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Königsberg, 21. März 1761   ZH II 68   Orig    geprüft    Komm  
Johann Georg Hamann  →  Johann Gotthelf Lindner
S. 68 / 22


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Königsberg den 21 März. 1761.

GeEhrtester Freund,
Gestern, am Charfreytage Ihren Brief erhalten, und diese Woche die uns
überschickten Sachen. Am Caviar recht geweydet. Daß Shakespeare denselben
im Hamlet angeführt, werde Ihnen schon einmal gesagt haben, da er von
einem Schauspiel sagt: The play, I remember, pleas’d not the Million,
’t was Caviar to the general; but it was (as I receiv’d it and others, whose

judgment is in such matters cried in the top of mine) an excellent Play;
well digested in the scenes, set down with as much modesty as cunning,

mit soviel Bescheidenheit als List, oder schlauen Witz.
Weil meine Ferien noch sind, so nehme diese Gelegenheit noch heute mit;
da ich ohnedem recht viel an Ihnen zu schreiben habe. Die Ruhe hat mir diese
Woche recht Genüge gethan und ich habe selbige mit dem zweyten Theil von
Milton, worinn sein Paradise regain’d und andere Gedichte in allen Sprachen,
auch eine kleine Abhandlung von der Erziehung, die Wieland nachgeäft aber
nicht übertroffen, ungeachtet er über ein Saeculum älter ist als der Engländer.
Milton’s eigenes Urtheil scheint mir zuverläßiger als Addisons Trumpete
vom verlornen Paradiese.
Ich habe auch Zeit gehabt Ihre Schulhandlung etwas mehr als die vorigen
überlesen zu können. Da ich die Regeln eines Schuldrama nicht kenne; so bin
nicht im stande von der Vollkommenheit oder Güte Ihres Alberts zu
beurtheilen. Das Decorum, sagt Milton, ist das große Meisterstück, das ein
Autor und Kunstrichter zu beobachten. Das Decorum ist vielleicht auch die
Seele der Action, die Demosthenes so erhob. In der eilften Sammlung
erscheint endlich eine kleine Blüthe ihrer Mühe, die wie die Aloe anzusehen ist.
Es herrscht viel Nachahmung in diesem kleinen Briefe, wie alle
Schulexercitia darauf führen. Ich kann mich nicht entbrechen die Kritik des
Petrons über den Gegenstand anzuführen: Et ideo Ego adolescentulos existimo
in Scholis stultissimos fieri, quia nihil ex iis, quae in vsu habemus, aut
audiunt aut vident, sed Piratas – et Tyrannos – sed responsa in
pestilentiam data – sed mellitos verborum globulos et omnia dicta factaque quasi
papauere et sesamo sparsa. Sauce verte agreable aux citoyens de
Riga, ou le suc de pavot entre et celui du Sesame, espece de bled
d’Inde
. Qui inter haec nutriuntur, non magis sapere possunt, quam bene
olere qui in culina habitant. Petron
ist aber so liebreich die Lehrmeister zu
entschuldigen. Minimum in his exercitationibus Doctores peccant, qui
necesse habent cum insanientibus furere. Nam ni dixerint, quae
adolescentuli probent, vt ait Cicero, SOLI IN SCHOLIS RELINQUERENTUR. –
Sic Eloquentiae Magister, nisi tanquam piscator, eam imposuerit hamis
escam, quam scierit appetituros esse pisciculos, sine spe praedae morantur
in scopulo. Quid ergo est? Parentes obiurgatione digni sunt, qui nolunt
– – Quod si paterentur laborum gradus fieri, vt studiosi iuuenes lectione
seuera
(ein sehr räthselhafter Ausdruck) mitigarentur (seuera und
mitigarentur ist ein schön Oxymoron): vt sapentiae praeceptis animos
componerent
(dies ist dem Wirbel der tragischen Leidenschaften, die man in
Kindern anzündt, und wenn sie uns hernach brennen, verdammt, nicht sehr
günstig) vt verba atroci stilo effoderent (was Petron durch den atrocem
stilum
eigentlich versteht, abermal ein Haaken!) vt quod vellent imitari,
diu audirent; sibi nil esset magnificum, quod pueris placeret. – – Nunc
pueri in scholis ludunt, iuuenes ridentur in foro et quod vtroque turpius
est, quod quisquis perperam discit, in senectute confiteri non vult.
So weit
Petron, dieser arbiter elegantiarum, der in meiner Jugend ein Liebling meiner
Zuchtmeister gewesen, und der bey aller Galanterie seines Amts ein
Schulmeistergesicht zu rechter Zeit, und nicht zur Unzeit zu schneiden weiß.
Diese Episode wird Ihnen, GeEhrtester Freund, als einem Liebhaber und
Lehrer des guten Geschmacks nicht unangenehm seyn. Um einigen Nutzen
davon zu ziehen, wiederhole ich die Erinnerung, jungen Leuten nicht solche
Uebungen aufzugeben, wodurch S sie in den Wirbel der Leidenschaften
versetzt werden können, unwahrscheinlicher, romanhafter, seltener Unglücksfälle,
die den Selbstmord als ein Hülfsmittel selbige zu ertragen, dem Gemüth mit
einer Art falscher Grosmuth empfehlen. Es fehlt Ihnen nicht an Weisheit
den sittl. Uebelstand aller dieser Thorheiten einzusehen, wenn ein guter
Freund so barmherzig ist Sie aufrichtig deswegen zu bestrafen. Die schöne
Natur muß in einer tragischen Aufgabe nicht mit Hintansetzung des
siebenten Gebots nachgeahmt werden. Ahmt nach Kinder! aber stehlt nicht. Ahmt
gute Muster nach aber nicht das in dem Anhang – Seht in eurem Mitschüler
ein Beyspiel eurer Blöße, Dürftigkeit – Wenn man euch Lust zu schreiben und
in der Declamation und im Styl zu üben geben will; so muß man zu
thörichten Aufgaben seine Zuflucht nehmen. Ein Brief an seinen Mitschüler, an
seinen Vater
würde dem Mr. S – – nicht gerathen seyn aber ein Brief an
Croesus – – das macht euch Lust, das treibt euch Proben eines armen Witzes
zum Zeichen eures Reichthums auszuhängen. So würde der gefährliche
Oelgötze
der Eitelkeit bey Kindern zeitig unterdrückt und die Geschöpfe dieses
Oelgötzens nicht die Nachwelt mit ihrer schädlichen Fruchtbarkeit bevölkern
können.
Ich will jetzt von Personalien abstrahiren und auf Realia kommen. Der
Brief nach Dantzig ist richtig bestellt, und weil Sie nicht Franco
aufgeschrieben, so habe ich mich nicht unterstehen wollen franco darauf zu setzen. Ihre
GeEhrte Mama hat sehr oft Geld mitgeschickt, wenn Sie nicht um
Einschluß, sondern expedita Besorgung bitten laßen. Sie sind mir also nichts
schuldig. Weil Sie mir ohne Rücksicht das Porto melden für mein letztes
Pack; so danke für die Nachricht; und bitte um Verzeyhung, daß Ihnen die
Poßen so theuer gekommen. Ich dachte nur auf 2½ Orth höchstens. Wenn
ich das gewust: so hätte aufgeschoben oder ganz franquirt. Es ist mir aber
lieb, daß ich es nicht gewust. Ein Mann von Ihrem Stande und Ihrem
Herzen löst auch wohl einen guten Freund mit einem Ducaten einmal aus.
Revange dafür können Sie sicher nehmen. Ohngeachtet ich kein Geld
verdienen kann; so fehlt es mir doch nie an zu den nöthigsten Ausgaben.
Ich muß mich aber sehr einschränken. Revange dafür können Sie sich sicher
nehmen.
Ärgern Sie sich nicht an meinen Detours, Ceremonien, krummen Wegen
und wie Sie alles zu nennen belieben, was ich thue. Das Decorum ist die
grand master-piece to observe für jeden, besonders den Dramatischen
Dichter. Das höchste Decorum besteht öfters in Beleidigung des
subordinirten; und Convenance bricht öfters die feyerlichsten Conventions. Da
meine Nächsten schon einmal unter sich einig geworden jeden Zug der
Wahrheit, der mir entfährt, eine Beleidigung zu nennen, und das Recht Dingen
Nahmen zu geben ein praerogativ der menschlichen Natur ist, das eben so
wie das Regale Münzen zu schlagen geschändet wird: so muß ich schon diese
Schwachheit so gut ich kann tragen, und mich in selbige zu schicken wißen.
Der größte Liebesdienst den man seinem Nächsten thun kann, ist ihn zu
warnen, zu bestrafen, zu erinnern, sein Schutzengel, sein Hüter zu seyn;
diesen Kreutzzug hält nicht jeder Ritter aus. Die Rotte Dathan und Kora
hatten
große Ursache ihrem Heerführer die krummen Wege vorzuwerfen,
die er sie gehen ließ. Das Zeugnis der Wolken und FeuerSäule war nicht
stark genung sein Ansehen zu stützen. War Moses der Eyferer, der Mann
mit Hörnern
, Schuld daran? Nein; er war ein sehr geplagter und
sanftmüthiger Mann – – sondern das Volk, deßen Glauben Gott versuchte. Aber
hier heist es abermal: Was machst Du aus Dir Selbst? Bist Du Moses?
Du bist ein eitler Oelgötze und Deine Muse eine Mohrin, eine
Hottentottin. Gesellen Sie sich nicht zu dem Haufen derer, die lästern, da sie
nichts von wißen
, damit Sie nicht ein gleiches Urtheil mit ihnen
empfahen. Sondert euch ab, heist es – – hab ich Leidenschaften; so fürchten Sie
diese Tischfreunde. Haben Sie keine; so ist Horatzes Bekehrung vom
Epicurismo zum Stoicismo mit ihnen vorgegangen. Sie predigen mir
immer die Liebe. Ist die nicht die Königin der Leidenschafften? Ein
Kenner nennt ihre Glut feurig und eine Flamme des HErrn? Ihre
Liebe hat aber, wie es scheint, zum Symbolo: Thu Du mir nichts und
ich thu Dir wieder nichts. Wenn Sie nicht Leidenschaften haben: so fehlt
es ihnen vielleicht an deren Stelle nicht an Lüsten, die sind so
gefährlicher als jene.
Daß ich nicht meine eigene Ehre suche, hätten Sie wahrnehmen können, wie
ich mit dem Lob in den Briefen der Literatur umgegangen bin. Diese Herren
haben im Geist gesehen, daß Loben eine gefährliche Sache ist, wenn man
nicht recht damit umzugehen weiß und daß jeder Autor nicht mit einem
kahlen Lob
satt gemacht wird. Die Geißel womit diese Briefsteller gezüchtet
worden ist empfindlicher als die der Nachrichter hat fühlen müßen.
Reden Sie nicht so leichtsinnig von Kindern des Lichts – und pochen Sie
nicht so, daß ich ans Licht kommen soll. Wenn meine Stunde kommen wird;
so wird meine Gerechtigkeit hell genung hervorbrechen; aber mancher ihre
Augen werden es fühlen und manche Liebesdienste werden zu Werken der
Finsternis
offenbar und ihr Todester Glantz vernichtet werden. Ich laße
mit Fleiß vieles schlafen, weil die Zeit noch nicht dazu ist. Unterdeßen die
Athenienser von dem Schwanzlosen Hunde schwatzten, machte Alcibiades
mit ihnen was er wollte.
Hatte Elihu unrecht, der Hiob für einen Spötter hielt; hatte Eli unrecht,
der Hanna für eine trunkene ansahe: sollte mein Freund der HErr Rector
Lindner in Riga nicht auch irren können, der ohne Leidenschaft sich zutraut
das Θειον und das menschliche Herz immer treffen zu können.
Was schelten Sie Ihren Schwager? Sind Sie nicht selbst schuld daran, daß
Ihre Mama und Brüder haben leiden müßen an ihrem guten Namen und
Vermögen. Jetzt laß alles vergeben und vergeßen seyn. Ihre liebe Mama ist
männlicher, ist männlicher – – Ihr Schwager ist ein kluger Mann; Sind
Sie ein Kind des Lichts und laßen Sich von ihm das Recht nehmen, was Ihnen
Gott gegeben hat als ältester Sohn von Ihres Vaters Hause. Die Finger
haben mir genung gejückt einiges Vertrauens in dieser Angelegenheit von Ihnen
gewürdigt zu werden. Ich hatte die Schwäche mich auch einmal in meinen
Briefen bloß zu geben. Aber das alte verjährte Vorurtheil, daß Hamann
zu nichts zu brauchen ist und durch seine Hitze alles verdirbt, sich immer in
fremde Händel mischt pp hielt mich zurück. Ich sauge das nicht aus dem
Finger
was ich schreibe. Ihr eigen Gevollmächtigter hat mir einen Wink
gegeben, daß HE Rector weder zum Proceß noch zum Verlieren geneigt wäre
und den Mantel bald so bald anders trüge.
Laßen Sie sich dadurch nicht aufbringen, liebster Freund! Meine
Leidenschaften würden Ihnen weniger verdächtig und gehäßig vorkommen, wenn
Sie mit mir wären. Da aber Ihr Gewißen Ihnen sagt; daß Sie halb mit
den Hamb. Nachr
. halb es mit den Briefen der Literatur halten; so trauen
Sie mir nicht und ich trau Ihnen wieder nicht.
Der Grundsatz der Liebe kann Ihnen nicht heiliger seyn als er mir ist. Aber
die Anwendung muß uns nicht Fleisch und Blut lehren, nicht der Nächste – –
Doch, warum nicht?

Du siehest ja vor Augen da,
dein Fleisch und Blut die Luft und Wolken lenken

Da kennt man Vater und Mutter Bruder nicht, wie Moses von Levi
sagt; da ist weder Freund noch Feind, weder Vorhaut noch Beschneidung von
einigem Werth in unsern Augen. Ein Gott, Ein Nächster – Ich flochte Ihm
die Dornenkron, Ich sprach Ihm mehr als alle Hohn – Doch wiß, daß dieser
Tod die Ursach ist, daß Er mein Freund geworden ist.
Morgen ist Ostern, lieber Freund. Morgen werd ich mit singen können: Der
HErr lebt und gelobet sey mein Hort: und der Gott meines Heils müße
erhoben werden! Der Gott, der mir Rache gibt und zwingt die Völker unter
mich. Ψ. XVIII.
Gedult! Gedult! Laßen Sie sich die Zeit nicht lang werden nach Licht – Der
Tod ist der große Lehrer, den Du wir uns wünschen, wenn wir um Licht
schreyen; wenn er Sonn und Mond auslöscht unsern irrdtschen und
fleischlichen Augen, die kein ander Licht als dies erschaffene erkennen wollen: so
wird ein höheres, geistiges ewiges Licht aufgehen, wo alles Flecken zu
Sonnen, und alles gemalte Licht hier zu Schatten werden wird.
Gott weiß, was ich diese Woche gelitten habe. Mein Bruder hat gestern
gepredigt, in der Frühe. Hat sich dazu aufgedrungen, hat dazu ganzer 4 Wochen
Zeit gehabt, und da er vor 6 halb Sechs schon noch bey Mag. Schönäich
seyn sollte, schrieb er noch die letzten Worte zu seiner Predigt auf. Das ist
meine Ruhe in der Paßionswoche gewesen, lauter Herzensstiche! Die Ostern
werden desto freudiger seyn. Gott geb es!
Und was kann ich über diesen Punct schreiben als: Finsternis bedeckt das
Erdreich! Wer hat ihn in den festen Schlaf eingewiegt, die Liebe! Hat uns
denn Gott Autorität umsonst gegeben, und wer die liebt, weil sie ihm Gott
gegeben hat
– – Alles was ich ihm sage, ist Haß, Bitterschaft, Feindschaft,
ein Spiel der Leidenschaften – – Diese Synagoge ist des Satans Schule.
Glauben Sie also mir, vor der Hand, daß ich eben so wichtige Ursachen habe
das Licht noch zu scheuen und nicht offenbar zu werden, als andere haben
mögen zum Gegentheil.
Wenn Sie im Ernst sich ein Gewißen gemacht haben meine Vorschriften,
das eine Exemplar zu besorgen, nach meinem letzten Willen zu erfüllen: so
haben Sie Unrecht gethan es befördert zu haben. Aber Sie haben die Casuistic
ausstudiert, halb dem Gewißen halb der Freundschaft ein Genüge zu thun.
Mit einem getheilten Kind ist aber einer wahren Mutter nicht gedient; daher
werden alle unsere Opfer als todte vor Gott auch schon von Menschen, die
ganze Leute lieben im Umgange und in Geschäften, angesehen. Da ich ein- für
allemal ihre Denkungsart weiß, die ich in allen Würden laße, weil das
Gewißen nicht gebunden
seyn muß unter wahren Freunden; so werde ich
mich auf das strengste darnach richten. Und Sie sollen inskünftige nicht mit
solchen passiven Liebesdiensten beschwert werden. Das ist wahr, und nicht
bitter, was ich schreibe und wozu ich mich verbindlich mache.
Um Ihnen alle Unruhe in Ansehung der Wolken zu benehmen; melde Ihnen,
daß die Exempl. eben die Woche erhielt, da ich meine Andacht gehalten. Ich
habe also die Erstlinge davon meinem Beichtvater geopfert, unter einem
Couvert, auf dem ich gemahlt und nicht geschrieben hatte: Sub Sigillo
Confessionis,
damit er dies wenigstens lesen könnte, wenn das übrige für Ihn zu
fein geschrieben wäre. Er empfieng es zwey Tage vor meiner Beichte, den Tag
vorher speiste bey ihm, er schalt mich nicht, ungeachtet wir darüber mit
einander uns unterhielten. Den 11 März wurde von der Sündlichkeit meiner
Leidenschaften
absoluirt, die ich mit dem 86. Psalm Gott gebeichtet. Wer
will also verdammen? – –
Dies sind Facta und Personalien, die ich Ihnen als Freund habe melden
wollen. Das übrige Schicksal der Brochure geht uns beyden nichts an; als
daß wir fortfahren dem Autor und den HErrn Kunstrichtern, die Herzen und
Nieren prüfen können, aber Feinde vom Spiegel sind, weil ihr Gesicht die
Geistlichkeit der Engel und ihre Unsichtbarkeit an sich hat, erleuchtete
Augen des Verständnißes
anzuwünschen. Da das Drama der Wolken
nicht für Kinder sondern für Behemoth und Leviathans geschrieben ist: so
werden S die an den Mücken nicht ersticken, welche unter den Wolken
in die Länge und in die Qveere tanzen werden.
Beylage ist ein Brief von Trescho, der einige heil. Reden vom
Sünderheilande drucken läst κατα Forstmann auf Verlangen einer Gräfin, die ihm
einen Silberservice geschenkt haben soll. Sein Bruder, der hier speist hat es
mir erzählt. Die Anecdote von Grohnert ist mir bekannt. Sein Vortrag wird
sehr gelobt. HE Keber ist vergnügt in Gerdauen bleiben zu können und ich bin
damit auch zufrieden. Er hat mich in meinen Absichten sehr gestärkt, würde
mich aber in Ausführung derselben sehr gehindert haben.
HE Trescho Gedichte werden ein wenig später auskommen, als er selbige
erwartet. Es ist auch eine kleine Fabel auf den Verfaß. der Sokr. Denkw. vor
der ich aber meinen Namen ausgestrichen, wovon ihm Nachricht geben laßen.
Den Briefwechsel habe ganz aufgehoben; weil Ihr Urtheil von ihm auch im
vertrautesten Umgange mit ihm mir immer im Sinn gewesen, und er mich
zu seinem gelehrten Intelligence-Arbeiter machen wollte. Weil ich aber
nicht Lust hatte mich um alle moralische Kleinigkeiten zu bekümmern und
in meinem Herzen ein großer Feind von gelehrten Urtheilen bin: so habe
diesen Zeitverlust bey Zeiten eingesehen und mich darnach eingerichtet. Welches
mir auch gelungen, ob zu meiner Ehre oder seiner Zufriedenheit, weiß nicht,
geht mich auch nichts an.
Meine Bibliothek habe zieml. oben in Ordnung. Es sind Lücken darinn die
ich zum Theil bedaure. Wunder, daß nicht mehr. Ich bin genöthigt mich um
einige Dinge bey Ihnen zu erkundigen. Einige Handschriften liegen mir am
meisten am Herzen, die ich meinem Bruder besonders empfohlen, nicht ihres
Werths wegen sondern meines Interesse dabey. Alle meine Papiere über
die Bibel
sind verloren gegangen. Wenn selbige bey Ihnen seyn sollten: so
melden Sie es und heben sie auf. Ich hatte über jedes Buch einen papiernen
Umschlag gemacht und betrug einen ziemlich Pack, das nicht so leicht
verschwinden kann. Briefe muß er mir auch verschleudert haben. Es ist mir an
beyden viel gelegen. In meinem Geschmier über die Bibel ist ein Haufen
unrichtig, anstößig pp und doch noch viel, das mir jetzt nicht einfallen mag. Eine
Revue meiner eigenen Fehler macht mir eben so viel Vergnügen als ein
Hervey auf einem Kirchhof genüßt. Anti-Lucrez, scherzhafte Lieder,
Bremische Gedichte, Gemmingen pp fehlen mir auch. Sollte dort oder in Kurl.
noch etwas seyn, so sammlen sie doch diese Zerstreuung. An den
Handschriften denken Sie auch.
Ihr Pro memoria habe noch gestern bestellt an den Wagner. Für Gnomon
werde sorgen. Hallervord lebt nicht mehr; bey Baar werde nach den
Feyertagen ansprechen. Zweifele aber. Bengel läst sich besonders angelegen seyn das
Pathos und Decorum der heiligen Schriftsteller anzumerken. λογοι sind in
Wolfs Curis der Hauptvorwurf.
Ihre GeEhrte Mama hat den vorigen Brief noch nicht abholen laßen – –
es liegen also 2 hier.
Noch eines. Mit dem letzten haben Sie keinen Fracht Zedel mitgeschickt.
Legen Sie mir nichts von dem zur Last, was Sie mit ihm abmachen und Sie
zween angeht. Ich weiß nicht ein lebendig Wort davon, bekümmere mich auch
um nichts. Hat er seines eigenen Bruders Angelegenheiten, um die ich ihn
gebettelt, so schnöde sich angelegen seyn laßen: so wird er es mit seinen
Freunden noch schlechter machen. Ich sehe es vor mir alle Tage – – und Sie wißen
es beßer als ich es Ihnen melden kann. Wenn Sie ihm einen Gruß
anvertrauen, woran Ihnen gelegen: so ist er zu faul und untreu dazu. Unser
Umgang ist wie der Jude mit einem Zöllner und Sünder, nicht die geringste
Vertraulichkeit unter uns. Alle Liebe biß auf den Wohlstand erloschen. I am
very proud, revengeful, ambitious, with more offences at my beck than
I have thoughts to put them in, imagination to give them shape, or time
to act them in.

Weil es mir an Zeit nach den Feyertagen fehlen möchte, wo meine
Arbeiten mit neuem Leben Geist und Muth, den Gott geben wird, fortlaufen
sollen: so habe bey Zeiten mein Herz gegen Sie ausschütten wollen. Haben
Sie nur Gedult, liebster Freund! Sie werden noch mehr erleben, als Sie
glauben erlebt zu haben. Die rechten Jünger der Liebe sind Donnerkinder.
Der im zweyten Aufzuge ein heidnischer Gaukler gescholten wird, den
erklärt der Epilog für einen ξυμμιμητην Χριστου. Finis coronat opus.
Wenn Sie wahrhaftig Liebe haben für mich; so wird Ihnen jeder Schein
der Gerechtigkeit gut seyn meine Fehler, meine Irrthümer zuzudecken, zu
entschuldigen
. – Ich weiß, daß Sie mit diesen Gesinnungen meine
Freymüthigkeit
zudecken werden. Konnte Hiob gegen seine nasenweise Freunde
Recht behalten, und war Gott damit zufrieden, daß Sie seinen Klagen über
die dunkeln Wege der Vorsehung den Mund stopfen wollten. Hiob mag
dem Geschlecht Rom so ein großer Pasquillant seyn wie er will: Hiob
verliert in seinen Augen nichts von seiner Gerechtigkeit, denn er weiß, daß
Sein Erlöser lebt! Glückliche Ostern. Dank für Caviar und für alles Gute.
Mein Vater grüst Sie herzl. Die Frau Kr. R. L’Estocq hat sich den Staar
durch Mr. de Moser stechen laßen. Caviar ist sogl. besorgt worden; ihre
Schulhandlungen sollen es gleichfalls werden. Gott empfohlen.


Ihren Brief nicht überliefert


Hamlet
Shakespeare, Hamlet
, Akt 2, Sz. 2










Abhandlung
Milton, Of education
, die Abhandlung ist in der obigen Ausgabe (1712) enthalten, S. 403–426.


Addisons Trumpete Joseph Addison publizierte von Dez. 1711 bis Mai 1712 eine ausführliche Auseinandersetzung mit Milton im Spectator, mit welcher die Kanonisierung des Werks begann.


Schulhandlung
Lindner, Albert



Decorum …
Milton, Of education
(1713, S. 383): »that sublime Art which in Aristotles Poetics, in Horace […] and others, teaches what the Laws are of a true Epic Poem, what of a Dramatic, what of a Lyric, what Decorum is, which is the grand Master-piece to observe.«


Seele der Action nach der Anekdote bei
Cic. ad Brut.
3,38,142
In der eilften Sammlung
Lindner, Albert




Et ideo […] sesamo sparsa
Petron. Satyricon
(1. Kap.): »Und deshalb glaube ich, daß unsere jungen Leute in der Schule ganz verdummt werden, weil sie dort nichts von den Dingen hören oder sehen, die in der Praxis vorkommen, sondern von Piraten […] von Tyrannen […], von Bescheiden, gegen eine Pest […] von den honigsüßen Wortklößen und lauter Worten und Taten, die gewissermaßen mit Mohn und Sesam bestreut sind.«




Sauce verte […] d’Inde »Wie die von den Rigaern so geliebte grüne Sauce, wo der Mohnsaft sich verbindet mit dem von Sesam, einer Art indischen Weizens.«


Qui inter […] culina habitant
Petron. Satyricon
(Beginn des 2. Kap.): »Wer in dieser Umgebung aufgezogen wird, kann nicht mehr Geschmack haben als einer gut riechen kann, weil er in der Küche wohnt.«


Minimum in […] morantur in scopulo
Petron. Satyricon
(3. Kap.), dort aber »Nihil nimirum in his exercitationibus doctores …« (Hamanns Abschrift entspricht aber seiner Ausgabe von 1654): »Bei diesen Redeübungen liegt die Schuld natürlich nicht bei den Lehrern, die notgedrungen mit den Rasenden rasen müssen. Denn wenn sie nicht das sagten, was die jungen Leute hören wollen, so würden sie bald, wie Cicero sagt ›allein in den Schulen übrigbleiben‹. […] So auch der Lehrer der Beredsamkeit. Wenn er nicht wie ein Angler den Köder an seinen Haken hängt, von dem er genau weiß, daß die Fischlein danach schnappen werden, so kann er lange ohne jede Aussicht auf Erfolg auf seinem Felsen sitzen.«





Quid ergo […] confiteri non vult
Petron. Satyricon
(4. Kap., mit Auslassungen): »Wie steht es also? Es sind die Eltern, die den Tadel verdienen, weil sie […] nicht […] wollen. Wenn sie jedoch ein schrittweises Fortschreiten der Studien in der Weise zuließen, daß die lernbegierigen jungen Leute mit ernsthafter Lektüre durchtränkt würden [hier hat Hamanns Vorlage »mitigarentur«], daß sie ihren Geist mit den Geboten der Lebensweisheit sättigten, daß sie ihre Worte mit strengem Griffel feilten, daß sie das lange anhörten, was sie nachahmen wollten, […] sich selbst […] nichts könne erhaben sein, was Knaben gefällt […]. Heute aber spielen Knaben in den Schulen nur, die Jünglinge werden auf den Foren ausgelacht, und – schlimmer noch als beides – was ein jeder an Verkehrtheiten gelernt hat, das will er im Alter nicht zugeben.«











arbiter elegantiarum Sachverständiger in Fragen des guten Geschmacks


















Mr. S-– Studiosus

Croesus Sagenhaft reicher König Lydiens (555 v. Chr. bis 541 v. Chr.)






Brief nach Dantzig nicht ermittelt






Orth Name der polnisch-preußischen 18-Groschen-Münze, deren Edelmetallgehalt unter Nominalwert lag, also als schlechtes Zahlungsmittel galt. Wurde u.a. in Königsberg geprägt.



Ducaten Goldmünzen (in ganz Europa gängig)





Detours Winkelzüge, Umwege




Convenance Anstand



praerogativ Vorrecht

Regale Königliches Recht




Rotte 4 Mo 16


Wolken und FeuerSäule 1 Mo 13,21

Mann mit Hörnern Darstellung von Moses durch Michelangelo, Skulptur in der Kirche San Pietro in Vincoli in Rom (1513–1515); sie geht auf eine fehlerhafte Übersetzung der lat. Vulgata zurück, in der das hebräische ›qāran‹ (strahlend) nicht mit ›coronato‹ (gekrönt), sondern ›cornuto‹ (gehörnt) übersetzt wurde.

sehr geplagter und sanftmüthiger Mann 4 Mo 12,3; beide Attribute entsprechen Übersetzungsvarianten für das hebräische עניו ענו ‛ânâv ‛ânâyv. Luther übersetzt ›geplagt‹.



Mohrin 4 Mo 12,1

die lästern … 2 Petr 2,12


Sondert … 2 Kor 6,17

Horatzes Bekehrung wohl bezogen auf dessen Reue ob eines ausschweifenden Lebens in
Hor. carm.
1,34



Kenner Salomo in Hld 8,6










Nachrichter vmtl. Ziegra, Verfasser des Verrisses in den Hamburgischen Nachrichten, 57. St., 29. Juli 1760; abgedruckt in
Hamann, Wolken

Kindern des Lichts … Eph 5,9 u. Joh 12,36



Werken der Finsternis … Eph 5,11



die Athenienser
Plut. vit.
, Alkibiades, 9.





ϑειον das Göttliche












Gevollmächtigter nicht ermittelt






Hamb. Nachr. s.o. 72/3
Briefen der Literatur s.o. 71/36



Fleisch und Blut Mt 16,17



Du siehest ja 9. Strophe aus P. Gerhardts »O Jesu Christ, Dein Kripplein ist mein Paradies«





Ich flochte 6. Strophe des Kirchenlieds von Jan Röhling »Ich komme Jesu her zu dir«



Der HErr Ps 18,46












Mag. Schönaich
Christoph Schöneich




Finsternis Jes 60,2




Satans Schule Offb 2,9








getheilten Kind 1 Kön 3,16ff.











Sub Sigillo Confessionis Unter dem Siegel der Verschwiegenheit






Wer will … Röm 8,34



Herzen und Nieren Ps 7,10

Spiegel Jak 1,23



Behemoth und Leviathans Hi 40,15 u. 25

Mücken 2 Mo 8,13


Beylage nicht ermittelt

κατα Forstmann gegen
Johann Gangolf Wilhelm Forstmann



Gerdauen heute Schelesnodoroschny




kleine Fabel »Die Biene, an Herrn H., den Verfasser der sokratischen Denkwürdigkeiten«,
Trescho, Kleine Versuche im Denken und Empfinden
, S. 178–181.


aufgehoben vll. abgebrochen


seinem gelehrten Intelligence-Arbeiter als Redakteuur des kritischen Teils der
Wochentliche Königsbergischen Frag- und Anzeigungsnachrichten


















Hervey wohl bezogen auf das Memento Mori in Herveys »Meditations among the Tombs«

Bremische Gedichte
Oest, Gedichte
Kurl. Kurland



Pro memoria Das in Erinnerung Gerufene

Baar nicht ermittelt

Bengel
Bengel, Gnomon Novi Testamenti
, § XV der ›Praefatio‹, HKB 178 ( II 10/10 )













Jude mit einem Zöllner Mk 2,16

I am …
Shakespeare, Hamlet
, Akt 3, Sz. 1








Donnerkinder Mk 3,17


ξυμμιμητην Χριστου dt. Nachahmer Christi; in Phil 3,17 συμμιμητής
Finis … Das Ende krönt das Werk.







Geschlecht Rom lies: Ram, Hi 32,2
Pasquillant Verfasser einer Spottschrift


Sein Erlöser lebt Hi 19,25

Frau Kr. R. L’Estocq Marie Eleonore v. L’Estocq (1708–1765), Frau von
Johann Ludwig Estocq

Moser E. v. Masser, Augenarzt in Kurland und Ostpreußen. Der Starstich besteht im Hinunterdrücken der Augenlinse mit einer Nadel, wodurch der Graue Star geheilt werden soll.


Provenienz
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (66).

Bisherige Drucke
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, III 63–74.
Heinrich Weber: Neue Hamanniana. München 1905, 115f.
ZH II 68–76, Nr. 203.

Zusätze ZH
HKB 203 (68/25): Lindner dazu: Caviar Pfeffer. 1 Brief Antwort. Erfahrung
für.
HKB 203 (69/13): Lindner dazu: nicht alle stoßen sie sich nicht… aus eigner
Bewegung
HKB 203 (70/4): Lindner: Nase des Sarmat. Barons kan ich nicht riechen.
HKB 203 (70/13): Lindner: Eben so sittl. Uebelstand als heidnische nubes in
Xstiano
. Sind das nicht Thorheiten?
HKB 203 (70, 21): Lindner: Der Nachahmer soll ersetzen, uti veteres faciebant.
NB
Im Urtheil ist Lust zu klauben, doch sie treffen meinen Anstoß
… Ich habe auch so einen von.
HKB 203 (71/26): Lindner dazu:
Krallen zeigen.
Und sie a Theismo und Anthropomor. Ich könte so gut wie sie der
Gnade es zuschreiben.
HKB 203 (71/30): Lindner: Salomo Deckmantel der Verliebtheit?
HKB 203 (71/32): Lindner dazu: Und du weißt nicht symb. Thut was ihr wollt
NB. Sind ihre Leidenschaften ohne Lüste. Wie wir uns weißbrennen.
Warum nicht? Ich sündige nicht, sondern die Sünde.
HKB 203 (72/15): Lindner: Kann man nicht sich selbst irren, Ecce homo!
HKB 203 (72/19): Lindner: Sie meinten erst selber daß ich zu gewesen.
HKB 203 (72/29): Lindner: Vision! nicht aufrichtig? Sie wissen? Fahren Sie
nicht so blind zu. 1) Mama eignes Anliegen 2) Char. der war
abwesend.
HKB 203 (72/34): Lindner: Proseliten. Was wollen sie von mir Seel. zu
schaffen. gleiche Sorgen, nicht eins von Hamannschen Übeln… Rom.
14–16.
HKB 203 (73/25): Lindner: Grillen! Rom. 17–19.
HKB 203 (74/6): Lindner: lieber geradezu.
HKB 203 (74/16): Lindner: Bravo! Wie Ravaileai Communion empfing? Der
Herz und Nieren prüft.
HKB 203 (74/25): Lindner: Stolz der Thoren! oderint dum metuant
HKB 203 (75/13): Lindner: NB. sind ins Bruders Kasten
HKB 203 (75/26): Lindner: ηϑη
HKB 203 (75/30): Lindner: ist auch nicht franco?
HKB 203 (76/12): Lindner: Quale portentum
HKB 203 (76/20): Lindner: Ecce Hiob!
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Textkritische Anmerkungen
68/29 judgment is in
Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): judgments in
491/14 Ravaileai
Geändert nach Druckbogen 1940; ZH: Ravaillac