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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater), Maria Magdalena Hamann (Mutter), Johann Christoph Hamann (Bruder)
Riga, 19. April 1753
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ZH I, 39



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Riga Am grünen Donerstage 1753.

Herzlich Geliebteste Eltern,

Ich bin durch eine gütige Gewohnheit, die Sie haben Ihre Briefe zu
franciren bey dem letztern nicht wenig beunruhiget worden; v es hätte nicht viel
gefehlet, so hatte ich sie nicht für Briefe von Hause erkannt. Mein Kerl, den
ich auf die Post geschickt hatte, kam zurück v brachte mir die Antwort, daß
man 8 Dütchen dafür forderte. Ich wolte mich dazu nicht entschlüßen, weil
ich von der Ordnung im Postwesen nicht das beste hier gehört hatte, v weil ich
ein wenig verwöhnt worden war v. mir Briefe aus einem andern Ort
vorstellte. HE. Belger schickte mir unterdeßen selbige zu, weil ich ihn hatte bitten
laßen selbige sie mir zuzustellen. Ich kannte die Hand v machte mir hundert
Ursachen ehe ich ihn erbrach, warum er nur bis Mümmel francirt war, biß ich
endlich von der Hand meiner lieben Eltern nichts fand. Ich mußte selbst über
die Unruhe lachen, die mir diese Kleinigkeit gemacht hat, v ich habe sie Ihnen
daher mittheilen wollen, liebste Eltern, daß Sie mich auch ein wenig
auslachen sollen. Denken Sie unterdeßen nicht, daß ich die Absicht habe Ihre
Briefe durch diese kleine Geschichte mir inskünftige immer frey zu machen.
Ich glaube das Vergnügen etwas von den Meinigen zu lesen nicht theuer
genung bezahlen zu können. Sie werden unterdeßen auch meine geschwinde
Zuschrifft durch den Dantziger-Züchner oder Krämer erhalten. Er handelt mit
Leinwand oder andern Kleinigkeiten, mit welchen Waaren man hier sehr viel
soll verdienen können. Der HE. Regierungs Rath von Kampenhausen hat mir
die Ehre eines langen Besuchs auf der Schule gegeben; v. ich will die Absicht
v den Inhalt deßelben mit ehsten berichten. Vorigen Sonntag habe ich ihn mit
dem jungen Baron Vormittags besuchen müßen; er war so gnädig uns seine
Tafel anzubieten v er hätte uns auch schwerlich weggelaßen, wenn wir nicht
selbst zu Hause nicht Gäste gehabt hätten. Heute wollen wir seinen den
jungen Herrn von Kampenhausen unsere Aufwartung zusammen machen, ein
Kind von 7 Jahren, das aber viel Munterkeit besitzt v so viel schon wie ein
kleiner Magister redt.
Die Frau Baronin ließ heute frühe den jungen Herrn unten ruffen v mich
ersuchen, wenn ich nach Königsberg schriebe mich um den Preis eines Lies ℔
1.) geschließener Federn v. 2.) Daunen zu erkundigen. Wenn Sie so gütig seyn
wolten mir einen kleinen Zedel mit dem ersten Briefe einzulegen, auf den der
Preis von beiden geschrieben wäre, auch eine kleine Nachricht von den Sorten
derselben; ich glaube wohl, daß es feine v. grobe Daunen giebt.
Die Mad. Belger hat einen Speckkuchen gebackt, von dem sie mir auch
einige Schnitte zuschickte. Ich schickte für die jüngste Fräulein auch etwas
unten, die das Fieber bisher gehabt hat. Er war aber nicht gerathen v hat doch
gut genung geschmeckt wie ich gehört habe. Ich v. der HE. Pastor Blank haben
einmal gescherzt uns von meiner lieben Mutter einen zu verschreiben, weil
man hier auch eine Art Speckkuchen hat, die den Namen in der That führen,
aber nicht sonderlich nach meinem Geschmack sind. [Ein] klein Recept von
diesem Kuchen wollte ich mir wohl bey Gelegenheit für die [W]irthschaft
meines lieben Nachbars ausbitten.
Der liebe Gott laße Sie die Feyertage in seiner Ruhe v. in guter
Gesundheit endigen [was ich] insbesondere meiner lieben Mutter erbitten will, die
noch unpäslich ist. Ich v. mein [junger] Baron haben heute unsere Kirche zu
Hause aus dem Saurin halten müßen, v wir [haben] eben eine schöne
Abtheilung von denen Weißagungen der großen Erlösung des Menschl.
Geschlechts [geha]bt. Ich empfinde nicht selten das hohe v. liebenswürdige in
der Religion selbst, mit dem ich ihn zu rühren suche, v ich glaube, daß man
am glücklichsten mit eigener Ueberzeugung andere lehren kann.
Ich habe lange nicht eine Zeile von meiner lieben Mutter gesehen; wird Sie
mir nicht bald schreiben können? Gott gebe Ihnen alles das Gute, das für
Sie erbittet Ihr gehorsamster Sohn.
Johann George.


Liebes Brüderchen,

Wenn Du meinen letzten Brief für 6 juristische Punkte schiltest, so möchte
ich bald in Ernst einige gravamina wieder den Deinigen aufsetzen. Du schreibst
mir nicht das allergeringste wie meine Freunde meine Briefe aufgenommen,
v ob sie mir antworten werden. HE. Lauson hat doch wohl verstanden, daß
ich mit ihm gescherzt habe. Du schreibst mir nicht, wo mein Vater hingefahren
ist, ob meine Mutter bettlägerig ist; du hast nicht einmal einen Gruß von der
letztern mir gemacht. Ich glaube ganz gewiß, daß sie mich lieb genung hat
denselben nicht vergeßen zu haben. Ich weiß, daß der Abt Bernis Gesandter pp
ist; du schreibst mir aber nicht, wo du die Satire herhast, noch ob sie gedruckt
oder nur geschrieben ist. Du betrügst Dich sehr, wenn du den Abt Bernis für
den Verfaßer hältst; wenn du sie verstanden hast, so hättest du sie auch von
selbst für eine Satire auf den Abt v auf den gantzen frantzoischen Hof
beurtheilen können. Schreib mir doch, wo du sie herhast, du must sie aus einer
Handschrift haben, die ein wenig schlecht geschrieben gewesen ist. Nimm mir
nicht übel, Herzensbrüderchen, es sind viele Schreibfehler darinn, die du von
selbst hättest corrigiren können, v die mehr aus Unwißenheit der Sprache als
Nachläßigkeit herzukommen scheinen. de mentez z. E. ist ein bekanntes Wort
das zusammen gehört. Ich will dich entschuldigen, v glauben, daß ich im Engl.
jetzt von dir so viel möchte lernen können als ich dich im frantzoischen corigirt
habe. Du wirst diese kleine Erinnerungen mit einer brüderl. Freundschaft
aufnehmen, v es solte mir leid thun, wenn du über meine Freyheit ein wenig
empfindlich seyn soltest. Ich erkenne die Dienste, die du mir mit dieser kleinen
Schrift gethan hast, v die ich mir noch inskünftige verspreche, gar zu sehr, als
daß ich es mit dir verderben solte. Um dir zu sagen, was du mir mit diesem
Hirtenbrief für einen Gefallen gethan hast, will ich nichts mehr melden, als
daß ich ihn wohl 5 mal nach einander durchgelesen habe; v daß ich den
Nachmittag gleich HE. Gericke zu mir bitten lies, der sich gleichfalls dafür gegen
Dich bedanken läst; Er läst dich recht sehr ersuchen den 4ten Theil von
Lilienthal mit beizulegen. Ich bin gestern Abend sehr vergnügt mit ihn gewesen.
Meine Eltern läst er gleichfalls ergebenst grüßen. Ist der Boehmische Catal.
schon gedruckt? Er möchte ihn gerne haben. HE. Pastor Blank, an dem ich
einen rechtschaffenen Freund habe, hat mich gleichfalls ersucht, wenn ich etwas
bekäme, auch einige Bücher für ihn zu verschreiben. Ich glaube gewiß, daß
Dir dergl. Commissiones v. meinen Eltern einige Unruhe machen, v. dir nichts
einbringen, lieber Bruder. Es thut mir selbst leid, daß ich meine gute Freunde
hier auf andere Rechnung dienen soll. Du kannst aber gewiß glauben, daß ich
selbige auf beßere Zeiten anschreiben werde. Der Buchladen ist Dir auf die
Nähe; v. mein lieber Vater wird so gut seyn auch das Geld unterdeßen
vorzuschießen. HE. Pastor hat die halbe Fracht auf sich genommen. Ich wolte
ihm gerne ein Geschenk mit den Memoires machen; er hat mir dies halb zu
verstehen gegeben. Hüner mag ich für ihn nicht wie der vorige Hofmeister
einkaufen. Schreibe mir, ob nicht eine Hand Edition ausgekommen frantzoisch
nemlich, wo die Zueignungsschrift dafür steht. Man mag so uneigennützig
seyn wie man will; so ist es doch gewiß, daß die Freundschaft sich durch
Gegendienste erhällt, v. gestärkt wird. Das Geld von dem HE. Pastor möchte ich
wohl schwerlich so gleich auszahlen können. Wenn ich hier noch in Riga bin;
so muß er erst die Rechnung haben, eh er mir solches überschicken kann. Und
bin ich wieder auf Kegeln; so versteht es sich ohnedem, daß ich es erst nach
Riga schicken muß, ehe es nach Königsberg kann befördert werden. Mit Wißen
v. Willen soll mein Vater nicht Schaden leiden; v ich habe nicht einmal Recht
das Gute, das er mir noch thut, von ihm zu fordern. Ich glaube, daß ich alle
diese Achtsamkeiten mit Dir nicht einmal nöthig hätte; da du von Rechts wegen
mich auswendig kennen soltest, wie der Konig von Frankr. die Marq. pp. Sie
sind gar zu empfindlich.. sagte der HE. von Kampenhausen zu mir. Doch noch
ein paar Commissiones! Leg mir des Ulrichs Sendschreiben auf des
Völkersams Abreise bei, ich glaube, daß er mit anderm Kalbe gepflügt hat. v. vergis
nicht die Lettres au public; wenn es möglich ist. Der 1. Theil der
Hamburgischen Beiträge zu den Werken des Witzes [v der] Sittenlehre kosten mir 1 fl.
So viel werde ich auch noch von dem meinigen mißen können. Die Fortsetzung
soll [mein] junger Herr halten; der heute zum erstenmal von selbst die
Aufmerksamkeit gehabt hatte meine li[eben Eltern] v. dich grüßen zu laßen. Noch
eins. Ich glaube, Du hast nicht so viel Recht Dich über meine kurzen Briefe
zubeschwe[ren. Eine] leedige Seite habe ich diesmal bezahlen müßen. HE.
Gericke hat mir den Rath gegeben deinen Brief wieder retou[r gehen zu]
laßen v. von dir auch die andere voll zu fordern. Meiner Eltern v. Freunde
Briefe werden auch für [Dich...] gelt seyn. Ich kann ja nicht an jeden daßelbe
wird schreiben; v. das versprochene will ich halten. Noch einmal ◦    ◦
Dank für des Bernis Hirten Brief! Er verdient, daß du ihn abgeschrieben v
daß ich ihn besitze. Ich schreibe gew ◦    ◦ eignen Fuhrmann. Lebe wohl v.
liebe Deinen aufrichtigen v. ehrl. Bruder, wie er dich liebt. Grüße M ◦    ◦ .
Empfiehl mich auf das ergebenste dem HE. v. Charmois. Ich will ihn
schreiben, sobald ich kann. Ich habe diese Woche ein Rhabarber Pulver
eingenommen. Der natürl. Stuhlgang erfolgte erst wieder Gewohnheit des Abends
◦    ◦ Kräfte etwas verloren. Ich befinde mich aber ◦    ◦ dar ◦    ◦
greg. 19.04.1753






Dütchen Münze, 3-Groschen-Stück (Groschen: Silbermünze [ca. 24. Teil eines Talers] oder Kupfermünze [ca. 90. Teil eines Talers]; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch)





Mümmel Memel, heute Klaipėda [55° 42′ N, 21° 8′ O]








Züchner vll. Leinenweber












Lies Ließ-Pfund (6,3 kg)

geschließener Federn schließen: die Fahne in kleinen Flöckchen vom Halm abziehen.




























gravamina Einwände




























vll. ein Katalog des Leipziger Buchhändlers Adam Friedrich Böhme























Marq. Madame de Pompadour, vgl.
Bernis, Lettre pastorale





fl. Groschen (Silbermünze [ca. 24. Teil eines Talers] oder Kupfermünze [ca. 90. Teil eines Talers]; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch), hier wohl 18-Groschen-Stück

















Provenienz:
Unvollständig überliefert. Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (13).

Bisherige Drucke:
Karl Hermann Gildemeister (Hg.): Johann Georg Hamann’s, des Magus im Norden, Leben und Schriften. 6 Bde. Gotha 1857–1868, I 41–42.
ZH I 39–42, Nr. 15.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
42/28 wird schreiben
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies wieder statt wird  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): wieder schreiben