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Königsberg, 12. April 1760   ZH II 18   Orig    geprüft    Komm  
Johann Georg Hamann  →  Johann Gotthelf Lindner
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GeEhrtester Freund,
Gott gebe, daß Sie das Fest in Fried und Freud zurück gelegt haben. Bey
gegenwärtigen Läuften ist uns das Andenken jenes Krieges lebhafter als sonst
gewesen, des wunderbaren, da ein Tod den andern fraß, und ein Spott aus
dem Tode, nämlich dem rechten, ward.
Ich bin mit Arbeiten bisher so überhäuft gewesen, zu denen jetzt ein
Zuwachs von neuen komt, daß mir alle meine Zeit beynahe beschnitten ist. Es
wird Ihnen daran auch nicht fehlen, GeEhrtester Freund, und wenn man
ei Gelehrten predigt, so darf man nicht dafür sorgen verstanden zu werden.
Alle bisherige kleine Commissionen habe nach Möglichkeit besorgt und
werde für alles übrige künftig gleichfalls thun. Mit dem Fuhrmann hatte
wieder harten Verdruß, weil Sie ihm keinen Frachtzedel mitgegeben und er
hier noch einmal bezahlt haben wollte, ich stopfte ihm aber mit Ihrem Briefe
das Maul, und frug ihn: ob er lesen konnte? worauf der Kerl dreist Nein!
sagte, das mir herzlich verdroß.
HE Wagner ist bisher unpäßlich gewesen, hat erst diese Woche ausgehen
können. An alles wird gedacht werden, jetzt sind die Sachen erst angekommen,
die so lange in Lübek gelegen. Künftige Woche möchte aber erst etwas
abgehen oder vielmehr nächstfolgende. Er meldete mir daß es wegen eines
Paupers Mühe kosten würde, daß ihn HE. Freytag mit sn. Propositionen
ausgelacht, und Cantor Cretlow ein Mann wäre mit dem nichts recht
anzufangen. Mehr wird er Ihnen selbst melden. Dies habe nur so im Vorbeygehen
auf W. Ersuchen vor der Hand communiciren wollen. Stricknadeln sind
sorgfältig eingepackt gewesen, wie ich auch ersuchen laßen durch meinen
Bruder unter den Papieren darauf Achtung zu geben. Der Käse ist noch hier. Die
Frau Consistorial Räthin habe das letzte mal nicht zu sprechen bekommen
können, ob ich gleich 2 mal bey ihr gewesen, weil ihr Geld von dem damals
bettlägerichten W. auszuzahlen hatte.
Da ich den ganzen Morgen lauter Frachtbriefe schreiben müßen; so habe
ich es auch für meine Schuldigkeit erachtet Sie um eine Gefälligkeit zu
ersuchen, die Sie mir ohne mein Bitten würden eingeräumt haben. Wenn näml.
mein Bruder meine zurück gelaßene Bücher in seine Verwahrung bekommen
sollte
; werden Sie diese verwaysten Exulanten gern unter ihr Dach
aufnehmen und ihnen einen sichern Ort in meines Bruders Stube oder wo es
am besten wäre anweisen. Für meine Bücher sorg ich wie ein alter Harpax für
seine harten Thaler. Die Interessen davon werden Sie durch einen Gebrauch
derselben abziehen.
Grüßen Sie herzlich Ihre liebste Hälfte. Gott gebe Ihnen allerseits
Gesundheit. Ich bin unverändert Ihr aufrichtiger Freund
Hamann


Königsb. den 12 April. 1760

In gröster Eyle.
Alle verlangte Bücher werden bestens besorgt werden. Der Artzt ist jetzt erst
angekommen. Diese Woche ist aber noch nichts zu thun im Buchladen, wegen
der Meße.

Adresse quergeschrieben:
An des / HErrn Rector Lindner / HochEdelgeboren /

das Fest Ostern
in Fried und Freud Mit Fried und Freud ich fahr dahin, Kirchenlied von Martin Luther auf Lk 2,29–32 (EG 519)

gegenwärtigen Läuften der Siebenjährige Krieg

da ein Tod den andern fraß Christ lag in Todes Banden, Osterlied von Martin Luther (EG 101), 4. Str.: »Es war ein wunderlich Krieg, / da Tod und Leben ’rungen; / das Leben behielt den Sieg, / es hat den Tod verschlungen. / Die Schrift hat verkündet das, / wie ein Tod den andern fraß, / ein Spott aus dem Tod ist worden.«













Sachen hauptsächlich wohl aus London importierte Bücher, vgl. HKB 110 ( I 243/29 ), HKB 116 ( I 253/7 ) u. HKB 144 ( I 331/17 )



Paupers lat. pauper, dt. arm. Armer Schüler, hier vll. als Packhilfe.















Harpax griech.-lat. Lehnwort: an sich reißend, räuberisch; vmtl. hier auch bez. auf die geizige Figur in Plautus’ Pseudolus

Interessen Zinsen


liebe Hälfte
Marianne Lindner











Provenienz
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (48).

Bisherige Drucke
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, III 20–22.
ZH II 18f., Nr. 181.