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Juni 1760   ZH II 30   Orig    geprüft    Komm  
Johann Georg Hamann  →  Johann Gotthelf Lindner
S. 30 / 2



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כׇלּוּ תְפִלּוֹת דׇּוִד בֶן־יִשׇׁי

das heißt:

Ein Ende haben die Gebete Davids des Sohnes Isai.


Hier mache ich eine Pause um ein paar Zeilen an Sie GeEhrtester Freund
zu schreiben. Montags besuchte uns Frau Schwester auf einen Augenblick mit
Bitte diesen Brief heute gewiß zu bestellen, welches ich auch gewiß versprochen
und jetzt halte. Morgen erwarte Ihre Mama zu sehen. Wir haben mit letzter
Post vergebens nach Briefe geschmachtet. So gewiß wir dachten; so gewiß war
nichts. Er wird den Armen erretten, der da schreyt und den Elenden, der
keinen Helfer hat. Er wird gnädig seyn den Geringen und Armen und den
Seelen der Armen wird er helfen. Die Übersetzung ist ganz richtig nach dem
Grundtext.
Ich wiederhole meine Bitte in Ansehung meines Bruders nichts zu
versäumen und die Vormundschaft, die Sie in Ihrem letzten Briefe freywillig
übernommen, gewißenhaft zu vollenden. Sollte es an Ausbrüchen fehlen und
die stumme Schwermuth anhalten: so taugt der Trost nicht: Es wird sich
schon geben
. Mein Vater und seine Freunde sind mit seiner Zurückkunft schon
zufrieden und wenn Sie und er dadurch erleichtert werden könnten – – Das
gemeine Beste befiehlt eben die Maasregeln. In gewißen Fällen bin ich ein so
eifriger Anbeter des Publici als Jehu des Baals. So gewißenhaft bin ich auch
nicht oder so blöde, daß ich mir nicht eben das Recht zutrauen sollte, ihn um
ein Amt zu bringen, das Sie gehabt haben ihn in daßelbe zu helfen.
Es ist mir um Antwort und Gewißheit desto mehr gelegen, weil ich hier wie
ein Maulaffe sitze, mich halb zu Tode schlampampe halb zu Tode arbeite, Luft
haben muß, den Sommer und die Erdbeerenzeit nicht verlieren will,
allenthalben aufs Land genöthigt werde, und wieder meinen Willen theils absagen
theils aufschieben muß, weil ich zu einer Reise nach einem Patienten gegürtet
und gestiefelt gehe. Aut – aut ist also mein Wunsch!
Der Prof. Eloquent. Ordinarius liegt auf dem Tod. HE. Doct. Buck
giebt seine Stimme dem Prof: Hahn wie Lauson mir gestern erzählte.
1.) weil er als extraord. ein Recht dazu hat.
2.) weil es der Mann nöthig haben soll.
3.) weil wir schon schlechtere Leute gehabt, die diesen Posten bekleidet pp.
So viel von Neuigkeiten. Ist mein Bruder kein Schulmann; (ein alter
practicus wird hier nicht fragweise sondern entscheidend urtheilen
können) so laßen Sie diese Gelegenheit die Ihnen Gott giebt, nicht vorbey
gehen, nach ihrem Glauben und nicht nach Zweifeln zu handeln, und der
Schule zu geben was der Schule gehört, der Freundschaft, was der
Freundschaft gehört.
An meines blöden Bruders Nachrichten werde ich nicht kehren, sondern
meine Reise hängt lediglich von dem letzten Bescheid seines Curators ab.
Ich beklage Sie GeEhrtester Freund, eben so sehr als meinen Bruder, und
Sie beyde mehr als mich selbst und meinen alten Vater, der Sie herzl.
grüßen läst. Ich ersterbe Ihr
aufrichtiger Freund Hamann.


Hat Baßa das hitzige Fieber, daß er nicht schreibt; im kalten läßenst
sich noch an Fr. schreiben.
Ich bin heute Gott Lob! zur Beichte gewesen, und warte morgen oder mit
nächster Post auf Nachrichten von meinem Bruder selbst, oder Ihnen
GeEhrtester Freund oder HE Baßa. Bin ich die Ursache (schuldig oder
unschuldig, das geht mir so wenig als andere an) bin ich die Ursache seiner
Schwermuth; so wird mich auch Gott zum Artzt derselben machen. Gestiefelt bin
ich schon die ganze Woche gegangen. So bald meinem Vater nur
gemeldet werden sollte, daß unser Patient auf sein Verlangen mich zu sehen
besteht und ohne selbigen sich nicht zufrieden geben kann; oder daß meine
Gegenwart ihm zur Entwickelung dienlich seyn könnte, wird er mich bald
schicken.
Beurtheilen kann nichts, weil ich nichts weiß. Weil ich als ein Dieb komme;
so verrathen Sie mich an keinen Fremden. Ihre Freundschaft wird mir diese
Bitte gewähren. Bey Baßa habe praeludirt. Wenn ein Tag so kurz für meine
Geschäfte seyn sollte; so würden 3 überflüßig seyn.
Ich habe heute den Ezechiel angefangen – Gestern 10. fl. von HE. W
erhalten die für die Fr. Consistor. Räthin fertig liegen. HE. Zeise ist
angekommen, bisher Buchhalter in uns. Nachbarschaft, was weiter geschehen
wird, mag die Zeit lehren; scheint ein gesetzter Mann zu seyn, der mehr reel
als brillant aussieht. Vielleicht lern ich diese Woche noch näher in meinem
Garten kennen. Leben Sie wohl und grüßen Sie herzlich Ihre liebe Frau.
Die freundschaftlichste Ergebenheit von meinem Alten. à Dieu.

Wenn mein Bruder würkl. in Verlegenheit des Geldes seyn sollte so
würde es mir verdrüßen daß er die 12 fl. mitgeschickt. In dem Fall würde Ihr
Beutel für ihn nicht verschloßen seyn. Grüßen Sie ihn, und laß ihn schreiben
wenn er will und kann.
La 5me paire des nerfs se porte à plusieurs parties entre autres aux yeux,
aux levres et aux parties destinées à la generation. Extrait de Willis.

Weil die sokrat. Denkw. gut gegangen seyn sollen, so hat Mdm. Woltersd.
um Erlaubnis gebeten von dieser Kleinigkeit einige für sich abdrucken v
verschicken zu können.





Frau Schwester seit 1759 Frau von
George Steinkopf
, HKB 164 ( I 432/33 )




Er wird den Armen … Ps 72,12





letzten Briefe nicht überliefert






Jehu … 2 Kön 10,18




schlampampe Zeit vertrödeln



gegürtet und gestiefelt Eph 6,14f.

Aut – aut lat. entweder – oder

Prof. Eloquent. Ordinarius Vll. geht es um ein falsches Gerücht zu Watsons Ableben, siehe HKB 185 ( II 30/30 ).
HE. Doct. Buck
Friedrich Johann Buck



















Fr. Freunde











als ein Dieb Offb 3,3


praeludirt mich vorangemeldet


fl. Gulden, Goldmünze, hier aber vmtl. 1 polnischer Gulden, eine Silbermünze, entsprach 30 Groschen.

Fr. Consistor. Räthin
Auguste Angelica Lindner











La 5me paire des nerfs … Das Zitat bezieht sich wohl auf die psychische Erkrankung des Bruders. Es paraphrasiert die Darstellung in
Willis, Cerebri anatome
und findet sich so im Journal des Scavans für das Jahr 1665, S.37.





Provenienz
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (51).

Bisherige Drucke
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, III 30f.
ZH II 30–32, Nr. 185.