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Königsberg, 30. Mai 1761   ZH II 89   Orig    geprüft    Komm  
Johann Georg Hamann  →  Johann Gotthelf Lindner
S. 89



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Königsberg den 30 May 1761.

Geliebtester Freund,
Herr Lauson hat mich eben besucht; bey dieser Gelegenheit erzählte ihm
mein Bruder, daß er nächsten Montag ausziehen würde zum HE Kgsr.
v Wegner, wo er Hofmeister geworden durch Vermittelung seines
Beichtvaters und D. Schultz. Dieser Neuigkeit wegen schreibe heute an Sie, weil ich
weiß, daß Sie an dieser Veränderung Theil nehmen. Es ist mir herzlich lieb,
daß ich im übrigen mich um nichts bekümmern dürfen, und also von nichts
weiß. Man scheint unterdeßen auch hier in den Fehler gefallen zu seyn, daß
man einen Menschen brauchen will, den man sich noch nicht die Mühe gegeben
zu kennen. Die Folgen davon weiß Gott, der alles zu Seiner Ehre und unserm
Besten gedeyhen laßen wolle!
Meine Arbeiten haben nach den Feyertagen einen sehr glücklichen Fortgang
gehabt. Den Jesaias habe seit Pfingsten angefangen und hoffe ihn künftige
Woche zu schlüßen. Ein Drittel von Aristoteles zweyten Theil habe heute
auch geschloßen, und fange nächstens seine politische Bücher an. Ein eben so
scharfsinniger Beobachter und Geschichtschreiber in dem Sitten- als
Naturreiche. Mit dem arabischen geht es beßer als ich dachte und habe schon 61 Verse
des zweyten Kapitels im Alkoran absoluirt, ohngeachtet ich so träg als
möglich diese Arbeit treibe. Die ersten 20 Suren sind die längsten und machen über
die Hälfte des ganzen Buches aus, das über 100 zählt.
Wegen des verlornen Papiers machen Sie sich keine weitere Mühe, ich bin
damit recht sehr zufrieden, daß es nicht gefunden worden. Fällt es Ihnen durch
einen Zufall in die Hände; so erhalten Sie es mir.
Im Buchladen habe ein paar Kleinigkeiten von Lauson hingeschickt, der sich
bedanken läßt und ein Galimafré von meinem Freund Hintz beygelegt, den
ich im Engl. unterrichte; auch ein Gedicht des Kaysers, der Hofmeister des
X.Y.Z. gewesen und deßen Philosophie in ein Banqueroute aufgehört. HE.
Hinz führt die Jungen v. Korf, Mariannens Pflegkinder, die ich sehr liebe
wegen einer gewißen natürl. Gutartigkeit, die ihnen ein sehr gesetztes Wesen
giebt.
Sie erhalten mit nächsten Skeltons offenbarte Deisterey. Ich wundere mich
daß ich diesen Schriftsteller nicht eher kennen gelernt. Er ist der ältere Bruder
von Herveys Theron und Aspasio. Haben Sie ihn schon; so wird Pastor
Ruprecht Junior
Ihnen für das Buch dankbar seyn, das zur Zierde sr.
Bibliothek gereichen wird. Der Tiefsinn ermüdet ein wenig den Leser, oder
muntert ihn auf. Ich habe übrigens viele Ideen gefunden, die mit den meinigen
eine Art von Sympathie haben und mich desto mehr für den Schäfer und den
Autor eingenommen.
Lamberts gelehrtes Saecul. Ludw. XIV. hat mich sehr verdrüslich gemacht
durch den einförmigen Leichenrednerton, der in allen seinen Artikeln herrscht.
Der zweyte Theil ist ein wenig angenehmer als der erste, weil Fontenelle mehr
gebraucht werden können. Hambergers Nachrichten der Schriftstellergeschichte
sind ein vortreflich Handbuch, das Sie vermuthlich schon besitzen werden. Die
moralischen Beobachtungen und Urtheile habe erst jetzt kennen gelernt, und
das Ende, welches einen Actum zwischen Vater und Sohn über Klopstock
einrückt, giebt ein Muster zu einer neuen Art von Schuldrama. Ich habe dies
kleine Fragment zweymal gelesen, und wünschte, wenn Sie es studieren
möchten; weil es ein Original ist, das reiche Züge zur Nachahmung an die Hand
geben kann.
Zwey französische Kleinigkeiten habe mir angeschaft. Parallele des
Tragedies grecs et francois
1760 kostet 1 Thrl. hier und macht noch kein Alphabeth.
Der Autor scheint ein Jesuit zu seyn; er giebt seine Arbeit für nichts als ein
Supplement zum Brumoy aus. Um den Vorzug der neusten französischen
dramatischen Schriftsteller zu zeigen (ein Thema, das nach dem Geschmack
des Jahrhunderts aussieht), untersucht er im ersten Theil die Alten, und zeigt
ihre Ueberlegenheit, indem er immer die Feßeln beschämt, die sich die Neuern
selbst geschmiedet; im zweyten erhebt er die Geschicklichkeit, womit sich die
letzteren selbst ihrer Sclaverey zur Ehre ihres Ruhms bedient haben, und daß
die Stücke desr Alten eben den Regeln wiedersprechen, die man sich
einbildet von ihnen entlehnt zu haben. Er schränkt sich besonders auf Racine als
den Liebling des französischen Geschmacks ein. Derieser Plan dieses seines
Buchs verräth schon die Politik eines Jesuiten.
I. Ueberlegenheit der Alten in der Wahl der Fabel. Historie, Tradition,
Erdichtung sind die drey Qvellen. Die alten waren nicht so abergläubisch
gewißenhaft
gegen die Geschichte als wir sind; nicht so ungläubig und eckel
gegen das wunderbare der Tradition. Dichten ist in unsern Zeiten eine
philosophische Sünde. Aristoteles hat zu derselben seine Zeitverwandten sehr
aufgemuntert, weil die bekanntesten Begebenheiten für den grösten Haufen der
Zuschauer so anzusehen sind als wenn sie niemals geschehen wären. Die
poetische Gerechtigkeit hat die Neueren aber am ärgmsten gemacht. Diese
moralische Ungereimtheit bemüht sich der Autor am meisten zu zeigen. Exiger
d’un poete qu’il purifie toujours le vice et qu’il fasse triompher la vertu
c’est renverser l’ordre de la Prouidence qui permet tous les jours le
contraire.
– – Diese Gewohnheit hebt den ganzen Endzweck des Theaters auf.
Qu’importe que le Spectateur s’en aille bien content du succès de la
catastrophe c’est vouloir lui plaire au moment qu’il vous echappe.
Ein
wenig Nachdenken zeigt die ganze Ungereimtheit dieses Grundsatzes, der
unserer gesunden Vernunft so wohl als unserer Religion Schande macht, die
in jedem Zuseher ein künftig Gericht voraussetzt. Das Intereße der Umstände
ist das wesentlichste; es zieht aber seinen Ursprung aus einem geheimen
Intereße gegen die Personen. (Die Katholicken könnten eben den Gebrauch von
ihren Heil. machen den die Griechen von ihren Helden) Tous les membres
d’une seule famille, tous les Spectateurs s’imaginoient voir dans les Heros
qu’on mettoit sur la scene un Ancetre dont la gloire rejaillissoit sur eux. – –
C’etoit pour ainsi dire une tendresse filiale et comme un interet de parenté
bien piquant pour des Atheniens et dans le centre du patriotisme.
So viel
von der Wahl des Grundes, auf den der Poet bauen will. Hierauf komt der
Autor auf die Wahrscheinlichkeit, den Eckstein seines ganzen Gebäudes;
nicht was die Erfindung sondern die Einrichtung und Oekonomie des Stückes
betrift. Leichtigkeit der Alten die Einheiten zu beobachten. Le grec avoit
1000 ressources que nous n’avons plus. Lorsque la raison, l’arbitre et la
regle de la vraisemblance ne se pretoit a ses vues, il avoit tout le Ciel a
ses ordres. La Religion, la Theologie meme par un accord, qui ne subsiste
plus sembloient lui tendre la main. – – Des songes, des sermens, des
prestiges, des Oracles, une invincible fatalité, des Dieux mechans qui
ordonnoient le crime, des Dieux trompeurs et si je puis m’exprimer ainsi des
Dieux sorciers etoient pour le Poete des ressources toujours sures, des
machines toujours pretes
– – Daß uns diese Maschiney noch nicht untersagt
ist, hat ein neuerlicher Versuch erwiesen, und daß es keine Kunst ist den Alten
nachzuahmen, wenn man selbige nur kennt und versteht. Hieran fehlt es aber
den meisten, daß Sie weder viel von der Wirtschaft verstehen, noch ihren
Grund und Boden recht kennen. Hierauf folgt ein Kapitel vom Knoten und
sr Auflösung. On mene fort à son aise quand on sait qu’on ne sera point
chargé de defaire le noeud.
Der Autor hält sich lange über die Regel der
5 Aufzüge als ein Gesetz auf incommode au Poete et contraire à la pratique
des Anciens.
Wodurch haben wir die Chöre ersetzt? par quelques mechans
violons. Admirable equivalent! – – Nos privileges sont d’avoir plus de
talens ou du moins d’en avoir plus besoin.
Hierauf les moeurs – les
sentimens. Nous voulons des emportemens reflechis et compassés, qui
laissent à l’exterieur toute sa decence, à l’esprit trop de flegme et à
la raison tout son empire. – – Nos poetes ne font pas assez d’attention,
que le Parterre ne doit etre compté pour rien, qu’il n’est pas supposé
present – – Diction – – Magnificence et etendue des Theatres anciens.

Das letzte Kapitel des ersten Theils zeigt die Qvelle der Vorurtheile, die bisher
das neue französische Theater in der Knechtschaft erhalten haben, worinn
wir es sehen. Les fondemens en furent posés par des hommes sans genie,
sans connaissance de l’antiquité, sans aucune idée juste du Theatre. – –
Le meilleur et l’unique parti qu’il y avoit à prendre, c’étoit de tout
renverser, de creuser de meilleurs fondemens et de recommencer à nouveaux
frais. – – Si Corneille eut pris une route opposée à celle qu’avoient tenue
ses predecesseurs, c’eut été vouloir convaincre d’ignorance tous ses rivaux
et de stupidité grossiere ceux qui les avoient sottement admirés. Le pas
etoit glissant et Corneille n’osa peutetre pas le hazarder. Il se contenta de
corriger le plan qu’on avoit suivi jusqu’alors; il sentit la gene mais il n’osa
s’en affranchir. Le pouvoit – il avec honneur, dans un tems ou le merite
poetique
consistoit etc: etc: etc:

So weit mein Auszug aus dem ersten Theil; der zweyte deckt alle die
Fehler auf, welche die Alten, nach unsern Regeln gemeßen, haben.
Das andre Buch, davon ich Besitzer, ist l’art de peindre, ein Gedicht des
Watelet mit kleinen Abhandlungen über die verschiedenen Theile der Malerey
begleitet. Zwey philosophische Begriffe will ihnen aus den letzten mittheilen.
La beauté consiste dans une conformation parfaitement relative aux
mouvemens qui nous sont propres. La grace dans l’accord de ces mouvemens
avec ceux de l’ame.
Hierauf folgt ein Brief, worinn dies Gedicht streng und
zieml. richtig beurtheilt wird; und denn des Fresnoy und Abt von Marsy
zwey lateinische Gedichte mit französischen Uebersetzungen das erste de arte
graphica
betitelt und ein steifer starrer Didacticker, das letzte pictura,
Carmen;
wo die Muse die Bitte des Dichters erhört:
– – Da periculum, da Musa, colores. Die Ausgabe dieser kleinen
Sammlung ist von diesem Jahr, und schmeichelt sehr das Auge durch den Druck und
die Vignetten.
Vorgestern erhielt ein confiscirt Buch, das mit einem Ducaten bezahlt
wird, und von dem ich noch den ganzen Titel abschreiben will: Die
unwandelbare und ewige Religion der ältesten Naturforscher und sogenannten Adepten
oder geometrischer Beweiß, daß die Metaphysik die wahre theoretische und die
Moral die wahre practische Gottesgelahrtheit sey, bestehend in einigen freyen
Anmerkungen und Erinnerungen über das in dem I. II. und dem
Vorbereitungstheile zum III. Stücke der höheren Weltweisheit enthaltene System der
allgemeinen Gesellschaft der Wißenschaften und deren Einrichtung und Plan
zur gründlichen Ueberführung aller seicht denkenden und köhlergläubigen
Deisten und Naturalisten aufgesetzt von einem Liebhaber der Wahrheit an seinen
Freund. Berl. und Leipz. 1760. in 8. 15 Bogen. Wenn Sie an dieser Titulatur
noch nicht genung haben: so melden Sie sich, um Ihnen noch eine andere und
etwas mehr daraus mittheilen zu können. Ich umarme Sie, und Ihre liebe
Hälfte, und bin nach herzlichsten Empfehl ms. Vaters Ihr aufrichtigster
Freund.
Hamann.





D. Schultz vll.
Franz Albert Schultz










politische Bücher vmtl.
Aristot. Ath. pol.






verlornen Papiers vgl. HKB 204 ( II 78/13 )




Galimafré Frikassee von Fleischresten, hier zufällige Sammlung von Büchern


Banqueroute Bankrott

Jungen v. Korf Albertine Elisabeth und Friedrich Heinrich, die Kinder von
Friedrich Alexander v. Korff
Mariannens vll.
Marianne Lindner





Herveys Theron und Aspasio
Hervey, Meditations and contemplations
, die Erweiterung ab 1753 als Teil 2 u. 3. Theron and Aspasio or, a series of dialogues and letters (London 1755)

Ruprecht Junior
Johann Christoph Ruprecht



Schäfer Pastor
Philip Skelton







moralischen Beobachtungen und Urtheile
Waser, Moralische Beobachtungen und Urtheile

Klopstock
Friedrich Gottlieb Klopstock
; ebd. S. 172–198






Thrl. Taler, meist ist der 24 Silbergroschen entsprechende Reichstaler gemeint, eine im ganzen dt-sprachigen Raum übliche Silbermünze (Groschen: Silbermünze oder Kupfermünze; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch).
kein Alphabeth d.i. ist nicht sonderlich umfangreich





Feßeln die sogenannten aristotelischen drei Einheiten



















Qu’importe […] echappe
Jacquet, Parallèle des Tragiques Grecs et Français
, S. 38







Tous […] patriotisme ebd., S. 56f.








Le grec […] toujours pretes ebd., S. 72–77













On mene […] noeud ebd., S. 80


incommode […] des Anciens ebd., S. 85

par quelques […] plus besoin ebd., S. 106


les sentimens […] Theatres anciens
Jacquet, Parallèle des Tragiques Grecs et Français
, S. 113–123








Les fondemens […] consistoit etc: etc: etc ebd., S. 130–133













l’art de peindre
Watelet, L’art de peindre: poëme
; H. besaß wohl die Ausgabe von 1761 (Amsterdam).



La beauté […] ceux de l’ame ebd., S. 101 (Ausgabe 1760) bzw. S. 111 (Ausgabe 1761)



Fresnoy
Fresnoy, De arte graphica
; enthalten in ebd. (Ausgabe 1761), S. 179–245
Abt von Marsy
Marsy, Pictura Carmen
; enthalten in Watelet (Ausgabe 1761), S. 247–312




periculum … lies: peniculum, Schwänzchen, Pinsel.
Marsy, Pictura Carmen
, S. 3 und Watelet, S. 282



Ducaten Goldmünzen (in ganz Europa gängig)










8 Oktavformat






Provenienz
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (69).

Bisherige Drucke
Heinrich Weber: Neue Hamanniana. München 1905, 46–50.
ZH II 89–93, Nr. 207.

Zusätze ZH
HKB 207 (89/12): Lindner dazu:
werden zur Galeere.
S. 492 / 7




Textkritische Anmerkungen
92/30 periculum
Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): peniculum