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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Bruder)
vmtl. Juni 1759
ZH I, 346


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Mein lieber Bruder,

Weil du glaubst, daß ich Zeit genung zum Schreiben übrig habe: so soll es
meine Pflicht seyn, mich Deiner guten Meynung an meiner Muße, so viel ich
kann, zu beqvemen. Wir haben uns herzlich über Deine letzte Nachrichten
von Deiner Gesundheit gefreut, die uns so willkommen waren als ein
Jahrmarktsgeschenk. Gott erhalte Dich, und laße es Dir an keinem Guten
fehlen! Er lehre Dich die Welt brauchen, daß Du derselben nicht misbrauchst,
weil das, was in unsern Augen als das Wesen derselben aussieht, das
Alter einer Mode, Fashion sagt der Engländer, aushält. Unsere Vernunft
kann sich gleichwol, wie unser Auge an einem gewißen Zuschnitt der Kleider
gewöhnen.
Es ist mir lieb, daß ich Dir was nützliches an der historischen Tabelle
geschickt. Ich ziehe Vernets Historie noch immer vor und wünschte, wenn Du
mit Hänschen selbige vornehmen könntest. Mir gefällt nicht, daß Du S sie
mit conjugiren qvälst, sie und Dich selbst. Denn die Arbeit, die ein Lehrer dem
Schüler macht, fällt immer auf den ersteren wieder zurück. Warte mit dem
Conjugiren biß sie schreiben kann, und dann wird sie mit mehr Gründlichkeit,
Leichtigkeit und Lust lernen; indem Du ihr zugleich die Etymologie der
temporum sinnlicher machen kannst, und die characteristic der
Endungsarten, der Personen pp. Du willst aber nichts von dem anwenden, was man
Dir an die Hand giebt, sondern bleibst auf dem Gleise den andere gehen und
der Dir schon bekannt ist; und bist so wohl zu furchtsam als zu schläfrich nähere
Wege zu gehen versuchen. Ist das Buchstabierbüchlein von Dir eingeführt
worden? Deine Schüler werden Dich immer nachahmen, und nichts recht
lernen wollen, weil Du sie nicht recht lehren willst. – Du bist so geheim mit
Deinen Schulsachen gegen mich, als wenn es Staatsgeschäfte wären, oder
als wenn Du Deinen Kindern durch Dein Beyspiel hierinn vorgehen wolltest
nicht aus der Schule zu schwatzen. Wenn Du von der Wichtigkeit Deines
Amtes recht eingenommen wärest; würde diese Lust und die Idee davon nicht in
hundert Kleinigkeiten hervorbrechen, in Fragen, Anmerkungen,
Beobachtungen. Eine Leidenschaft zu einem Gegenstande verräth sich bald; sie sucht
sich wie Galathe zu zeigen, ehe sie Apfel wirft, sie verräth sich selbst durch ihr
Verstecken, und spottet über ihr eigen Winkel und Buschspiel. Du wirst doch
wohl Deine Schule mit andern Augen ansehen können, wie ich die Londener
Börse, auf der ich mehr die Menschen und Bildsäulen bewunderte als um die
Kaufleute bekümmerte, und mich wie Demosthenes beym Geräusch der
Wellen übte englisch mit mir Selbst zu reden.
Wenn es Dir ängstlich fällt als ein Lehrer Deine Stunden anzuwenden, so
gehe als ein Schüler in die Claße und siehe Deine Unmündige als lauter
Collaboratores an, die Dich unterrichten wollen, gehe mit einem Vorrath von
Fragen unter ihrem Haufen, die sie Dir beantworten sollen: So wirst Du die
Ungedult der Wißbegierde beym Anfange Deiner Lection in Dir fühlen, und
das Nachdenken eines solchen Schülers mit Dir nach Hause bringen, der eine
ganze Gesellschaft von Lehrern auf einmal vergleichen und übersehen kann.
Werden Dich Deine Kinder als einen solchen Schüler selbst erkennen; so
werden sie sich bald nach deinem Muster bilden, und dieser Betrug wird sie
bald geneigt machen sich in einen Wettstreit mit Dir einzulaßen. Die gröste
Vortheile sind allemal von Deiner Seite. Du bist der älteste unter ihnen, und
einen Kopf höher. Du kannst mehr lernen wie Sie, weil Du so viele Lehrer
hast, die Du gegen einander halten kannst.
Wer von Kindern nichts lernen will, der handelt tumm und ungerecht
gegen sie, wenn er verlangt, daß sie von ihm lernen sollen. Kannst Du sie
durch Dein Wißen nicht aufblähen, desto mehr Glück für Sie und Dich, wenn
sie durch Deine Liebe erbaut werden.
Je mehr Du mir Muße zutraust, mein lieber Bruder, desto genauer werde
ich auf Deine Unterlaßungsfehler seyn. Der hundertäugige Argus war ein
Mensch ohne Geschäfte, wie sein Name ausweiset. Es ist daher kein Ruhm,
daß ein Zuschauer von einigen Dingen beßer urtheilen kann als die sie unter
Händen haben; und keine Schande für diese, ihre Handgriffe nach den
Beobachtungen eines Müßiggängers zu verbeßern.
Nur Leute, die zu arbeiten wißen, kennen das Geschenk der Ruhe, diese
Gabe, diese Einsetzung, diese Nachahmung des Schöpfers. Die leersten Köpfe
haben die geläufigste Zunge, und die fruchtbarste Feder. Man darf nur eine
allgemeine Kenntnis der Gesellschaften und Bibliotheken haben, um zu wißen,
wer am meisten zu reden und zu schreiben gewohnt ist.
Glückliche Compilatores zu seyn; darinn besteht das Verdienst eines
Bayle und Montesquieu, und Homer soll selbst einer gewesen seyn, nach der
Meynung der besten Kunstrichter
Dixeris egregie, notum si callida verbum
Reddideret punctum nouum – –
Eine schlaue Verbindung von Wort und Wort, Redensart und Redensart,
Begebenheit und Vergleichung, Empfindungen und Urtheile – Erlangt man
dadurch die Unsterblichkeit, und muß der Endzweck nicht an Mitteln gemäß
seyn, beyde eitel und thöricht.
Und doch fällt es uns wie muthwilligen Kindern so schwer still zu sitzen.
Verleugnen wir nicht dadurch den Rang, den uns Gott angewiesen und machen
uns zu Lastträgern und Gibeoniten seines Staats, die wir Herren, Zuschauer
und Aufseher der Schöpfung seyn sollten.



Nachrichten nicht überliefert














Etymologie In Grammatiken des 18. Jhds. wird darunter überwiegend noch das verstanden, was heute als Morphologie bezeichnet wird.














Verg. ecl.
, 3,64f.: »malo me Galatea petit, lasciva puella, / et fugit ad salices et se cupit ante videri«, »Äpfel wirft Galatea nach mir, das lockere Mädchen, / Flüchtet ins Weidengebüsch und wär nur zu gern noch gesehen.«




Plut. vit.
, Demosthenes 11; vgl.
Hamann, Gedanken über meinen Lebenslauf
, LS S. 337




















u.a.
Ov. met.
I, 625; die etymolog. Spekulation bezieht sich auf griech. ἀργός: ungetan, unbearbeitet, müßig, faul; auch in Zedlers Universallexikon zu finden, Bd. 2, Sp. 1329: »ein fauler nichtswürdig. Mensch«. Ebenso
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 63/39, ED S. 21.












siehe bspw.
Gottsched, Versuch einer Critischen Dichtkunst
, S. 13, Anm. 59 u. 60 zu
Hor. ars
47f.: »wirst du Besonderes sagen, wenn eine vermitzte Verbindung aus einem bekannten Wort ein neues gemacht hat.«











Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (69).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, II 7–11.
ZH I 346–348, Nr. 147.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
347/35 Reddideret punctum
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies Reddiderit iunctura  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): Reddiderit iunctura
348/1 an
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies wohl den statt an