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Königsberg, 2. Januar 1760   ZH II 1   Orig    geprüft    Komm  
Johann Georg Hamann  →  Johann Christoph Hamann (Bruder)
S. 1



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Konigsberg. den 2 Jänner 1760.

Mein lieber Bruder,
Dein Vater schickt Dir den Chrysostomus zum Weynachtsgeschenk. Ich habe
denselben mit viel Vergnügen zum Theil gelesen, ich freute mich aber auch, daß
ich damit zu Ende kam. Was Beredsamkeit betrift, so verdient er auch in dieser
Absicht Aufmerksamkeit. Die Abhandlung von den Subintroducten ist ein
Meisterstück, was Kunst in einer küzlichen Materie betrift. Vom Priesterthum
habe schon geschrieben. Brauch ihn auch zu Deinen Nutzen. Die Anmerkungen
der Uebersetzer sind öfters so schlecht als die seichten Stellen ihres Originals.
Wer keine Leidenschaften hat, wird kein Redner werden; und diese verführen
die Vernunft so gut als die Einbildungskraft.
Ich habe mir zum Weynachtsgeschenk Bengels kleine Ausgabe vom Neuen
Testament Hederichs griechisches Lexicon nach Ernesti Ausgabe, Moeridis
Wörterbuch attischer Worte, eine schöne holländische Ausgabe, die 11 fl. kostet
und einen ganzen Homer ohne Uebersetzung aber mit griechischen Gloßen
gekauft. Gott wolle Deine und Meine Arbeiten in diesem Neuen Jahre geseegnet
seyn laßen und uns Gnade geben unsere Zeit nach dem Willen Gottes
anzuwenden, wie D. Schulz gestern darüber gepredigt.
Endlich erhälst Du auch ein Exemplar von meiner Arbeit, das ich
durchschüßen laßen, weil ich mir vorgenommen daßelbe voll zu schreiben. Die Lust
dazu ist mir aber vergangen. Ich erhielte sie ganz unerwartet am heil.
Weynachtsabend, und habe sie auch so abgefertigt, daß mein Freund zu gleicher Zeit
selbige erhalten möchte. Jetzt wird sie nichts Neues mehr für Dich seyn, es
wimmelt darinn von Druck und Schreibefehlern. Was für eine Last ist es ein
Autor zu werden, und wie ist es möglich, daß wir einigen Ehrgeitz, Eitelkeit oder
Lust darinn finden können.
Ich weiß nicht, ob ich zu gut oder zu schlecht von dieser Arbeit denke, wenn ich
mir vielen Wiederspruch vorstelle. Sollte ich ein gedrükt, gerüttelt und
geschüttelt Maas erhalten, so weiß ich, daß ich es verdient habe. Milch gab sie, da Er
Waßer forderte, Butter bracht sie dar in einer herrlichen Schaalen. Sie grif mit
ihrer Hand den Nagel und mit ihrer Rechten den Schmiedehammer. Tritt meine
Seele! auf die Starken heist es in dem Liede Deborä.
Das andere Exemplar für HE. Magister. Es hat mit dem Druk so lange
gewährt, weil keine Censur in Halle mögl. gewesen zu erhalten, sie daher in Berl.
hat besorgt werden müßen.
HE. Vetter Pankokenbäker, ist hier um einzupacken. Ich habe heute nicht
Lust zu schreiben. Lebe wohl. Gott seegne Dich.
Unsere Priesterinn läßt Dich auch grüßen.


Chrysostomos
Cramer (Hg.), Johannes Chrysostomus Predigten
; unklar, ob hier alle 9 Bände gemeint sind.



Subintroducten Abhandlung wider die, welche der Kirchenordnung entgegen Jungfrauen bey sich haben, übers. von
Johann Adolf Schlegel
, im 9. Band von
Cramer (Hg.), Johannes Chrysostomus Predigten
, S. 595–722.








fl. Gulden, Goldmünze, hier aber vmtl. 1 polnischer Gulden, eine Silbermünze, entsprach 30 Groschen.

ganzen Homer nicht ermittelt


Gnade geben 2 Kor 6,2

D. Schulz vll.
Franz Albert Schultz




mein Freund nicht ermittelt






gedrükt, gerüttelt und geschüttelt Maas Lk 6,38

Milch gab sie … Ri 5,25f.


Tritt meine … Ri 5,21



Halle Für die Zensur der Sokratischen Denkwürdigkeiten wurde vll. zuerst
Georg Friedrich Meier
in Halle gebeten, vgl. HKB 182 ( II 22/34 ). Wer stattdessen dann in Berlin aushalf, ist nicht ermittelt.


HE. Vetter Pankokenbäker
Heinrich Liborius Nuppenau


Priesterinn nicht ermittelt

Provenienz
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (64).

Bisherige Drucke
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, III 3f.
ZH II 1f., Nr. 174.

Textkritische Anmerkungen
1/5 auch
Druckbogen 1940: auch; vmtl. Druckfehler.