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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Bruder)
Königsberg, 31. März 1759
ZH I, 312




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Königsberg. den 31. März 1759.

Herzlich lieber Bruder,

Dein Brief macht mich unruhig. Ich kann die Ursache davon nicht verstehen,
Erkläre mir selbige und schütte Dein ganzes Herz gegen mich aus, wenn Du
Dich meines Raths bedienen kannst und willst – Du siehst zu viel auf
Nebendinge. Vertraue Gott, und ob es Dir gleich sauer wird mit Deinem Ackerwerk
und Pfluge, so laß es Dir nicht verdrüßen. Das ist Dein Wille gewesen, da
Du ein Amt gesucht und Gottes Ordnung im Schweiß Deines Angesichts.
Ich habe Dich immer gewarnt, Dich nicht zu überhäufen – wenn Du und
auch Menschen und die liebsten haßen sollten, so müßen wir nichts gegen unser
Gewißen thun, und die Leuchte deßelben muß Gottes Wort seyn. Wie lange
hast Du gearbeitet und Du siehst schon auf Belohnung. – – Ich schäme mich
dieser Stelle in Deinem Briefe; bitte doch Gott, daß er Dich mit Seinem guten
Geist regiere und führe. Lerne doch durch anderer Erfahrung klug werden. Du
hast einen Feind mehr wie ich. Es fehlt Dir nicht an Hochmuth, so vergraben
er auch unter der Asche bey Dir liegt; aber denke daß der Geitz, die Liebe des
Goldes und dergl. Kleinigkeiten, eine Wurzel alles Uebels sey. Gieb auf gar
zu merkl. Ausbrüche deßelben Acht, so viel kann Vernunft und Klugheit thun,
ja so viel sollte Dich Dein Eigennutz selbst lehren. Das Herz, das Innere
davon zu läutern ist allein Gottes Werk.
Was könnte meine Gegenwart Dir helfen, wenn ich auch da wäre. Sind
Dir die Stunden so überlästig, die Du aus Liebe zu mir übernommen hast.
Weiß ich, ob ich wiederkommen werde. Kann ich nicht eher als mein Vater
sterben? Gott Lob! Der befindt sich sehr leidlich. Mit P. Carius werde
abmachen; und Du kannst es abrechnen. Die Peruque kostet doch 3 Thrl. Alb.
Melde mir doch, ob Du meines Freundes Briefe an mich gelesen. Man ist
sehr neugierig meine Antwort zu lesen; man wird sich sehr betrogen finden.
Wenn ich nicht einen Gott glaubte, ohne deßen Willen kein Sperling vom
Dache fällt, der unsere Thränen uns versprochen selbst abzuwischen und sich
nicht schämt den Seinigen die Füße zu waschen – wie würde ich ohne diesen
Glauben fortkommen. Ich würde hundert thörichte Dinge anfangen, mich
irre machen und dem großen Haufen auf der großen Straße nachlaufen –
jetzt bin ich ruhig, erwarte was mir Gott noch auflegen will und hoffe, daß
er mir die Last jeden Tages wird tragen helfen. Was willst Du für Dich selbst
thun? hast Du nicht Zeit gehabt für Dich selbst zu arbeiten und nichts gethan.
Seinem Nächsten aus Liebe gegen Gott dienen, wenn auch Zeit, Ehre, Geld
und Gut darüber untergehen sollte – – das heißt für sich selbst arbeiten; weil
unser Lohn alsdenn groß seyn wird.
Unser lieber Vater verlangt sehr nach Deine Briefe. Du weist am besten,
wie er sich sonst meine ehmals gewünscht hat. Vergiß ihn doch nicht – Erkläre
Dich näher oder laß mir mehr Zufriedenheit in Deinen Briefen finden. Gott
sey Dir und uns allen gnädig. Ich empfehle Dich Seiner Obhut und der
Regierung Seines guten Geistes. Danke Gott, daß Du arbeiten kannst, und
daß er Dich brauchen will zu Seinen Lämmern um Dich dadurch zu Seinen
Schaafen geschickter zu machen. Einen herzlichen Gruß von unserm lieben
Vater. Ich umarme Dich und ersterbe Dein treuer Bruder v Freund.

Adresse mit Rest vom roten Lacksiegel J. G. H.:
à Monsieur / Monsieur Hamann / mon très cher Frere / à / Riga


Brief nicht überliefert






















Thrl. Alb. Albertsreichsthaler, 1616 in den Niederlanden eingeführt, im 18. Jhd. zeitweise auch in Preußen und Dänemark geprägt; wichtiges internationales Zahlungsmittel im Ostseeraum



Sperling Mt 10,29ff.


waschen Joh 13,5




















Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (54).

Bisherige Drucke:
Roth I 364–365.
ZH I 312–313, Nr. 141.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
312/18 wenn Du und
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies wohl wenn Du uns  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): wenn Du uns conj.