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Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner
Königsberg, 11. September 1759
ZH I, 408



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Königsberg, den 11 Sept. 1759.

Herzlich geliebtester Freund,

Ihre Käse sind glückl. angekommen. Der GeEhrten Mama Ihr Pack hoffe
wird gleichfalls. Herr Lauson ersucht Sie 1.) um Ihre erste Antritts Rede
2.) um ihr Gedicht auf den Oberpastor Schultz. 3.) um des Pastor von Eßen
Leichenpredigt auf den alten HE von Campenhausen.
Frau Str. Werner wohnt, wo ihres guten Freundes und seiner Schwester
Hoff Eltern ehmals gewohnt, soll eine gute Frau seyn v die Mahlzeit à 9 gl.
einer kleinen Gesellschaft von 8 oder 10 Personen auftragen laßen. Mehr
habe von ihr nicht erfahren. Wenn Sie mehr data verlangen, bitte mir solche
zu specificiren.
HE. B. hat mich den 10. h. besucht am Tage Alexander Newsky. Morgen
denke ihn meinen Gegenbesuch abzustatten; wenn ich ihn zu Hause finde.
Ich habe mich zur Ader laßen und ein wenig arzeneyen müßen; wünsche
daß Sie beydes, liebster Freund, nicht nöthig haben oder zu rechter Zeit thun
mögen wie ich. Befinde mich leidlich, arbeite aber an Congestionen. Eine
junge Frau, die ihre Sechswochen überstanden und – – Daß etwas ähnliches
mit mir vorgegangen, werden Sie aus folgenden Scelett ersehen, das Sie wie
die Egypter zu ihrem Nachtisch brauchen werden, um sich auch ihrer
Sterblichkeit dabey zu erinnern.

Sokratische Denkwürdigkeiten

für die lange Weile des Publicums zusammengetragen

von einem Liebhaber der langen Weile.

Nebst einer doppelten Zuschrift

an Niemand und Zween.


Einleitung. Schicksale der philosophischen Geschichte. Kritick über Stanley,
Brucker und Deslandes. Verbindung der Philosophie und ihrer Geschichte.
Projekt die philosophische Historie zu schreiben. In Ermangelung
deßelben, ein ander Projekt sie beßer zu studieren und zu brauchen, als bisher
geschehen.Exempel Erläuterung davon. Was die Geschichte überhaupt
für einen Endzweck habe. Der Unglaube macht Dichter und Romanschreiber
in der Geschichte an 2 berühmten Beyspielen bewiesen. Ob ein Denkmal der
vorigen Zeiten verloren gegangen, woran uns was gelegen seyn könne.
Abfertigung und Trost der Gelehrten; die über verlorne Werke klagen.
Baco und Bollingbroke angeführt. Was des Autors Absicht ist. Mangel
einer guten Lebensbeschreibung von Sokrates. Kleine Anecdote von dem
Umgange dieses Weisen mit einem Nach Ausruf des Verfaßers.

I. Abschnitt. Was Sokrates Eltern gewesen. Was er von seiner Mutter
gelernt? Was von seinem Vater. Sokrates wird ein Bildhauer;
Betrachtungen über seine Statuen. Ob Sokrates, als ein Bildhauer, des
Zimmermanns Sohn vorgezogen werden müße. Sein Geschmack an
wohlgewachsenen Jünglingen. Von Wiedersprüchen. Von Orakeln und Meteoren.

II. Abschnitt. Kriton, Sokrates Wohlthäter. Hat viele Lehrmeister und
Lehrmeisterinnen zu besolden. Vergleichung eines Menschen, der nichts hat
und der nichts weiß. Vergl. der Unwißenheit des Sokrates mit der
Hypochondrie. Sokrates Sprüchwort zusammengehalten mit der Ueberschrift
des Delphischen Tempels. Anmerkungen über die Didascalie des Apollo,
oder seine Methode zu unterrichten. Kunstgrif der Hermenevtick. Einerley
Wahrheiten können mit einem sehr entgegengesetzten Geiste ausgesprochen
werden. Mannigfaltigkeit des Sinnes, mit dem Sokrates sagte; ich weiß
nichts
, nach der verschiedenen Beschaffenheit der Personen, zu denen er
es sagte. Versuch einer Umschreibung von den Gedanken eines Menschen,
der uns sagt: ich spiele nicht, wenn er zu einer Lombreparthie aufgefordert
wird. Sokrates Unwißenheit mit der Sceptiker ihrer gegen einander
gehalten. Unterscheid zwischen Empfindung und einem Lehrsatz oder Beweise
deßelben. Glauben geschieht eben so wenig durch Gründe als Schmecken
und Sehen. Phantasie ist nicht Glaube. Ein Siegel und Schlüßel zu
des Sokrates Zeugniße von seiner Unwißenheit. Beweiß, daß es Leute von
Genie allemal erlaubt gewesen unwißend und Uebertreter der Gesetze
zu seyn
. Ueber den Dämon des Sokrates. Sonderbarkeiten seiner Lehr
und Denkart als Corollaria seiner Unwißenheit. Palingenesie der
Geschichtschreiber. Einige Wahrzeichen, daß Sokrates für die Athenienser gemacht war.

III. Abschnitt. Von Sokrates 3 Feldzügen. Von seinen öffentl. Ämtern.
Warum Sokrates kein Autor geworden. 1.) Grund der Uebereinstimmung
mit sich selbst pp 2.) Unvermögenheit. 3.) seine Haushaltung. 4.) aus
Muthmaßungen über seine Schreibart. Eine von seinen Parabeln und
Anspielungen angeführt, und auf unsere Zeiten angewandt. Sokrates wird
als ein Mißethäter verdammt. Seine Verbrechen. Wie er sich vertheidigt.
Ein Einfall erleichtert das Gewißen seiner Richter. Ein Fest giebt ihm
30 Tage Zeit sich zum Tode zu bereiten. Erscheinung nach dem Tode.
Spuren seiner Göttl. Sendung, nach Platons Meynung in seiner freywilligen
Armuth, noch mehr aber in seinem Ende, und der Ehre, die allen
Propheten nach ihrem Blutgerichte wiederfahren.

Die Schlußrede besteht aus einigen kurzen Lehren für diejenigen, die zum
Dienst der Wahrheit geschickt sind und aus einem Prognostico, was sie
sich zum Lohn ihrer Arbeiten versprechen können.
Ich habe mich auf das Exempel des Aristoteles bezogen, der eine Schrift
ausgab, von der er gestand, daß sie so gut als nicht ausgegeben wäre;
bin also nicht der erste, der das Publicum äfft. Meine Gesinnungen habe
gegen daßelbe offenherzig ausgeschüttet, und neige mich bloß als Naeman
für den Götzen seines Herrn, wenn er ihn aus Pflicht in den Tempel
deßelben begleiten muste.
Zweydeutigkeit und Ironie und Schwärmerey können mir nicht selbst
zur Last gelegt werden, weil sie hier nichts als Nachahmungen sind
meines Helden und der sokratischen Geschichtschreiber Schriftsteller,
besonders Bollingbroke und Schaftesbury. Der attische Patriotismus des
ersten und die platonische Begeisterung des letzten sind die Muster und
Antipoden, auf die ich meine zween hiesige Freunde gewiesen. In meiner
Zuschrift an zween habe ich noch eine Muthmaßung gewagt über das, was
Sokrates unter Lesern verstanden, die schwimmen könnten; auch ihnen
die Methode deßelben in Beurtheilung dunkler Schriften angepriesen, daß
man darinn unterscheiden müße dasjenige, was man verstünde, von dem,
das man nicht verstünde.
Als einem Freunde kann ich es Ihnen sagen, daß ich an dieser Abhandlung
mit Lust gearbeitet, und daß sie mir nach Wunsch gerathen. Da ich also mit
mir selbst zufrieden seyn kann; so ist mir an der öffentl. Aufnahme wenig
gelegen. Man mag den Wahrheiten wiedersprechen; so ist dieser Wiederspruch
ein Beweiß für sie. Man mag über ihre bunte Einkleidung spotten oder
eyfersüchtig thun: so ist dies das Schicksal aller Moden, daß man sie weder versteht
zu beurtheilen noch nachzuahmen.
Ich mache mir eben so wenig Gewißen daraus mit meinem Witz zu scherzen
als Isaac mit seiner Rebecca, ohne mich an das Fenster des lüsternen
Philisters zu kehren. Meine Frühlingsfreude an Blumen, und die gute Laune
meines Herzens hat mich nicht gehindert an meinen Schöpfer zu denken, an
den Schöpfer meiner Jugend und ihrer Scherze. Ich sitze unter den Schatten
des ich begehre, sagt meine Muse, und seine Frucht ist meiner Kehle süße. Er
führt mich in den Weinkeller, und die Liebe ist sein Panier über mir. Er
erqvickt mich mit Blumen, und labt mich mit Aepfeln.
Bald sind es Berge, bald Hügel, auf denen ie ich wie ein flüchtiges Reh
springe und Staub mache. Sie wißen, daß meine Denkungsart nicht
zusammenhangend, und so wenig als meine Schreibart κατα τὸ βουστροφεδον
(Ich weiß nicht ob ich ortographisch schreibe) nach der Methode des Pfluges
geht.
Sie warnen mich, liebster Freund, für meinen Geist. Es ist mir lieb an
meine Sünden zu und Thorheiten zu denken, und daran erinnert zu werden,
weil selbige mir immer wie dem Mundschenken des Pharao, Joseph ins
Gemüth bringen.
Ist es kein guter Geist, der mich auf die Zinne des Tempels gepflanzt: so
werde ich mich von selbiger auf ihre Zumuthung nicht herunterlaßen; sondern
mit Paulo sagen: kein Hohes, kein Tiefes und keine Kreatur kann uns
scheiden pp oder mit David: bettete ich mich in die Hölle; siehe! so bist Du da.
Nehme ich Flügel der Morgenröthe, und gienge an das äußerste Meer; so
führt mich seine Linke und seine Rechte hält mich.
Sie werden also mit meiner Schwachheit des Fleisches Gedult haben, und
durch meine Ruhmräthigkeit sich nicht ärgern laßen. Sintemal Viel sich
rühmen, bin ich auch in Thorheit kühn. Denn ihr vertraget gern die Narren,
dieweil ihr so klug seyd. Ihr vertraget gern, so euch jemand zu Knechten macht,
so euch jemand trotzt, so euch jemand ins Angesicht streicht. 2 Cor. XI.
Alles, was ich daher Ihnen als schreibe, flüßet aus einem Vertrauen auf
Ihre Freundschaft, an deren Stärke ich nicht verzweifele. Ich umarme Sie
mit Ihrer lieben Hälfte und ersterbe Ihr treuer Freund und Diener.
Hamann.


Auf der Außenseite des gefalteten Briefes:
Einen herzlichen Gruß meines alten Vaters habe vergeßen einzuschlüßen.

Adresse mit rotem Lacksiegelrest:
à Monsieur / Monsieur Lindner / Maitre de la Philosophie et de belles /
lettres, Recteur du College Cathedral / de la Ville Imperiale de et / à /
Riga.







gl. Groschen (Silbermünze [ca. 24. Teil eines Talers] oder Kupfermünze [ca. 90. Teil eines Talers]; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch)




Tage Alexander Newsky 23. November




Congestionen Verstopfungen



Herodot 2.78.1









Schicksale ... ebd., N II S. 62, ED S. 17f.
Kritick ... ebd., N II S. 63, ED S. 19f.

Verbindung ...
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 63, ED S. 20

Projekt ... ebd., N II S. 63, ED S. 20

ander Projekt ... ebd., N II S. 63, ED S. 21


Endzweck ebd., N II S. 63, ED S. 22

Denkmal ... ebd., N II S. 64, ED S. 23
Beyspielen ebd., N II S. 64, ED S. 23


Abfertigung ... ebd., N II S. 64f., ED S. 24f.

Absicht ...
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 65, ED S. 26f.
Baco ... ebd., N II S. 65, ED S. 26;
Francis Bacon

Lebensbeschreibung ... ebd., N II S. 65, ED S. 27
Anecdote ...
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 65, ED S. 27



Mutter ... ebd., N II S. 66, ED S. 28f.
Eltern ... ebd., N II S. 66, ED S. 28

Vater ... ebd., N II S. 66, ED S. 30

Statuen ... ebd., N II S. 66, ED S. 31

Zimmermanns ... ebd., N II S. 67, ED S. 32
Geschmack ... ebd., N II S. 67, ED S. 32f.

Wiedersprüchen ebd., N II S. 68, ED S. 34
Orakeln ... ebd., N II S. 68f., ED S. 35–38


Kriton ... ebd., N II S. 70, ED S. 39

Vergleichung ebd., N II S. 70, ED S. 40


Hypochondrie ebd., N II S. 70, ED S. 41, vgl. Brief Nr. 165 (ZH I 437/1) Brief Nr. 164 (ZH I 434/4)
Sprüchwort ...
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 71, ED S. 41f.

Apollo ebd., N II S. 71, ED S. 42f.
Didascalie Anweisung

Einerley ... ebd., N II S. 72, ED S. 44
Kunstgrif ... ebd., N II S. 71, ED S. 43f.


Mannigfaltigkeit ... ebd., N II S. 72, ED S. 45



Lombreparthie L’Hombre, Kartenspiel
ich spiele nicht ebd., N II S. 72, ED S. 45–48

Sceptiker ebd., N II S. 73, ED S. 48

Unterscheid ... ebd., N II S. 73, ED S. 49

Glauben ... ebd., N II S. 74, ED S. 49f.

Siegel ... ebd., N II S. 74, ED S. 51
Phantasie ... ebd., N II S. 74, ED S. 50

Beweiß ... ebd., N II S. 75, ED S. 52


Sonderbarkeiten ... ebd., N II S. 75, ED S. 53f.
Dämon ... ebd., N II S. 75, ED S. 52f.

Corollaria Kranz, Kränzchen
Palingenesie ... (Entstehung, Schöpfung, Geburt)
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 76, ED S. 55

Wahrzeichen ... ebd., N II S. 76f., ED S. 56


Feldzügen ebd., N II S. 78, ED S. 57

kein Autor ebd., N II S. 78, ED S. 58

Unvermögenheit ebd., N II S. 79, ED S. 59

Schreibart ebd., N II S. 80, ED S. 60f.
Parabeln ... ebd., N II S. 80, ED S. 61


vertheidigt ebd., N II S. 81, ED S. 62
Mißetäter ... ebd., N II S. 80, ED S. 61f.

Einfall ... ebd., N II S. 81, ED S. 62

Erscheinung ... ebd., N II S. 81, ED S. 63





Schlußrede ...
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 82, ED S. 63f.



Aristoteles ebd., N II S. 61/5, ED S. 13 (
Aristoteles
)



Naeman 2 Kön 5,18



Ironie
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 61, ED S. 14







schwimmen
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 61/28, ED S. 15















Schatten ... Hld 2,3ff.






κατα τò βουστροφηδoν nach (gemäß) dem Boustrophedon: Schreibweise mit zeilenweise abwechselnder Schreibrichtung





Mundschenken 1 Mo 41,9


Zinne des Tempels Mt 4,5, Lk 4,9






















Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (44).

Bisherige Drucke:
Roth I 476–482.
Walther Ziesemer, Hamannbriefe, in: Goethe. Viermonatsschrift der Goethe-Gesellschaft 7 (1942), 113–117.
ZH I 408–411, Nr. 160.