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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Bruder)
Königsberg, April 1759
ZH I, 313




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Mein lieber Bruder,

Gott schenke Dir Gesundheit und Kräfte zu Deinem Beruf. Sey in
Ansehung meiner in keiner Verlegenheit. Gott wird es wohl machen. Ich
wünschte, Dein ganzes Vertrauen zu haben, sey nicht zurückhaltend noch
scheu gegen mich. Alles was Dich angeht, wird zugl. meine Freude und Sorge
seyn. Ich bin Gott Lob! leidlich gesund, den jungen Berens habe zu meinem
großen Vergnügen gestern bey uns gehabt. Ich wünschte, daß er den ganzen
Sommer hier bleiben könnte; und habe noch viel Hofnung von ihm. Unser
alte Vater befindt sich Gott Lob! erträgl. Zöpfel aber sehr krank, und in
Gefahr. Gott helf ihn! Ich habe gestern Abend ein neu Trauerspiel: Philotas
gelesen und heute schon Wagner gebeten es für den HE Rector beyzulegen.
Ein wunderschön Ding! Er wird es Dir und meinem Freunde B. mittheilen.
An Hauskreutz fehlt es unserm lieben Alten nicht; deswegen freue ich mich,
daß ich hie bin und bitte Gott um Klugheit und Gedult für Ihn so wohl als
mich. Gestern waren uns. beyde Leute als beseßen – heute wieder außerordentl.
manierl. Was für ein ungl. und wetterwendisch Geschöpf ist der Mensch –
ich und Du – der kluge wie tum, und der tumme wie gescheid. Die beyden
Seiten von einer Tapete können nicht so ungl. einander wegsehen als die
Leidenschaften unsers Herzens und ihr Gewebe in unsern Handlungen. Jeder
von unsern Entschlüßen kommt auf eine wunderbare Art zur Welt als die
Erzeugung v Geburt des Menschen ist – auch von jenem heist es: im
verborgenen, in der Erde gebildet – Wir wollten diese Woche unsere Andacht
halten. Gott gebe uns diese nächste Woche Glück und Seegen dazu. Ich trug
jetzt eben einem Bettler sein Gebühr entgegen, der mir dafür das Evangelium
von der wunderbaren Speisung vorlas. Der Schluß davon heist: er entwich
beyseit alleine.
Melde mir doch, wenn Du etwas vom HE. Doctor in Mitau und s. Bruder
in Grünhof erfährst; und schreibe uns bald. Ich umarme Dich aufs herzlichste,
und bitte Deinen lieben Wirth nebst Seinem ganzen Hause aufs zärtlichste zu
grüßen. Verschweige mir Deine beyläufige Gedanken über vorfallende
Umstände nicht. Ich habe an HE Karl geschrieben, und werde bey ein wenig mehr
Muße an meinen Freund kurz oder lang, lustig oder ernsthaft, heulend oder
pfeifend antworten. Lebe wohl, vergiß mich nicht, habe im Gedächtnis Jesum
Christum den gekreutzigten – Bruder, Vater, Freund, Weiberliebe alles flüßet
in Ihm zusammen – Kramers Paßionsreden sind bisweilen unser Abendbuch
– Etwas zu viel vom Schulredner und Schulgelehrten. Die übrigen Abende
ersetzen jetzt die Zeitungen die Karten. Du übersetzst – Dein Thun und Laßen
seegne Gott! Ich ersterbe Dein treuer Bruder und Freund.

Adresse mit Rest von rotem Lacksiegel:
à Monsieur / Monsieur Hamann / mon Frere / à Riga. / par faveur.






























geschrieben nicht überliefert






Thun ... aus der 3. Str. des Liedes »Nun Gott Lob, es ist vollbracht« von Hartmann Schenck (1634–1681).





Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (55).

Bisherige Drucke:
Roth I 367–368.
ZH I 313–314, Nr. 142.