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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Bruder)
Königsberg, 5. Mai 1759
ZH I, 330

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Königsb. den 5 May. 1759.

Herzlich geliebtester Bruder,

Deine Briefe haben mir ungemeine Zufriedenheit gegeben, da ich
Deinetwegen eine Zeit lang recht schwermüthig gewesen; und in Schulzens Garten
gestern an Dich am meisten gedacht. Wie ich zu Hause kam wurde ich von
meinem Vater mit einer Nachricht von Dir erfreuet. Gott laße den Tisch des
Herren an Deiner Seele geseegnet seyn und Deinen Glauben an Liebe und
guten Werken – die in Gott geschehen, fruchtbar seyn. Er wird Dir
Gesundheit, Eyfer und Weisheit schenken, und will Dich an Erfahrung, Gedult und
Hofnung reich machen. Zu Deinem bevorstehenden Examine wünsche ich Dir
herzlich Glück. Wenn Du eine Rede zu halten hast; so rede so, daß Dich die
Kinder verstehen können; und siehe mehr auf die Eindrücke, die Du ihnen
mittheilen kannst als den Beyfall gelehrter und witziger Maulaffen. Du nennst
Deine Arbeit ein Joch – Es ist ein köstlich Ding einem Manne, daß er das Joch
in seiner Jugend trage. pp. Thren. III. Vielleicht hättest Du die Erinnerung
Deines und meines Lehrmeisters, Beichtvaters und Vormundes nicht so
bald vergeßen sollen; Dich ja nicht im Anfange mit Arbeit zu überhäufen.
Ich weiß, und habe es gewußt, wie viel ich Dir an Hänschen schon
aufgegeben, und die hätte Dich etwas entschuldigen können. Doch alles muß uns
zum Besten dienen, wenn wir nur unsere Fehler erkennen, und auf Gott uns
verlaßen, der andere und uns regiert, und ihnen und uns öfters den Zügel schießen
läßt – nicht uns zu stürzen, sondern Ehre an unserer Schwachheit einzulegen.
Wo ist Madame B. hingezogen? Vergiß nicht meinen ergebensten Empfehl
an beyderseits zu vermelden. Daß HE. Christ. an mich nicht denkt, ist mir ein
Gefallen. Er wird schon wieder an mich denken, wenn es Zeit ist. Für Deine
Aufmunterung danke herzlich – Gott Lob! ich bin sehr ruhig und zufrieden,
und habe die besten Tage. Meinem Vater ist ein Sohn zur Seite
unentbehrlich und es würde ein Fluch für mich seyn, wenn ich jetzt an etwas anders als
an ihn denken wollte.
Ich werde meine Briefe mit der Zeit so nutzbar als mögl. für Dich
einzurichten suchen; und es soll Dir an Auszügen nicht fehlen. Ich wollte heute
etwas an HE. Mag. abschicken; es ist nicht gar zu beqvem. Für Dich habe
nichts gefunden – ich erwarte aber mit der Meße etwas das ich bestellt und
Dir zugedacht. Ich sage es Dir zum voraus, damit Du nicht meynst, daß ich
Dich vergeße, und für andere mehr sorge als für meinen Bruder. Willst
Du etwas haben; so melde mir. 6 Unterhemde sind hier für Dich gemacht; an
feiner Wäsche wird es Dir nicht fehlen, weil hier noch viele ganze Stücke
feiner Leinwand von uns. seel. Mutter liegen. Noch haben wir beyde eben
nicht nöthig. Das Silberzeug ist nicht rathsam, weil Du es nicht aufheben
kannst. Der St. Omer ist schlecht und Du hast an Deinen Lübecker wie ich
hoffe noch einen Spediteur. Wo nicht; und Du willst, so melde mir. An
Büchern will ich Dir nicht erst was schicken, da Du ohnedem alles brauchen
kannst, was der HE Mag. bekommt. In der Historie könnte ich noch eine
Tabelle beylegen, die Du in der Schule anschlagen, oder auf Pappe geklebt,
brauchen könntest. Von Kleist werde ein neues Gedicht beylegen, das zu den
übrigen Werken von ihm, die bey Dir oder mir sind, gehört. Das übrige wird
an HE. Mag. und B. seyn, dem noch ein Paar franzosische Bücher, die hier
liegen geblieben, zukommen.
Der junge Kade besuchte mich vorigen Sonntag und brachte den Spectator
zu Hause. Wo hast Du Mancini Reden gelaßen aus dem ital. übersetzt. HE.
Trescho hat mir schon einige mal darnach gefragt – Er besucht mich heute mit
dem jungen v. Korm. HE M. Brief an Scheffner habe ihm abgegeben heute;
er ist aufs Land gereist und Secret. bey dem Prinzen v. Holstein, Herzog
Michel genannt. Ist das Gespräch eines Dumocalaners nicht hier gewesen –
hast Du es ausgeliehen – it. die Brandenburg. Denkwürdigkeiten? Für
Lilienth. 3. Theil habe Sorge getragen aber noch nicht erhalten. Marpurgers
Journal habe hefften und werde bey Gelegenheit continuiren laßen. Bitte den
HE. M. daß er HE. B. erinnert die 2 ersten Stücke der Danziger Beyträge
nicht zu verwerfen, weil ich die Continuation davon hier habe biß No. 50.
und fortsetzen werde. Das Musikale
Der jüngste und mittlere L. sind wie Du. Schreibe doch an HE. Trescho
bey erster müßigen Stunde; weil ich sein guter Freund hier bin, und mir viel
von Deinem Umgange mit ihm weiß gemacht.
Baut HE A. B.? Wenn Baßa gewiß Johann sein Haus verläßt, so laß ihn
kein anderes wählen als das Vertrauen zu ihm hat, und ihn schätzen und
vergelten kann. Ich denke selbst an ihn zu schreiben, vertrete meine Stelle und
erzeige ihm alle Gefälligkeit, die Du im stande bist.
Du machst Compl. mein lieber Bruder, wegen der 11 fl. und beschwerst
Dich doch in Ansehung des Postgeldes. Warum hat die Frau Consistor.
Räthin Deinen Brief einschließen müßen, wo fr. Mummel aufgestanden.
Ich habe Bassa eine Kleinigkeit vorgeschoßen, denkt er daran, so nimm das
Geld; hat er es vergeßen
, so habe ich es auch vergeßen und Du.
HE. B. hat meinen letzten Brief nicht beantwortet, und thut recht klug daran.
Der letzte an unsern Freund L. wird auch einige Bewegungen bey ihm machen.
Sie mögen ausbrechen, wozu sie wollen; so bin ich gefaßt dazu. Er wird
verurtheilt, heist es von dem Gerechten; aber der Herr verdammt ihn nicht.
Ψ 37. Kehre Dich an nichts, gehe Deinen Weg fort; und siehe meine
Angelegenheiten v Verbindungen als fremde Dinge lieber an, ehe Du Dich
darüber beunruhigen oder Dich selbst irre machen solltest. Ich denke an Loths
Weib; und werde nicht zurück sehen.
Vom Sergeanten habe nichts erfahren, und werde mich auch nicht so leicht
darum bekümmern. Sapienti sat. Laß ihn seine Runde laufen, dies müßen
wir alle, biß sich Gott unserer erbarmt. Wenn alte Leute sich recht kennten,
so würden sie nicht über Kinder die Schultern zucken.
Jgfr. Degner läßt Dich vielmals grüßen. Zöpfel ist völlig wieder gesund
und ist ohne Frucht krank und wieder dem Tode nahe gewesen. So werden
wir härter, anstatt weich zu werden. Wohlthaten und Züchtigungen
verderben und verstocken uns wechselweise. Lieschen kommt eine Stunde des
Abends zu mir, oder vielmehr eine viertelstunde um lesen zu lernen.
Der vorige blanke Brief ohne Aufschrift ist an den HE. Mag. gewesen,
nicht an den Herrn Doctor. Entschuldige mich doch deswegen bey dem
ersteren.
Wenn Du etwas zu bestellen hast, mein lieber Bruder, so melde mir mit
der ersten Post. Ich umarme Dich herzlich unter den zärtlichsten Wünschen
alles Geistl. und leiblichen Guten. Meine freundschaftl. Grüße an HE. Mag.
und Deine gütige Frau Wirthinn. Ich ersterbe Dein treuer Bruder und Freund
Joh. Georg Hamann.


Briefe nicht überliefert







Examine an der Rigaer Domschule





Thren. Thrēnī = Klagelieder; Klgl 3,27







1 Kor 15,43 u.ö.

Madame B. vmtl.
Catharina Berens






























Prinzen v. Holstein nicht ermittelt





Danziger Beyträge
, No. 50 erschien Ende 1758






Johann[is] 21. Juni




fl. Groschen (Silbermünze [ca. 24. Teil eines Talers] oder Kupfermünze [ca. 90. Teil eines Talers]; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch)

Frau ... die Mutter Lindners




Brief nicht überliefert















Lieschen Zöpfel










Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (56).

Bisherige Drucke:
Roth I 383–384.
ZH I 330–332, Nr. 144.