163
Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner
Königsberg, 12. Oktober 1759
ZH I, 424
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Königsberg, den 12. Octobr. 1759.

Seine Strafe, Seine Schläge, ob sie mir gleich bitter seynd, dennoch, wenn
ichs recht erwäge, sind es Zeichen, daß mein Freund, den ich liebe, mein
gedenke, und mich von der schnöden Welt, die uns hart gefangen hält, durch
das Kreutze zu ihm lenke. Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in
Ewigkeit. Ich bin erst gestern mit meinem Vater zum Abendmal gewesen,
ohngeachtet unser Vorsatz war vor acht Tagen zu gehen. Heute erhielt Ihren
Brief, und habe auch Ihre liebe Mama besucht, die ich aber nicht lange
aufhalten wollte, weil sich die Jungfer Braut putzte mit ihrem Herrn Bräutigam
Besuche abzulegen. Ich habe mich nebst meinem Alten herzlich über die
Nachricht gefreut, und wünsche Ihnen gleichfalls Glück dazu. Vielleicht ist dies
eine Zubereitung für Ihren alten Vorsatz die Frau Consistorial Räthin nach
Riga zu locken oder nach Mitau; wie Gott will. Was macht Ihr Herr
Bruder, unser Doctor. Ich habe ihm neulich meines Wißens einen ganz
galanten Brief geschrieben, um ihm zu zeigen, daß seine Feder an mich nicht
muckern darf. Soll ich nach der Strenge urtheilen; so hat er kein gut
Gewißen; nach der Liebe, keine Zeit noch Lust. Das letzte geht bey der
Freundschaft nicht an. Gute Freunde zu besuchen, halbe Stunden lang, hat man
in einem Vierteljahr immer Anfechtung und läst lieber einen Patienten
sitzen zu laßen, ehe man derselben wiederstehen solle.
Meine Gesundheit ist erträglich, und ich wundere mich selbst darüber, da
ich fast gar nicht ausgehe, mit Leidenschaften, Grillen und tollen Einfällen
belagert bin, ein großer Freßer, für züchtigen Ohren zu reden, und täglich
Wein, Waßer, wieder Wein trinke, und ein Bierkännchen zum Schlafküßen
mache.
Magister Weymann hat hier de mundo non optimo disputirt. Ich habe
bloß hineingeguckt in seine Dissertation, und die Lust vergieng mir zu lesen;
ich gieng ins Auditorium und die Lust vergieng mir zu hören. Bleib zu Hause,
dachte ich, damit Du dich nicht ärgern darfst und sich andere an Dich ärgern.
Herr Mag. Kant ist zum opponiren ersucht worden hat es aber verbeten; und
dafür eine Einladungsschrift zu seinen Vorlesungen über den Optimismus
drucken laßen, die ich für s Sie aufhebe. Er hat mir auch ein Exemplar
davon zugeschickt. Seine Gründe verstehe ich nicht; seine Einfälle aber sind
blinde Jungen, die eine eilfertige Hündinn geworfen. Wenn es der Mühe
lohnte ihn zu wiederlegen; so hätte ich mir wohl die Mühe geben mögen, ihn
zu verstehen. Er beruft sich auf das Gantze, um von der Welt zu urtheilen.
Dazu gehört aber ein Wißen, das kein Stückwerk mehr ist. Vom Gantzen also
auf die Fragmente zu schließen, ist eben so als vom Unbekannten auf das
Bekannte. Ein Philosoph, der mir also befiehlt auf das Ganze zu sehen, thut
eine eben so schwere Forderung an mich, als ein anderer, der mich befiehlt auf
das Herz zu sehen, mit dem er schreibt. Das ganze ist mir eben verborgen, wie
mir Dein Herz ist. Meynst du denn, daß ich ein Gott bin? Du machst mich
dazu durch Deine Hypothese, oder hälst dich selbst dafür, daß du in Dein
und Mein Herz sehen kannst. Ob der Stoltz nicht öfters ein Kind des
Leichtsinns ist, gehört für die Kenner des Menschlichen Herzens; um wie viel
Grad aber ein leichtsinniger Stoltz für einen steifen beßer oder schlechter ist,
damit mag sich ein Seelmeßer abgeben. Die Unwißenheit oder Flüchtigkeit
im Denken macht eigentlich stoltze Geister; je mehr man aber darinn weiter
kommt, desto demüthiger wird man, nicht im Styl, sondern am inwendigen
Menschen, den kein Aug sieht und kein Ohr hört, und keine Elle ausmißet.
Der Anfang im Christenthum macht uns daher reich an guten Werken, daß
wir unser Bibellesen, unsere Eingezogenheit, unsere Nutzbarkeit dem lieben Gott
anrechnen, und unsern Nächsten verachten, nicht mit der Zunge, wie ein Spötter
und Ismaelit, der aus dem Heiligthum unserer Hände heraus muß, sondern,
wie Sie selbst sagen, in der Tiefe unseres Herzens, die Gott allein ergründet.
Sie erhalten ein Pack, worunter einige Sachen an meinen Bruder sind,
mit dem Sie sich wegen der Fracht vergleichen werden. Ich habe die Werke
des Maillard beygelegt, weil ich glaubte, daß sie in Ihre Bibliothek gehören.
Sie sind von mir ganz flüchtig durchblättert worden. Ein lateinisch Gedicht
hat mir darinn gefallen, das dem Cassius, dem Mörder des Carsars
zugeschrieben wird und Orpheus heist. J’aime mes amis, schreibt Rollin an ihn
de tout le coeur et je ne compte d’amitié que celle qui sera eternelle.
J’espere que la notre sera de ce gout.
Ich habe die Erinnerungen an eine
Freundinn als ein sehr schätzbar Gedicht beygelegt, auch den Brief des
Rousseau an Voltaire, weil ich meynte, daß wenn Sie ihn hätten, Sie nicht
ermangelt haben würden es mir zu melden. Im Fall, so ist es eine
Kleinigkeit, die Sie bald loß werden können. Die Lisbonner nebst 2 Gedichten auf
Gottsched, die ich nicht einmal gelesen, habe bloß beygelegt, weil Sie mehr
Scartecken von der Art erhalten werden. Die Idee in der Insel der Pucklichten
ist in meinen Augen sehr philosophisch und noch leidlich genung eingekleidet.
Die Predigten des Baumgartens über die Lüsternheit sich selbst zu helfen,
habe vorher selbst gelesen, ehe sie Ihnen beygelegt worden. Sie werden sich
14 Tage zu seinen Anmerkungen Zeit nehmen. Er ist ein philosophischer
Gesetzprediger des Evangelii. Wer denken will und sich auf die Gabe zu denken
beruft, muß so denken wie er, und sich doch noch immer Schwäche und
Ungewißheit bewußt seyn. Wenn man wie die Kinder hinten nachdenken und
andern nachplappern will und sich doch für auf das Forum der Vernunft
beruft, der muß gegeckt und nicht wiederlegt werden, muß mit der Schule der
Roße und Mäuler für lieb nehmen, muß zum Narren gemacht werden, und
sich schämen lernen, wenn er nicht denken lernen will.
Die Stelle des Cicero hat wo ich nicht irre Toland in ihr Licht gesetzt. Sie
werden sie in Olivets Eclogen dieses Autors finden und steht wo ich nicht irre
in seinem Buch de natura Deorum. Mein Bruder wird Olivet haben, wo Sie
selbige auf den ersten Blättern finden werden. Es steht eine franzosische
Anmerkung darunter. Ich weiß nicht, daß man von Cicero Blindheit redet,
warum hat man Cicero so lange gelesen, und dies Witzspiel, die Beziehung
seiner Worte mit der Buchdruckerkunst, nicht eher bemerkt.
Die petite lettre sur des grands Philosophes, worinn von dem Streit des
Michaels geschrieben steht, ist die Epistel Juda coll: 2 Petri.
Sie lesen die Bibel, Forstmann und Reichel mit Geschmack – Wie liesest
Du?
ist eine Frage des Gewißens, die man niemanden thun darf, und worauf
man niemand zu antworten nöthig hat. Ich muß mir gefallen laßen, daß Sie
meine Briefe lesen, wie Sie wollen. Ehe ich aber ein Controversienschreiber
werde, will ich lieber stumm seyn. Wenn der Titel meines vorigen Briefes
ruhmräthig gewesen; so ist es eben derselbe, den Sie mir Selbst in Ihrem
letzten Briefe am Ende gaben. Da Sie mich: alter wahrer Freund! nannten,
habe ich dies Wort aufgeschnappt wie die Gesandten eines geschlagenen
Königes in der Schrift aus dem Munde seines Ueberwinders.
Sie schelten andere, die mit Gnade prangen, und rühmen sich selbst der
Barmherzigkeit, die Ihnen wiederfahren. Sie sind bey aller Armuth des
Geistes, auf einmal so reich, so satt, so herrschend worden wie die Korinther
1 Cor. IV. 8. Wollte Gott, sagte Paulus, und dachte eine weinende Ironie
dabey.
Sie üben sich in Gottes Wort, und sind ein Schriftgelehrter ohne
Schrifttoll zu seyn. Sie beweisen Ihren Glauben durch Tugend, und in ihrer Tugend
Bescheidenheit, und Mäßigkeit, und brüderliche Liebe und allgemeine
Liebe. So bald können die Armen reich werden, und die Hungrigen mit
Gütern überfüllt. Hüten Sie sich für die Klippen, für die Sie mich so
treuherzig gewarnt. Je heiliger Sie werden, desto beißiger.
Es fehlt nicht viel, so fallen Sie in Offenbarungen. Sie sind nicht Herr
mehr von Ihrem Geiste, ungeachtet Paulus den Propheten dies beylegt. Sie
wißen nicht, warum Sie schreiben oder wozu? aber Sie sollen es schreiben?
und was denn? daß ich in Armen Schulen auftreten soll. Sie kommen mit
diesem Einfall zu spät, aufrichtig zu sagen. Meine Gründe Ihnen darüber zu
sagen, lohnt nicht der Mühe. In der AbschiedsPredigt, die mir ein Knecht des
Herren in Engl. halten muste, hieß es: Iß dein Brot mit Freuden und trink
Deinen Wein mit gutem Muth ppp.
Mein Vater giebt mir alles reichlich, was zur Leibes Nahrung und
Nothdurft gehört; und hat mich nicht her geruffen, mich in die Armen Schulen zu
verpflanzen, sondern zu seiner Handreichung. Und ich wiederhole das Wort:
Ich muß in dem seyn, das meines Vaters ist. Gott wird seine armen Schulen
schon mit tüchtigen Leuten besetzen; und die unwürdigsten sind die besten für
ihn. Wie der Fürst dieser Welt seine Ämter nach Gunst und nicht nach
Verdienst besetzt: so ist der Beruf Gottes in seinem Reiche auch, nicht nach Gaben,
nicht nach Werken, sondern heilig, wunderbar und verkehrt. Wenn ich auch
alle Stunden meines Tages zu Bißen machte, und sie unter den Armen
Schulen austheilen wollte, und ließe nicht nur wie Scaevola meine Hand, die
lauter Fehlstiche thut, sondern meinen ganzen Leib brennen, und hätte der
Liebe nicht, so wäre mirs nichts nütze. Wer frey ist und seyn kann, soll nicht
ein Knecht werden; und wem Gott ein Erbtheil unter den Häuptern seines
Volks und Eigenthums zugedacht, soll nicht ein Gibeoniter aus Demuth
werden. David verließ nicht seinen Thron bey seinem Thürhüter Dienst im
Tempel. Daß mich Gott in ein Feld getrieben hat, das Disteln und Dornen
trägt, erkenne ich mit Dank und Demuth.
Ihre Anmerkung ist sehr richtig, daß der Leichtsinn uns nicht erlaubt stoltz
zu seyn; er macht uns aber desto eitler. Und die Eitelkeit ist ein Affe des
Stoltzes, eine lächerliche Copie eines schlechten Originals.
Ein Herz ohne Leidenschaften, ohne Affeckt ist ein Kopf ohne Begriffe, ohne
Mark. Ob das Christenthum solche Herzen und Köpfe verlangt, zweifele ich
sehr. Wie Sie beten können: Ich bin blind, lehre mich o Gott Deine Rechte
und doch dabey so klare Augen haben Licht und Finsternis in mir auf ein
Haar zu unterscheiden, was der Geist und das Fleisch in Ihnen so wohl als
mir thut, begreife ich nicht. Treiben Sie die Verleugnung ihrer Vernunft
und Phantasie nicht zu weit. Vernunft und Phantasie sind Gaben Gottes,
die man nicht verwerfen muß. Das Saltz ist eine gute Sache es muß aber
nicht tum seyn; sonst ist es Saltz und kein Saltz. Ein ungesaltzen Saltz und
ein christlicher Sokrates gehören in eine Klaße. Sie fällen über die
Schulfüchserey ein Urtheil, daß sie nicht gut sey und bitten gleich darauf um eine
Erklärung der Schulfüchserey. Wie kann man sagen, daß eine Sache gut und
nicht gut ist, die man nicht versteht?
Der Sokrates, deßen Denkwürdigkeiten ich geschrieben, war der gröste
Idiot in seiner Theorie und der gröste Sophist in seiner Praxi. Lesen Sie nur
das Gespräch mit Alcibiades. Verstehen Sie eben den Sokrates, oder
vielleicht einen andern, der ein Prahlhans der weisen und klugen Leute ist, und
die Maske starker Geister. Mein Sokrates bleibt als ein Heyde groß, und
nachahmenswürdig. Das Christenthum würde seinen Glanz verdunkeln. Er
starb als ein Verführer der Jugend. Für ein solch Gerücht und Gnadenlohn
wird uns der Himmel wohl behüten. Er lief weder in Armen Schulen noch
Präbenden; sondern zog Alcibiaden und Platonen.
Ihre andere Welt von Nabaliten und Abimelechs ist mir so unbekannt
als Weymans non optimus und Kantens Optimismus. Chimären haße ich
wie die entia der Vernunft.
Zu Hirtenbriefen gehören 2 Griffel, der Griffel Wehe und der Griffel s
Sanft. Wir müßen die Bibel nicht nach §. sondern ganz lesen; es ist ein
zweyschneidig Schwert, und Gott muß uns Gnade geben es recht zu theilen; zur
Rechten und zur Linken damit umzugehen. 1 Cor. 4, 21. Ja, das ist meines
Herzens Wunsch, mit dem Magister Kant, nicht §.weise sondern das ganze,
was man geschrieben, und gelebt, zu überlegen, damit das tumultuarische
nicht das Gute ersticke. Sind wir aber nicht Kinder am Verstande. Wir
ersticken an Ungeziefer und trauen uns zu Kamele zu verschlucken. Wir sind zu
ungedultig und fladderhaft seidene Faden durch das Nadelöhr zu treffen, und
fordern Schiffseile. Halten wir uns selbst für Hexenmeister, oder wißen wir
nicht daß wir Betrüger sind. Wir sind arme blinde Menschen, denen es leichter
fällt sich und andere zu hintergehen, ohne daß wir wißen was wir thun, als
Wunder zu schaffen.
Mit unserm Leichtsinn, der über alles wegglitschet, wird unsere
Unwißenheit aufhören, und mit unserer Unwißenheit unsere Eitelkeit. Ich habe Dir
gesagt Mensch! was gut ist, und was der Herr Dein Gott von Dir fordert,
nämlich Gottes Wort halten – Wie können wir es halten wenn wir es nicht
verstehen? Wie können wir es verstehen, wenn wir nicht glauben wollen. Wir
halten es so schlecht als wir es verstehen. Wenn wir es nicht verstünden, oder
wüsten, daß wir blind dagegen wären; so wäre es beßer für uns. Denn kommt
Liebe üben – hat es den Verdammten daran gefehlt. Sie waren sich bewust,
daß sie mehr gethan hatten, als die Auserwählten – und endlich demüthig
seyn vor deinem Gott. Als ein Unterthan kann ich mit Pharao, meinem
Wohlthäter, deßen Tochter mich erzogen, Blut, Hagel, Feuer, Heuschrecken,
Finsterniß, Blattern, Läuse und Mord und Todschlag reden. Was geht Dir
thörichten Mann das an, daß heut zu Tage viel Knechte ihren Herrn
entlaufen?
Du brauchst nur Deine Vernunft, wenn du Schwachheiten,
Menschlichkeiten entschuldigen und tadeln sollst. Ist aber von Wahrheit die Rede, so ist
deine Vernunft ein platonischer Mensch ein Federloser Hahn; und eine Flügel
gelähmte Einbildungskraft.
Unterdeßen ist es mir lieb, wenn Christus geprediget wird ειτε προφασει,
ειτε αληθεια; das gehört für den Herzenskündiger, der die Menschen richten
wird nach dem Rath ihres Herzens, und das Verborgene ans Licht bringen.
Ich will nichts erklären. Ihr gutes Herz ist der beste Exeget meiner schweren
Stellen; und Sie haben einen schnellen Zeugen an Ihrem Gewißen.
Ob es eitle Schulweisheit ist in Gleichnißen und Sprüchwörtern zu reden,
mögen Sie als ein Prediger dieser Weisheit am besten wißen. Ob die Moral
durch äsopische Larven eckel gemacht, und wenn die Gottseeligkeit alles
niederreist, warum haben die Evangelien Bücher so viel Parabeln. Rede mit uns frey
heraus, damit wir Dich kurz und gut steinigen können als einen Gotteslästerer;
so wirst Du leichter sterben als am Kreutz nach Recht und Gerechtigkeit.
Unser Leben ist uns nicht deswegen geschenkt, noch verlängert, weil es
Gott nützen kann; sondern achtet die Gedult des Herren und die Fürbitte
eines treuen Gärtners für eure Erhaltung, und last euch durch den Reichthum
seiner Güte zur Buße leiten.
Gott wird mit den Scherben einer Wittwe für lieb nehmen, die ich ihm
heilige; und mir Gnade geben seinen Bund mehr zu achten denn Opfer. Der
L Psalm handelt vom wahren Gottesdienste.
Da unser Briefwechsel immer mehr ausarten möchte, und man weder auf
die Schranken Acht geben kann noch will, die ich mir setze. Da ich die
Gränzen ehre, für denen sich die Wellen meines Stoltzes legen müßen; und meine
Freunde wie Spreu vom Wirbelwinde über die Zäune und Hecken der Logick,
der Moral, des Gewißens und Wohlstandes wegwirbeln laßen. Da mir meine
Briefe Arbeit kosten, die Tage kurz und die Nächte lang für mich werden,
ich Beschäftigungen so wohl als Nebendinge nach dem Maas meiner
Zeit
und Kräfte habe; so wünschte ich, daß wir uns eine Weile ausruhten.
Wollen Sie noch hierauf antworten: gut; lieber nicht, doch wie Sie wollen.
Haben Sie mir etwas aufzutragen, oder zu melden; so bin zu Ihren Diensten
der nächste und schuldigste. Fällt mir etwas vor; so bediene mich gleicher
Freyheit.
Herrn Magister Kant 1.) denke noch nicht so bald zu besuchen. Er wird
sich freuen mit einem Schreiben von Ihnen Selbst beehrt zu werden. 2.) Fürchte
ich mich zu urtheilen, und anderer Urtheile durch meine Feder fließen zu
laßen. 3. Weil der Vater durch Nachrichten, wie Sie mir melden, beruhigt
seyn will; so muß man nach dem Sprüchwort nicht den Teufel an der Wand
mahlen, weil sich gutherzige Leute mehr für den gemahlten Teufel als den
Geist deßelben fürchten.
Sie sind vielleicht zu bescheiden mir einen Waffenstillstand unter den
Bedingungen eines gänzlichen Stillschweigens aufzulegen; ich will mein Werk
durch diese Grobheit krönen. Da Ihre Antworten mehr aus einer gesetzlichen
Gefälligkeit
zu flüßen scheinen; so sind dies keine Pflichten der Freundschaft,
die alle Menschensatzungen wie die Noth und Liebe bricht und keine Gesetze
kennt, sondern wie die Luft, der Othem unsers Mundes, frey seyn will. Ein
natürl. Hang zur Freyheit ist mir gewißermaßen mehr natürlich als Ihnen;
ich liebe also auch in dieser Absicht das Christenthum als eine Lehre, die
meinen Leidenschaften angemeßen ist; die nicht eine Saltzsäule, sondern
einen neuen Menschen verlangt, und verspricht. Wo der Geist Gottes ist, da
ist Freyheit. Und die Wahrheit macht uns frey. Die Gerechtigkeit in Christo ist
kein Schnürleib, sondern ein Harnisch; an den sich ein Streiter wie ein
Mäcänas an seinen dissoluto habitu, losen Tracht gewöhnt.
Ich habe Ihren Herrn Schwager noch nicht gehört, und wähle mir keine
Prediger mehr, sondern nehme für lieb mit dem der liebe Gott giebt.
Baumgarten, Forstmann, Reichel, Paulus, und Kephas sind Menschen, und ich höre
öfters mit mehr Freude das Wort Gottes im Munde eines Pharisäers, als
eines Zeugen wieder seinen Willen, als aus dem Munde eines Engels des Lichts.
Für Leute, die blöde Augen haben, ist die schwarze Farbe eines Predigers
erträglicher, als ein glänzender Talar und mit Ihrer pragmatischen Regel
kranke Augen durch das Licht zu stärken bin nicht einig. Schirme, Vorhänge,
gefärbte Gläser, Wolken, und ein Wiederschein im Waßer, sind Methoden
der Natur, der Vernunft und Geschmacks; wie ihre morgenländische
Erzählungen, romanische Dialogen, Schauspiele gleichfalls Abweichungen Ihrer
Theorie sind. Hier strafen auch die Kinder den Vater und treten wieder ihn auf.
So bald ich meine sokratische Denkwürdigkeiten erhalte, schicke ich ein
Exemplar. Wer sich daran ärgert, thut sich selber schaden. Wahrheiten,
Grundsätze, Systems bin ich nicht gewachsen. Brocken, Fragmente, Grillen, Einfälle.
Ein jeder nach seinem Grund und Boden. Ich warte mit Ungedult auf den
Abdruck. Mein Vater grüst herzl. Sie und Ihre liebe Hälfte, die ich umarme.
Ich bin jusqu’à revoir
Ihr Freund in petto.


A Monsieur / Monsieur Lindner. M. A. / Recteur du College Cathedral /
de et / à Riga.

HE. Justiz Rath Trescho hat mir ein Compliment an Sie aufgetragen.

Seine Strafe ... Gottes Lieb in Ewigkeit 8. Strophe aus P. Gerhardts »Sollt ich meinem Gott nicht singen«






Brief nicht überliefert

Braut die Schwester von Lindner, vgl. Brief Nr. 164 (ZH I 432/33)
Bräutigam
George Steinkopf



Räthin Die Mutter Lindners




muckern stocken














Immanuel Kant
; stattdessen respondierte Johann Christian Granow.




Sprichwort: canis festinans parit caecos catulos / eiliger Hund gebiert blinde Hündchen


Gantze
Kant, Betrachtungen über den Optimismus
( AA II S. 35): »Unermeßliche Räume und Ewigkeiten werden wohl nur vor dem Auge des Allwissenden die Reichthümer der Schöpfung in ihrem ganzen Umfange eröffnen, ich aber aus dem Gesichtspunkte, worin ich mich befinde, bewaffnet durch die Einsicht, die meinem schwachen Verstande verliehen ist, werde um mich schauen, so weit ich kann, und immer mehr einsehen lernen: daß das Ganze das Beste sei, und alles um des Ganzen willen gut sei.« Vgl. Brief Nr. 170 (ZH I 452/32)

Stückwerk 1 Kor 13,9

vom Unbekannten vgl. die Umkehrung in
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 61, ED S. 15.











inwendigen Röm 7,22, Eph 3,16

den kein Aug ... 1 Kor 2,9













Wieland, Erinnerungen an eine Freundin
(1754; 1758 war eine Neuauflage in Berlin/Leipzig erschienen)




Gedichten nicht ermittelt


Scartecken unnützes, wertloses Schriftstück (Grimm DWB s.v. Scharteke)
Insel der Pucklichten in einem Bd. mit
Lieberkühn, Die Lissabonner









gegeckt verhöhnt





Cic. nat.
II, 93: »Soll ich mich nun hier nicht wundern, daß es jemanden gibt, der sich einredet, eine Art von festen und unteilbaren Körpern bewege sich infolge ihrer Schwerkraft und unsre so wunderbar ausgestattete und herrliche Welt entstehe aus dem zufälligen Zusammentreffen dieser Körper? Wer glaubt, daß das geschehen konnte, von dem Mann kann ich nicht begreifen, warum er sich nicht auch einbildet, wenn man die Formen der einundzwanzig Buchstaben, aus Gold oder sonst einem Material, irgendwo zusammenwürfe, könnten sich aus ihnen, wenn man sie auf den Erdboden schüttete, die ›Annalen‹ des Ennius so bilden, daß man sie der Reihe nach lesen könnte; dabei dürfte der blinde Zufall wahrscheinlich auch nicht bei einem einzigen Vers so viel fertigbringen können! Wie können aber diese Epikureer so zuversichtlich behaupten ...« Das Motiv der zufällig ausgeschütteten Buchstaben spielte in der zeitgenössichen Diskussion über das ›blinde Ungefähr‹, also das Fehlen einer göttl. Intention in der Entwicklung der Welt, eine Rolle; bspw. wird der Zufall bei
Diderot, Pensées sur l’interpretation de la nature
affirmiert, wogegen mithilfe der Wahrscheinlichkeitsrechnung in
Zimmermann, Das Leben des Herrn von Haller
Diderots These widerlegt werden soll.


Anmerkung
Olivet, Ciceronis Eclogæ
, S. 7: »On veut que ce passage de Ciceron ait servi à faire inventer l’art de l’Imprimerie.«






















Hungrigen Lk 1,53

Klippen Fallen

vll. anspielend auf Pred 10,8 und Lk 6,39/Mt 15,14















nicht nach Gaben ... 2 Tim 1,9



Womit der Römer Scaevola während des Kriegs gegen die Etrusker seine Vaterlandstreue unter Beweis stellt –
Titus Livius
Livius
2,12; Machiavelli erwähnt diese Anekdote in Vom Staate oder Betrachtungen über die ersten zehn Bücher des Tit. Livius, im 24. Kapitel mit dem Titel: »Wohlgeordnete Republiken setzen Belohnungen und Strafen für ihre Bürger fest, und gleichen nie die einen durch die andern aus.«

hätte der Liebe nicht 1 Kor 13,1-3





Disteln und Dornen 1 Mo 3,18














christlicher Sokrates vgl.
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 64/4, 74/20, 77/12, ED S. 23, 51, 56





Idiot Privatmann, Laie, Pfuscher





Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 80/33, ED S. 62


zu Platon vgl.
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 64, 74, 77, ED S. 23, 51, 56
Präbenden Pfründe, bzw. Unterhalt eines Leibeigenen, von mlat. praebenda (Grimm DWB s.v. Präbende)

Nabaliten und Abimelechs 1 Sam 25, 1 Mo 21,22–34, 1 Mo 26,7–11, Ri 9

Weymann, Dissertatio philosophica de mundo non optimo
; Kant schreibt am 28.10.1759 an
Johann Gotthelf Lindner
: »Alhier zeigte sich neulich ein Meteorum auf dem academischen Horizont. Der M. Weymann suchte durch eine ziemlich unordentlich und unverständlich geschriebene dissertation wieder den Optimismus seinen ersten Auftritt auf diesem Theater, welches eben so wohl als das Helferdingsche Harlequins hat solenn zu machen. Ich schlug ihm wegen seiner bekannten Unbescheidenheit ab ihm zu opponiren aber in einem programmate welches ich den Tag nach seiner dissertation austheilen lies und das HE. Behrens zusamt einer oder der andern kleinen Piece Ihnen einhändigen wird vertheidigte ich kürzlich den optimismus gegen Crusius ohne an Weymann zu denken. Seine Galle war gleichwohl aufgebracht. Folgenden Sontag kam ein Bogen von ihm heraus darinn er sich gegen meine vermeinten Angriffen vertheidigte und den ich künftig übersenden werde weil ich ihn jetzo nicht bey Hand habe, voller Unbescheidenheiten Verdrehungen u. d. g.« (Kant: AA X, Briefwechsel 1759, Nr. 13, S. 18)


Wehe ... Sanft 1 Kor 4,21


zweyschneidig Schwert Hebr 4,12; (siehe auch J.G. Lindners Anm., s. unten »Zusätze ZH«)

Rechten und zur Linken 2 Kor 6,7





Nadelöhr Mt 19,24


blinde 1 Joh 2,11




Unwißenheit Apg 3,17, Apg 17,30
Ich habe Dir ... Mi 6,8






Liebe üben Mi 6,8

demüthig ... Mi 6,8
Auserwählten Röm 8,33


Blut ... bes. 2 Mo 8, 9, 10
Tochter 2 Mo 2,5ff.






Diog. Laert.
6,2,40: Replik des Diogenes auf die Definition des Menschen als federloses, zweifüßiges Tier.


Phil 1,18: »es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit«; πρόφασις: prophasis, Begründung, Motiv, Anlaß, Vorwand, Grund; ἀλήθεια: alētheia, Wahrheit

Menschen richten ... Röm 2,16
Herzenskündiger Apg 15,8



schnellen Zeugen Mal 3,5









Reichthum ... Röm 2,4







Wellen meines Stoltzes ... Spreu vom Wirbelwinde Hi 38,11, Hi 21,18, Jes 40,24


























neuen Menschen Eph 2,15
Geist Gottes ... 2 Kor 3,17

Wahrheit macht uns frey Joh 8,32

Harnisch Eph 6,15

Mäcänas
Sen. epist.
114,4–6




Pharisäers Apg 23,6







romanische vll. romanhafte
Abweichungen vll. bez. auf Lindners Beurteilung des Romans in
Lindner, Anweisung zur guten Schreibart
, S. 287: »Die Romanen sind Bastarde der Geschichte und erdichtete Begebenheiten«.




Grillen
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 69/17, ED S. 38
Brocken siehe
Hamann, Brocken
, LS S. 406 – Bezug auf Joh 6,13








Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (46).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 490–497.
ZH I 424–431, Nr. 163.

Zusätze ZH:
ZH I 431/37: Lindner schrieb einige Stichworte an den Schluß von Hamanns Brief:
Ich zwinge dich nicht, aber daß der Sünder nicht bleibe. Bis ich frdl. werde scheinen.
Um nicht gesezl. zu schreiben so kurz gut zu theilen nach dem Schwert drohen?
ihr Schwert Menschen trifft aber Petrus hieb das Ohr ab.
Optim.
Socrat.
Seine Strafe sind Schläge.
Damit nicht Bitterkeit werde
Gibeoniter sind gute Schleuderer gewesen
Ich danke dir Gott daß du mich gedemüthigt hast
Bassa
Woltersdorf