Er hat mich sehr liebreich aufgenommen, blieb aber nur eine
viertelstunde bey ihm, bat sich aber die Freyheit aus mich bey gelegener Zeit ruffenn zu
lassen. Der junge Baron v. B. hat bey ihm logirt ist aber vor 8 Tage abgereiset.
Wolson hat selbst geschrieben, ich sehe ihn wenig; und lebe so einsam als
möglich. Lauson besucht mich fleißiger und scheint in sich gezogener zu seyn.
Pr. Watson ist auf der letzten Redoute hier in Pedellen Maske erschienen und
hat dabey Gedichte seiner eigenen Muse ausgetheilt.
Viel Glück zu Ihrem neuen Kostgänger! – Ich danke für richtige Bestellung
des aufgetragenen Grußes an Herrn Arend. Die Bedeutung seiner Aufnahme
schickt sich gut zu der Absicht, warum ich es Ihnen aufgetragen. Es ziehen
Wolken zusammen, an Zeichendeutern fehlt es nicht. Man lebt in einer
Erwartung wichtiger Dinge. Gott wolle uns allen gnädig seyn. Dieser Wunsch
geht sie vielleicht so nahe an als uns.
Cramer hat Paßionsreden ausgegeben, deren Absicht ist das ganze Leben
unsers Heilandes als ein beständiges Leiden vorzustellen. Ich habe allein die
erste gelesen und sie nur gestern vom Buchbinder erhalten. Die Abschnitte
derselben waren wie die Theile einer Chrie oder die Übergänge einer Ode in
einander geflochten.
Ich werde mir Hillers System aller Vorbilder von Christo im alten
Testament kaufen. Ein Prediger in Schwaben, dem Gott die Stimme zu seinem
Amt entzogen und der in diesen betrübten Umständen seine Zuflucht zu
Gottes Wort genommen. Das allgemeine in seinem System ist gründlich und
brauchbar, die Gründe davon müsten noch mehr entwickelt werden oder
könnten es seyn, dies würde zu einer beßeren Anwendung v. Beurtheilung seiner
Gedanken dienen. Die Ehrfurcht, die Bescheidenheit und Aufrichtigkeit
machen mir das Herz dieses Schriftstellers schätzbar; er schreibt dabey mit viel
Kürze und Nachdruck. Er hat mich nach des seel. Bengels Schriften neugierig
gemacht, um die ich mich auch bekümmern möchte bey Gelegenheit.
Besorgen Sie nicht, liebster Freund, daß ich mich zum Theologen studieren
werde; ohngeachtet ich gestehen muß, daß ich mich freue, wenn ich hie und da
ein Buch zu meiner Erweckung und zur Erweiterung auch meiner geistl.
Erkentnis ausklauben kann. Ich schone meine Zeit, meine Augen und
Gesundheit so viel ich kann; und weil ich nicht nach meiner jetzigen Verfaßung für
Brot oder den Leib arbeiten darf; so wird die Mühe nicht ganz verloren seyn;
die ich auf Dinge wende, welche in den Augen der Welt für müßige und
unbrauchbare Leute gehören.
Leben Sie wohl, ich umarme Sie herzlich und Ihre wertheste Frau meine
Freundinn. Seyn Sie gesund und zufrieden. Man hat sie für tod und
misvergnügt hier ausgeschrien. Ich habe alle diese Lügen so nachdrückl. als mögl.
wiederlegt indem ich Sie für noch einmal so gesund und glücklich
ausgeschrien, als Sie selbst halten mögen. So muß man Lügen mit Lügen
vertreiben. Es wird mir alle mal lieb seyn, daß meine die Oberhand behalten
mögen. Unter Anwünschung alles was Ihnen nützlich und seelig ist, ersterbe Ihr
aufrichtig treuer Freund
Hamann.

Grüßen Sie Ihre ganze Familie von mir.

Adresse:
à Monsieur / Monsieur Lindner / Maitre des Arts et Recteur / du College
Cathedral de et / à / Riga.


Zuschrift nicht überliefert






geschrieben nicht überliefert






Johann Christoph Berens
, aus St. Petersburg nach Riga


Entschluß mit den Berens zu brechen, Brief Nr. 135 (ZH I 290/2), Brief Nr. 136 (ZH I 291/3)









Brief Luthers vom 29.6.1530 (WA BR 5, S. 406/56–62)








ich lese Der Brief steht in
Rambach, Lutheri Auserlesene erbauliche Kleine Schriften
S. 593–595, ist aber auch in
Seckendorff, Compendium Historiae Ecclesiasticae
abgedruckt (Brief Nr. 136 (ZH I 294/18)), sowie auf Dt. in dessen übers. Neuaufl. Compendium Seckendorfianum.








Laban 1 Mo 29ff.






12. Str. eines in
Lilienthal, Gottesdienst des Singens
gedruckten Kirchenliedes (S. 397)














Matthias Friedrich Watson
; Redoute Maskenball, Pedell Amtsdiener.
Johann Georg Bock
berichtete davon in seinem Manuskript über die Zeit der russischen Besatzung Königsbergs: »Den 4. März als am Sonntage Invocavit wurde eine Redoute im Comödienhause gehalten, wodurch der Sabbath geschändet worden. Ein gewisser Professor, der bereits eine Vocation als Rector hatte, fand sich auch auf der Redoute in einem Kleide ein, wie es die Pedelle bei Solemnitäten tragen. Er hatte ein Scepter in der Hand und ein Packet Schriften unter dem Arme, die er allda austheilte; darunter war ein geschriebener Vers an den Herrn Gouverneur und an die Gräfin von Kayserling. Es wurde ihm aber dieser Auftritt sehr überl ausgelegt.« Gedruckt in Friedrich Schubert, Die Occupation Königsbergs durch die Russen während des siebenjährigen Krieges (Königsberg 1858).





Wolken zusammen Besetzung Ostpreußens durch russische Truppen; am 21. Januar 1758 war Königsberg besetzt worden.






Chrie Sentenz nebst deren weiterer logischer Ausführung


































Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (32).

Bisherige Drucke:
Roth I 345–350.
Paul Konschel, Der junge Hamann (Königsberg 1915), 99–102.
ZH I 296–298, Nr. 137.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
296/26 gewesen noch
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies gewesen [und] noch