140
Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner
Königsberg, 31. März 1759
ZH I, 309




S. 310



5




10




15




20




25




30




35


S. 311



5




10




15




20




25




30




35


S. 312



5



Königsberg den 31. März. 1759.

Herzlich geliebtester Freund,

Ich habe meinem Freunde nicht antworten, noch Sie beschweren wollen
sich in fremde Händel einzulaßen. Er will wegen Seiner Geschäfte sich mit mir
einzulaßen verschont seyn und Sie sollen sich ich weis nicht womit in Ansehung
meiner abgeben. Wenn es auf die Wichtigkeit und Menge von Arbeit ankomt;
so weiß ich nicht, wie die Waagschaale ausfallen möchte. Aus sehr vielen
Umständen sehe ich leyder! viel falsche und zweydeutige Schritte, die ich nicht
berechtigt bin ihm vorzuhalten, weil sie mich nichts angehen, und weil diese
Aufrichtigkeit ihn zu sehr aufbringen würde, ohne ihm zu helfen. Ich zittere
für Iihn und Seinen Bruder Karl, daß sie beyde wieder in das Labyrinth
gerathen werden – Wenn ich mir alles erlauben wollte zu schreiben, wie er es
thut; so sollte er ganz andere Briefe von mir lesen; um seiner Beschuldigung,
als wenn ich nichts als declamirte und nach hypothesen schlöße, keine
Nahrung zu geben, muß meine Feder wieder ihren Willen einen ganz andern
Schwung nehmen. Weil mein Brief schlecht geschrieben ist, und er Ihnen den
seinigen anvertraut hat; so ersuche Sie um die große Gefälligkeit denselben
ihm vorzulesen, und wo Sie können ein Exeget zu seyn. Er übertrift mich in
dem Eyfer Gottes, er ist aber ohne Erkenntnis, wie es bey den Juden unter
den Römern war – er will mich der Welt nutzbar und zum Bekehrer der
Freygeister und Libertiner machen pp. Er will meine Religion sichten von
Aberglauben und Schwärmerey – seine Brüder schadlos machen – Welcher
Meskünstler kann alle die radios zählen, die aus einem Punkt gezogen werden
können. Seine Absichten, die er mit mir und seinen beyden ältesten Brüdern
im Sinn hat, sind sehr unter einander verschieden – und alle sehr gut und
löblich. Ich sage ihm aber mit viel Zuversicht zum voraus, daß er mit keinem
seinen Endzweck erreichen wird; wenn er nicht vernünftiger, klüger und
langsamer zu Werk gehen will, wenn er auf nichts als seine Mittel und Absicht
sein Augenmerk richten will pp. Den Beweis davon kann ich nicht führen;
ungeachtet ich viele data davon verstehe – das schickt sich aber nicht für mich
davon zu reden, weil ich nicht Gott bin, und nach meiner Einsicht oder
Gutdünken Dinge einschlagen können; das schickt sich nicht, weil ich ihm als
ein Freund
, und aus allenandern Verhältnißen Achtsamkeit schuldig bin,
auf deren Gränzen ich genauer sehe, als er es mir zutraut. Er aber hat auf
seine vaguen und unbestimmte Absicht so ein Vertrauen, als wenn er ich weiß
nicht wie viel Klafter in sein und anderer Herz sehen könnte, daß seiner
Aufmerksamkeit nichts entwischen müste, als wenn er Herr von seinen eigenen
Leidenschafften und anderer ihren wäre; und eben die Unwißenheit,
Uebersicht, die aus Unstätigkeit, Trägheit, Furcht entsteht – nebst den daraus
folgenden Affekten betrift die Mittel – die Ordnung und den Gebrauch derselben,
ohne der Mittel Hinderniße oder wenigstens nichtig sind. Daß sein Urtheil über
Grobheiten pp die er mir beschuldigt, partheyisch seyn muß, daß ich für jede
Wahrheit am meisten büße und leide, die ich ihm sagen muß und er sich wie ein
galant-homme in kleinen Wendungen und Schelmereyen gegen sein beßer
Wißen und Gewißen mehr erlaubt, so ist es der Wohlstand eines Stutzers
sich an keinen zu binden und an anderer ihrer sich zu ärgern oder lustig zu
machen. – Er kommt also an mir zu kurz, wenn er Antworten auf seine Briefe
erwarten will, nach seiner eigenen hypothese, da er sich voller Geschäfte
angiebt und mich wie einen Müßiggänger ansieht. Ist das wahr, so muß er
vieles übersehen, deßen ich mich zu Nutz machen könnte.
Wundern Sie sich nicht über das Eigene meiner Briefe; es wäre mir
ungl. leichter kürzere und ordentlichere zu schreiben. In allem dem Chaos
meiner Gedanken ist ein Faden, den ein Kenner finden kann, und mein Freund
vor allen erkennen würde, wenn er sie lesen könnte. Ihre Erinnerungen darüber
unterdeßen sollen mir lieb seyn.
Eben besucht uns sein Bruder, der sich hier aufhält. Er gieng des Abends
um 10 von uns und hat das Unglück gehabt von 2 sr Compagnie überfallen
zu werden, die er aber erkannt und heute dafür gestraft worden. Er ist glücklich
entkommen, und ich habe den ganzen Nachmittag mit ihm gestern Domino
gespielt. Heist das nicht seine Zeit beßer anbringen als Journale schreiben.
Ich wünschte ihm Vertrauen zu mir zu geben und ihn von andern
Gesellschafften abzuziehen; weil ich ihn sehr liebe und das beste von ihm hoffe.
Mein Freund weiß vielleicht noch zu wenig was arbeiten und müßiggehen ist,
wie leicht das erstere und schwer das letztere ist, wie wenig man mit seinen
Arbeiten zu pralen und wie stoltz man wie Scipio auf ein otium seyn kann.
Alles was Sie thun können um meinen Freund in Ansehung meiner zu
beruhigen, thun Sie aus Liebe für uns beyde. Wenn ich keine andere Ursache
habe wieder nach Riga zurück zu kommen; so wird mich die Noth – wie aus
Engl. – wieder zurück treiben. Wer kann bey den jetzigen Umständen für
seinen Weinberg sicher seyn, und welcher Kluge wird jetzt wie Elias zu
Gehasi sagte, an Weinberge und große Dinge denken. Ich lebe hier übrigens
in meines Vaters Hause sehr zufrieden. Eben erhalte Einschluß von meinem
Bruder. Was macht der ehrliche Junge? Melden Sie mir doch etwas von ihm.
Er ist nicht recht gesund, nicht recht zufrieden. Ich werde ihm in 8 Tagen erst
antworten. Laß ihn zufrieden seyn, beten und arbeiten, und ein Beyspiel von
Ihnen nehmen. Ich bin jetzt nicht im stande ihm zu antworten, durch seinen
Brief aber unruhig gemacht. Laß ihn doch auf Gott vertrauen – und die ganze
Welt auslachen.
HE. Watson wird eine öffentl. Abschieds Rede hier halten vor seiner
Abreise, auf Befehl Ihro Exc. des HE Gouv. HE Trescho hat 2 Hofmeister;
er wollte an Sie schreiben, hat aber nichts geschickt. Ich muß alles
unterdrücken, was ich Ihnen noch zu melden hatte, weil ich darinn gestört worden.
HE Wagner wird alles besorgen. Mein Vater grüst Sie auf das herzlichste.
Fr. Hartungen hat Verlöbnis gehabt vorigen Sonntag. Laß den Doctor in
Gottes Namen herüberkommen. Ich sollte nicht meynen, daß es ihm gereuen
wird. Ich umarme Sie und Ihre liebe Marianne nebst nochmal. Gruß von
meinem Alten auch den jungen Sergeanten. Meinen Bruder bitte nicht zu
vergeßen. Leben Sie wohl und lieben mich.












von den Berens ist kein Brief überliefert










radios Halbmesser eines Kreises












vaguen vage






























Cic. off.
3,1,1







Einschluß nicht überliefert. Einen Brief unter Einschluss, per couvert, versenden: den Brief einer Sendung an eine dritte Person beilegen, welche diesen dann weitergibt.








HE Gouv.[erneur]
Nikolaus Friedrich v. Korff
, Gouverneur der russ. Besatzung von Königsberg




Hartungen vmtl. die Witwe des 1756 verstorbenen Buchhändlers
Johann Heinrich Hartung
.





Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (34).

Bisherige Drucke:
Roth I 366–367.
ZH I 309–312, Nr. 140.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
310/30 vaguen
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies vague
311/28 Elias
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies Elisa