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Johann Georg Hamann → Unbekannt, Johann Christoph Hamann (Bruder)
Königsberg, 7. August 1759
ZH I, 381

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Königsberg. den 7. Aug. 1759.

Mein Herr;

Ich will Ihnen eine kurze Liste der Zerstreuungen hersetzen, aus denen
seit meinem letzten Briefe die Arbeit meiner Tage bestanden. Diesen
Donnerstag vor 14 Tagen bin mit meinem Vater zum heil. Abendmal gewesen,
erhielte denselben Abend einen wichtigen Besuch zween guter Freunde, gieng
den folgenden Tag wieder Vermuthen auf eine Hochzeit, die nächste
Nachbarschafft machte es zu einer Pflicht und die Neugierde die Braut kennen zu
lernen zu einer Eitelkeit. Vorige Woche muste die Leiche einer
Börnsteindreherinn begleiten, die eine alte Bekannte von meiner seel. Mutter gewesen.
Am Ende derselben habe an alle meine gute Freunde aus nach Kurland
geschrieben
. Gestern Nachmittag habe meinen Bauch ermüdet mit
Durchblätterung einiger Neuigkeiten, davon Sie eine bey Gelegenheit sollen zu
lesen bekommen, weil sie die einzige ist, die ich Ihrer Aufmerksamkeit würdig
halte. Heute morgen haben den Lucas in meiner griechischen Stunde Gott
Lob! zu Ende gebracht, die immer die erste meines Tageswerkes ist und
hierauf ein paar Abschnitte in Bacons sermonibus fidelibus voll von fremden
Gedanken überlaufen; weil ich an meinen Schreibepult dachte. Hier haben
Sie meine Memoires von beynahe vierzehn Tagen. Schreiben muß ich Ihnen;
das ist eine Pflicht und Vergnügen für mich. Ich weis aber nicht, was ich
schreiben soll. Regeln wißen Sie beßer als ich; und Exempel darnach zu
machen, dazu haben Sie nicht Lust. Einfälle verstehen Sie nicht und Wahrheiten
sind nicht nach Ihrem Geschmack. Mit Ihnen zu lachen, will ich auf Ihren
Hochzeittag versparen – es wird aber Zeit genung seyn an den zu denken, wenn
sie erst eine Braut haben. Personalien auf Sie zu machen, ist bey Ihrem
Eloge funebre Zeit genung, und daß muß der Schreiber der Academie thun,
dem ich nicht als ein illiteratus ins Amt fallen will. Ihr Nachruhm würde
ohne dem dadurch verlieren, weil ich nicht Witz genung Romane zu schreiben,
nicht einmal mehr zu lesen, und nicht Herz genung Geschichten zu erzählen,
weil es mir jetzt ohnedem an Neugierde und Gedult fehlt ihren nöthigen
detail zu wißen. Was soll ich armer Jürgen also thun? Schreiben muß ich –
und ich weiß und fühl nicht was. Ich würde Ihnen einen langen Brief
mahlen und nichts mehr in demselben thun als mich im Kopf und hinter den
Ohren kratzen;
und ich weiß nicht was eher in meinen Haaren als Antworten
auf Ihre schreckichte Briefe finden. Weil sich das aber so wenig im Umgange
als Briefwechsel, besonders unter so Herzensfreunde, als Sie, Mein Herr!
und ich sind, schickt und anständig ist: so würden Sie die Leere meiner
Empfindungen durch die Aufrichtigkeit meines Geständnißes vielleicht
entschuldigen. – Doch jetzt fällt es mir ein was ich thun will. Ein fauler Laborator
ein stoltzer Bettler ist verloren. Doch Faulheit und Stoltz schaden nicht dem
Handwerk, wenn man nur klug ist und Witz hat, wie ein Kind der Welt. Es
meldete sich ein ehrlicher Mensch zum Todtengräber Dienst; weil er sahe, daß
er zum Graben so wenig als zum Prediger geboren war: so wurde er Küster,
und hatte mehr so viel Ehre hinter dem Pfarrer herzugehen, als ein
geschickter Uebersetzer hinter seinem Original. Dieser Mensch hatte sehr gute
Gedanken, so lange er den Kanzelmann nach seinem Ort begleitete; so bald aber
die Predigt angieng, erlaubten ihm seine Küstersorgen nicht aufs Wort zu
merken. Unterdeßen hing lag ihm sein mislungener Todtengräber Versuch
so sehr immer im Kopf, daß er auch sein Küsteramt darüber schlecht
verwaltete. Graben mag ich auch nicht; vielleicht läge in meinem Herzen eben die
Ader, die andere Aecker reich macht. Graben mag ich wohl, wenn es darauf
ankommt mein Pfund in einem Schweißtuch zu verbergen, um einen strengen
Richter wenigstens von meine Treue zu überführen, wenn es nicht durch
meinen wuchernden Fleiß geschehen kann. Zu betteln schäme ich mich, wie
ein alter Mensch in die Schule zu gehen, und ohngeachtet ich Dichter lese, so
sind die Ältesten und Besten nicht eben meine Sache, weil man in ihnen
wohl Sprüche, aber nicht die Gemälde und Schildereyen meiner Zeitgenoßen
findt. Z. E.
Cur male pudens – –
Anderen ihre Empfindungen nachzuahmen, ist gleichwol nichts als Betteley,
und die Sprache der Liebe ist ein Galimathias, einer monotonischen Sayte; wie
der Apostel Petrus dies selbst an der schweren Schreibart paulinischer Briefe
zu tadeln scheint und ihr Verfaßer selbst sich für ein Allerley – ausgiebt, das
Allerley zu seyn drung ihn aber die Liebe. Weil ich also ein Schulknabe
(wenn Sie mein Herr kein Schulmann sind; so werden Sie doch aus
Erfahrung wißen, daß Sie einer Schüler gewesen sind und wie einem solchen zu
Muthe ist) zu beqvem bin zu graben, und zu stoltz zu lernen: so weiß ich
mich nicht anders zu rathen, als daß ich mich an die Schuldner meines
Herren
mache, und in sie dringe, die Zahlen ihrer Schuldbriefe
herunterzusetzen. Weil mein Herr dadurch nicht arm wird, sie aber am meisten dabey
gewinnen: so wird mich ihr Gläubiger für meinen Witz loben, und seine
Schuldner, wenn sie anders ihr Bestes kennen und lieben, mit der Zeit dafür
danken. Da Sie in einer Ruhe leben, mein Herr, die einem tiefen Schlaf näher
kommt, als einem Schlummer; ich hingegen in lauter Zerstreuungen: so bin
ich nicht im stande meine Gedanken zu ordentlich wie Sie zu sammlen.
Unterdeßen wird es keine vergebl. Uebung für Ihre Lunge seyn meine langen
Perioden und Pneumata laut zu lesen, so laut, biß Sie im stande sind sich
selbst zu hören.
Es fiel mir also vor eine halbe Stunde ein aus Noth – aus äußerster Noth –
an Materialien, Sie mit einem Brief meines einzigen Bruders, den ich auf der
Welt habe, zu unterhalten. Da Sie aber bey dieser Abschrift durch meine
Schuld seine Calligraphie einbüßen: so werde dies durch die Anmerkungen
eines Anonymi ersetzen, der ihn, wie Gott, liebt; weil er ihn züchtigt.

Riga den 26 Jun:/7 Jul: 1759.

Herzlich geliebtester Bruder

Deine beyden Briefe sind mir richtig eingehändiget worden, die mir desto
angenehmer gewesen, da sie mich von unsers alten Vaters und Deiner eigenen
Gesundheit versicherten. Gott erhalte dieses unser bestes Geschenk, was wir
noch mit einigem Grunde von ihm bitten können, wenn wir es wohl
anzuwenden suchen.
So andächtig der Briefsteller auch redt; so leuchtet doch nichts mehr als
die Andacht eines Heyden aus seinem Gesichte. Ist er ein Theolog, so
studiert er wenig oder gar nichts in den symbolischen Büchern. Was will er
damit sagen: die Gesundheit ist unser bestes Geschenk. Gieb uns
Gesundheit; für die Tugend wollen wir schon selbst sorgen; war das Gebeth eines
stoischen Heuchlers oder epicurischen Dichters. Was will er sagen: mit
Grund
. Ist χstus deswegen gestorben und in die Höhe gefahren und
weiß er die Gabe nicht, die er für die Abtrünnigen, die weder an ihren
Tauf- noch Blut-Bund mit Gott denken. Wenn böse Eltern Gaben zu
geben wißen ihren Kindern, sagt χstus, wie viel mehr wird der Vater im
Himmel den heiligen Geist – da er nicht einmal seine Kehle braucht, um
Gott zuweilen ein Morgen und Abendliedchen zu singen, und nicht untern
Bart zu beten, sondern zu trillern: Gesunden Leib gieb mir und daß in
solchem Leib ein unverletzte Seel und rein Gewißen bleibt. Wenn ihn nun
Gott einen ganzen gesunden Leib giebt, und nicht Kehle allein; wie sieht es
mit seinem Gewißen aus in Ansehung des Gebrauchs, den er von jedem
Gliedmaße deßelben macht. Sind es Waffen der Gerechtigkeit oder der
Ungerechtigkeit. Wer da weiß, daß Gott Gesundheit giebt als ein Geschenk,
das wir gut anzuwenden suchen sollen; wird für diese Erkenntnis doppelte
Streiche leiden müßen. Was macht er mit seiner Gesundheit? Wie brauchst
Du Deine Augen, Deine Ohren, Deine Zunge, Deine Hände, Deine
Schulstunden, Deine Nebenstunden? Bereitest Du Dich, und wiederholst Du
so fleißig, als Deine schlechtesten oder besten Schüler thun. Würdest Du
nicht von beyden beschämt werden, wenn sie gegen Dich auftreten solten.
Was hilft es Dich, daß beyde Briefe Deines Bruders Dir eingehändiget
worden, wenn du auf keinen zu antworten verstehst noch Lust hast. Wenn
Du sie umsonst liesest, meynst Du, daß sie umsonst geschrieben worden.
Anstatt zu fragen: Wie schreibt der Mensch? solltest du dich selbst fragen:
Wie liesest Du, was er schreibt, und was im Gesetz geschrieben steht.
Wenn Du auf die Frage verstummst: wie Du Deine Gesundheit zu
Deinem Beruf als Schulmann und Candidat der GottesGelahrtheit
brauchst? wie wirst du die andere beantworten: wie brauchst Du deine
Gesundheit zu ihrer Erhaltung. Du machst Dir aus Deiner Schande einen
Ruhm. Du willst beßer als andere Leute seyn und brauchst den Sommer
nicht, wozu er andern Menschen gegeben – die Freundlichkeit Gottes zu
sehen und zu schmecken. Was Narren schreiben, darum bist Du neugieriger
als was Gott thut; ja, wenn Du auch nur jene zu verstehen und
anzuwenden wüstest. So bleibt aber alles tod und unfruchtbar in Dir. Anstatt Deine
Seele zu nähren, nährst Du Ihre Krankheiten. Bist Du nicht, Deinem
Beruf nach, zum Umgang und Gesellschaften, zum bürgerl. Leben, zum
Wohlstand verbunden. Fehlt es Dir nicht daran, daß Du Dich eher dazu
drängen, als zu viel zurückziehen solltest. Wird Deine Gesundheit nicht bald
bey Deinen verstohl. Frohndiensten und bey dem Wurm, den Du dadurch
in Deinem Gemüthe nährst, verbraucht werden. Dein Wirth, Dein Rector,
Dein Wohltäter, vertritt jetzt Gottes Stelle für dich und ist Dein
Nächster
. Den sollst Du nachahmen, den sollst Du lieben. Was geht Dir
ein Mensch an, v sein Bild, der so weit von Dir ist, und mit dem Du nichts
zu theilen hast?
Gott laße mich daßelbe niemals durch Unordnung, Ausschweifungen und
Misbrauch des Guten von sich stoßen, sondern bey mannigfaltigen
Gelegenheiten deßelben die Vernunft immer unsere Führerinn seyn.
Deine Vernunfft redt noch schlecht Deutsch mit dem lieben Gott. Sie
kann daher eine schlechte Führerinn abgeben. Von sich sollte heißen: von
mir. Menschen können wie Lügen, Complimente und Wendungen vorsagen,
aber dem nicht, der das Ohr gemacht, und auf die Stimme unsers Herzens
beßer horcht, als auf das höltzerne Clavier unserer Lippen. Die
Ubersetzung des Grundtextes würde so lauten: Gott sieht die Unordnungen,
Ausschweifungen v Misbrauch des Guten, die Blindheit meiner Vernunft und
die Thorheit derselben. Er wird aber seinen Namen nicht verleugnen; denn
er ist langmüthig – gedultig – und von großer Güte und Treue. Er giebt
mehr als wir bitten, unaussprechlich mehr als wir Verstand haben zu
beten. Er wird mir seinen Geist geben, der mein finsteres Herze erleuchte,
denn wird meine Vernunft und mein Gewißen erleuchtet werden und
nicht mehr im Finstern bleiben; denn in keinem andern Lichte, als Seinem
Lichte und dem Licht seines Wortes und des Glaubens an einen Fürsprecher
sehen wir das Licht und die Farben unserer eigenen Gestalt und der Dinge,
die uns umgeben.
Ich habe meine JohannisFerien auf der Stube zugebracht, und da fast die
ganze Stadt ihr Vergnügen im freyen sucht, das Meinige zwischen den 4
Wänden gehabt.
Dieser Ruhm ist nicht fein. Das ist Strafe der Sünde. Wenn andere mit
gutem oder bösen Gewißen sagen können: Deus nobis haec otia fecit. So
weist du, daß du selbige nicht verdienst, und thust daher Hausbuße und
legst dir selbst einen Stubenarrest auf. Diese Hausbuße und diese
willkührl. Penitenz ist aber eine neue Sünde; womit willst Du die büßen?
Ich habe theils was die Meße neues geliefert, ein wenig durchgeblättert,
theils einen guten Theil meiner Uebersetzung zurück gelegt.
Wenn Du Meßen gelesen oder Pater Noster ein wenig durchgeplappert
hättest – so hättest Du mehr nicht so viel als ein Catholick verdient. Wenn
man Buße thun will, mit seiner Uebersetzung zu tändeln schickt sich eben
so wenig als zu Fastnacht bey seiner Köchin zu schlafen.

























Eloge funebre Lobrede auf den Trübsinn; vmtl. der vorige Brief des Bruders


























Pfund ... Lk 19,20


betteln Lk 16,3





Hor. ars
88: »cur nescire pudens prave quam discere malo?« / »Warum will ich, auf schlechte Art mich bescheidend, lieber unwissend sein als was lernen?«


Galimathias unverständliches, verworrenes Gerede, vgl. Brief Nr. 156 (ZH I 393/21)



Allerley 1 Kor 9,22




Schuldner Lk 16,3















züchtigt Offb 3,19, Hebr 12,5


Z. 25–31: Zitat des nicht überlieferten Briefs des Bruders
greg. 7.7.1759










Gieb uns Gesundheit ... selbst sorgen
Hor. epist.
1,18,111f.: »sed satis est orare Iovem quae ponit et aufert: / det vitam, det opes; aequum mi animum ipse parabo« / »Doch genug ist’s ja, von Jupiter zu erbitten, was er gibt und nimmt: Möge er mir das Leben, möge er die Nahrung gewähren – den ausgeglichenen Sinn will ich selber mir schaffen!«





böse Eltern Gaben ... Mt 7,11, Lk 11,13




Gesunden Leib gieb ... aus der 1. Str. von »O Gott, du frommer Gott« von Johannes Heermann (1585–1647)




Gerechtigkeit 2 Kor 6,7

Ungerechtigkeit Röm 6,13


Streiche Lk 12,47











an der Domschule in Riga




Freundlichkeit ... Ps 34,9














Z. 8–10: Zitat des nicht überlieferten Briefs des Bruders






Ohr gemacht Ps 94,9





gedultig Ps 103,8








Z. 27–29: Zitat des nicht überlieferten Briefs des Bruders




Verg. ecl.
1,6: »ein Gott hat so uns Muße gewährt«




Z. 35f.: Zitat des nicht überlieferten Briefs des Bruders






Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], II 44.

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 451–455.
ZH I 381–386, Nr. 154.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
381/27 haben den
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies habe  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): habe den
383/16 zu ordentlich
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies so ordentlich  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): so ordentlich