PDF  Brief  /  Band
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Riga, 11. April 1753  ZH I, 36
Johann Georg Hamann  →  Johann Christoph Hamann (Vater), Maria Magdalena Hamann (Mutter), Johann Christoph Hamann (Bruder)
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Riga. den 31 Martz/11 April 1753.

Herzlich Geliebteste Eltern,

Ich habe heute angenehme Briefe von Hause bekommen; die Augen
Krankheit meiner lieben Mutter hoffe ich wird schon gehoben seyn. Es thut mir leid
Ihnen ein blindes Schrecken mit einem Geschwür unter dem Arm eingejagt
zu haben; es ist Gott Lob! nichts daraus geworden, v ich befinde mich
übrigens recht gesund. Ich bin gestern auf die Hochzeit als Marschall gewesen; v.
diese Arbeit ist auch vorbey, ohne das Vergnügen genoßen zu haben, das ich
mir dabey vorgestellt. Ich habe diese gantze Nacht nicht geschlafen; weil ich
vermuthen muste zu spät nach Hause zu kommen v hier in der Ruh zu stören,
da sich überdem das jüngste Fräulein schon ein 14 Tage an Fieber krank
befindet: so hatte ich mich die Nacht lieber ausgedungen. Weil die Hochzeit klein
war, so gieng ich, mein Ober Marschall, ein Sachse v. gleichfalls Hofmeister
nebst HErrn Belger, HE. Pantzer zu dem letzteren auf die Stube v vertrieben
uns die Zeit bis 7 Uhr; von da wir unsern Morgenbesuch dem jungen Paar
ablegten v. ein jeder seine Straße gieng. Ich zu meinem Schaaf v jener zu
seinen Böcken. Sie werden einen Brief von mir nächstens mit einem Dantziger
Kauffmann Miltz erhalten, mit dem ich noch ziemlich lustig den letzten Tag
seiner Abreise bey HE. Belger gespeist habe. Den Abend vorher erfuhr ich erst
selbige v. lernte ihn kennen; ich habe daher wenig schreiben können. Sie
werden so gut seyn v den Mann einen Abend oder Mittag aufzunehmen suchen.
Er wird meinen Eltern berichten können, daß ich nach des HErrn Belgers
Urtheil zugenommen haben soll pp
Die Gewißensfragen, die Sie mein lieber Vater aus so einer zärtlichen
Sorgfalt an mich thun, sind eben solche, die ich mir selbst oft genung zu
beantworten suche. Ich bin weder zum Heuchler noch zum ruchlosen geboren.
Ohne mich zu schmäucheln, ich finde einen Beruff v einen Geschmack zur
Tugend in mir, der mich tausend Wollüste in guten Handlungen empfinden
läst, v. mir jede Ausschweifung zum Laster schwürig und eckel macht; so gut
als ich Neigungen an mir erkenne, die übertrieben werden können v. eine gar
zu große Leichtgläubigkeit zu den Versuchungen der Einbildungskraft. Die
Ehrfurcht, die ein Lehrer für seinen Untergebenen haben mus, v. die alle die
Orter, wo dieser sich befindet, gleichsam zu Heiligthümer macht, erhällt mich
in der Achtsamkeit auf mich selbst v auf die Sittenlehre. In ihrem
Schreibebuch steht diese Vorschrift, die zugleich eine für mich ist, von der ich am
ungernsten abweichen möchte:
Die Tugend ist des Lebens werth zu achten
Und wer sie treibt, erfüllt der Vorsicht weises Ziel.
Ihr Stand ist der, wornach die Klugen trachten,
Und Witz ist ohne sie ein leeres Schattenspiel.
Kein Lehrer kann der Welt mit Nachdruck rathen,
Er lehre denn zugleich mit seinen Thaten.
Ich habe meinem Bruder ein Tagebuch meiner Arbeiten versprochen, das ich
ihm nächstens mittheilen will. Endlich habe ich dazu kommen können den
HErrn Karstens zu mir zu bitten. Ich habe einen sehr vergnügten Nachmittag,
so kurz wie er auch war, in seiner Gesellschaft gehabt. Er war so gütig mir
zugleich einen Hamburger mitzubringen, der Hofmeister in seines Herren
Hause ist, den ich mit Vergnügen durch ihn zu meinen Bekannten zählen kann,
weil er ein geschickter Kopf ist. Ehstens will ich meinen Gegenbesuch ablegen.
Sie werden so gut seyn Ihrem Domino Karstens meinen ergebensten v.
freundschaftlichsten Grus zu vermelden. Ich weis weder den Namen des
Fuhrmanns, Geliebteste Eltern noch habe ich den Namen des Apotheker
Gesellen erfahren können, der ihnen diese Briefe mitbringen wird. Er ist ein
Bekannter von Herrn Herling v Herr Belger hat ihm die Bestellung jener aufs
beste empfehlen laßen. Ja, lieber Vater, ich stottere noch, bisweilen sehr,
bisweilen wenig, v. öffters garnicht. Dieser Fehler macht mich in Gesellschafft
zum verschwiegnen v. heimlichen Menschen, hindert mich aber wenig im
Unterricht. Ich glaube aber, daß derselbe andern nicht so beschwerlich ist
als ich es mir einbilde, v ich stottere mehrentheils, wenn ich mich fürchte zu
stottern. An den ehrlichen Nachbar Wagner werde ich mit ersten schreiben;
diese oder künfftige Woche habe ich dazu ausgesetzt mit Fuhrleuten Briefe zu
schicken. Verdingen Sie doch, liebster Vater, mit ihnen dorten; ich fürchte
mich gewaltig für die Unverschämtheit derselben, die mir hier ist unerhört
beschrieben worden. Ein bloßer Brief wird kaum mit einem Ort nach ihrem
Sinn bezahlt. Meine Laute ist nicht im stande sich für das Compliment zu
bedanken. Ich habe sie in 14 Tagen v. drüber weder spielen noch hören können;
weil mir Seyten zum 4ten 5ten cet. fehlen. Ich habe welche gekauft, die ganz
unnatürlich klingen. Herr Reichard hat mich auch nicht gar zu gut versorgt.
Es ist hier ein Secretair Würfel, der viele Stärke in der Musik besitzt, v der
eintzige Lautenspieler in Riga ist. Er hat sich mich auf ein Lauten Gericht
zu sich bitten laßen, ich werde aus Noth ihn beschmausen v zu Gast kommen
müßen v. ihm meine Laute zur Pflege geben. Ich erwarte mit dem äußersten
Verlangen, daß HE. Reichard die versprochene Stücke überschicken wird v.
laß ihn nebst den werthensten Seinigen im voraus aufs beste grüßen. Ein
gleiches thun Sie, liebwertheste Eltern, allen Genoßen v. Freunden unseres
Hauses, Nachbarn v. Nachbarkindern. Ich küße Ihnen 1000 mal die Hände
v. bin Ihr
gehorsamstes Kind.


Lieber Bruder.

Um die gestrige Nacht bin ich in diesem Monat zu kurz gekommen.
Strumpfbänder bekommen die Marschälle hie nicht. Drey junge Cavaliers sind heute
immer oben v unten gelaufen. Ein kleines allerliebstes Fräulein, eine
Schwester des kleinen von Osten hat mich mit zwey jungen Jgfrn von 14 Jahren
besucht. Sie selbst ist 5 Jahre alt; Hände v. Füße haben Einfälle bey ihr. Sie
läst sich von keinem küßen als meinem Baron; die andern bekomen
Maulschellen, ihn rufft sie: mein lieb Budbern – Aus eignem Trieb gab sie seinem
Hofmeister v. Deinem Bruder auch ein Mäulchen. Heute ist Mittwoch v. also
Gesellschaftstag in unsern Hause. Das gelehrte pro memoria in der Sache des
HE. Lauson habe ich durch HErrn Gericke Vorsorge gelesen. Ich habe es mir
in Gedanken recht emphatisch v. nach dem Leben von dem Prof. Bock recitiren
laßen. Schreibart, die Vertheidigung des Staats, die professions
Anmerkungen über die Reime v. bedrängten Zeiten laßen einen nicht viel rathen nach
dem Verfaßer. Lauson kann sich gut vertheidigen, wenn er will.
greg. 11.04.1753






Marschall Brautführer







Pantzer dessen Untermieter




Kauffmann Miltz nicht ermittelt




































Herling nicht ermittelt










Ort bzw. Orth, Name der polnisch-preussischen 18-Groschen-Münze, deren Silbergehalt unter Nominalwert lag, also als schlechtes Zahlungsmittel galt. Wurde teilweise in Königsberg geprägt. (Groschen: Silbermünze [ca. 24. Teil eines Talers] oder Kupfermünze [ca. 90. Teil eines Talers]; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch.)

























pro memoria vmtl. im polem. Schlagabtausch mit
Gotthold Ephraim Lessing
um
Lauson, Versuch in Gedichten






Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (12).

Bisherige Drucke:
Walther Ziesemer: Unbekannte Hamannbriefe. In: Altpreußische Forschungen 18 (1941), 282–284.
ZH I 36–39, Nr. 14.