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Mitau, 22. September 1760   ZH II 41   Orig    geprüft    Komm  
Johann Georg Hamann  →  Johann Gotthelf Lindner und Johann Christoph Hamann (Bruder)
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Herzlich geliebtester Freund,
Meinen aufrichtigsten Dank zum voraus für die Erfüllung Ihres gütigen
Versprechens. Ich nehme Ihre Treue in Besorgung des Abschiedes für
meinen Bruder als ein Siegel zu allen den Beweisen der Freundschaft an, die ich
bey allen Fällen so viele Jahre von Ihnen genoßen habe; und finde darinn
zugleich eine Gewährleistung auf die Zukunft, daß kein Contrast der Umstände,
kein Betrug von Vorurtheilen und Leidenschaften, unserm gemeinschaftlichen
Wechsel Abbruch thun wird.
Daß mein Wille stets geneigt gewesen die Schuld der Freundschaft in Rath
so wohl als in That Ihnen abzutragen; das weiß ich, und versichere Sie
davon auf das zuverläßigste, im fall Sie einige Zweifel darüber hegen möchten.
Der das Herz hat jemanden zu rathen, wird die geringere Gefahr und den
sinnlichen Beweis von Thätigkeit gern auf sich nehmen, falls er von seiner
Ungeschicklichkeit im ersten nicht abgeschreckt würde. Wem meine Denkungsart
nicht gefällt, wird sich gewis noch weniger meine Handlungen als Früchte
dieser Wurzel gefallen laßen. Ich kann mich aber nicht ohne Grund schmeicheln,
daß ein solches Misverständnis unter uns weder statt gefunden hat noch statt
finden kann.
Da ich jetzt die Nachricht von der Befreyung meines Bruders habe; so ist
der Zweck meiner Reise erfüllt. Ich bin daher reisefertig, ohngeachtet mein
Vater und HE. Archidiac. B. mich anrathen wollen die Gesellschaft meines
Bruders abzuwarten. Auf ihre Gründe habe so gut ich gekonnt, geantwortet;
mein Bruder wird sich übrigens das Beyspiel meiner Eilfertigkeit nach
Beschaffenheit der Umstände zu Nutze machen.
Der Fuhrmann ist heute erwartet worden aber noch nicht angekommen. Ich
verspreche mir das verlangte Geräth zu beßerer Beqwemlichkeit, und nehme
in Hofnung, meinen Wagen morgen zu sehen und mit der Fracht kurz und gut
einig zu werden, heute schon durch gegenwärtiges Abschied. Gott helfe Ihnen
auch die Last künftiger Tage tragen, wie er Ihnen die verfloßene erleichtert,
schenke Ihnen Gedult, und belohne Sie reichlich für die Ausübung derselben.
Ohne daß ich Sie bitten darf, weiß ich, daß Sie nichts versäumen werden was
zum Besten meines Bruders während seines Aufenthalts und zur
Beförderung seines Aufbruches gereichen kann. Meine Bücher wünschte wohl, wenn
sie mit ihm gehen möchten – doch ich überlaße dies Ihrer Verfügung. Die
Fracht derselben wird mein Vater tragen, und weil sie unterwegens geöfnet
werden müßen, so würde meinem Bruder lieber als dem Fuhrmann den
Schlüßel dazu anvertrauen.
Was die epitre au Cheval. des Cygnes betrift; so hätte es bey Ihnen
gestanden, da ich es Ihnen gegeben, auf Ihr Recht zu bestehen. Weil s
Sie sich aber deßelben wieder begeben haben; so ist mir die Zurücklieferung
deßen angenehm. Anfrage steht unter guten Freunden frey, wenn man sich
ein Ja! eben so gut als ein Nein! gefallen läßt. Ich will mich mit den detail
der kleinen Bewegungsgründe an diese epitre zu denken nicht aufhalten.
HE Doctor hat erst gestern Gelegenheit gehabt an den jüngsten HE Bruder
zu schreiben, der jetzt nicht einmal zu Hause seyn wird. Letzterer hat mir
gestern auch geschrieben; ich bin aber wieder meinen Willen verhindert
worden ihm ein Paar Zeilen zu antworten. Vielleicht sehe ich ihn noch vor meiner
Abreise – der ältere läst sich alles gefallen, was Sie für recht erkennen. Ich
werde ihn nochmals erinnern Sie nicht auf seine Antwort warten zu laßen.
Ich empfehle Sie, Ihre liebe Hälfte und ganzes werthes Haus Göttlicher
Obhut und Gnade; mich Selbst zu Ihrem treuen Andenken, als Ihren
redlichen ewigen Freund.
Hamann.


HE Pastor Ruprecht hält sich gleichfalls hier auf und bringt, wenn das
Glück gut ist, nach Dobbeln, wo er morgen Amts wegen seyn muß. Ach! daß
der Fuhrmann da wäre. Ich bin überall Heim weh wie ein Schweitzer. Die
verbindlichste Gegengrüße – –
Mitau. den 22 Sept. 1760.


Mein lieber Bruder,
Mit Deinem letzten zugl. Briefe von meinem Vater erhalten. Gott Lob!
gesund, wenigstens leidlich. Meldet nichts interessantes, als daß das schlechte
Geld dort abgesetzt ist. Die Nachricht von Deinem Abschiede und die Abschrift
deßelben hat mich herzl. erfreut. Du bist jetzt frey und Dein eigener Herr.
Mache Dir Deinen jetzigen Stand beßer zu Nutz, und halte Dich an Gott
überlaßen Seiner heil. Führung, die wir freylich jeder Zeit Ursache haben den
rauhen Wegen brüderl. Liebe und freundschaftlicher vorzuziehen. Ich glaube
jetzt das Ziel meiner Reise erhalten zu haben, und stehe jetzt auf dem Sprung
heimzugehen. Gott begleite mich und Dich und bringe uns glücklich
zusammen.
Ein Vertrauen auf Gott giebt uns Parrhesie, Lust und Muth und Glück
alles zu unternehmen. Dem Glauben ist nichts unmöglich – nichts
unbegreiflich, – nichts befremdend. Ich bin mir gewärtig das verlangte vor mir zu
finden. Grüße Baßa und danke für gute oder schlechte Besorgung.
Es wird dir hoffentlich nicht beschwerlich seyn meine Bücher mitzubringen.
HE Mag. Lindner wird deswegen mit Dir Abrede nehmen.
Gott sey Dir gnädig und schenke Dir viel Freudigkeit des Geistes in
Verlaßung zeitlicher Vortheile, die ohnedem unsichtbaren Verhältnißen immer
zurückstehen müßen. Ich umarme Dich lieber Bruder und ersterbe mit
herzlicher Zärtlichkeit Dein Freund und Diener.
Hamann.


Compliment von HE Pastor Ruprecht an Euch alle. Gott empfohlen und
Seiner Gnade. Lebe wohl und freue Dich der Zukunft – – Ach wenn mein
Fuhrmann doch nur da wäre! Grüße alle gute Freunde schuldigst und
verbindlichst von mir.

Adresse mit rotem Lacksiegelrest:
à Monsieur / Monsieur Lindner / Maitre es Arts et Regent / du College
Cathedral de et / à / Riga. / franco.


















Befreyung von der Verpflichtung als Lehrer an der Rigaer Domschule

























jüngsten HE Bruder
Gottlob Immanuel Lindner
in Platohnen


gestern auch geschrieben nicht ermittelt




liebe Hälfte
Marianne Lindner





HE Pastor Ruprecht
Johann Christoph Ruprecht

Dobbeln Vll. das heutige Dobele in Lettland [56° 37′ N, 23° 16′ O], knapp 30 Kilometer westlich von Mitau/Jelgava

Heim weh wie ein Schweitzer vgl. Adelung (Bd. 3, Sp. 1084, s.v. Das Heimweh): zuweilen wie Melancholie und Abzehrung, verwandt der alten Nostalgia; die an die reine Luft ihres Vaterlandes gewöhnten Schweizer litten unter der dicken und unreinen Luft anderer Länder.






schlechte Geld Münzen mit geringem Edelmetallgehalt, die während des Siebenjährigen Krieges vor allem im preußischen Auftrag zum Zweck der Kriegsfinanzierung bes. in Polen in Umlauf gebracht wurden. Die russische Verwaltung verbot in Königsberg diese schlechten Münzen.









Parrhesie griech. παρρησία, Offenbarkeit, Wahrsprechen, Freimütigkeit; neutestamentlich, hier vll.: Freudigkeit im Glauben





HE Mag. Lindner
Johann Gotthelf Lindner















Provenienz
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (56).

Bisherige Drucke
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, III 33–35.
ZH II 41–44, Nr. 193.