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Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner
Riga, 10. Mai 1753
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Riga den 29 April/10 May 1753.

Liebster Freund,

Gegenwärtigen offenen Brief an HE. Secret. Sahme vertraue ich Ihnen
an zu bestellen, so bald Sie ihn können. Grüßen Sie unsern Freund u den
lieben Hennings noch einmal besonders von mir. Die Bitte, die ich am Ende
deßelben thue, werden Sie so gut seyn zu erfüllen. Ich bin krank gewesen v
dachte nicht so gut davon zu kommen. Gott Lob! daß es nicht mehr zu sagen
hat. Ich habe einen kranken Magen mitgebracht v. werde meinem Vater bey
mehreren Jahren ähnlich werden. Die jetzige Witterung befiehlt mich noch
einzuhalten v ich bin auch noch zu matt dazu. Es hat heute geschneyt wie im
Winter nach dem schönsten Wetter, das wir schon hier gehabt haben. Wegen
des Vorschlags bey HE. Mengden ist es jetzt unnöthig mit Ihnen zu reden;
weil ich dies eher über der Post zu thun gedenke. Ich habe diese Woche wieder
ein heis Eisen angreifen müßen, v weil ich noch nicht unten gespeist habe, an
die Frau Baronin schreiben müßen, um mich über meinen jungen HErren zu
beschweren v ihr einige nöthige Wahrheiten zu sagen. Weil mein halbes Jahr
bald um seyn wird; so hab ich diesen Versuch mit Fleiß gethan um sie v. mich
auf die Probe zu stellen. Ich kann mich über keine übele Begegnung
beschweren; ich will aber mein Amt mit gutem Gewißen führen v allen Vorwurf, die
man mir hernach machen könnte, so viel möglich zuvor zu kommen suchen.
Ich weiß, daß ich einer Frau schreibe, die mich v. meine Absichten nicht
versteht, sie hat aber die Schwachheit bey andern Rath zu holen, die mehr
Einsichten wie sie haben. Man hat nicht das Herz mir etwas ins Gesicht zu sagen,
v. ich habe ein Kind, das nicht sich noch mich ein wenig zu behaupten weiß;
ein Kind aber, das mit der Zeit in seinem Vaterlande viel bedeuten soll v.
kann. Sie hat bey meinem Briefe die Farbe gewaltig verändert; ist eine gantze
Stunde mit demselben bey ihren Beichtvater gewesen v hat sich vorgenommen
den hiesigen General Superintendenten darüber gar um Rath zu fragen. Ihr
Oracel der HE. von Kampenhausen ist auf dem Lande. Ein Herr, der viel
Vertraulichkeit gegen mich neulich stellte, oder auch wirklich hatte. Ich will
das meinige thun v im übrigen alles einer höheren Hand überlaßen, die das
Schicksal der Menschen in ihrer weisen Macht hat. Meine Absicht ist theils
diejenige, die ich Ihnen schon erst entdeckt habe, theils den Baron durch die Furcht
der Schläge empfindlicher zu machen, die ich eben nicht Lust habe in Ernst zu
brauchen. Sie wißen, wie der Herr v. Charmois einen guten Freund schilderte,
es ist ein imbecile v diesen Charakter hat mein Baron. Ich habe mehr
Mitleiden mit ihm als daß ich ihn wegen sr. Fehler aufhören solte zu lieben. Er
macht aus allen seinen Arbeiten ein Spiel, über Kleinigkeiten außer sich, ohne
Achtsamkeit auf das geringste das er redet oder thut, in dieser beständigen
Ohnmacht von klein auf erzogen. Mein meister Zorn ist verstellt, er geht nicht
von Herzen; er thut aber dem Leibe, wie ich merke eben den Nachtheil, weil ich
mich in eben die Bewegungen zu setzen suche, die dieser Affekt mit sich
bringt, wenn er ernsthafft ist. Alte Weiber Thränen sind se. beständige
Zuflucht, die ihm niemals versagen. Heute ist ein rußischer Bediente für ihn
gemiethet, wie ich höre v wir werden noch einen undeutschen Jungen zu uns.
Auffwartung bekommen. Ein großer Saal wird in diesem Hause gleichfalls
jetzt gantz neu gebaut werden. Sie scheint ihren Staat jetzt auszudehnen, man
redt von einer großen verlornen Schuld, die ihr aus Petersburg oder vielmehr
ihres verstorbnen Bruders Erben wegen des Herzogs Biron soll ausgezahlt
werden. Wie glücklich könnte sich mein junger Baron machen, wenn er sich
wollte geschickt machen laßen seine Reichthümer zu brauchen. Ich will Ihnen
eine Abschrifft meines Briefes, wenn ich Zeit haben werde, mittheilen; weil
ich meine Eltern damit nicht beunruhigen mag v die Wirkung deßelben geruhig
abwarten. Die Nachschrifft geht auf ein paar junge Herrn von Boye, die ihn
in der Sünde der Selbstbefleckung angefangen haben Unterricht zu geben. Ich
fieng einen Brief auf, der mir recht schien zugedacht zu seyn, in dem der jüngste
sich erkundigte, wie ihm die S…reuision bekommen wäre, die sie gestern
zusammen gehabt hatten. Sie können sich den Auftritt vorstellen, den ich
genöthigt war, mit meinen Untergebenen vorzunehmen. Er hat mir mit 1000
Thränen versprochen nicht mehr hinzugehen v verwünschte diese Spiel Brüder
kennen gelernt zu haben. Es sind windige Taugenichts, deren Umgang die
Fr. Bar. bey Tafel einmal selbst nicht gut geheißen hatte; der Aßeßor
Zimmermann ein Oncle stimmte damit überein. Der HE. von Kampenhausen gestand
mir sich wegen dieser Leute mit ihr beynahe verzürnt zu haben. Er hat ihr den
Brief gegeben. Sie halten Tanzstunde mit dem jungen Baron. Den andern
Tag, wie sie kommen, bittet sie sie selbst zum Abend Eßen. Kann man sich in
so eine Frau finden? Ein närrischer Eigensinn ist an statt Vernunfft, nach der
sie handelt. Sie schämt sich gutem Rath zu folgen v einfältiger als andere zu
seyn. Was für ein Ehrgeitz! wie abscheulich! wie tum ist derselbe? Der B.
scheut sich aus Furcht für mich zu Ihnen hinzugehen v sie sucht die Zeit des
HE. Barons durch ihre Gesellschafft so offt sie kann zu verschwenden. Gedult!
Dämpfen Sie das Feuer ihrer jungen Jahre! sagte mir der HE. von
Kampenhausen bey seinem ersten Abschiede. Ich versprach selbige in Ansehung ms.
Untergebnen aber nicht deren in Ansehung derjenigen, die an des Herrn B.
Erziehung mit mir arbeiten sollen. Ich begreife nicht, wie ich mich die Gunst
dieses HE. zugezogen habe; da er nicht die geringste Ursache gehabt hätte mich
wie einen Menschen, den er nicht kennt zu schonen v. wenigstens etwas
einzubilden, das ich mir hätte gefallen laßen müßen, wenn er auch Unrecht
gehabt hätte. Ich verzweifele übrigens die Fr. Baronin klüger zu machen, v.
traue mir dieses unmöglich zu. Wie schlecht wäre ich daran, wenn ich mir
etwas vergeben hätte! Man kann mich mit gutem Gewißen nichts ins
Gewißensicht beschuldigen v man hat das Herz auch Gott Lob! noch nicht dazu
gehabt. Einfältige Auslegungen, Einbildungen, Verläumdungen, die man
mir hinterrücks thut, dagegen darf ich mich nicht verantworten, v die gehen
auch von selbst zu Grunde. Weiß man noch nichts in Königsberg von mir,
gehen keine Nachrichten aus Liefland von mir über? Ich habe mich schon längst
bey Ihnen erkundigen wollen. Belustigen Sie mich doch einmal damit, wenn
Sie etwas wißen. Es kann seyn, daß man bisweilen bekannter ist, als man es
sich einbildet v. Lust hat zu seyn. Schonen Sie mich nicht, es mag so
kunterbunt seyn als es will.
Was machen Sie? was machen Ihre v. meine Freunde? Grüßen Sie
Lauson, Wollson v. ihren Herrn Bruder herzlich von mir. Dem Mietauer habe
ich noch nicht schreiben können v ich schäme mich fast es Ihnen zu sagen. Ich
habe gar zu wenig Zeit v. wenn ich welche habe, bin ich gar zu untüchtig dazu.
Dieser Brief hätte vielleicht kürzer seyn sollen, liebster Freund? Ich will Ihnen
recht geben. Man mag sein ♡ aber gar zu gerne ausschütten v ich habe es
nöthig gegen Sie so vertraut zu seyn. Ich fordere von Ihnen mir weniger als
andern meine Ausschweifungen übelzunehmen. Hab ich Recht dazu. Meine
Eltern fodern Rechenschafft von mir; v ich halte mich für schuldig dazu. Mein
Bruder will lange Briefe; v das ist das wenigste, was ich jetzt für ihn thun
kann. Leben Sie wohl, Grüßen Sie Marianchen, wird Sie mir antworten v
unter mehreren andern auch HE Gothan. Ich umarme Sie herzlich v. ersterbe
Ihr Freund
Hamann.


Hochwohlgeborne Frau, gnädige Fr. B.

Da ich nicht mehr weiß, was ich mehr nachdrückliches dem Herrn Baron
sagen soll, als ich bisher gesagt habe; so bin ich ganz erschöpft v. verzweifele
etwas bey ihm auszurichten. Ich sehe mich täglich genöthigt ihn noch lateinisch
lesen zu lehren v immer das zu wiederholen, was ich schon den ersten Tag
meines Unterrichts gesagt habe. Ich habe eine menschliche Säule vor mir, die
Augen hat ohne zu sehen, Ohren ohne zu hören, an deren Seele man zweiflen
sollte, weil sie immer mit kindischen v. läppischen Neigungen beschäfftigt v.
daher zu den kleinsten Geschäfften unbrauchbar ist. Ich verdenke es Ew.
Gnaden nicht, wenn Sie diese Nachrichten für Verläumdungen v Lügen ansehen.
Es kostet mir genung die Wahrheiten derselben stündlich zu erfahren; v es
giebt Augenblicke, in denen ich mehr des Herrn Barons künftiges Schicksal
als mein jetziges beklage. Ich wünsche nicht, daß die Zeit und eine traurige
Erfahrung meine gute Absichten bey Ihnen rechtfertigen sollen. Ich bin
genöthigt weder an Rechnen, in dem der Herr Baron so weit gekommen ist, daß
ich ihn anfänglich habe Zahlen schreiben v. aussprechen lernen müßen, weder
an frantzoisch noch an andere eben so wichti nöthige Dinge in Ernst zu
denken; weil er nur immer zerstreuter werden würde, je verschiedenere Sachen
ich mit ihm vornehmen wollte. Ein Mensch der nicht eine Sprache lesen kann,
die nach den Buchstaben ausgesprochen wird, ist nicht im stande eine andere
zu lesen, die nach Regeln ausgesprochen werden mus. Ich nehme mir die Fr
gerechte Freyheit dahero Ew. Gnaden um ein wenig Hülfe bey meiner Arbeit
anzusprechen. Man wird dem HE. B. ein wenig Gewalt anthun müßen, weil
er die Vernunfft oder Neigung nicht besitzt seine eigene Ehre v. Glückseeligkeit
zu lieben aus freyer Wahl zu lieben. Gewißenhaffte Eltern erinnern sich bey
Gelegenheit der Rechenschafft, die sie für Gott v. der Welt von der Erziehung
ihrer Kinder ablegen sollen. Diese Geschöpfe haben menschliche Seelen v. es
steht nicht bey uns sie in Puppen, Affen, Papagoyen oder in etwas noch ärgeres
zu verwandeln. Ich habe Ursache die Empfindungen v. Begrieffe einer
vernünfftigen v. zärtl. Mutter bey Ew. Gnaden vorauszusetzen, da ich von dem
Eifer versichert bin, den Sie für die gute Erziehung eines eintzigen Sohnes
haben. Sie werden seinem Hofmeister nicht zu viel thun, wenn sie ihn als
einen Menschen beurtheilen, der seine Pflichten mehr liebt, als zu gefallen
sucht. Setzen Sie zu dieser Gesinnung die vollkommene Ergebenheit, mit der
ich bin pp.
N.S. Nehmen Sie nicht ungnädig, wenn ich bitte dies als keine Vorschrifft
anzusehen. Es scheint, daß Sie, hochwohlgeborne Frau, eine gut gemeinte
Vorsicht gegen des Herrn Barons Sitten für Eingrieffe in Ihre Einsichten
angesehen haben v aus dieser Ursache, einen Umgang, den ich für nachtheilig
gehalten, jetzt selbst zu unterhalten suchen. Ich habe wenigstens geglaubt, daß
der HE. Baron das Alter zu dieser Art Sünden füglich abwarten können.
Haben Sie die Gnade gegenwärtiges Schr Es wird auff Sie ankommen,
ob Sie gegenwärtigen Brief nach meinem Endzweck oder nach einigen
Vorurtheilen wieder mich beurtheilen wollen. Ich bin gefast mich nach Dero
Entscheidung zu richten.
Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (2).

Bisherige Drucke:
Heinrich Weber, Neue Hamanniana (München 1905), 11–15.
ZH I 48–52, Nr. 18.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
48/19 Vorwurf
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies Vorwürfen