153
Johann Georg Hamann → Immanuel Kant
27. Juli 1759
ZH I, 373




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den 27. Julii. 1759.

HöchstzuEhrender Herr Magister,

Ich lege es Ihnen nicht zur Last, daß Sie mein Nebenbuler sind, und Ihren
neuen Freund ganze Wochen genüßen, unterdeßen er sich nur bey mir auf
wenige zerstreute Stunden wie ein LuftErscheinung oder vielmehr wie ein
schlauer Kundschafter sich sehen läßt. Ihrem Freunde aber werde ich diese
Beleidigung nachtragen, daß er sich unterstanden Sie in meine Einsiedlerey
Selbst einzuführen; und daß er mich nicht nur der Versuchung, Ihnen meine
Empfindlichkeit, Rache und Eyfersucht merken zu laßen, sondern Sie so gar
dieser Gefahr ausgesetzt, einem Menschen so nahe zu kommen, dem die
Krankheit seiner Leidenschaften eine Stärke zu denken und zu empfinden giebt, die
ein Gesunder nicht besitzt. – Dies wollte ich Ihrem Buler ins Ohr sagen,
als ich Ihnen für die Ehre Ihres ersten Besuchs dankte.
Sind Sie Socrates und will Ihr Freund Alcibiades seyn: so haben Sie zu
Ihrem Unterricht die Stimme eines Genii nöthig. Und diese Rolle gebührt
mir, ohne daß ich mir den Verdacht des Stoltzes dadurch zuziehe – Ein
Schauspieler legt seine Königliche Maske, seinen Gang und seine Sprache auf
Steltzen ab; so bald er den Schauplatz verläst – Erlauben Sie mir also, daß
ich so lange Genius heißen und als ein Genius aus einer Wolke mit Ihnen
reden kann, als ich Zeit zu diesem Brief nöthig haben werde. Soll ich als ein
Genius aber reden, so bitte ich mir wenigstens die Gedult und die
Aufmerksamkeit aus, womit ein Erlauchtes, Schönes, Witziges und Gelehrtes
Publicum jüngst die Abschiedsrede eines Irrdischen über die Scherben einer alten
Urne, auf der man mit Mühe die Buchstaben BIBLIOTEK entziffern konnte,
überhorchte. Es war ein Project schöne Leiber denken zu lehren. Das kann nur
ein Socrates, und kein Herzog, keine Landstände werden durch die Kraft Ihres
obrigkeitl. Berufs und Vollmacht ihrer Wahl einen Watson zum genie
crei
ren.
Ich schreibe episch, weil Sie die lyrische Sprache noch nicht lesen können.
Ein epischer Autor ist ein Geschichtschreiber der seltenen Geschöpfe und ihres
noch seltenern Lebenslaufes; der lyrische ist der Geschichtschreiber des
Menschl. Herzens. Die Selbsterkenntnis ist die schwerste und höchste, die
leichteste und ecke[l]hafteste NaturGeschichte, Philosophie und Poesie. Es ist
angenehm und nützlich eine Seite des Pope zu übersetzen – zu einer in die
Fibern des Gehirnes und des Herzens – Eitelkeit und Fluch hingegen einen
Theil der Encyclopedie durchzublättern. Ich bin noch gestern Abend mit der
Arbeit fertig geworden, die Sie mir in Vorschlag gebracht. Der Artikel über
das Schöne ist ein Geschwätz und Auszug von Hutchinson. Der von der
Kunst ist seichter also süßer als das Gespräch des Engl. über nichts als ein
Wort. Bliebe also noch einziger übrig, der würklich eine Uebersetzung
verdiente. Er handelt von dem Schaarwerk und Gehorcharbeitern. Jeder
verständige Leser meines Heldenbriefes wird die Mühe derjenigen aus der
Erfahrung kennen, über solche Leute gesetzt zu seyn, aber auch das Mitleiden mit
allen Gehorcharbeitern haben, was der Verfaßer meines Artikels mit ihnen
hat, und die Misbräuche zu verbeßern suchen, wodurch es ihnen unmöglich
gemacht wird gute Gehorcharbeiter zu seyn. Weil ich aber selbst keiner zu
werden Lust habe, und sein Amt von der Art auf der Welt verwalte, wo ich
von der Laune dererjenigen, die unter mir sind, abhangen darf: so wird dieser
Artikel Uebersetzer genung antreffen, die einen Beruf dazu haben. Ein Mann
von der Welt, der die Kunst Visiten zu machen versteht, wird immer einen
guten Intendant über entreprisen abgeben.
Auf unsern lieben Vetter wiederzukommen. Aus Neigung können Sie
diesen alten Mann nicht lieben; aus Eitelkeit oder Eigennutz. Sie hätten ihn
kennen sollen zu meiner Zeit, da ich ihn liebte. Damals dachte er wie Sie,
höchstzuEhrender Herr Magister, über das Recht der Natur, er kannte nichts
als großmüthige Neigungen in Sich Selbst und Mir.
Sie treffen es, diese schielende Verachtung ist noch ein Rest von Liebe gegen
Ihn. Laßen Sie sich warnen und mich der Sappho nachgirren
At Vos erronem tellure remittite nostrum
Nisiades matres, Nisiaedesque nurus.
Neu vos decipiant blandae mendacia linguae
Quae dicit Vobis, dixerat ante mihi.

Ich glaube, Ihr Umgang ist noch unschuldig, und Sie vertreiben sich bloß die
langen Sommer und August Abende. Können Sie mir nicht die Verwirrung
und die Schaam eines Mädchen ansehen, das ihre Ehre ihrem Freunde
aufgeopfert, und der mit meinen Schwachheiten und Blößen, aus denen ich
ihm unter vier Augen kein Geheimnis gemacht, seine Gesellschaften von gutem
Ton unterhält.
Frankreich, das Hofleben und sein jetziger Umgang mit lauter Calvinisten
sind an allem Unglücke schuld. Er liebt das Menschliche Geschlecht wie der
Franzmann das Frauenzimmer, zu seinem bloßen Selbstgenuß und auf
Rechnung Ihrer Tugend und Ehre. In der Freundschaft, wie in der Liebe,
verwirft er alle Geheimniße. Das heißt den Gott der Freundschaft gar
leugnen, und wenn der Ovid, sein Leibdichter, ad amicam corruptam schreibt, ist
er noch zärtlich genung, ihr die Vertraulichkeit eines Dritten vorzurücken über
Ihre LiebesHändel
Haec tibi sunt mecum, mihi sunt communia tecum
In bona cur quisquam tertius ista venit.
Daß er anders denkt als er redet, anders schreibt als er redt, werde ich bey
Gelegenheit eines Spatzierganges Ihnen einmal näher entdecken können.
Gestern sollte alles öffentlich seyn, und in seinem letzten Billet doux schrieb er
mir: „Ich bitte mir aus, daß Sie von alle dem, was ich Ihnen als ein
„redlicher Freund schreibe, nicht den geringsten Misbrauch zu unserm Gelächter
„machen – Unsere HausSachen gehen Sie gar nichts mehr an – wir leben
„hier ruhig, vergnügt, menschlich und christlich.“ Ich habe mich an diese
Bedingung so ängstlich gehalten, daß ich mir über unschuldige Worte die mir
entfahren und die keiner verstehen konnte, ein Gewißen gemacht. Jetzt soll
alles öffentlich seyn. Ich halte mich aber an Seine Handschrift.
Es wird zu keiner Erklärung unter uns kommen. Es schickt sich nicht für
mich, daß ich mich rechtfertige. Weil ich mich nicht rechtfertigen kann, ohne
meine Richter zu verdammen, und dies sind die liebsten Freunde, die ich auf
der Welt habe.
Wenn ich mich rechtfertigen sollte; so müste ich beweisen,
1. daß mein Freund eine falsche Erkenntnis Seiner Selbst hat,
2. eben so falsch von einenm jedenm seiner nächsten beurtheilt,
3. eine falsche von mir gehabt und noch hat
4. die Sache unter uns, im Gantzen und ihrem Zusammenhange, ganz
unrichtig und einseitig beurtheilt.
5. von demjenigen weder Begrif noch Empfindung hat, was ich und Er
bisher gethan und noch thun.
Daß ich ihn in dem übersehen kann, was ich weiß und nicht weiß, daß er
gethan und noch thut, weil ich alle die Grundsätze und Triebfedern kenne, nach
denen er handelt, da er nach seinem eigenen Geständnis, aus meinen Worten
und Handlungen nicht klug werden kann. Dies muß Ihnen als eine Prahlerey
vorkommen, und geht gleichwol nach dem Lauf der Dinge ganz natürlich zu.
Ich bin noch zu bescheiden, und kann ganz sicher gegen einen staarichten mit
meinen triefenden rothen Augen prahlen.
Gegen die Arbeit und Mühe, die ich mir gemacht, würde es also eine
Kleinigkeit seyn, mich loßgesprochen zu sehen. Aber unschuldig zum Giftbecher
verdammt zu werden! so denken alle Xantippen, alle Sophisten – Socrates
umgekehrt; weil ihm mehr um sein Gewißen der Unschuld, als den Preiß
derselben, die Erhaltung seines Lebens, zu thun war.
An einer solchen Apologie mag ich aberlso nicht denken. Der Gott, den
ich diene, und den Spötter für Wolken, für Nebel, für vapeurs und
Hypochondrie ansehen wird nicht mit Bocks- und Kälberblut versöhnt; sonst wollte
ich bald mit dem Beweis fertig werden, daß die Vernunft und der Witz Ihres
Freundes wie meine, ein geil Kalb und sein gutes Herz mit seinen edlen
Absichten ein Widder mit Hörnern ist.
Was Ihr Freund nicht glaubt, geht mich so wenig an, als ihn, was ich
glaube. Hierüber sind wir also geschiedene Leute, und die Rede bleibt bloß von
Geschäften. Eine ganze Welt von schönen und tiefsinnigen Geistern, wenn sie
lauter Morgensterne und Lucifers wären, kann hierüber weder Richter noch
Kenner seyn, und ist nicht das Publicum eines lyrischen Dichters, der über
den Beyfall seiner Epopee lächelt, und zu ihrem Tadel still schweigt.
Peter der Große war vom Olymp eingeweyht, die schöne Natur anderer
Nationen in einigen Kleinigkeiten an seinem Volk nachzuahmen. Wird man aber
durch ein geschoren Kinn jünger? Ein bloß sinnlich Urtheil ist keine Wahrheit.
Der Unterthan eines despotischen Staats, sagt Montesquieu, muß nicht
wißen was gut und böse ist. Fürchten soll er sich, als wenn sein Fürst ein Gott
wäre, der Leib und Seele stürzen könnte in die Hölle. Hat er Einsichten, so ist
er ein tummer unglückl. Unterthan für seinen Staat; hat er Tugend, so
ist er ein Thor sich selbige merken zu laßen.
Ein Patricius einer griechischen Republick durfte in keinen Verbindungen
mit dem Persischen Hofe stehen, wenn er nicht als ein Verräther seines
Vaterlandes verwiesen werden sollte.
Schicken sich denn die Gesetze der Ueberwundenen für die Eroberer? Der
Unterthan ist durch selbige unterdrückt worden? Gönnst Du ein gleiches
Schicksal Deinen Mitbürgern?
Abraham ist unser Vater – – Wir arbeiten nach Peters Entwurf? wie der
Magistrat eines kleinen Freystaats in Italien Commercium und Publicum
lallen gelernt hat – Thut eures Vaters Werke, versteht das was ihr redet,
wendet eure Erkenntnis recht an und setzt euer Ach! am rechten Ort. Durch
Wahrheiten thut man mehr Schaden als durch Irrthümern, wenn wir einen
wiedersinnigen Gebrauch von den ersten machen, und die letzten durch
routine oder Glück zu modificiren wißen. Wie mancher Orthodox zum Teufel
fahren kann, trotz der Wahrheit, und mancher Ketzer in den Himmel kommt,
trotz dem Bann der herrschenden Kirche oder des Publici.
In wie weit der Mensch in die Ordnung der Welt würken kann, ist eine
Aufgabe für Sie; an die man sich aber nicht eher wagen muß, biß man
versteht, wie unsere Seele in das System der kleinen Welt würket. Ob nicht
harmonia praestabilita wenigstens ein glücklicher Zeichen dieses Wunders
ist, als influxus physicus den Begrif davon ausdrückt, mögen Sie entscheiden.
Unterdeßen ist es mir lieb, daß ich daraus abnehmen kann, daß die Calvinische
Kirche unsern Freund so wenig zu ihren Anhänger zu machen im stande ist,
als die lutherische.
Diese Einfälle sind nichts als Äpfel, die ich wie Galathe werfe um ihren
Liebhaber zu necken. Um Wahrheit ist mir so wenig als Ihrem Freunde zu
thun; ich glaube wie Socrates alles, was der andere glaubt – und geh nur
darauf aus, andere in ihrem Glauben zu stöhren. Dies muste der weise Mann
thun, weil er mit Sophisten umgeben war, und Priestern, deren gesunde
Vernunft
und gute Werke in der Einbildung bestanden. Es giebt eingebildte
gesunde und ehrliche Leute, wie es malades imaginaires giebt.
Wenn Sie aus den Recensionen des Herrn B. und meinem Schreiben
mich beurtheilen wollen: so ist dies ein so unphilosophisch Urtheil als Luther
aus einer Brochure an den Herzog von Wolfenbüttel von Kopf zu Fuß
übersehen wollen.
Der eines andern Vernunft mehr glaubt als seiner eigenen; hört auf ein
Mensch zu seyn und hat den ersten Rang unter das seruum pecus der
Nachahmer. Auch das größte menschliche genie sollte uns zu schlecht dazu seyn.
Natur, sagt Batteux, man muß kein Spinosist in schönen Künsten noch
StaatsSachen seyn.
Spinoza führte einen unschuldigen Wandel, im Nachdenken zu
furchtsam; wenn er weiter gegangen wäre, so hätte er alle Wahrheit beßer
eingekleidet. Er war unbehutsam in seinen Zeitverkürzungen, und hielt sich zu
viel bey Spinneweben auf; dieser Geschmack verräth sich in seiner
Denkungsart, die nur klein Ungeziefer verwickeln kann.
Was sind die Archive aller Könige – und aller Jahrhunderte – Wenn einige
Zeilen aus diesem großen Fragment, einige Sonnenstäubchen von diesem
Chaos im stande sind uns Erkenntnis und Macht zu geben. Wie glücklich ist
der, welcher das Archiv desjenigen, der die Herzen aller Könige wie
Wasserbäche leiten kann, täglich besuchen kann, den seine wunderbare Haushaltung,
die Gesetze seines Reichs pp nicht umsonst einzuschauen gelüstet. Ein
pragmatischer Schriftsteller sagt davon: Die Rechte des Herrn sind köstlicher denn
Gold, und viel – fein – Gold, süßer denn Honig und des Honigseims
tröpfelnde Faden. – Das Gesetz Deines Mundes sind mir viel lieber denn
viel 1000 Stück Gold und Silber. – Ich bin gelehrter, denn alle meine Lehrer,
denn Deine Zeugniße sind meine Rede – Ich bin klüger denn die Alten, denn
ich halte – Du machst mich mit Deinem Gebot weiser denn meine Feinde
sind; denn es ist ewiglich mein Schatz.
Was meynen Sie von diesem System? Ich will meine Nächsten um mich
glücklich machen. Ein reicher Kaufmann ist glücklich. Daß Sie reich werden
können, dazu gehören Einsichten und moralische Tugenden.
In meinem mimischen Styl herrscht eine strengere Logic und eine
geleimtere Verbindung als in den Begriffen lebhafter Köpfe. Ihre Ideen sind wie die
spielende Farben eines gewäßerten Seidenzeuges, sagt Pope.
Diesen Augenblick bin ich ein Leviathan, der Monarch oder der erste
Staatsminister des Oceans, von deßen Othem Ebbe und Fluth abhängt. Den
nächsten Augenblick sehe ich mich als einen Wallfisch an, den Gott geschaffen hat,
wie der gröste Dichter sagt, in dem Meere zu scherzen.
Ich muß beynahe über die Wahl eines Philosophen zu dem Endzweck
eine Sinnesänderung in mir hervor zu bringen, lachen. Ich sehe die beste
Demonstration, wie ein vernünftig Mädchen einen Liebesbrief, und eine
Baumgartsche Erklärung wie eine witzige Fleurette an.
Man hat mir gräuliche Lügen aufgebürdet, HöchstzuEhrender Herr
Magister. Weil Sie viele Reisebeschreibungen gelesen habe[n], so weiß ich nicht, ob
Sie dadurch leichtgläubig oder ungläubich geworden sind. Die Urheber
derselben vergebe[n] ist, weil sie es unwißend thun und wie ein comischer Held
Prose reden ohne es zu wißen. Lügen ist die Muttersprache unserer
Vernunft und Witzes.
Man muß nicht glauben, was man sieht – geschweige was man hört. –
Wenn zwey Menschen in einer verschiedenen Lage sich befinden, müßen Sie
niemals über ihre sinnliche Eindrücke streiten. Ein Wächter auf einer
Sternenwarte kann einem in dritten Stockwerk viel erzählen. Dieser muß nicht so
tum seyn und ihm seine gesunde Augen absprechen, komm herunter: so wirst Du
überzeugt seyn, daß Du nichts gesehen hast. Ein Mann in einer tiefen Grube,
worinn kein Waßer ist, kann am hellen Mittag Sterne sehen. Der andere auf
der Oberfläche leugnet die Sterne nicht – er kann aber nichts als den Herrn
des Tages sehen. Weil der Mond der Erde näher ist, als der Sonne: so
erzählen Sie Ihrem Monde Mährchen von der Ehre Gottes. Es ist Gottes
Ehre, eine Sache verbergen: aber der Könige Ehre ist eine Sache erforschen.
Wie man den Baum an den Früchten erkennt: so weiß ich daß ich ein
Prophet bin aus dem Schicksal, das ich mit allen Zeugen theile, gelästert verfolgt
und verachtet zu werden.
Ich will auf einmal, Mein Herr Magister! Ihnen die Hofnung benehmen
sich über gewiße Dinge mit mir einzulaßen, die ich beßer beurtheilen kann wie
Sie, weil ich mehr data darüber weiß, mich auf facta gründe, und meine
Autoren nicht aus Journalen sondern aus mühsamer und täglicher Hin und
Herwälzung derselben kenne; nicht Auszüge sondern die Acten selbst gelesen
habe, worinn des Königs Interesse sowohl als des Landes debattirt wird.
Jedes Thier hat im denken und schreiben seinen Gang. Der eine geht in
Sätzen und Bogen wie eine Heuschrecke; der andere in einer
zusammenhängenden Verbindung wie eine Blindschleiche im Fahrgleise, der Sicherheit
wegen, die sein Bau nöthig haben soll. Der eine gerade, der andere krumm.
Nach Hogarts System ist die Schlangenlinie das Element aller malerischen
Schönheiten; wie ich es aus der Vignette des Titelblattes gelesen habe.
Der attische Philosoph, Hume, hat den Glauben nöthig, wenn er ein Ey
eßen und ein Glas Waßer trinken soll. Er sagt: Moses, das Gesetz der
Vernunft, auf das sich der Philosoph beruft, verdammt ihn. Die Vernunft ist
euch nicht dazu gegeben, dadurch weise zu werden, sondern eure Thorheit und
Unwißenheit zu erkennen; wie das Mosaische Gesetz den Juden nicht sie
gerecht zu machen, sondern ihnen ihre Sünden sündlicher. Wenn er den
Glauben zum Eßen und Trinken nöthig hat: wozu verleugnet er sein eigen
Principium, wenn er über höhere Dinge, als das sinnliche Eßen und Trinken urtheilt.
Durch die Gewohnheit etwas zu erklären – Die Gewohnheit ist ein
zusammengesetzt Ding, das aus Monaden besteht. Die Gewohnheit heist die
andere Natur und ist in ihren Phoenomenis eben so räthselhaft als die Natur
selbst, die sie nachahmt.
Wenn Hume nur aufrichtig wäre, sich selbst gleichförmig – Aller seiner
Fehler ungeachtet ist er wie Saul unter den Propheten. Ich will ihnen eine
Stelle abschreiben, die ihnen beweisen soll, daß man im Scherz und ohn sein
Wißen und Willen die Wahrheit predigen kann, wenn man auch der gröste
Zweifler wäre und wie die Schlange über das zweifeln wollte, was Gott sagt. Hier
ist sie: „Die christl. Religion ist nicht nur mit Wunderwerken am Anfange
„begleitet gewesen, sondern sie kann auch selbst heut zu Tage von keiner
vernünftigen Person ohne ein Wunderwerk geglaubt werden. Die bloße
„Vernunft ist nicht zureichend uns von der Wahrheit derselben zu überzeugen, und
„wer immer durch den Glauben bewogen wird derselben Beyfall zu geben, der
„ist sich in seiner eigenen Person eines beständig fortgesetzten
„ununterbrochenen
Wunderwerkes bewust, welche alle Grundsätze seines
„Verstandes umkehrt und demselben eine Bestimmung giebt das zu glauben, was
„der Gewohnheit und Erfahrung am meisten zuwieder und entgegen ist.“
Bitten Sie Ihren Freund, daß es sich für Ihn am wenigsten schickt über
die Brille meiner ästhetischen Einbildungskraft zu lachen, weil ich mit selbiger
die blöden Augen meiner Vernunft wafnen muß.
Ein zärtlicher Liebhaber läßt sich bey dem Bruche einer Intrigue niemals
seine Unkosten gereuen. Wenn also vielleicht nach dem neuen NaturRecht
alter Leute die Rede vom Gelde wäre: so sagen Sie ihm, daß ich jetzt nichts
habe, und selbst von meines Vaters Gnade leben muß; daß ihm aber alles als
eigen gehört, was mir Gott geben will – wornach ich aber nicht trachte, weil
ich sonst den Seegen des vierten Gebots darüber verlieren könnte. Wenn ich
sterben sollte: so will ich ihm obeninn meinen Leichnam vermachen, an dem
er sich wie Egyptier pfänden kann, wie in dem angenehmen Happelio
Griechenlands, dem Herodot, geschrieben stehen soll.
Das leirische der lyrischen Dichtkunst ist das Tireli der Nach Lerche. Wenn ich
wie eine Nachtigall schlagen könnte; so muß sie wenigstens an den Vögeln
Kunstrichter haben, die immer singen, und mit ihrem unaufhörlichen Fleiß prahlen.
Sie wißen, HochzuEhrender Herr Magister, daß die Genii Flügel haben und
daß das Rauschen derselben dem Klatschen desr Menge gleich kommt.
Wenn sich über Gott mit Anmuth und Stärke spotten läßet; warum soll
man mit Götzen nicht sein Kurzweil treiben können. Mutter Lyse singt:
Die falschen Götzen macht zu spott
Ein Philosoph sieht aber auf die Dichter, Liebhaber und Projecktmacher,
wie ein Mensch auf einen Affen, mit Lust und Mitleiden.
Sobald sich die Menschen verstehen einander können Sie arbeiten. Der die
Sprachen verwirrte – und die Schemata des Stoltzes aus Liebe und
politischen Absichten, zum Besten der Bevölkerung, wie ein Menschenfreund strafte
– vereinigte sie an dem Tage, da man Menschen mit feurigen Zungen als
Köpfe berauscht vom süßen Wein lästerte. Die Wahrheit wollte sich von
Straßenräubern nicht zunahe kommen laßen, sie trug Kleid auf Kleid, daß man
zweifelte ihren Leib zu finden. Wie erschracken [sie], da sie ihren Willen hatten
und das schreckl. Gespenst, die Wahrheit, vor sich sahen.
Ich werde diesen Brief ehstes Tags in Person abholen kommen.













Platos lehrreiches Gespräch von der menschlichen Natur
, enthält den ersten pseudo-platonischen Alkibiades-Dialog. Vgl. Brief Nr. 157 (ZH I 399/5)



Schauspieler ... Steltzen ab vgl.
Shaftesbury, Characteristicks of Men
, sensus communis, nach Hs. Übers. (Königsberger Notizbuch, N IV S. 161): »Denn ohne Witz und Scherz kann die Vernunft nicht auf die Probe gesetzt oder erkannt werden. Der Ton eines Lehrers und der Schulmeister Stoltz verlangt Ehrerbietung und Furcht. Es ist von öffentlichen und bewundernswürdigen Nutzen, die Gemüther in einer gewissen Entfernung, in der man nicht erreicht werden kann, zu erhalten. Die andere Art hingegen giebt den rechten Angriff und erlaubt vom Gegner seine ganze Stärke bey jeden Grund in diesem Handgemenge zu brauchen. / Mann kann sich nicht vorstellen, wie viel Vortheil der Leser davon hat, wenn er auf diese Art sich mit einem Schriftsteller einlassen kann, der bereit ist, sich mit ihm auf einen schönen Schauplatz einzulassen und die Steltzen eines Trauerspiels mit einem leichteren und natürlichen Gang und Tracht verwechseln will. Geberden und Ton thun dem Betrug mächtige Hülfe. Und manches Meisterstück des Schulwitzes hält die Probe eines ernsthaften Gesichts aus, das einem aufgeheiterten nicht zu nahe kommen darf.« Vgl. Brief Nr. 153 (ZH I 380/21)


Wolke Offb 1,7;
Aristoph. Nub.
, V. 316–318: »Sokrates: Aber nein, sondern himmlische Wolken sind sie, große Göttinnen müßigen Denkern, / Weil sie Erkenntnisvermögen und Argumentieren und Scharfsinn uns geben / Und verblüffende Rede, Umschreibung der Worte und Widerlegung und Spannung.«




Watson, Regungen der Ehrfurcht und Dankbarkeit
, vgl. Brief Nr. 143 (ZH I 326/8), Brief Nr. 140 (ZH I 311/37); Kant war bei der Abschiedszeremonie Watsons wahrscheinlich anwesend. Die »Redoute« wurde wahrscheinlich vom russischen Gouverneur Korff veranstaltet.


Leiber hier Ironie für essentialistische Ästhetik, vgl.
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 68/8, ED S. 34f.

kein Herzog ... Das erinnert an die Kritik Lessings an
Lauson, Versuch in Gedichten
, und damit an der Königsberger Dichter-Clique, zu der auch Watson gehörte (Berlinische privilegierte Zeitung, 36. St., 24.3.1753): »Königsberg prangt jezo mit einem Dichter, welcher in dem vorigen Jahrhundert zu Nürrenberg ein großer Geist hätte seyn können.«




seltenen Geschöpfe vll. Umschreibung von ›Held/heros‹, da etwa auch bei Zedler (Bd. 12, Sp. 1215) das Außerordentliche betont wird, auch bezogen auf die körperliche Konstitution, womit ein Bogen zu den ›schönen Leibern‹ gespannt wäre. J. A. Schlegel macht in
Batteux, Les Beaux Arts réduits à un même principe
, Kap. »Von dem Wunderbaren der Poesie, besonders der Epopee« (S. 431), den Versuch, das Wunderbare weltlich zu definieren, im Sinne des Seltenen, Besonderen.


Selbsterkenntnis vgl.
Hamann, Brocken
, LS S. 408

leichteste vll. im Sinne von flüchtig

Pope An der Qualität der Dichtung Popes schieden sich die Geister der Kritik; mit der Kennzeichnung als »angenehm und nützlich« ist auf das Urteil, es handle sich um Verstandes-Dichtung, angespielt. J. J. Duschs Übersetzung der Verse Popes in Prosa –
The works of Alexander Pope
– wurde mehrenteils kritisiert (neben der sonstigen Schwächen derselben), so etwa von M. Mendelssohn in der Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste (Bd. 4, 1. St., S. 500ff.; Bd. 4, 2. St., S. 627ff.), und von Lessing im 2. der Briefe die neueste Litteratur betreffend. In der nicht eingereichten Akademie-Antwort dieser beiden (
Lessing, Pope ein Metaphysiker!
) ist die philosophische Qualität der Dichtung Popes untersucht, mit dem Schluss, statt eines metaphysischen Systems (geschweige denn eines gefährlichen á la Spinoza) habe er »vielmehr – und dieses ist es, was ich bereits oben, gleichsam a priori, aus dem, was ein Dichter in solchen Fällen thun muß, erwiesen habe, – – bloß die schönsten und sinnlichsten Ausdrücke aus jedem System geborgt, ohne sich um ihre Richtigkeit zu bekümmern.« (S. 46)
angenehm und nützlich Anspielung auf
Hor. ars
333f.

Fibern des Gehirnes die nach
Kant, Allgemeine Naturgeschichte
(S. 182), wie alles Stoffliche als träge und grob zu charakterisieren sind.

H. sollte Artikel aus der Encyclopédie übersetzen. Vgl. Brief Nr. 77 (ZH I 204/34)


das Schöne Encyclopédie, Bd. 2, S. 169ff., s.v. »beau«
Hutchinson Gemeint ist Francis Hutcheson; mit
Hutcheson, Inquiry into the Original of our Ideas of Beauty and Virtue
setzt sich Diderot im Artikel »beau« (Encyclopédie, Bd. 2, S. 169ff.) auseinander, einen essentialistischen Begriff vom Schönen wie Hutcheson favorisierend, nicht jedoch die Annahme von so etwas wie einem ›Inneren Sinn‹ dafür.



Schaarwerk ... Encyclopédie, Bd. 4, S. 280ff., s.v. »corvée«, Verf.:
Antoine-Gaspard Boucher d’Argis
und
Nicolas-Antoine Boulanger
. Hamann hatte den Artikel schon zur Zeit der Abfassung von
Hamann, Beylage zu Dangeuil
(1756) gekannt (N IV S. 232/52).

Heldenbriefes Anspielend auf eine im 17. Jhd. bspw. von Daniel Casper von Lohenstein und Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau gepflegte Gattung der Elegie in Anlehnung an die vermeintl. Ovidischen Epistulae Heroidum: fiktive Briefe von mythischen Frauen an ihre abwesenden Männer. Vgl. Brief Nr. 169 (ZH I 446/25).







Mann von der Welt gemeint ist wohl
Johann Christoph Berens




alten Mann wiederum Berens






nach
Ov. epist.
, Sappho an Phaon, V. 53–56: »o vos erronem tellure remittite vestra, / Nisiades matres Nisiadesque nurus, / nec vos decipiant blandae mendacia linguae! / quae dicit vobis, dixerat ante mihi.« – »Oh, ihr Mütter und Töchter des Nisus, weist den Vagabunden aus eurem Lande und lasst euch von den Lügen seiner schmeichelnden Zunge nicht blenden! Was er euch sagt, das sagte er vorher zu mir!«










Frankreich Berens war zu Studien in Paris gewesen (1754).








Ov. epist.
, 2. Buch, V. 31f.: »Das gehört dir mit mir zusammen, gemeinsames Gut ist’s. / Warum drängt sich nun hier irgendein Dritter hinein?«




Billet doux als ganzes nicht überliefert







Handschrift Wortlaut des Briefes


















staarichten vom grauen Star verdunkelt




Xantippen Chr. A. Heumann meinte, um die Weisheit des Sokrates zu beweisen, auch seinen Hausstand, und eben auch Xanthippe, als weise bzw. tugendhaft zeigen zu müssen:
Heumann, Acta Philosophorum
, 1. St., Kap. »Ehren-Rettung der Xanthippe« (S. 103ff.). Das Argument ist: Sie litt mit dem unschuldigen Sokrates ob dessen Verurteilung zum Tode, also war sie tugendhaft. In
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 79/11ff., ED S. 59, wird darauf ebenfalls angespielt.




vapeurs weiche Polster; vll. entspr. der »Vordecke« in Hi 22,14.
Nebel In
Kant, Allgemeine Naturgeschichte
steht der Nebel für Vorurteile, die von wissenschaftlicher Erkenntnis verdrängt werden sollen, bspw. in der Vorrede: »Ich habe nicht eher den Anschlag auf diese Unternehmung gefasset, als bis ich mich in Ansehung der Pflichten der Religion in Sicherheit gesehen habe. Mein Eifer ist verdoppelt worden, als ich bey jedem Schritte die Nebel sich zerstreuen sahe, welche hinter ihrer Dunkelheit Ungeheuer zu verbergen schienen und nach deren Zertheilung die Herrlichkeit des höchsten Wesens mit dem lebhaftesten Glanze hervorbrach. Da ich diese Bemühungen von aller Sträflichkeit frey weiß, so will ich getreulich anführen was wohlgesinnete oder auch schwache Gemüther in meinem Plane anstößig finden können, und bin bereit es der Strenge des rechtgläubigen Areopagus mit einer Freymüthigkeit zu unterwerfen, die das Merkmaal einer redlichen Gesinnung ist. Der Sachwalter des Glaubens mag demnach zuerst seine Gründe hören lassen.«
Wolken Hi 22,14

Bocks- und Kälberblut Hebr 9,12



Anspielung auf 1 Mo 22,13, die Opferung Isaaks




Richter noch Kenner vgl. zu dieser Unterscheidung
Klopstock, Von dem Publico
, vgl. Brief Nr. 152 (ZH I 367/37)
Morgensterne Hi 38,7

lyrischen Dichters vgl. Brief Nr. 153 (ZH I 374/8)




geschoren Kinn 1698 verordnete Zar Peter I., dass Männer ihren Vollbart abrasieren lassen müssen; seine Europareisen hatten ihm gezeigt, dass Vollbärte unmodisch sind. Mit der Bart-Verordnung zog er den Zorn der (orthodoxen) Kirchenangehörigen auf sich.

Montesquieu, De l’Esprit des loix
, bes. Buch 3, Kap. 9f. und Buch 4, Kap. 3, vgl. Brief Nr. 171 (ZH I 454/11)





Ein Patricius Alcibiades, nach Cornelius Nepos Vitae, 7,9f.; gemeint ist
Johann Christoph Berens
, der dem Tyrannen (der russischen Besatzungsmacht im Siebenjährigen Krieg, der Zarin Elisabeth) huldigt. Vgl. Brief Nr. 157 (ZH I 399/28).






Peters Entwurf der Modernisierung im westeuropäischen (bes. französischen) Stil, wie Peter I. es forcierte, und dessen Huldigung in Riga (so auch von
Johann Gotthelf Lindner
an der Domschule und eben auch von
Johann Christoph Berens
) eifrig betrieben wurde, auch zu Zeiten der Zarinnen (Anna, Elisabeth, Katharina II., die sich von Peter her legitimierten). Zu Hamanns Kritik daran (im Unterschied zu
Johann Gottfried Herder
) vgl. Graubner (2005b). Vgl. auch
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 62/7ff., ED S. 17f.
Abraham Joh 8,39 u.ö.

Venedig, das oligarchisch strukturiert war.

Thut eures ... Joh 8,41
versteht 1 Tim 1,7

euer Ach! Brief Nr. 152 (ZH I 367/35); Kant hat also wohl diesen Brief Hs. an J. G. Lindner gekannt, oder es wurde darüber gesprochen.








kleinen Welt würket vgl.
Xen. mem.
I 1,12: »Zuerst einmal untersuchte er bei ihnen, ob sie im Glauben, über die menschlichen Dinge schon genügend zu wissen, sich um derartiges zu kümmern begännen, oder ob sie das Menschliche vernachlässigten und meinten, mit der Untersuchung des Göttlichen das Richtige zu tun.«


influxus physicus Kants Auseinandersetzung mit den Konzepten von Physik und Leib-Seele-Verhältnis im Horizont von Leibniz’ und Descartes’ Vorgaben kannte H. u.a. aus
Kant, Nova dilucidatio
(Kap. »Principium coexistentiae«, Usus 6), wo dieser sich für die ›Wechselseitigkeit‹ als adäquaterem Begriff denn ›Harmonie‹ ausspricht. In einer Anmerkung zu diesem Kap. gibt Kant seiner Hoffnung Ausdruck, dass erstens seine Leser die Fruchtbarkeit seiner Bemühung erkennen mögen, und zweitens er selbst unempfindlich sei gegen die Interventionen von übereifrigen Kritikern, stattdessen unbeirrt seinen Weg fortsetzen könne; was an Hs. Satz von Beyfall und Tadel des Publikums erinnert, Brief Nr. 153 (ZH I 376/29). Hs. erste briefliche Kommentierung des Kantschen Ansatzes vgl. Brief Nr. 76 (ZH I 197/36). Zum Verhältnis der Begriffe Harmonie und Einfluss vgl.
Hamann, Kreuzzüge des Philologen
, Versuch über eine akademische Frage, N II S. 122, ED S. 6.

Calvinische Kirche mit ihrer Lehre von der Prädestination



Verg. ecl.
, 3,64f.: »malo me Galatea petit, lasciva puella, / et fugit ad salices et se cupit ante videri«, »Äpfel wirft Galatea nach mir, das lockere Mädchen, / Flüchtet ins Weidengebüsch und wär nur zu gern noch gesehen.« Vgl. Brief Nr. 147 (ZH I 346/33).




vgl.
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 77, ED S. 56


nach Molières Komödie Le Malade imaginaire (1673)



Brochure Luthers Wider Hans Worst (Wittenberg 1541) gegen Herzog Heinrich den Jüngeren von Braunschweig-Wolfenbüttel und zur Verteidigung des sächsischen Kurfürsten (Luther WA 51, 459ff.); eine sehr polemische, grobianische Schrift, die aber auch eine Rechtfertigung seiner Ekklesiologie enthält.



Hor. epist.
, an Maecenas, I 19,19: »O imitatores, servum pecus, ut mihi saepe / bilem, saepe iocum vestri movere tumultus!« / »O ihr Nachahmer, ihr Sklavenherde! Wie oft hat euer tolles Treiben mir die Galle, wie oft auch Lachen schon erregt.«


Batteux, Les Beaux Arts réduits à un même principe
;
Johann Adolf Schlegel
hat in seinen Anmerkungen zur Übers. den Reduktionismus Batteux’ dafür kritisiert, im Zirkelschluss seiner Argumentation (S. 116) entscheiden zu wollen, was Natur und was ihre Nachahmung sei (denn für Batteux sind die Einteilungen der poetischen Gattungen auch ›Natur‹, gemäß eines Systems der natürlichen Ordnung) und dabei bspw. Gedankensysteme und ihre poetischen Zeugnisse (also so etwas wie Verstandeslyrik) ausschließe. Er führt als Beispiel ein Gedicht von Bernis an (S. 386), das dem Versuch gewidmet ist, das System Spinozas poetisch (wenn auch kritisch) zu erfassen. Er kommentiert ebd., dass die Kritik daran dem Ansehen Bernis’ geschadet habe, und wenn man dieses Schicksal vermeiden wolle, man »anmuthigere« Gegenstände wählen müsse.
Spinosist, also wohl jemand, der ein monistisches Prinzip (im Gegensatz bspw. zum Materie-Seele-Dualismus oder zum Verhältnis von Möglichem und Notwendigem) zum Verständnis und zur Handlung zugrunde legt – wie Batteux ›Natur‹ als einziges Prinzip deklariert, ihre Nachahmung als das der schönen Künste. Die Schreibung Spino[s]ist ist vielleicht spielerisch, indem das lateinische ›spinosus‹ evoziert wird: dornig, spitzfindig, quälend. Andererseits gibt es andere prominente Belege für diese Schreibweise, bspw. in
Mendelssohn, Philosophische Gespräche
. Vgl. zur Priorität der ›Natur‹ auch
Hamann, Kreuzzüge des Philologen
, Kleeblatt Hellenistischer Briefe, N II S. 177, ED S. 120.


zu furchtsam vgl. Mendelssohns (in der Rolle des Neophil) Bezug zur Unvollständigkeit der Philosophie Spinozas, die Frage nach den ›veranlassenden Ursachen‹ betreffend, in
Mendelssohn, Philosophische Gespräche
, S. 22: »Ja Spinosa bedient sich sogar aller Ausflüchte der Leibnitzianer. Er beruft sich, wie sie, auf die Unwissenheit, darin wir von der innerlichen Structur unseres Körpers stecken; und endlich darauf, daß noch Niemand die Unmöglichkeit einer solchen Maschine gezeigt, die mechanischer Weise alle Vorrichtungen hervorbringen könnte, zu welchen dieser oder jener einzelner Körper bestimmt ist.«; S. 27: »Er irrte; denn er begnügte sich, so zu sagen, mit der einen Hälfte der Weltweisheit, die doch ohne die andere Hälfte nicht sein kann.«


Zeitverkürzungen Zeitvertreib

Spinneweben
Hamann, Kreuzzüge des Philologen
, Aesthaetica, N II S. 205/10, ED S. 188



Sonnenstäubchen Äquivalent für ›Atom‹ in der Debatte über die Teilbarkeit oder Unteilbarkeit physikalischer Körper (in Bezug auf Descartes und Spinoza); so in Versen Popes in dt. Übers., die Kant zitiert zu Beginn des 2. Kapitels von
Kant, Allgemeine Naturgeschichte
. In
Hamann, Kreuzzüge des Philologen
, Aesthaetica, N II S. 215/14, ED S. 216, wird das Wort in Zusammenhang mit der analytischen Zerteilung lyrischen Gesangs und Klopstock gebracht.



Wasserbäche Spr 21,1


Die Rechte ... Ps 19,10f.


Das Gesetz ... Ps 119,72

Ich bin gelehrter ... Ps 119,99

bin klüger ... Ps 119,100

Du machst ... Ps 119,98





mimischen Styl... Die Wendung wird sonst kritisch gebraucht, etwa in Popes »Essay on Criticism« (V. 331): »And but so mimic ancient wits at best, / As apes our grandfires, in their doublets drest.« In der deutschen Übersetzung wurde das Verb »äffen« als Äquivalent gegeben. Im Kontext der rhetorischen Figur der Ironie kann die Bewertung neutral ausfallen, so auch in Lindners Ausführungen dazu,
Lindner, Anweisung zur guten Schreibart
(S. 28): »Mimesis, eine spöttische Wiederholung des Wortes des andern.« H. verweist denselben brieflich auf diesen Zusammenhang, Brief Nr. 159 (ZH I 404/11). In
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
wird der ›mimische‹ Stil auch als Selbst(/Stil-)charakterisierung gebraucht (N II S. 61/17, ED S. 14).

vll. anspielend auf
Kant, Allgemeine Naturgeschichte
(S. 188): »Die Einsichten des Verstandes, wenn sie die gehörigen Grade der Vollständigkeit und Deutlichkeit besitzen, haben weit lebhaftere Reitzungen als die sinnlichen Anlockungen an sich, und sind vermögend, diese siegreich zu beherrschen, und unter den Fuß zu treten.« Diesem Satz Kants geht das Pope-Zitat voraus, das H. später im Brief wiederum verwendet, Brief Nr. 153 (ZH I 381/3).

Ob hier ein direktes Zitat vorliegt, ist nicht ermittelt; vll. ist aber auch auf einen Abschnitt aus dem zweiten Kapitel des Essay on Criticism angespielt (V. 285–336), worin auch der mimische Stil als Nachahmung thematisiert ist (V.331). Der klassische Topos vom Ausdruck als Kleid des Gedankens wird darin reproduziert, aber mit kritischem Blick auf die Kritiker, die sich nur für das Kleid interessieren.





Philosophen
Immanuel Kant



Baumgartsche Erklärung vll. die von Mendelssohn in seiner Rezension zum 2. Band von
Baumgarten, Aesthetica
paraphrasierte: »Er erklärt §. 614. das ästhetische Licht durch eine solche Klarheit und Faßlichkeit der Gedanken, in welcher nicht bloß der reine und logische Verstand, sondern auch der ästhetische Verstand, das Analogon rationis, (der Bon-sens) dieses Ding von allen andern zu unterscheiden im Stande ist. – Die Deutlichkeit der Gedanken ist zwar niemals der unmittelbare Endzweck der ästhetischen Vorstellung; sie kann aber öfters durch Umwege erhalten werden, wenn nämlich viele Theile eines Gegenstandes in einem solchen sinnlich klaren Lichte vorgestellt werden, daß daraus im Ganzen ein deutlicher Begriff entspringt, dessen Merkmale auch von dem schönen Geiste unterschieden werden können. [...] Einen höhern Grad der sinnlichen Klarheit nennet der Verf. einen ästhetischen Glanz.« (Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste, Bd. 4, 1. St. [1758], S. 441)
Fleurette Seidengewebe, franz. Blümchen




unwißend thun Lk 23,34
comischer Held Molière: Le bourgeois gentilhomme, 2. Akt, 4. Auftritt; vgl. Brief Nr. 148 (ZH I 352/21);
Hamann, Kreuzzüge des Philologen
, Aesthaetica, N II S. 213/21, ED S. 208

Lügen
Hamann, Kreuzzüge des Philologen
, Aesthaetica, N II S. 205/14, ED S. 188











Es ist Gottes Ehre Spr 25,2


Früchten Mt 7,16, Mt 12,33, Lk 6,44

gelästert ... Mt 5,11









Heuschrecke ... Blindschleiche
Hamann, Wolken
, N II S. 107, ED S. 66




Hogarth, The analysis of beauty
– die dt. Übers. von The analysis of beauty hat den Titel-Holzschnitt des Originals übernommen: es ist Hogarths Emblem für »variety/Mannichfaltigkeit«, kombiniert mit einem Milton-Zitat: »So vielfach schön schlingt sich vor Evens Blick / Ihr schlanker Leib, der, in sich selbst geringelt, / Sie kräuselnd lockt. ...«

Ey
Hume, Essays
, Bd. 2, Versuche über die menschliche Erkenntnis, Kap. »Sceptische Zweifel, in Ansehung des Verstandes« (S. 84): »Nichts ist so gleich als Eyer, und doch erwartet niemand, wegen dieser anscheinenden Gleichartigkeit, eben denselben Geschmack in allen. Nur nach einem langen Laufe gleichförmiger Erfahrungen in irgend einer Art erlangen wir eine feste und gewisse Versicherung in Absicht auf einen besondern Erfolg.«

Glas Waßer
Hume, Essays
, Bd. 2, Versuche über die menschliche Erkenntnis, Kap. »Sceptische Zweifel, in Ansehung des Verstandes« (S. 68f.): »Adam selbst, wenn man gleich voraussetzet, daß seine vernünftige Kräfte und Fähigkeiten gerade im Anfange so vollkommen gewesen, als immer möglich, hätte aus der Flüßigkeit und Durchsichtigkeit des Wassers nicht schließen können, daß er ihn ersticken, oder aus dem Lichte, und von der Wärme des Feuers, daß es ihn verzehren würde.«





vgl.
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 74/4, ED S. 50


zur Gewohnheit siehe
Hume, Essays
, Bd. 2, Versuche über die menschliche Erkenntnis, Kap. »Sceptische Auflösung dieser Zeifel« (S. 129): »Gewohnheit ist der bewundernswürdigste Grundsatz [princible], durch welchen diese genaue Übereinstimmung ins Werk gesetzt worden, welche zu der Erhaltung unsers Geschlechts und zu der Einrichtung unserer Aufführung, in jedem Umstande und Vorfalle des menschlichen Lebens notwendig ist.«

zusammengesetzt vgl.
Hume, Essays
, Bd. 2, Versuche über die menschliche Erkenntnis, Kap. »Von dem Ursprunge der Begriffe« (S. 32): »[...] wenn wir unsere Gedanken und Begriffe auflösen, so zusammengesetzt oder erhaben sie auch sind: so finden wir allezeit, daß sie sich selbst in solche einfache Begriffe auflösen, welche von einem vorhergehenden Gefühl oder Empfindung abcopirt sind. Selbst diejenigen Begriffe, welche bey dem ersten Anblicke von diesem Ursprunge am meisten entfernt zu seyn scheinen, sind daraus hergeleitet, wie man nach einer genauern Erforschung findet. Der Begriff von Gott, in so fern wir dadurch ein unendlich verständiges, weises und gütiges Wesen verstehen, entsteht aus der Ueberlegung und dem Nachdenken über die Wirkungen unsers eignen Gemüthes, und aus der Vermehrung dieser Eigenschaften der Güte und Weisheit, über alle Schranken und Gränzen.«

Phoenomenis vmtl.: Phaenomenis


gleichförmig In der dt. Hume-Übers. ist »gleichförmig« für »uniform« gewählt, bspw.:
Hume, Essays
, Bd. 2, Versuche über die menschliche Erkenntnis, Kap. »Von der Freyheit und Nothwendigkeit« (S. 206): »Es erhellet also nicht allein, daß die Verbindung zwischen den Bewegungsgründen und den freywilligen Handlungen eben so regelmäßig und gleichförmig ist, als die zwischen der Ursache und Wirkung in irgend einigem Theile der Natur ...«





Hume, Essays
, Bd. 2, S. 297, vgl. Brief Nr. 149 (ZH I 356/10)











blöden Augen vgl.
Shaftesbury, Characteristicks of Men
, sensus communis, nach Hs. Übers. (Königsberger Notizbuch, N IV S. 156): »Es ist eine wahre Menschenliebe und ein Freundschaftsstück, starke Wahrheit für blöde Augen zu verbergen.« Vgl. Brief Nr. 153 (ZH I 373/31)



Gelde vmtl. Schulden von der London-Reise





Happelio
Happel, Denkwürdigkeiten der Welt
, vgl. Brief Nr. 893, ZH VI 133/22 (1785): »Wie Kant noch Magister war, pflegt er oft im Scherz zu erzählen, daß er immer Happelii Relationes curiosas lesen muste vorm Schlafen gehen.«

Herodot
, Buch 2, Kap. 85–89

Lerche ... Nachtigall Fabeln, in denen Lerche und Nachtigall auftreten, gibt es viele, bspw. »Die Nachtigall und die Lerche« von Gellert. Die Lerche ahmt den schönen Gesang der Nachtigall nach, was misslingt und zur Qual wird.


Kunstrichter vgl. die Ausführungen zu den ›Kunstkennern‹ in
Klopstock, Von dem Publico
; siehe auch Brief Nr. 152 (ZH I 367/37)



spotten vgl. die Affirmation des Scherzes in
Shaftesbury, Characteristicks of Men
, sensus communis, nach Hs. Übers. (Königsberger Notizbuch, N IV S. 161): »Denn ohne Witz und Scherz kann die Vernunft nicht auf die Probe gesetzt oder erkannt werden.«

Mutter Lyse vll. Mutter Kirche



Affen »Von der einen Seite sahen wir denkende Geschöpfe, bey denen ein Grönländer oder Hottentotte ein Newton seyn würde, und auf der andern Seite andere, die diesen als einen Affen bewundern.«
Kant, Allgemeine Naturgeschichte
, S. 355 – mit einem Zitat von Versen Popes in dt. Übers.; Original: »Superior beings, / when of late they saw / A mortal man unfold all natur’s law, / Admired such wisdom in an earthly shape, / And show’d a Newton as we show an ape.« (
Pope, An essay on Man
, V. 31ff.) Vgl. auch
Hamann, Wolken
, N II S. 100/16, ED S. 48, vgl. Brief Nr. 153 (ZH I 378/25).


Sprachen verwirrte 1 Mo 11,7



Die Wahrheit ...
Lichtwer, Fabeln
, S. 8f.: »Die beraubte Fabel. / Es zog die Göttin aller Dichter / Die Fabel in ein fremdes Land, / Wo eine Rotte Bösewichter / Sie einsam auf der Straße fand. / Ihr Beutel, den sie liefern müssen / Befand sich leer; sie soll die Schuld / Mit dem Verlust der Kleider büssen, / Die Göttin litt es mit Gedult. / Hier wieß sich eine Fürsten Beute / Ein Kleid umschloß das andre Kleid; / Man fand verschiedner Thiere Häute / Bald die, bald jene Kostbarkeit. / Hilf Himmel, Kleider und kein Ende! / Ihr Götter! schrien sie, habet Danck, / Ihr gebt ein Weib in unsre Hände / Die mehr trägt, als ein Kleiderschranck. / Sie fuhren fort, noch mancher Plunder / Ward preis; doch eh man sichs versah, / Da sie noch schrien, so stund, o Wunder! / Die helle Wahrheit nackend da. / Die Räuber-Schaar sah vor sich nieder, / Und sprach: Geschehen ist geschehn, / Man geb ihr ihre Kleider wieder, / Wer kann die Wahrheit nackend sehn?«





Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], II 75.

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 429–445.
Kant, Werke [Akademieausgabe] X 7–16, vgl. XIII 7–10.
ZH I 373–381, Nr. 153.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
373/19 ein LuftErscheinung
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies eine LuftErscheinung  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): eine LuftErscheinung
374/19 noch einziger
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies noch [ein] einziger  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): noch [ein] einziger
374/4 schöne
Geändert nach Druckbogen (1940); ZH: schöner  Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies schöne  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): schöne
375/1 nostrum
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies wohl vestra statt nostrum
375/2 Nisiaedesque
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies Nisiadesque  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): Nisiadesque
378/16 sind
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies wohl ist statt sind
379/1 vergebe[n] ist, weil
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies etwa vergebe ich, weil  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): vergebe ich
379/7 in dritten
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies wohl im dritten  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): im dritten