168
Johann Georg Hamann → Immanuel Kant
1759
ZH I, 444

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– – ah! miser,

Quanta laboras in Charybdi

Digne puer meliore flamma!

HORAT.


Die Gönner Ihrer Verdienste würden vor Mitleiden die Achseln zucken,
wenn Sie wüßten, daß Sie mit einer Kinderphysick schwanger giengen.
Dieser Einfall würde manchem so kindisch vorkommen, daß er über die
Unwißenheit Ihrer eigenen Kräfte, und den schlechten Gebrauch derselben
spöttern oder wohl gar auffahren würde. Da ich nicht weiß, daß Sie Satyren
über Ihre Lehrbücher lesen; so glaube ich auch nicht, daß Sie unter den
Kindern Ihrer Naturlehre Leute von guter Gesellschaft verstehen.
Ich nehme also an, H.H. daß Sie in Ernst mit mir geredt, und diese
Voraussetzung hat mich zu einem Gewebe von Betrachtungen verleitet, die mir nicht
möglich ist auf einmal auseinander zu setzen. Sie werden das, was ich vor der
Hand schreiben kann, wenigstens mit so viel Aufmerksamkeit ansehen, als
wir neulich bemerkten, daß die Spiele der Kinder von vernünftigen Personen
verdienen, und erhalten haben. Wenn nichts so ungereimt ist, das nicht ein
Philosoph gelehrt, so muß einem Philosophen nichts so ungereimt
vorkommen, das er nicht prüfen und untersuchen sollte, ehe er sich unterstünde es
zu verwerfen. Der Eckel ist ein Merkmal eines verdorbenen Magens oder
verwöhnter Einbildungskraft.
Sie wollen mein Herr M. Wunder thun. Ein gutes, nützliches und schönes
Werk, das nicht ist, soll durch Ihre Feder entstehen. Wäre es da, oder wüßten
Sie, daß es existirte, so würden Sie an diese Arbeit kaum denken. „Der Titel
oder Name einer Kinderphysik ist da, sagen Sie, aber das Buch selbst fehlt.“
Sie haben gewisse Gründe zu vermuthen, daß Ihnen etwas glücken wird, was
so vielen nicht gelingen wollen. Sonst würden Sie das Herz nicht haben einen
Weg einzuschlagen, von dem das Schicksal Ihrer Vorläufer Sie abschrecken
könnte. Sie sind in Wahrheit ein Meister in Israel, wenn Sie es für eine
Kleinigkeit halten, sich in ein Kind zu verwandeln, trotz Ihrer Gelehrsamkeit!
Oder trauen Sie Kindern mehr zu, unterdessen Ihre erwachsene Zuhörer
Mühe haben es in der Geduld und Geschwindigkeit des Denkens mit Ihnen
auszuhalten? Da überdem zu Ihrem Entwurf eine vorzügliche Kenntniß der
Kinderwelt gehört, die sich weder in der galanten noch akademischen
erwerben läßt; so kommt mir alles so wunderbar vor, daß ich aus bloßer
Neigung zum Wunderbaren schon ein blaues Auge für einen dummkühnen Ritt
wagen würde.
Gesetzt Kützel allein gäbe mir den Muth gegenwärtiges zu schreiben;
so würde ein Philosoph wie Sie auch dabey zu gewinnen wissen, und seine
Moralität üben können, wo es nicht lohnte seine Theorien sehen zu
laßen. Meine Absichten werden Sie unterdessen übersehen; weil die
wenigsten Maschinen zu ihrem nützlichen Gebrauch eine mathematische Einsicht
erfordern.
Gelehrten zu predigen, ist eben so leicht als ehrliche Leute zu betrügen: auch
weder Gefahr noch Beantwortung dabey, für Gelehrte zu schreiben; weil
die meisten schon so verkehrt sind, daß der abentheuerlichste Autor ihre
Denkungsart nicht mehr verwirren kann. Die blinden Heiden hatten aber vor
Kindern Ehrerbietung, und ein getaufter Philosoph wird wissen, daß mehr
dazu gehört für Kinder zu schreiben als ein Fontenellischer Witz und eine
buhlerische Schreibart. Was schöne Geister versteinert, und schöne
Marmorsäulen begeistert; dadurch würde man an Kindern die Majestät ihrer
Unschuld beleidigen.
Sich ein Lob aus dem Munde der Kinder und Säuglinge zu bereiten! –
an diesem Ehrgeitz und Geschmack Theil zu nehmen, ist kein gemeines
Geschäfte, daß man nicht mit dem Raube bunter Federn, sondern mit einer
freywilligen Entäußerung aller Überlegenheit an Alter und Weisheit, und
mit einer Verläugnung aller Eitelkeit darauf anfangen muß. Ein
philosophisches Buch für Kinder würde daher so einfältig, thöricht und abgeschmackt
aussehen müssen, als ein Göttliches Buch, das für Menschen geschrieben.
Nun prüfen Sie sich, ob Sie so viel Herz haben, der Verfaßer einer
einfältigen, thörichten und abgeschmackten Naturlehre zu seyn? Haben Sie Herz, so
sind Sie auch ein Philosoph für Kinder. Vale et sapere AVDE!
Hor. carm.
I,27, V. 18–20: »... a miser, / quanta laborabas Charybdi, / digne puer meliore flamma.« / »Ach Unglücklicher! / Wie gewaltig, an der du littest, die Charybdis! / Wert wärest du, Jüngling, einer besseren Flamme!«;
Hamann, Fünf Hirtenbriefe das Schuldrama betreffend
, N II S. 369, ED S. 26. Die Briefe 168 und 169 bilden den Anhang zu den Fünf Hirtenbriefen.

Charybdi vgl.
Hamann, Kreuzzüge des Philologen
, Kleeblatt Hellenistischer Briefe, S. 114





Johann Gotthelf Lindner
schreibt am 26.12.1759 an
Immanuel Kant
: »Ew. Hochedelgeb. haben, wie HE. B[erens] sagt, eine Kinderphysick zu schreiben, im Sinne. Was Rollin gethan ist eher eine Chrie als eine Anweisung. Ihr Vornehmen würde ganz nützl[ich] seyn. Heißt es für Kinder; so wollte ohnmaßgebl[ich] rathen, ihre Jahre und Fähigkeiten, und Lust zu unterscheiden. Man könnte für Kinder von 9–12 und 12–15 Iahren u.s.f. Abschnitte machen. Für jene würden Frag und Antworten die faßlichste Methode seyn; für diese kurze Sätze und eine summarische Recapitulation in Tabellen. Ich schreibe so aus der Schule und rechtfertige mich damit: experto credo Ruperto. Die beste Schulmethode ist wohl, die für Gedächtnis und Verstand zugl[eich] sorget, und es beiden erleichtert.« (Kant: AA X, Briefwechsel 1759, Nr. 16); vgl. Brief Nr. 168 (ZH I 445/3).











Wenn nichts ... »nihil tam absurde dici potest quod non dicatur ab aliquo philosophorum«
Cic. div.
2,58,119 (auch von Descartes im zweiten Teil von Le Discours de la Méthode sinngemäß zitiert)








ist da
Rollin, Traité de la manière d’enseigner
, Bd. 4, Buch 5, S. 372ff. enthält einen Entwurf zu einer »Physique des enfans«, auf den
Johann Gotthelf Lindner
im Brief an
Immanuel Kant
eingeht (s.o. zu 444/18)




Meister in Israel Joh 3,10


















blinden Heiden ... Ehrerbietung »maxima debetur puero reverentia« / »Einem Kind kommt größtmöglicher Respekt zu.« (
Iuv. saturae
XIV,47)



versteinert ... begeistert
Ov. met.
X,238–294; vgl.
Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten
, N II S. 62, ED S. 18





Raube bunter Federn Wie es die Krähe in versch. Fabeln tut (bspw. in der von Lessing aufg. »Die Pfauen und die Krähe«).




Göttliches Buch vgl.
Hamann, Biblische Betrachtungen eines Christen
, LS S. 67f.



Hor. epist.
I,2,40

Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg (ohne Signatur).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, II 443–446.
Kant, Werke [Akademieausgabe] X 20–21, vgl. XIII 12–13.
ZH I 444–446, Nr. 168.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
444/30 Philosophen
Geändert nach Druckbogen (1940); ZH: Philisophen  Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies Philosophen  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): einem Philosophen
445/11 vorzügliche
Geändert nach Druckbogen (1940); ZH: verzügliche  Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies vorzügliche  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): vorzügliche