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Königsberg, 20. Juni 1761   ZH II 93   Orig    geprüft    Komm  
Johann Georg Hamann  →  Johann Gotthelf Lindner
S. 93 / 12


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Königsberg den 20 Junius 1761.

Geliebtester Freund
Für den Beschluß des Popowitsch danke. Wenn Sie etwas verschreiben, so
laßen Sie das Buch für mich kommen, aber nach Ihrer Beqwemlichkeit, weil
es niemals für mich zu spät kommen wird. Heute Gottlob! die Woche mit
dem XLV Kap. Jeremiä beschloßen, mit drey Suren des Alkorans und den
politischen Büchern des Aristoteles zu Ende; nun komt die Rhetoric, Poesie
und Metaphysik. Ich habe mit viel Zufriedenheit Kantemirs Türkische
Geschichte gelesen, und theils die Stärke dieses Mannes in der Kunst des
historischen Vortrages, theils unendlich vieles darinn über den morgenländischen
Geschmack und Sitten zu meinen jetzigen Arbeiten gefunden. Versprach mir
ein ähnliches Vergnügen von Marins Geschichte des Saladins; der Franzose
hat aber meine Erwartung nicht erfüllt. Es herrscht in der Anlage des Buchs
und der Verbindung der Materien eine solche Unordnung und
Misverhältnis, die durch keinen Firniß des Witzes ersetzt werden kann. Herr Lauson
hat eine kleine Abhandl. des Rect. Pisansky vom Dichter Herrmann hier
abgelegt, die ich nach den Buchladen schicken werde, wo ich auch den Discours
sur le progrès des bellesaux arts en Russie
für Sie besorgen laße. Ich
besuche jetzt keinen mehr und habe weder im Kanterschen noch Woltersdorfschen
was zu thun; und ich gewinne dabey, daß die Lüsternheit nach Neuigkeiten
meinen Arbeiten keinen Eintrag thut. Was mir unterdeßen in den Mund
geflogen kommt, nehm ich mit. Diese Woche habe einen sehr angenehmen
Einkauf von Buxtorfs Chaldäisch-rabbinisch-talmudischen Lexico, opere XXX
annorum,
wie der Titel sagt, für 50 gl. gethan. Vom Meßgut habe mir bloß
den Arleqvin angeschafft, der schön philosophisch und gelehrt gestochen ist
(durch den Möser, der den Charakter Luthers an Voltaire geschildert, nach
meiner Vermuthung) und gestern nur Witting von der Lehrart Pauli. Der
Besitz dieser beyden Schriften ist mir lieb, weil ich ihre Verfaßer als
Reisegefährten ansehen kann, und ihre Vertraulichkeit mir viel Licht über die
Karte des Landes ertheilt, in dem ich mich verirrt habe. Die Scheidewand,
welche unsere Schriftgelehrten und Freygeister absondert, scheint derjenigen
sehr ähnlich zu seyn, die Juden und Heyden trennte.

– – Dii nostra incepta secundent
Auguriumque suum: dabitur, Troiane! quod optas.
Virgil. VII. 259.


Dies waren αλλοτρια. Ich komme jetzt auf Dinge, die mich näher angehen,
und Ihnen geliebter Freund, auch nicht gleichgiltig seyn sollen. Ob ich die Rolle
des Brutus bald werde ausgespielt haben, oder ob sie erst angehen wird,
weiß nicht. Kommt es zum Spiel; so wißen Sie, wie die Steine stehen.
I. Mein Bruder meldete durch die Schritte seiner Ankunft und seines
Eintrittes ins Amt die Nothwendigkeit ihm zu Hülfe zu kommen, so
nachdrücklich an, daß mir jede Saumseeligkeit und der kleinste Fehler gegen die
große Lehre: Principiis obsta, ein Dolch im Herzen war. Meine Unruhe
darüber, mein Ernst dem Uebel abzuhelfen, wurde verlacht, oder für Bitterkeit,
Haß und Ungestüm erklärt. In dem Hause, wo ich damals lebte, hab ich schon
damals das Ende des Liedes besungen; und man gab mir damals Recht.
II. Seit meinem Aufenthalt hier habe dem Wachsthum des Uebels immer
zugesehen. Alle meine ernsthaffte Bemühungen wurden vereitelt, weil man
das Göttliche Urtheil über mein Herz sprach, und alle meine Liebesworte aus
einer bittern Qvelle herleitete, und mich zum Garkoch haben wollte, da ich
Arzeneyen zu verschreiben für nöthiger fand.
III. Mit einer Vollmacht vom Vater und Beichtvater kam ich nach Riga
geschickt. Wenn ich meinen Bruder länger hätte zappeln laßen; so würde ich
klüger gehandelt haben. Ehrlich war es, daß ich ihn loßmachte, und mich an
das zweydeutige Gesicht einiger Umstände nicht kehrte. Mein Bruder war
ohnedem der grösten Gefahr jetzt ausgesetzt, da es schien, als wenn Sie es für
rathsam würden gehalten haben Amtsstrenge zu brauchen, ohngeachtet er
zu der Zeit des Mitleidens am nöthigsten hatte. Ein υστερον προτερον von
der Art würde der letzte Stoß für meinen Bruder gewesen seyn. Es war ein
Glück für Sie und für mich, dafür ich Gott danke, daß Sie ehrlich in
Ausspannung meines Bruders aus seinem Joche zu Werk giengen. Bey der
geringsten Untreue hätte ich mir kein Gewißen gemacht Ihre Freundschaft
der Liebe zu meinem Bruder aufzuopfern – –
IV. War Ihre Schule eine Scylla gewesen; so war hier eine Charybdis. Ich
habe gearbeitet, daß mir die Haare zu Berge gestanden. Das weiß der
unsichtbare Richter, der keine Person der Menschen ansieht. Weil ich nicht krum
gerad machen konnte; so wollte ich doch nicht so niederträchtig seyn, was krum
ist, für gerad anzunehmen, und gerad zu nennen, weil es andere so nannten,
die von keinem andern Kanon was wißen wollen als von ihrem
kanonisirten Augenmaas. Mein Vater konnte und wollte nicht; mir waren die Hände
gebunden. Ich redte so lange ich Odem hatte. Weil aber Ungehorsam und
Unwille zunahm; so ließ ich – endlich – meinen Bruder in seines Herzens
Dünkel
und in dem Wandel nach eigenhändigen Rath.
V. Sein Weg gieng also aus seines Vaters Hause – Sie wißen wohin? Man
hat hier eben die Fehler begangen, der Sie sich dort schuldig gemacht; von
beyden Seiten. Vor alten Zeiten pflegte man hier zu sagen: Wir kennen den
Herrn nicht; mit Werkzeugen, die uns fremd sind, kann man nicht viel
kluges ausrichten. Dieser Vorsicht hat sich D. S. in Ansehung meines Bruders
überhoben. Wenn D. S. aber auch meinen Bruder nicht kennt, so hat dieser den
Vortheil vielleicht vor ihm, daß er D. S. kennt.
So weit sind wir jetzt; nämlich am Scheidewege, wo es heist: Aut – aut.
Ändert sich mein Bruder: so ist mein Wunsch erfüllt, und sein Herz wird sich
zugl. gegen mich ändern. Es wird alle die Vorurtheile niederlegen, die es in
Ansehung meiner gehabt hat – – es wird alle die heiml. Tücke verabscheuen,
die ihm bisher im Wege gestanden, die Wahrheit zu sehen.
Will mein Bruder sich nicht ändern: so muß notwendig Uebel ärger
werden; und der Karren tiefer hineinkommen wie er gewesen ist.
Ich darf mich um den Lauf einer Sache nichts bekümmern, zu der ich nicht
nöthig gehabt habe weder Ja noch Nein zu sagen. Geht es schief; so habe ich
volles Recht die Leute zu Rede zu setzen, die meinen Bruder geführt haben.
Ihr Blut sey auf ihren Kopf. Wer meinen Bruder verziehent will, ist
mein Feind; wer ihn aber verachtet; soll es doppelt seyn. Wehe denen,
die sich beyder Sünden gegen ihn schuldig gemacht haben!
Die Zeit wird lehren, an wem es gelegen, an blinden Leitern, die sich für
sehend halten; oder an einem Knaben, den man hätte gängeln sollen, wenn
er gehen lernen sollte, den man selbst hätte hüten sollen drey, sechs Wochen
oder Monathe lang, ehe man ihm eine Heerde anvertraut hätte. Wenn der
Schiffer seinen Steuermann ausgelernt hat; denn kann er sich auf ihn
verlaßen, aber nicht ehe, wie in meinem Mst. de prudentia scholastica
geschrieben steht.
Es kommt mir bisweilen vor, daß in meinem Bruder ein großes Pfund
verborgen liegt; ich traue aber meinen Ahndungen so wenig als meinen
Vernunftschlüßen. Eines Kenners Urtheil zeigt sich an rohen Edelsteinen; und
eines Künstlers Genie adelt sich an niedrigen Subiecten.
Er schauet von Seiner heiligen Höhe, hieß es diese Woche in meiner Beichte
Ψ. CII und der HErr siehet vom Himmel auf Erden, daß Er das Seufzen des
Gefangenen höre – –


Aus diesem Entwurf, der die Dinge von Anfang hergeleitet, werden Sie
von meiner jetzigen Stellung gegen meinen Bruder hinlängl. urtheilen und
damit auch die Folgen der Zeit vergleichen können.
Ich habe die Reise nach Elbing ausgesetzt, wohin mich mein Vetter abholen
wollte, weil meine Gegenwart theils hier nöthig und nützlich ist, theils um
den Gang meiner Geschäfte nicht aufzuhalten, da ich nicht weiß, wie lang
oder kurz die Frist ist seyn mag, die mir noch zugedacht ist. Meine Neigung
zur Ruhe macht mich arbeitsam, und ich liebe den Krieg als einen Vater des
Göttlichen Friedens.
HE Hinz ist mit dem Legat. Rath aufs Land gereist gewesen; ich habe ihn
seit seiner Rückkunft noch nicht gesehen und das Compliment an Sseine
eleves bestellen können. Ich werde es bey erster Gelegenheit in Acht nehmen.
– Meinen herzlichen Gruß an Ihre liebe Hälfte. Mein alter Vater empfiehlt
sich gleichfalls. Ich umarme Sie und bin Ihr treuer Freund.
Hamann.


Ich habe die Pfingstwoche nach Kurland an den jungen Pastor
geblschrieben und den Brief ganz franquirt; daher er wohl liegen geblieben seyn
mag. Wenn Sie nach Kurl. schreiben; so bitten Sie doch den HE Bruder, daß
er sich bey dem jungen Pastor oder auf der Post erkundigt. Der Kopf ist mir
bisweilen voll. Sollte auch ein Versehen auf dem Couvert geschehen seyn.
Ich hatte, glauchb ich, geschrieben Ruprecht, Fils. Vielleicht hat man Fils
zum Zunahmen und Ruprecht zum Vornahmen gemacht. In diesem Fall
könnte man sich nach einem Brief an den Pastor Fils erkundigen. Vale.






politischen Büchern
Aristot. Ath. pol.










Discours Vll. Pierre-Isaac Poissonnier, Discours sur le progrès des beaux arts en Russie (1760)


Kanterschen
Johann Jakob Kanter
Woltersdorfschen
Gerhard Ludwig Woltersdorf





gl. Groschen (Silbermünze oder Kupfermünze; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch)










Dii nostra …
Verg. Aen.
, 7,259f.: »Seid gnädig unsrem Beginnen, / Götter, und eurer Verkündung. Dir, Troer, gewähr ich die Bitte«




αλλοτρια allotria, abgelegene Angelegenheiten


Brutus wohl im Sinne von Verräter



Eintrittes ins Amt als Lehrer an der Rigaer Domschule (1758)


Principiis obsta Wehret den Anfängen.


Hause von
Arend Berens
in Riga, in der zweiten Jahreshälfte 1758







kam ich nach Riga Juli/August 1760






υστερον προτερον hysteron proteron: Umstellung, Umkehrung






Scylla … zwischen Skylla und Charybdis: ausweglose Wahl zwischen zwei Übeln

der unsichtbare Richter 5 Mo 10,17
















Aut – aut lat. Entweder – oder













an blinden Leitern Mt 15,14





Mst. de prudentia scholastica Manuskript über die Klugheit, die in der Schule nötig ist; nicht ermittelt, vll. hier ironisch gemeint.






Er schauet … Ps 102,20f.







Elbing heute Elbląg








eleves Albertine Elisabeth und Friedrich Heinrich, die Kinder von
Friedrich Alexander v. Korff










Fils Sohn, von lat. filius



Provenienz
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (70).

Bisherige Drucke
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, III 88f.
ZH II 93–96, Nr. 208.

Zusätze ZH
HKB 208 (94/12): Lindner dazu:

NB. Von Schrift französ. Parallele des Trag. Grecques et Franc.
S. 492 / 10






Textkritische Anmerkungen
95/2 Joche
Geändert nach Druckbogen 1940; ZH: Joche
95/16 hier
Geändert nach Druckbogen 1940; ZH: hier
95/16 dort
Geändert nach Druckbogen 1940; ZH: dort
95/17 den
Geändert nach Druckbogen 1940; ZH: den
95/18 fremd
Geändert nach Druckbogen 1940; ZH: fremd
96/27 Pastor
Geändert nach Druckbogen 1940; ZH: Pastor
96/30 der
Geändert nach Druckbogen 1940; ZH: der
492/11 Schrift
Geändert nach Druckbogen 1940; ZH: Schrift.