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12. September 1760   ZH II 39   Orig    geprüft    Komm  
Johann Georg Hamann  →  Johann Gotthelf Lindner
S. 39 / 19
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den 12 Sept. 1760

Herzlich geliebtester Freund,
Mein freundschaftliches Beyleid. Gott tröste Sie und ersetze diesen
Verlust – – – Eine Starostin giebt in diesem Hause einen Ball, zu dem der
HE Doctor seine 3 Zimmer geben muß. Ich denke daher auch wills Gott!
Montags das Haus zu räumen und mich vermuthlich bey Baacken
einzumiethen, weil ich daselbst am besten Ankunft und Abgang der Fuhrleute abwarten
kann. Gestern einen Brief von meinem Vater erhalten, der meine Rückkunft
wünscht, wie ich seinem Wink entgegen zu eilen; auch gestern schon
geantwortet.
Brauche daher nichts weiter hier abzuwarten, als daß mein Bruder beym
Magistrat eingekommen, und den Bescheid darauf. Erfüllen Sie mein
Verlangen hierinn befriedigt zu seyn. Ich bitte sehnlich darum. Wird man dafür
sorgen, daß ich nicht verfriere, so laß mir gemeldet werden bey Zeiten – wo
nicht, werde so gut ich kann, mich fortzuhelfen suchen.
Bin diese Woche in Platohnen gewesen und habe mit Vergnügen an der
guten Verfaßung Ihres HE Bruders Theil genommen. Die Haushaltung
dorten ist ein Antipod von Grünhof.
Erhalte ich etwas von dorten – aber es muß bald und je eher je lieber
geschehen, denn ich werde nicht fackeln: so bitte Epitre au Chevalier des Cygnes
und beyzulegen; sie liegt in der Paudel in Ihrer Bücherstube. Abschrift
davon will besorgen; an dem Exemplar aber ist mir gelegen als dem
Andenken eines ehrl. Buchhändlers in Amsterdam.
Ich umarme Sie und Ihre liebe Hälfte. Gott erhalte Sie beyderseits und
Ihr ganzes Haus. Meinen Bruder bitte gleichfalls zu grüßen. Ersterbe Ihr
ergebenster Freund
Hamann


Wenn mein Bruder nicht will daß mein Aufenthalt hier dem Vater 50 fl.
mehr kosten soll: so laß er keinen Posttag versäumen mich zu befriedigen.

Adresse mit rotem Lacksiegelrest:
à Monsieur / Monsieur Lindner / Maitre és Arts et Re- / gent du College
Cathedral de et / à / Riga. / franco.


Vll. hatte
Marianne Lindner
eine Fehlgeburt.

Starostin vmtl. die Frau des herzoglichen Verwalters von Kurland bzw. Stellvertreters in Mitau; vgl. HKB 192 ( II 40/25 )


Baacken Gasthaus in Mitau


Brief nicht überliefert


geantwortet HKB 192






Platohnen Landgut v. Wittens, wo H.
Gottlob Immanuel Lindner
besuchte, der dort Hauslehrer war. Heute Platone in Lettland (56°32′22″N 23°41′46″E).


Grünhof Zaļā (Zaļenieku) muiža, 70 km südwestlich von Riga, 20 km südwestlich von Jelgava/Mitau, Lettland [56° 31’ N, 23° 30’ O]


Epitre au Chevalier des Cygnes Die Geschichte von »Le Chevalier au cygne et Godefroi de Bouillon« (Schwanenrittersage) ist seit dem 12. Jahrhundert in mehreren Versionen überliefert. H. meint hier vmtl.
Anonym, Epitre du Chevalier des Cygnes
. Vgl. HKB 193 ( II 42/29 ).

Paudel litauisch: pudlar, längliches Kistchen


Buchhändlers in Amsterdam nicht ermittelt

liebe Hälfte
Marianne Lindner





fl. Gulden, Goldmünze, oder polnischer Gulden, eine Silbermünze, entsprach 30 Groschen. Vll. hier aber eher »gl.« für Groschen (Silbermünze; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch).






Provenienz
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (55).

Bisherige Drucke
ZH II 39f., Nr. 191.