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Johann Georg Hamann → Philipp Belger
Königsberg, 9. Oktober 1751
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HochEdelgeborener Herr,
HöchstzuEhrender Herr Hofgerichts-Advocat,
Geschätztester Freund,

Ich beziehe mich auf den Brief, den ich die Ehre gehabt Ihnen am 9h. zu
schreiben, v den Ew. HochEdelgeboren ohne Zweifel p. Couv. werden erhalten
haben. Die in demselben versprochenen Theile des Salthenischen Cathalogi
sind eine Beylage von gegenwärtigem; Ob ich gleich Denenselben zum ersten
neulich keine Hofnung mehr gemacht, weil Derselbe gantz vergrieffen worden,
so habe doch noch diesen Theil zu gutem Glück erhalten. Er ist aber, wie Sie
sehen werden, schon etwas verbraucht. Die übrigen Fortsetzungen dieses
Bücherverzeichnißes werde nicht ermangeln für Ew. HochEdelgeboren
gleichfalls zu besorgen; sie werden alle umsonst vertheilt, außer daß der besondere
Catalogus von raren Büchern ist bezahlt worden, weil selbige nicht
verauctionirt sondern an einen Liebhaber für einen ehrlichen Preis ausgeliefert werden
sollen. Mein Vater ist sehr ungewiß, was das für Ausgaben sind, von denen
er Ihnen Rechnung ablegen soll. Er bekennt daß er vom Postporto keine
geführt habe; sondern es daßelbe nur von dem Gelde, was Ew.
HochEdelgeboren noch bey ihm liegen haben, abgezogen habe. Sie versichern mich, daß
bey HE. Debbert alles richtig abgegeben worden. Ich habe dieses selbst aus
einem Briefe dieses Mannes ersehen, den ich nicht umhin kann ein für ein
wenig unbescheiden zu halten. Das Buch war mir von Herrn Gundling
committirt,
das ich ihm überschickt habe. Er beschwert sich in seiner Zuschrifft
an mich, daß ihm Ew. HochEdelgeboren hätten ohne zu wißen warum
½ rthl albertus abfordern laßen. Er versichert, michr nicht mehr
beschwerlich zu werden, sondern die Fortsetzung dieses Buches mit der Post zu
verschreiben. Ich weiß nicht, ob es lohnen soltet, noch selbst an diesen Mann
zu schreiben, daß er vernünftig genung seyn solte mir des Fuhrmanns
unbescheidene Forderung nicht zuzurechnen. Ich habe den Fuhrmann Reiß
desfalls auch ein wenig zur Rede gesetzt, als ich ihn den Innhalt des Briefes
vorlaß. Er schwur mir zu, daß er von Ew. HochEdelgeboren nicht mehr als einen
Orth oder 1 fl. bekommen hätte. Ich kann daher nicht begreifen, wer daran
schuld ist, daß der ehrl. Herr Debbert mir so aufgebracht geschrieben, daß er
einem Menschen eine Ausgabe von etlichen Groschen zurechnen kann, der sich
nicht hat verdrüßen laßen ihm unbekannter weise gefällig zu seyn.
Der Herr von Sahme hat sein Rectorat vorigen Sonntag niedergelegt. Er
parentirte darinn den alten Gesetzen v erhob die Vernunfft v Billigkeit, mit
der selbige gestiftet worden wären. Die Gesetze unseres Landesherrn
unterstand er sich nicht zu loben, weil sie über alle Erhebungen hinweg wären. Er
wünschte in einigen Ausrufungen den streitenden Partheyen Glück, die bey
wenigerer Zeit v Unkosten ihr Recht zu behaupten im stande seyn würden. Er
nannte sich in seinem Titel huc usque Prof. Pr. v der Schluß seiner Rede war
ziemlich beweglich, weil er sich bey in demselben auf seine graue Haare, v.
auf die Vorsehung berief, auch die Akademie seine liebe Mutter nannte. Sein
Nahme wird unterdeßen doch noch in dem Catalogo Lect. zu stehen kommen,
ungeachtet der Trib. Rath Waga ihn hat verwarnen laßen, der dieses auch
anfänglich zu thun willens gewesen ist, seine Meinung aber geändert hat,
nach dem ihm daßelbe durch des HE. v. Gröben Ex. öffentl. ist wiederrathen
worden. Der HE. HofgerichtsRath Ohlius hat in einem Gedichte schon vor
einiger Zeit von der Acad. abgedankt, mit deßen Abschrifft man sich hier
herumträgt, die ich aber noch nicht erhalten habe; dieser wird also auch in dem
Verzeichniß der öffentl. Vorlesungen fehlen. Von mehreren Veränderungen
weiß man hier noch nichts; unterdeßen glaubt man, daß noch manche auch der
Akademie vorbehalten sind.
Ew. HochEdelgeboren werden erlauben, daß ich mir noch eine Erklärung
von einer Stelle in Ihrer letzten geneigten Zuschrifft ausbitte, die ich nicht recht
begriffen habe. Sie betrifft einen Freund in Curland; ich kenne daselbst keinen,
wenn Sie nicht etwa den HE. Schoen verstehen. Weil ich auf meine abwesende
Freunde gerathen bin, so muß ich mich noch nach HE. Gregorovius v HE.
Blank erkundigen, der letztere soll kürzlich Prediger geworden seyn.
Nebst zwo Briefen, davon des HE. Pf. Nicolai seiner etwas lang bey uns
gelegen hat, habe die Ehre auch zwey Gedichte Ew. HochEdelgeboren zu
überschicken; der HE. M. Lindner, der sich denenselben empfehlen läst, ist Verfaßer
von dem stärksten. Wenn ich wüste, daß ich Ihnen eine kleine Freude damit
machte, daß ich auch ein Poet von neuem Schrot v Korn anfange zu werden;
so würde ich Ihnen ohne viel Bedenken den Autor des freundschaftlichen
Gesangs nennen.
Die Tochter des unglücklichen Advoc. Rackmann, die Ihnen vermuthlich
hier nicht unbekannt gewesen seyn wird, hat sich erhenkt. Ihres Vaters schlechte
Umstände, ihr stoltz sich zu erniedrigen v die Nachbarschafft eines Menschen,
der sie vorher geliebt v hernach eine alte Person geheyrathet hat, v aus einem
Studenten nicht längst ein Mältzenbrauer geworden ist, sollen an Ihrer
Melancholie schuld gewesen. Der HE. Prof. Bock hat seinen einigen Sohn heute
verloren, den er ungemein bedauret. Er soll gantz untröstbar seyn. Ich weis
nicht was Ew. HochEdelgeboren von meinem Geschmiere urtheilen werden.
Ich bitte Sie deshalbt ergebenst um Verzeihung v bin nach demüthiger
Empfehlung an Dero Frau Gemalin v. Mad. Tochter von mir, meinen Eltern v
Freunden Ew. HochEdelgeboren gehorsamster Knecht.
Königsb., den 9. Oct. 1751.
Hamann.


N.S. Weil ich mich gantz unvermuthet bedacht habe an HE. Gundling zu
schreiben, so bitte Ew. HochEdelgeboren ergebenst die Innlage geneigt zu
befördern. Die Addresse werden Sie vermuthlich wißen.




p[er] Couv[ert] Einen Brief unter Einschluss versenden: den Brief einer Sendung an eine dritte Person beilegen, welche diesen dann weitergibt.



















rthl albertus 1616 in den Niederlanden eingeführt, im 18. Jhd. zeitweise auch in Preußen und Dänemark geprägt; wichtiges internationales Zahlungsmittel im Ostseeraum.







fl. Groschen, hier wohl 18-Groschen-Stück
Orth Name der polnisch-preußischen 18-Groschen-Münze, deren Edelmetallgehalt unter Nominalwert lag, also als schlechtes Zahlungsmittel galt. Wurde teilweise in Königsberg geprägt.


Groschen Silbermünze [ca. 24. Teil eines Talers] oder Kupfermünze [ca. 90. Teil eines Talers]; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch.



parentieren d.i. eine Trauerrede halten





huc usque Prof[essor] Pr[ussianus] d.i. bisher preußischer Professor



Catalog[us] Lect[ionum] d.i. Vorlesungsverzeichnis

Stephan Waga
; Tribunal entspricht ab 1782 dem ostpreußischen Zweiten Senat; ab 1815 Königsberger Oberlandesgericht.















Pfarrer:
George Nicolai


Johann Gotthelf Lindner
, Gedicht unbekannt


Johann Georg Hamann
, Gedicht unbekannt



Tochter von
David George Rackmann




Mältzenbrauer »Großbürger zu Königsberg, die ein Haus entweder eigenthümlich besitzen, oder zur Miethe haben, auf welchem die Braugerechtigkeit haftet. Sie brauen aber nicht selbst, wie in andern Städten, sondern laßen es durch die Brauer verrichten, die ihre besondere Zunft haben.« (Georg Ernst Sigismund Hennig, Preußisches Wörterbuch worinnen nicht nur die in Preußen gebräuchliche eigenthümliche Mundart […] angezeigt [Königsberg 1785], S. 153 – s.
Bock, Idioticon Prussicum
)









Einlage nicht überliefert



Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], II 49.

Bisherige Drucke:
ZH I 3–5, Nr. 2.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
3/5 9h.
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): 9h. offensichtl. Irrtum Hamanns