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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Bruder)
Königsberg, 29. September 1759
ZH I, 421




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Königsberg. am Michaelis Tage 1759.

Mein lieber Bruder,

Du hast Deinem Vater nicht geschrieben, ohngeachtet es Dir würde leichter
gewesen an Ihn als an mich zu schreiben. Du hast meiner Bitte und der
Erinnerung Deines Freundes nicht nachgegeben und an ihn die Aufschrift
gemacht und gleich mit Deiner Apologie angefangen, wodurch er so wohl als
ich beunruhiget worden durch Deinen Grillenbrief, wie er ihn nannte. Du
kennst mein Gefühl für meine Freunde, und bringst jemanden mit ins Spiel,
der gar nicht zum Innhalte meines Briefes gehört, der allemal so oft von
Dir die Rede hier gewesen, Deine Parthey gehalten und Dir ein gut Zeugnis
gegeben. Wenn es darauf ankäme, wer seine Zunge am meisten zähme, so
weiß ich nicht, ob Du hierinn gerechtfertiget seyn wirst. Ich bin nicht
gekommen zu richten, sondern das verlorne zu suchen; und wenn ich das erste thue,
so ist es ein fremd Werk für mich, und nichts als die Stimme eines Predigers
in der Wüste, der den Weg bereiten will dem Könige unserer Herzen und
Neigungen.
Mein Urtheil ist über Dinge gegangen, denen ich gewißermaßen mehr
gewachsen bin, als worüber Du urtheilst. Es fehlt Dir an detail in unsern
Händeln, und wenn Du auch den hättest an Kopf und Herz in der Art, ich
sage in der Art, daß Du keine Beleidigung darinn findest.
Dein Gleichnis von 2 Qvecksilberröhren will nichts sagen. Ich rücke es
deswegen auf weil Du scheinst damit viel sagen zu wollen. 2 Qvecksilberröhren
werden nicht von selbst zusammenzustoßen, sondern ihr Zusammenstoß muß
von einem Zufall oder Willen herkommen. Wir sind beyde in Gottes Hand,
und der geht mit uns nicht ungeschickt, nicht unvorsichtig, nicht blindlings
um. Ob es auf die Menge des Qvecksilbers und die Richtigkeit des Zeigens
beym Zerstoßen ankommt, weiß ich nicht.
Weißt Du, Bruder, was Du redest, wenn Du mir Sünde vergiebst?
Kannst Du Sünde vergeben. Ja, sagst Du, ich bin ein Christ; und Du hast
nicht als ein Christ an mir geschrieben, sondern als ein witziger
Satyrenschreiber. So ist mein Zeugnis von Christo, das sich auf den Spiegel des
Gesetzes gründet, ein bloßer Betrug, ein Gespött. Kannst Du den Menschen, der
mit Gott und Göttlichen spottet, der Christum zum Sündendiener macht,
lieben, und ihm vergeben? Wollte Gott, ihr herrschetet, daß wir mit Euch
herrschen könnten, sagt der Apostel Paulus.
Ich will mir gern gefallen, der gröste Sünder zu seyn, von uns beyden, ich
erkenne mich selbst dafür, wenn ich mich gleich rühme, in nichts meinen
Amtsbrüdern nachzugeben. Wäret ihr Sünder, so hättet ihr keine Sünde;
nun ihr aber sprecht, wir sind Christen, bleibt eure Sünde; und die Sünde,
daß Du Dich einen Christen nennst um mein Zeugnis von Christo dadurch zu
entkräften, wird Dir Gott vergeben, wenn Du sie erkennen und Ihm bekennen
willst.
Du sprichst mir die christl. Bruder Liebe ab, dann ist mein Glaube tod, ein
gemahltes, und kein brennendes und scheinendes Licht. Liebst Du Deine
Kinder auch so, daß Du ihnen Nachläßigkeit, Unachtsamkeit, Unart durch die
Finger siehst. Ja nach den Begriffen der Kinder heist das lieben; aber nicht
nach den Begriffen eines vernünftigen und redlichen Vaters und Lehrers, der
die am meisten an Gottes Stelle züchtiget die er lieb hat.
Weist Du auch was Moses in seinem Seegen zu Levi sprach: Lies es
Deut: 33; 8, 9, 10, 11. Wer zu seinen Bruder sagt: ich kenne ihn nicht,
der an ihn schreibt, als wenn er mein Herr wäre, der und der, ich weiß nicht
einmal wie er heist, ob er ein Ephraimite ist oder Schibboleth sagen kann –
die halten Deine Rede, NB, nicht hören allein, sondern sie halten, und
bewahren Deinen Bund, an dem ihnen mehr als an Opfern gelegen, die
werden Jakob Deine Rechte lehren, die haben den Beruf, die εξουσιαν, die
parrhesie dazu – – Lies weiter: Herr! seegne Sein Vermögen, und laß Dir
gefallen die Werke Seiner Hände – Lies weiter: Zerschlage den Rücken derer,
die sich wieder ihn auflehnen – Der Glaube an Christum hebt das Gesetz nicht
auf, sondern erfüllt es; das Gesetz aber ist geistlich, und dem Fleische zu hoch,
das dem Buchstaben nicht einmal Genüge thun kann.
Denn so wir uns selber richteten, sagt der Apostel, so würden wir nicht
gerichtet. Wir sind aber immer Christen, und beßer als andere Leute,
insbesondere beßer als die Zeugen von Gottes Gerechtigkeit, die kommen uns als ein
Auskehricht vor. Wenn wir aber gerichtet werden, so werden wir von dem
Herrn gezüchtiget
– wie? von Gott, der die Liebe ist? was für eine verkehrte
Liebe? mit der uns freylich nicht gedient ist – höre weiter, auf daß wir nicht
mit der Welt verdammt werden. Was ist nun beßer, gezüchtigt werden oder
auf ewig verdammt werden. Wer nicht glaubt, der ist schon gerichtet; und der
Unglaube ist die einzige Sünde, warum die Welt verloren geht.
Dieser Unglaube an Christum macht unsere Herzen kalt, verwirrt alle
Begriffe unserer Vernunft, unterdeßen wir ich weis nicht was für ein gutes Herz
in unserm Busen und eine vernünftige Denkungsart in unsern Handlungen
träumen. Worinn besteht denn dies alles; bloß in der Uebereinstimmung mit
andern Menschen, die auch so denken, so reden, so urtheilen, so handeln als
wir und in deren Gesellschaft wir schreyen: hier ist des Herrn Tempel! hier
ist des Herrn Tempel! hier ist Christus! Warum? ich vergebe, ich liebe, ich
beleidige nicht – Ist alles erstunken und erlogen, nicht Menschen, sondern
Gott ins Gesicht gelogen, der da sagt, alle Menschen sind Lügner; Christum
ins Gesicht gelogen, der da sagt: Ich bin kein Artzt für Gesunde, ich bin kein
Artzt, die die Wahrheit mit Füßen treten, und verwerfen, und lüstern für Gift
ausschreyen, weil sie bitter schmeckt. Wer sein Leben liebt, der wird es
verlieren, wer sein Leben haßet, der wird es finden.
Wenn der heilige Geist sagt: Thut Buße Menschen; so ist dies keine Satyre
auf unser Geschlecht; oder er kann nicht anders als Satyren auf uns arme
Würmer schreiben. Wenn er sagt: glaubt an euren Erlöser, und an die die in
seinem Namen kommen, und die er sendet, wie Er Selbst gesandt wurde von
seinem Vater: so sind dies keine Chimären, so ist dies Kreutz kein Geschöpf
des Witzes, und der Glaube keine Schwärmerey. Der Jude ärgert sich aber
daran und der Grieche hält es für Thorheit. Seelig ist aber, der sich nicht an
mich ärgert. Wenn wir die Biße der feurigen Schlangen erst zu fühlen
anfangen, wir halten es denn für keinen Aberglauben auf das Bild einer
ehernen Schlange, die uns Gott aufrichten laßen, hinzusehen.
Was Du von meinen Gaben, Fähigkeiten, Gelehrsamkeit, Feuer und
rechtschaffenen Stoltz sagt, muß ich wie das Lob eines Nikodemus anhören. Wenn
Du an michr glaubtest, mein lieber Nikodemus, so könnte ich mich darauf
was zu gut thun, und mir überreden, daß Dein Lob mit Urtheil und mit
aufrichtigen Herzen verbunden wäre.
Ich habe weder ein brüderlich noch christlich Herz; und doch gute Absichten.
Ich habe Verstand und Witz, und bin doch verkehrt im Gebrauch aller meiner
Mittel und in der Beurtheilung aller Lebenspflichten.
Wenn ich selbst der Schmidt meines Glücks seyn wollte, oder als einen
Raub darnach trachten; so würde ich Ursache haben mich hinter die Ohren zu
kratzen.
Du frägst mich, warum ich mich Deines Amtes entzogen, noch ehe Du
angekommen? Ueberlege doch Bruder, was Du schreibst und thust. Und glaube
daß alle gute Gabe von Gott kommt, daß er uns giebt, ehe wir noch darum
bitten, daß er Dir Dein Amt gegeben, Beruf und Fähigkeiten dazu, und daß
von einem Haushalter nicht mehr erfordert wird als treu zu seyn, daß dies
eben im Wege steht, wenn uns nicht mehr gegeben ist noch wird. Daß die
bloße Erkenntnis unserer Untreue Gott freygebig macht und daß ich ein
Mittel in seiner Hand gewesen Dir selbige aufzudecken. Beiß also nicht in den
Stein, sondern siehe auf die Hand, welche Dich aufwecken will, und die Dich
nicht damit hat Schaden thun, sondern bloß stutzig und wachsam zur Zeit der
Gefahr hat machen wollen.
Ich will Dich bloß auf Christum weisen. Μιμηται μου γινεσθε, καθως καγω
Χριστου. 1 Cor. XI. 1. Ich achte alles übrige an mir und in der ganzen
Welt für Koth und Schaden, und wünsche nichts mehr als an seiner
Erkenntnis und an Seiner Liebe reich zu werden. Amen. Ich empfehle Dich Seinem
guten Geiste und habe diese Erörterung für nöthig erachtet. Bete und arbeite,
vertraue Gott und laß ihn sorgen, denn er sorget für uns, hütet und wacht.
Es steht alles in seiner Macht. Sey gesund und vergnügt, wie ich. Der Friede
Gottes ist höher denn alle Vernunft und alle Pflichten, die sie uns
vorschreibt.
Michaelis 29. September












zu richten Joh 3,17

Stimme eines Predigers ... Mt 3,3, Jes 40,3–5 u.ö.







































Rede ... Bund 5 Mo 33,9

Opfern Hebr 10,5

Jakob Deine Rechte 5 Mo 33,10
ἐξουσίαν lat. exusia, Vollmacht, Gewalt, Befugnis; Mt 10,1, Röm 13,1 u.ö. Brief Nr. 157 (ZH I 397/1), Brief Nr. 170 (ZH I 451/25)

seegne ... auflehnen 5 Mo 33,11
parrhesie griech. παρρησία, Offenbarkeit, Wahrsprechen, Freimütigkeit


Glaube ... Mt 5,17

geistlich ... Röm 7,14, Röm 8,9, 2 Kor 3,6








mit der Welt 1 Kor 11,32














Wer sein ... Joh 12,25


Thut Buße Mt 3,2, Mk 1,15, Apg 2,38


Würmer Ps 22,7

gesandt wurde ... Joh 14,26


Der Jude ... 1 Kor 1,23

Seelig ... Mt 11,6, Lk 7,23

Biße ... 4 Mo 21,6ff.




Nikodemus ... Joh 3,1ff.












alle gute ... Jak 1,17
giebt, ehe ... Mt 6,8


Haushalter ... 1 Kor 4,1ff.



Beiß ... Klgl 3,16




»Seid meine Nachfolger / gleich wie ich Christi«, 1 Kor 11,1



reich ... 2 Kor 8,7



Friede ... Phil 4,7



Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (59).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 488–490.
ZH I 421–424, Nr. 162.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
422/2 zusammenzustoßen
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): zusammenstoßen
423/36 Stoltz sagt
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies sagst  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): stoltz sagst