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Königsberg, 30.–31. Dezember 1760   ZH II 52   Orig    geprüft    Komm  
Johann Georg Hamann  →  Johann Gotthelf Lindner
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Königsb: den 30. Christm. 1760.

Geliebtester Feyertage Freund,
Geseegnete Feyertage, denen es an keinem Guten fehlen möge; einen glückl.
Ausgang und Eingang des Jahres zum voraus. Heyl und Friede ruhe auf Sie
und Ihr Haus. Für mich ist dieser heil. Stillstand recht abgemeßen gewesen,
und die Ruhe der vorigen Woche nebst der jetzigen hat mich zugleich fühlen
laßen, daß ich müde geworden, und nicht länger hätte aushalten können. Mein
Gemüth hat dem Leibe gewaltige Erschütterungen gegeben, die Gott Lob!
erwünscht überstanden, deren Folgen ich gedultig abwarte und neue Kräfte zu
neuen Arbeiten hoffe.
Sie sind noch der einzige meiner Freunde, der an mich denkt. Ich danke
Ihnen herzl. dafür. Für mitgetheilten Auszug des Pop. gleichfalls, den noch
nicht lesen können, weil mir die Bleiche der Dinte pp Mühe macht. Sie haben
die Ihrige weiter ausgedehnt, als es meine Absicht gewesen. Von dem kritischen
Wust bin ich kein Liebhaber. Komm ich mit meiner Erinnerung nicht zu spät,
so bitte mit schwarzer Dinte nur diejenige Anmerkungen, die Sie im Lesen
frappiren, aufzusetzen: Ob es der Mühe lohnen möchte Sie selbst inskünftige
zu beschweren mir dies Buch zu verschreiben, werde nach Uebersetzung des
Auszuges beurtheilen und in allem Fall Sie um diesen Freundschaftsdienst
bey Gelegenheit ersuchen.
Ich habe mich gestern in Gesellschaft meines Vaters zur Ader gelaßen.
Mein Blut sieht gut, aber zu nahrhaft aus und hat diesmal zu wenig Waßer
gesetzt. Ich habe nur vor wenig Wochen dies Hülfsmittel gebraucht.
Meine Ausgabe von Hippocrates ist von Anutio Foesio ein starker Foliant
mit einem Lexicon hinten, das den Titel hat: Oeconomia Hipp. Alphabeti
serie distincta. Geneu.
1657. Ich bin mit diesem Autor frühe genung vor dem
Fest fertig geworden und Aristoteles soll wills Gott an der Reyhen, deßen
Opera nach Casaub. Ausgabe wiewohl ohne Titelblatt kürzl. für 31 gl.
bekommen. Das Medicinische habe so flüchtig als mögl. überlaufen. Erotianus
hat die Werke Hip. in 8 Abschnitte eingetheilt. Der erste enthält einige
Einleitungsschriften: Iusiurandum, legem, de arte, de prisca Medicina, de
Medico, de Decoro Medici, Praeceptiones. Sectio II.
τα σεμειωτικα III. τα
φυσικα και αιτιολογικα IV. τα διαιτικα V. τα θεραπευτικα. VI. τα
χειρουργουμενα. In diesem Abschnitt ist die erste Abhandlung κατ’ιητρειον
de officina Medici ein vorzügl. Stück und würde Ihrem jungen Fossardier sehr
zu empfehlen seyn. Die Sprache darinn ist sehr stark und von philosophischen
Tiefsinn, ohngefehr wie Diderots Artickel über das Stricken pp. So weit geht
der erste Theil. Im 2 sind der 7 Abschnitt τα επιμικτα, wohin seine Bücher
von epidemischen Krankheiten und se. Aphorismi gerechnet werden. Sectio
VIII. hält εξωτικα in sich, die in einigen Briefen pp bestehen. Der in
denselben befindliche Roman des Democritus wird ihnen bekannt seyn und hat
mir sehr gefallen, verdiente einen geschickten Uebersetzer. Der Verfaßer mag
seyn wer er will, so ist er ein St. Mard seiner Zeit und ein feiner Sophist
gewesen. Das erste Muster zugl. eines Romans in Briefen. Zuerst ist ein das
Schreiben des Gemeinen Wesens zu Abdera, wodurch Hippocrates eingeladen
wird zur Kur des Democritus. Eine Antwort des Artztes. Ein Brief an
Philopoemen, bey dem er sein Qvartier bestellt, und seine Meynung im
Vertrauen über die Krankheit ss Mitbürgers entdeckt. Hierauf ein Brief an
Dionysius, den er einladet seine Stelle zu Hause zu vertreten und ihm zugl. die
Aufsicht über die Lebensart sr Frau empfiehlt; an Damaget ein anderer, den
er um ein Schiff zu seiner Reise bittet. Ein sehr allerliebster Brief an
Philopoemen, wo er einen Traum erzählt, aus dem er eine gute Deutung von seiner
Cur an Democr. ziehet; ein anderer an Kraten, einen großen Botanicker, wo
er einige Kräuter und Wurzeln bestellt, falls er selbige nöthig haben sollte an
se. Patienten. Ein weitläuftiger Bericht endl. an Damaget, wie er seinen
Patienten angetroffen, von den Abderiten aufgenommen, und der sehr
moralischen Unterredung die er mit ihm gehalten; voller starken Züge, die eines
van Effen und Addisons nicht unwerth sind. Der kleine Briefwechsel
zwischen Dem. v. Hippoc. ist nichtswürdig. Ein klein Stück des
Democritus de Natura humana hat einige feine Stellen, und ist der kleinen
Anatomie die Cicero in sm. Werk vom Menschen macht, an die Seite zu
setzen.
Melden Sie mir doch, wenn Sie einige Nachrichten davon einziehen
können, ob diese Briefe irgend im französischen oder deutschen übersetzt sind. Sie
wären es werth, es müste aber eine freye seyn wie Aristänet im Spect.
erschienen.
Diese Ausgabe ist sehr vollständig, was Text und Lesarten anbetrift, aber
für Liebhaber des Handwerks und Freunde eines ächten Alterthums schlecht
gerathen; indem offenbar viel untergeschobene Stücke und Strund unter
Hippocrates Namen wie unter Aristoteles der Welt empfohlen worden. Man
sollte wenigstens alles ungerathene für untergeschoben halten, wiewohl
Hippocrates Schreibart ihr Gepräge hat, das sie zieml. kenntlich macht. Ein
bloßer Philolog würde mit dieser Arbeit nicht fortkommen und Triller hätte sich
damit eher die Zeit vertreiben können als mit seinen Fabeln.
Doch vielleicht zu viel hievon. Voltairens Verse denke selbst bald genung zu
erhalten, ich will sie also mit einem Auszug davon verschonen. Seine
Uebersetzung von Hunsens Coffeehaus hat mir eine angenehme halbe Stunde
gemacht. Ich wünschte das Engl. lieber.
Beyliegende Kleinigkeiten mögen Ihnen willkommen seyn. Sie können
selbige sicher verschenken, weil Ihnen ein ander Exemplar zugedacht habe mit
erster Gelegenheit da Ihnen etwas übermacht werden soll. Wegen der Note
mußte selbst zum K. gehen, der sich Ihrer erinnerte, und mir wieder Hoffen
das Imprimatur gütigst ertheilte.
Des Athenaeus wegen leben Sie unbekümmert. Es hat noch Zeit, eh ich ihn
erreiche, und ob mir die Zeit wird gegeben werden, weiß Gott. Sie wißen,
daß ich Muth habe einen freyen Scherz zu wagen, und bisweilen auch das
Glück einen feinen zu verlieren.
Endlich in Schultens Hiob, wo ich das 10 Kap. vor die Feyertage zu Ende
gebracht. Meine Gemüthsverfassung ist vielleicht ein beßerer Schlüssel und
Commentator als das Arabische; das ich künftige Woche mit neuen Eyfer so
Gott will anzufangen und fortzusetzen gedenke. Ein ehrl. Mönch Guadagnoli
und ein arabischer Grammatikus, der Erpen übersetzt und herausgegeben
versprechen mir viel; den ersten kenne schon halb. Alles übrige was ich
gelesen, der neueste Koppenhager Kalle, Clodius, Reime cet. sind bloße
Nachbeter des Erpen – Daß Schultens demselben gefolgt, wundert mich; zu seiner
Absicht wäre es beßer gewesen eine andere Grammatik zum Grunde gelegt zu
haben. Doch dies sind noch Reveries philologiques, von denen ich rede. Zeit
und Glück werden mehr lehren, und Glauben in Schauen verwandeln, δοξην
in επιστημην wie Hippocrates distinguirt.
HE Lauson läst Sie herzl. bitten grüßen, hat heute etwas für Sie
hergebracht und bittet um einen kleinen Rigischen Almanach de anno 1761. par
occasion favorable.
Er ist noch mein treuer Socius, der mich zuweilen sehen
und aufmuntern kommt.
Bey Lesung der Schultenschen Werke habe Simonis Lexicon immer
verglichen, und den Werth dieses Buchs dadurch mehr schätzen gelernt. Falls Sie
selbiges, Liebster Freund nicht haben, so erlauben Sie mir, daß ich es Ihnen
nochmals als das nützlichste brauchbarste Handbuch in Ihre Bibliothek
empfehlen kann. Wollen Sie, so werde es hier im Buchladen für Sie auslegen
laßen.
Was Sie meinem Bruder committiren, davon weiß nichts, werde mich auch
nicht darum bekümmern. Bitte Sie aber sehr, falls er seiner Pflicht vergißt
ihn so viel mögl. dazu anzuhalten und die Ermangel. deßelben mir nicht zur
Last zu legen. Sapienti sat.
Ich arbeite alleine – – Keiner der mir mit seinen Einsichten, Urtheil oder
wenigstens Geschmak zu Hülfe kommt. Sie können leicht denken, wie
verlegen mich dies öfters macht. Aber auch von der andern Seite desto mehr
Vortheile; und der Lohn meiner Mühe wird desto reicher seyn am Ziel
meiner Laufbahn.
Hier wird eine Wochenschrift Karoline herauskommen, deren Verfaßer
schon zum voraus bekannt ist, nichts aber verspricht. Vielleicht brauche ich
diesen Kanal, oder diesen Rinnstein vielmehr, um etwas durchschlüpfen zu
laßen; denn für das Intelligentz Werk hier schlüße ich mit dem: Ohe iam
satis est.

Heute habe die Nachricht erhalten, daß die Kgl. alumni oder Stipendiaten,
die nicht im stande sind einen actum zu bestreiten mit einer Abhandl. darinn
davonkommen sollen. Denn würde es den Namen einer milden Stiftung im
eigentl. Verstande verdienen, den ich ihm vor einigen Wochen im Geist schon
gegeben habe.
Ich schlüße, womit ich angefangen habe, unter Anwünschung alles
ersprießl. Wohlergehens, grüße herzl. Ihre liebe Hälfte, umarme Sie
beyderseits und ersterbe Ihr aufrichtig ergebener Freund.
Hamann.


Mein Vater empfiehlt sich gleichfalls Ihrem freundschaftl. Andenken mit
dem Wunsch.

den 31 Dec. 1760.

Ich habe gestern noch für die lange Weile den Precis de l’Eccl. et du
Cantique
gelesen, und nichts darinn gefunden, ohngeachtet mir mit ein paar
guten Zeilen zum Motto wenigstens wären gedient gewesen. Haben Sie schon
Lardners vier Reden von den Beseßenen, die Caßel übersetzt. Dieser Caßel
wählt selten ein gut Buch und ist noch unter Windheim. An Jortins
Anmerkungen über die Kirchengeschichte hat er ein eben so entbehrl. Werk
geliefert. Lardner möchte wohl für Sie seyn. Ich schlüße propter fugam vacui
mit einem Verschen:

Laß ferner Dich erbitten o Vater! und bleib mitten
in unserm Kreutz und Leiden ein Brunnen unsrer Freuden.
Gib mir und allen denen, die sich von Herzen sehnen,
Nach Dir und Deiner Hulde, ein Herz, das sich gedulde. – –
Und endl. was das Meiste,
Füll uns mit Deinem Geiste pp.

Meinen Kußhand an die Frau Gemalin. Eine Neujahrshöflichkeit an alle
gute Freunde, die es nicht der Mühe werth halten sich meiner zu erinnern,
worunter Herr George Baßa ggl. obenan steht.























Ausgabe von Hippocrates
Hippokrates, Opera



Aristoteles
Aristoteles, Opera

gl. Groschen (Silbermünze [ca. 24. Teil eines Talers] oder Kupfermünze [ca. 90. Teil eines Talers]; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch)

Erotianus
Erotianus

8 Abschnitte aufgelistet in
Hippokrates, Opera
, am Ende der Einleitung.


σεμειωτικα Semiotik, Diagnostik

φυσικα και αιτιολογικα Ätiologie, Ursachenforschung
διαιτικα Diätetik, Lehre von der Lebensweise
θεραπευτικα Therapeutik

χειρουργουμενα Chirurgie
ιητρειον die Operationen (und ihre Instrumente) betreffend

Fossardier
N.N. Foussardier


Diderots Artickel über das Stricken Diderots Artikel zu »tricoter« erschien erst 1765 in Bd. 16 der
Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers
. Unklar worauf sich Hs. wohl ironische Anspielung hier bezieht.

επιμικτα Vermischtes


εξωτικα Exotisches

Roman des Democritus
Demokrit von Abdera
;
Hippokrates, Opera
, S. 1273–1289. Vgl.
Hamann, Wolken
, W S. 84, N II S. 104f., ED S. 59 und in den Chimärischen Einfällen, N II S. 165/5–13, ED S. 95

















van Effen
Justus van Effen
Addisons
Joseph Addison



Stelle bei
Marcus Tullius Cicero
nicht ermittelt.




Aristänet im Spect. vgl. die freie Übersetzung von
Aristainetos
in
Addison (Hg.), The Spectator
, Nr. 238, 3. Dezember 1711




Strund wertloses Zeug






Voltairens Verse vll.
Voltaire, Précis de l’ecclésiaste
, s.u.


Hunsens Coffeehaus
Voltaire, Le Caffé ou l’Écossaise
. Dass der Edinburger Pastor »Hume«, ein Bruder David Humes, eine englische Vorlage verfasst habe, ist vmtl. nur eine Inszenierung Voltaires gewesen.


Beyliegende Kleinigkeiten Exemplare der Nummern 49–51 von
Wochentliche Königsbergischen Frag- und Anzeigungsnachrichten
, worin Hamanns Vermischte Anmerkungen erschienen waren.



K. der für die Zensur zuständige Kanzler der Universität Königsberg:
Cölestin Kowalewski
, vgl. HKB 194 ( II 45/19 ).




freyen Scherz vgl. HKB 197 ( II 52/23 )


Schultens Hiob
Schultens, Liber Jobi


Arabische Im Anschluss zählt Hamann seine Lektüre dazu auf.


arabischer Grammatikus
Elmacinus, Historia Arabica





Reveries franz. rêverie: Träumerei, Hirngespinst

δοξην in επιστημην Meinung in Wissen verwandeln, vgl. Hippokr. lex 4.



Rigischen Almanach nicht ermittelt









committiren anvertrauen



Sapienti sat lat. sprichwörtlich: für den Verständigen genug






Wochenschrift Karoline
Karoline. Eine Wochenschrift



ohe iam satis est dt.: Genug jetzt! (Hor. sat. 1,5, 12f.)



actum akademische Prüfung

milden Stiftung Vgl.
Hamann, Klaggedicht
, N II S. 145/17, ED S. 52.




liebe Hälfte Marianne Lindner














propter fugam vacui wegen der Flucht des Leeren
Verschen aus P. Gerhardts Kirchenlied »Nun laßt uns gehn und treten«, Strophe 8 u. 9; Strophe 14.













Provenienz
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (61).

Bisherige Drucke
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, III 42–46.
ZH II 52–56, Nr. 198.

Textkritische Anmerkungen
53/27 σεμειωτικα
Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): σημειωτικα