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Königsberg, 13. Juni 1760   ZH II 26   Orig    geprüft    Komm  
Johann Georg Hamann  →  Johann Gotthelf Lindner
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Königsberg den 13 Junius 760.

GeEhrtester Freund,
Heute habe Dero Brief erhalten, auf den schon vorige Post gewartet; danke
herzl. für Dero Wunsch, an dem das junge Paar nächstens Theil werde
nehmen laßen. Gott laße gleichfalls den Reichthum Seines Seegens auf Sie und
die Ihrigen ruhen.
Wir haben in zieml. Zerstreuungen bisher in unserm Hause gelebt und
müßen auf Johannis mehrere gewärtig seyn. Mein Vater ist hierinn jünger
geworden als ich; und meine Muße verliert auch nicht viel dabey. Heute Gott
Lob! den Jesaias zu Ende gebracht und den Jeremias angefangen. Er fördert,
wie Sie sehen, das Werk meiner Hände. Die historischen Bücher v ersten
Propheten habe mit ziemlicher Genauigkeit lesen können; jetzt aber ist kein Halten
gewesen, der alte Evangelist hat mich mit sich fortgerißen, daß ich den
Buchstaben wie ein mit rothen Seegeln auslaufendes Schiff das Land, darüber aus
dem Gesichte verloren habe. Den Tag vor der Hochzeit brachte eine kleine
Abhandlung über den Einfluß der Sprachen und Meynungen zu Ende, die die
unverdiente Ehre haben wird morgen in unserm Intelligentz blatt zu
stehen. So bald selbige abgedruckt seyn wird, schicke ich ihnen solche über die
Post über, da sie einen einzigen Bogen kaum füllen wird. Es ist mir lieb, daß
Sie sich die Wahl meiner Bücher gefallen laßen; ich bin für etl. besorgt
gewesen. Ich gehe mit meiner Zeit so karg um, daß ich nicht einmal die poes.
diverses
habe lesen wollen. Die holl. Ausgabe ist auch hier und habe sie bei
Lauson gesehen. Was Michaelis anbetrift; so glaube ich, daß Sie einige
kritische Gedanken, die ich nach Riga geschickt, werden gelesen haben über diesen
Autor. Da Ihnen vermuthlich auch der Entwurf zu meinem griech. Studio
zu Händen gekommen seyn wird; so darf selbiges nur jetzt als einen
subordinirten Zeitvertreib ansehen. Unter den alten Sittensprüchen haben mir
Theognidis sehr gefallen und bin jetzt im Theocrit, mit dem ich die poetische
Claße zu schlüßen gedenke; weil Hippocrates auf mich wartet, von dem eine
kostbare Edition in fol: erhascht für 33 gl. Diese Kinderspiele hat mir Gott
gegeben um mir die Zeit Seiner Erscheinung nicht lang werden zu laßen. Meine
rechte Arbeit, die niemand sieht, ist der Beruf meines Vaters, ihn nicht in
seinem Alter zu verlaßen – – der Gottes Arm verkündigen möge
Kindeskindern!
Ich bin durch Dero Nachricht von meinem Bruder, GeEhrtester Freund,
herzlich gebeugt worden; so sehr ich auch gewißermaßen auf Gottes
Heimsuchung zubereitet worden. Auch diese väterliche Züchtigung wolle so gut zu
meinem und derjenigen Besten, die daran Theil nehmen, als seinem eigenen
gedeyhen. Ich habe ihm niemals mit meinen Angelegenheiten beschwerlich
fallen wollen, (und dies auch zu thun nicht nöthig gehabt) weil er mit den
seinigen so zurückhaltend gegen mich gewesen. Wo er also die finstre Eindrücke
von meinem Schicksal hergesogen, weiß ich nicht. Auf meine Briefe kann mich
beruffen, die mehr nach Freudenöl riechen als meiner Gesellen ihre. Ich würde
der undankbarste Mensch unter der Sonne seyn, wenn ich im geringsten über
meine jetzige Verfaßung in meines Vaters Hause klagen wollte, (den Himmel
verlange ich auf der Erden nicht, der im Herzen, ist Himmels genung auch
in der ärgsten Welt.) Unendlich zufrieden kann mit dem Ausgange meiner
außwärtigen Angelegenheiten seyn; und ich habe wie ein trunckener Mensch
darüber gejauchzt. Unendlich zufrieden über die Denkungsart derjenigen
Leute, mit denen ich zu thun gehabt. Falls Sie alle meine Briefe an ihn
durchlesen sollten, würden Sie nichts von demjenigen finden, was ihn
beunruhigt. Nach der Wahl hab ich sie lieber als irgend andere Menschen
auf der Welt und ich schreibe auch an meinen leiblichen Bruder nichts, das sie
nicht hören dürften, wenn es abgekanzelt werden sollte. Ich habe ihn immer
gebeten, daß er sich um nichts bekümmern sollte, daß meine Sachen ihn nichts
angiengen, und um desto sicherer diese fremde Gedanken von ihm v von mir
in unserm Briefwechsel zu entfernen, hab ich beynahe affectirt lauter
gelehrte SachPoßen und insbesondere ein Journal meines jetzigen
Studierens ihm zu liefern und ihn immer um acta Scholastica dafür ersucht,
ihn zugl. zum Fleiß, zum rechten Fleiß aufzumuntern und an meinem eignen
Exempel zugleich zu lehren, wie selbiger geseegnet ist und wie der, so hat,
immer mehr empfäht.
Wer glaubts, daß Gott so sehr zürnet, und unsere unerkannte Sünde ins
Licht vor sein Angesicht stellt? Was für wir nicht für Sünde halten oder
für Sünde glauben können, das braucht keiner Vergebung. Dieser Wahn ist
ein Schlaftrunk, der unsern Fall beschleunigt. Wohl dem der so fällt, daß er
wenigstens davon aufwacht, und sich für solcher Betrübnis der Seelen hüten
lernt. Jer: VIII. 12.
Gott mag sich seiner annehmen! Ich würde durch meine Herüberkunft, die
er sich wünscht, ein leidiger Tröster für ihn seyn. Was können ihm meine
Briefe helfen, der Buchstabe würde ihn immer mehr tödten, je mehr er
demselben nachgrübelt ohne dem Geist, mit dem ich sie schreibe und mit dem er sie
auch lesen sollte. Gott schicke Ihnen GeEhrtester Freund! Mitleiden und
Gedult mit seinen Schwachheiten. Hätten Sie beym Antritt seines Amtes
weniger gehabt; so würden sie jetzt vielleicht nicht so viel brauchen. Denken Sie
daß Sie 2 Brüder haben, deren Wege eben so wenig scheinen gebahnt zu seyn,
als bisher meiner und meines Bruders gewesen.
Ich halte es für meine Schuldigkeit Ihnen noch einige Erläuterung über
das Hirngespinst seiner Armuth zu geben. Sub rosa, er hat seinen
Goldklumpen bisher, versetzt. 2.) hab ich ihm die Schuldigkeit eines
Hochzeitgeschenkes nach ihrem Beyspiel zu verstehen gegeben. 3.) ist er hier viele Jahre
im Buchladen 12 fl. schuldig geblieben, an die ich ihn mahnen müßen, für ein
Buch, das der seel. Hartung für ihn verschreiben müßen. Er hat dies aus
Freundschaft gegen Charmois gethan, der aus Freundschaft sein Schuldner
geblieben, wie er aus guter Nachbarschaft dem Buchladen. Es kann also
würkl. ihm am Gelde fehlen und er hat die Schaam sich zu entdecken.
Er hat mir vor 4 Wochen einen so verwirrten Brief geschrieben, daß ich
mich fast selbst an demselben verwirrt gelesen; der letzte war wieder
empfindlich, und er redte darinn vom Raub seiner Güter, weil ich an seine kleine
Schulden gedacht, und mich dazu anerboten selbige hier zu bezahlen. Sie
werden so gut seyn meinen Brief zu lesen an ihn, ehe Sie ihm selbigen geben.
An Nachrichten von ihm ist meinem alten Vater und mir viel gelegen; wir
verlaßen uns hierinn auf Ihre Freundschaft. Am Besten wäre es, daß er von
allen Nebenstunden jetzt loßgespannt und bloß bey der Schularbeit bliebe,
mein Vater räth zur Brunnenkur. Tragen Sie die Last, die Ihnen Gott
auferlegt hat, und nehmen Sich seiner an, nicht nach Ihrem guten Herzen
sondern mit Weisheit in der Furcht des HErrn. Unsern Herzl. Gruß an Ihre liebe
Frau. Ich ersterbe Ihr Freund.
H.


Mein Vater ersucht Sie herzlich, ihn sogl. zum Aderlaßen zu zwingen,
wenn er sich daßelbe nicht als einen Rath gefallen laßen will; und die bittere
Seydl. Brunnenkur zu brauchen, die erste Bouteille auf 4 Tagen. Er kann ein
Paar Tage einhalten und wieder eine Kruke trinken.
Gott wird uns nicht mehr auflegen als wir tragen können. Motion
empfiehlt mein Vater. Ich weiß nicht was er unter meiner Herüberkunft, auf die
er in einigen Briefen auf eine mir ganz unerklärliche Art gedrungen, eigentlich
hinter sich hat. Ist es bloß Lüsternheit – – hat er mir was zu entdecken, laß ihn
nur reden. Will er loß seyn; in Gottes Namen – Ich will ihm meine Stelle
hier einräumen, und wenn mein Vater uns nicht alle beyde unterhalten kann
oder Zank seyn sollte, die rechte und linke Seite zu wählen überlaßen.
Ist ihm nicht Gott näher als ich; und wenn er mich liebt, wozu entdeckt er
sich nicht, und schreibt mir ins andere Jahr nichts als vorsichtige Briefe. Traut
er sich selbst oder mir nicht?
Der treue Zeuge in den Wolken! den ich jetzt nach dem Abendeßen gesehen.
Die heutige Sonnenfinsternis hat wegen des wolkichten Himmels kaum
wahrgenommen werden können.
Mein Vater ist sehr geneigt mir eine Reise nach Riga einzuwilligen, falls selbige
nothwendig, das Versprechen oder die Erfüllung deßelben zu meines Bruders
Wiederherstellung nöthig wäre. Melden Sie ihm dies zu seiner Aufmunterung.
Gott gebe Ihnen Gedult und laße alles zu Seiner Ehre und unserm Heyl
gereichen. Sein Wille geschehe. Er ist doch der Beste. In diese glückliche
Gemüthsfaßung versetze uns Sein guter Geist alle, und laße unsere Traurigkeit
Gottlich und unsere Freude im HErren seyn.
Ich umarme Sie nochmals und empfehle Sie Göttl. Gnade. Versäumen
Sie nichts an meinem Bruder, und seyn Sie ruhig. Seine Wege sind in
großen Waßern und man kann ihre Fußstapfen nicht sehen. Leben Sie wohl mit
Ihrem gantzen Hause. Gott empfohlen.
Ich schreibe nächstens wie ich hoffe mit mehr Faßung. Wir gehen nächste
Woche wills Gott zum Abendmal. Zu meiner Beichte gewählt: Wie ein Hirsch
schreyet nach frischem Waßer.


Dero Brief nicht überliefert





Johannis 24. Juni, in vielen baltischen Gegenden zur Sommersonnenwende am 21. Juni gefeiert.


Er fördert … Ps 90,17



alte Evangelist Jesaja









holl. Ausgabe der Poésies diverses: 1760 in Amsterdam bei Schneider gedruckt.


kritische Gedanken Vgl. HKB 182 ( II 23/7 ); vll. ein Entwurf der Kritik, die im Kleeblatt hellenistischer Briefe enthalten ist, im dritten Brief, N II S.179f., ED S. 124f.

griech. Studio vll. Brief HKB 179



Theocrit
Theokritos

Hippocrates
Hippokrates von Kos

fol: folio, großformatig
gl. Groschen (Silbermünze [ca. 24. Teil eines Talers] oder Kupfermünze [ca. 90. Teil eines Talers]; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch)



Gottes Arm Ps 71,18










Freudenöl Ps 45,8





Angelegenheiten vgl. HKB 180 ( II 16/18 )













wie der, so hat … Mt 13,12


unerkannte Sünde Ps 90,8








der Buchstabe … 2 Kor 3,6








sub rosa Unter dem Siegel der Verschwiegenheit

Schuldigkeit eines Hochzeitgeschenkes siehe HKB 182 ( II 20/22 )


fl. Gulden, Goldmünze, hier aber vmtl. 1 polnischer Gulden, eine Silbermünze, entsprach 30 Groschen.





verwirrten Brief vgl. HKB 183 ( II 24/20 )








Brunnenkur Trinken von Heilquellwasser


Weisheit … Hi 28,28





Seydl. Brunnenkur Seydlitzer Brunnenkur, mit Hilfe von Heilwasser aus einer Quelle in Sedlitz, das enthaltene Bittersalz wirkte abführend.

Kruke Krug, wie er von Apotheken verwendet wurde











treue Zeuge in den Wolken Ps 89,38








Traurigkeit … 2 Kor 7,10



Seine Wege … Hi 38,16 u. Ps 77,20




Wie ein Hirsch … Ps 42,2


Provenienz
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (50).

Bisherige Drucke
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, III 26–30.
Heinrich Weber: Neue Hamanniana. München 1905, 43f.
ZH II 26–29, Nr. 184.