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Mitau, 4. September 1760   ZH II 38   Orig    geprüft    Komm  
Johann Georg Hamann  →  Johann Gotthelf Lindner
S. 38



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Mitau. den 4 1760

HöchstzuEhrender Freund,
Ich habe aus Grünhof mit Schmerzen auf eine Erklärung von meinem
Bruder und einen Brief von Ihnen erwartet. Weil es mir da nicht gefiel, und
meine Ungedult nach Antwort zunahm, so bin vorgestern hier angelangt.
Wollte mich in eine Stube hier einmiethen, erhielt auch vom HE. Fiscal die
gütige Anerbietung in seinem Hause mich aufzuhalten, auf das ernsthafte
Versichern des HE Doctors ist es mir lieber gewesen bey ihm einzukehren.
Jetzt sitze hier auf Nadeln, und wenn mein Bruder die geringste Empfindung
von der Pflicht hat sein Versprechen zu halten, oder das geringste Mitleiden
mit meiner Verlegenheit und ganzen Verfaßung meiner Wallfahrt; so wird
er so klug und barmherzig seyn mich nicht länger aufzuhalten.
Sie wißen die Abrede, höchstzuEhrender Freund, die ich mit Ihnen in
Ansehung seiner genommen. Sie haben alles gebilligt; jetzt muß ich darauf
dringen, daß alles erfüllt wird. Acht Tage kamen Ihnen selbst zu lange vor,
und ich habe diesen Termin aus Schwäche so lange ausgesetzt um die
Beschuldigung meiner Heftigkeit nicht aufzurühren. Übermorgen sind 14; und
ich bin noch eben so weit. Zu meinem und anderer Verdruß hab ich weder Lust
noch nöthig zu leben. Ich wünschte daß mein Bruder auch so menschlich
dächte!
Es ist mir gleichgültig, ob ich allein oder in seiner Gesellschaft heimkehre.
Ich will mir in einem und andern Stück seinem Willen gern unterwerfen, so
bald er mir selbigen offenbaren wird. Meines Herzens Meynung über seinen
Zustand habe ihm von Grund der Seele entdeckt, und nichts von dem
vorenthalten, was die Wahrheit mir im Mund gelegt. Meinen Rath habe ihn
eben so wohlmeynend und freymüthig gegeben. Dies ist alles was ich thun
kann. Will er meinem aufrichtigen Zeugnis keinen Glauben zustellen, noch
einem brüderl. Rath folgen; so kann es mir selbst gleich viel seyn. Kennt
er beßere Zeugen und ehrlichere Rathgeber; so thut er gut ihre Parthey zu
ergreifen. Mir ist an seinem Wohl mehr als an meinem Urtheil gelegen. Bin
ich auf das letztere eigensinnig, so macht mich die Liebe des ersteren dazu.
Mein Vidi ist mit meinem Veni eingetroffen; ein langsamerer und späterer
Sieg für mich wird ein desto größerer Verlust für meine Feinde seyn.
Das Schlafzeug gestern richtig erhalten, wofür verbindlichst danke. Ich
weiß nicht ob Sie gleich nach meiner Ankunft allhier die Nachricht davon
bekommen; war mir eine Antwort darauf vermuthen. Jetzt werde nirgends
als bey Ihrem HE Bruder in Mitau seyn. Habe vor 8 Tagen mit der Post
geschrieben, melden Sie mir doch wenigstens ob Sie diesen Brief erhalten.
Die Absicht deßelben war bloß Ihnen eine sichere addresse zu geben.
Mein Paß geht, höchstzuEhrender Freund, in kurzer Zeit zu Ende; für seine
Verlängerung würde eine neue Sorge seyn. Hat mein Vater gar nicht
geschrieben? Ich weiß nichts von ihm. Liegt in Riga etwas: so laß doch mein
Bruder nicht die Beförderung oder Communication vergeßen.
HE HofDoctor befindet sich gesund. Mein Gemüth leidet sehr durch
Entziehung der Nahrung, meines Tagewerks, und meine Gesundheit gleichfalls
dadurch die ich durch eine Haberdiät bald wiederherzustellen denke hoffe.
Nach herzl. Empfehl an Ihre Frau Gemalin ersterbe nach freundschaftlicher
Umarmung Ihr ergebenster
Hamann.


Von meinem HE. Wirth folgt ein brüderl. Gruß pp. Er entschuldigt sich
in Ansehung Ihrer Jungfer Schwägerinn nicht die verlangte Nachricht von
den Umständen ihrer Krankheit und den vorgelegten Fragstücken erhalten
zu haben. Haben Sie Geld und Brief durch Mad. Schäferin von ihm
empfangen.
Mitau Mitau, heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O] (40 km südwestlich von Riga)


Grünhof Zaļā (Zaļenieku) muiža, 70 km südwestlich von Riga, 20 km südwestlich von Jelgava/Mitau, Lettland [56° 31’ N, 23° 30’ O]





























Mein Vidi … lat. veni, vidi, vici; dt. ich kam, ich sah, ich siegte (Suet. Caes. 37,2).






diesen Brief HKB 189








Haberdiät Haferdiät

Frau Gemalin
Marianne Lindner





Jungfer Schwägerinn
Sophie Marianne Courtan


Brief durch Mad. Schäferin nicht ermittelt


Provenienz
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (53).

Bisherige Drucke
Walther Ziesemer: Unbekannte Hamannbriefe. In: Altpreußische Forschungen 18 (1941), 289f.
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, III 32f.
ZH II 38f., Nr. 190.

Textkritische Anmerkungen
38/21 ist mir
Geändert nach Druckbogen (1940); ZH: ist mit  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): ist mir