171
Johann Georg Hamann → Immanuel Kant
1759
ZH I, 453


20




25




30




S. 454



5




10



Entwurf

Eine weise Regierung hat mehr Macht als das Clima den Charakter einer
Nation zu veredeln.
Es fehlt an Schriften nicht über das Clima; ich kann mich aber auf keine
besinnen, die hieher gehört. Im Esprit des Nations möchte etwas zum
Unterricht des Declamators stehen. Dies Buch ist deutsch übersetzt. Der
Lebensbeschreiber des Hallers hat meines Wißens seines Helden Hypothese von der
Reitzbarkeit mit der Lehre vom Clima vereinigen wollen. Dieser Schweitzer
hat eine kleine Schrift vor einem Jahr ausgegeben, die wo ich nicht irre, auch
in das Fach einschlägt. Ich besitze sie selbst, habe sie aber nicht gelesen, sie ist
sehr historisch. Zimmermann heist meines Wißens der Autor.
Ich habe nicht einmal den Esprit des loix hier, daß ich dies Buch zu Rathe
ziehen kann. Seine Theorie gründet sich auf einige Versuche mit
Ochsenzungen, und ihren Warzen, so viel ich mich besinnen kann. Nehmen Sie also mit
einer Rhapsodie meiner eigenen Einfälle für lieb. Sie werden sich nicht viel
versprechen können, weil mein Gedächtnis die Spur der einschlagenden
Begriffe verloren.
Das Thema könnte ein wenig beßer und regelmäßiger bestimmt werden.
Es fehlt demselben an Einheit, die jedes haben muß, es mag so zusammen
gesetzt seyn, wie es will. Damit ist dem geholfen, der es ausarbeiten, und jeder
Art von Zuhörern.
Wird Regierung dem Clima hier, wie Kunst und Natur entgegengesetzt?
So hat man nicht den Montesquieu eigentlich zum Gegner. Der sieht das
Clima bloß als ein Mittel an, das der Regierung zu subordinirt ist, oder
als ein Hindernis, das eine gesunde Politick zu überwinden hat. Die
Staatskunst muß sich also gegen das Clima als einen Bundesgenoßen oder als
einen Feind verhalten.
Wo es keine Gesetze giebt, da giebt es auch kein politisch Clima. In
despotischen Staaten giebt es weder Sitten noch Charakter. Die zufällige
Gemüthsart des Sultans und seines Großveziers machen eine solche Nation edel und
verächtlich. Das Clima kann ihn über ihn einen Einfluß haben, aber keinen
über sein Volk.









nicht gelesen Seine ungefähre Kenntnis des Inhalts (ohne die Schrift gelesen zu haben) könnte auch auf eine Rezension Mendelssohns zurückgehen (
Briefe die neueste Litteratur betreffend
, 4. Bd., 1. St., 1758, XI, S. 551ff.).



Seine Theorie Die in
Zimmermann, Dissertatio physiologica de irritabilitate
formulierte, und die auf ein Bewegungsprinzip unabhängig vom Seelischen hinauslief, also auf rein körperliche Reizbarkeit.


Rhapsodie Vortrag eines Gedichtes oder von Teilen einer/verschiedener Dichtung/en, die lose miteinander verbunden aber nicht unbedingt aufeinander aufbauen. Vgl. Titel der Aesthaetica in den
Hamann, Kreuzzüge des Philologen
Kreuzzügen des Philologen
, N II S. 195: »Rhapsodie in kabbalistischer Prose«.


















Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2553 [Gildemeisters Hamanniana], I 58.

Bisherige Drucke:
ZH I 453–454, Nr. 171.