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Königsberg, 25. Juli 1761   ZH II 97   Orig    geprüft    Komm  
Johann Georg Hamann  →  Johann Gotthelf Lindner
S. 97



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Königsberg den 25 Jul: 1761.

Geliebtester Freund!
Schon 5. Suren Gottlob! über die Hälfte des Alkorans. Das geht
spornstreichs. Sie können daraus sehen, daß mir mehr am Alkoran als dem
arabischen gelegen; und die Uebersetzung mir anstatt des Wörterbuchs dient. Auf
die Woche wills Gott! fange auch die Metaphysik des Aristoteles an. Noch
habe keinen Plato. Ehe ich selbigen erhalte – möchte wohl den Aeschylus und
Lycophron, den dunkeln dazwischen schieben.
Die Uebersetzung des Sophokles mit Pindars Oden haben mir einige
angenehme Stunden gemacht; in Ulyses sind einige Körner von Gold im Sande.
Anlage und Ausarbeitung des Stückes selbst kommt mir sehr erbettelt und
matt vor.
An den Elegien und Briefen zu Straßburg habe mich nicht satt lesen
können; und eben so das Genie als den ausgearbeiteten Fleiß des kleinen
Verfaßers bewundert, dem dies nicht anzusehen ist, wenn man flüchtig liest,
da man die mühsamsten Stellen für nachläßig zu halten geneigter ist.
Wagner war eben hier und versicherte mich Ihnen den Arleqvin schon
geschickt zu haben; ich hab ihn gesagt noch einmal beyzulegen wenn es noauch
geschehen seyn sollte. Der Gedächtnisfehler mag von seiner oder Ihrer Seite
seyn so ist nichts daran gelegen, weil Sie diese Kleinigkeit bald loß werden
können. Pastor Ruprecht wird Ihnen dafür danken.
Den Sonderling habe auch gelesen und bin mit Ihnen einig. Der Autor
hat zu wenig über seine Materie gedacht. Die Schwäche des Kopfs stärkt die
Faust im schreiben. Eine englische Sterlingzeile giebt einer französischen Feder
Stoff zu Seiten und Bogen. Um den Verfaßer aus seinen eigenen Worten zu
richten, so könnte man von seiner Schrift urtheilen, wie er vom jetzigen Gelde,
das die Juden bereichert und die Unterthanen drückt. Indem er einige Arten
von Sonderlingen in seinen Schutz nimmt, werden die Begriffe, die er seinen
Lesern mittheilt, sehr vielen ehrlichen Leuten nachtheilig, an denen vielleicht
mehr gelegen als an seinen Klienten.
Littleton habe schon lange gelesen; aber es nicht der Mühe werth gehalten
ihn anzuführen. Er hat seinen Lobredner an dem Übersetzer gefunden, der im
Urtheilen so viele Stärke als im Engl. zu haben scheint. Seine Personen
sagen auf; aber spielen niemals. Die Kunst des Dialogs fehlt ganz. – Gute
Gedanken kann man in jedem moralischen Buch lesen; aber einzelne, die
just für die oder jene Person in den und den Umständen gemacht sind, die
sich hier und sonst nirgends paßen; die würklich die Mine haben, daß sie aus
dem Reich der Schatten kommen. An statt eines Lucians sehe ich nichts als
einen Engländer von Stande, der bey einer Punch Schaale ganz feine Urtheile
mit seinen guten Freunden über allerhand Materien sagt, und Geschmack,
Gelehrsamkeit, patriotische Gesinnungen pp sehen läßt; auch einige Sachen ganz
artig zu wenden weiß. Wer dies für eine Nachahmung des Lucians hält, muß
keine Zeile nicht einmal übersetzt von diesem Original gefühlt haben noch
gelesen haben.
Die Abhandl. von den Grundsätzen der Münzwißenschaft ist nach einer
flüchtigen Durchsicht nicht uneben und eines Engl. werth. Es würde mir zu
viel Mühe machen diese Schrift zu verstehen; ich begnüge mich daher selbige
auf eine andere Zeit zu besitzen und andere darnach neugierig zu machen, denen
an diesen Materien mehr als mir gelegen.
Versuch über Simon den Zauberer, aus dem Holl. übersetzt hat mir sehr
gefallen. Eine Art von liebenswürdiger Mäßigung Billigkeit und bescheidene
Untersuchung beseelt die Schreibart. Schade daß der Verfaßer keine beßern
Qvellen als Brucker und Cudworth gehabt; desto mehr muß man
bewundern, daß er noch so weit gekommen. Aber daß diese nicht hinreichen, sehr
verführen, werden Sie selbst einsehen können.
Hier hat sich einige Zeit eine gelehrte Seltenheit aufgehalten, die von einigen
unter dem Namen eines ägyptischen Studenten bewundert worden. Ein
Mann der 12 Jahr die Welt herumgestrichen, und zu seinem Unglück ein
großer Linguist geworden, in Asien gewiß, einige sagen auch in Africa und America
gewesen. Ich habe ihn gesehen in natura et effigie; ein Mann, der Beine wie
ein Landstreicher hat, und eine Stirn, wie der Thurm zu Babel. Lauson sagt
mir daß seine Physiognomie mit Hanovs in Dantzig biß auf die Tracht und
den Anstand harmoniren soll. In effigie sollen Sie ihn auch kennen lernen,
aus folgendem Titel, von dem ich die hebräische Anfangsworte auslaße.

Genuina

Linguae Hebraicae Grammatica siue uetus illa sine Masoretharum
punctis hebraisandi uia. Quam prius (A. AE. Chr. MDCCLVI. MM. Sext. Sept.)
ingenui Discipuli
– – hier kam Ihre liebe Mama in die Stube; deren Besuch
mir sehr angenehm gewesen, weil ich sie eine Zeit lang nicht gesehen, die mir
ihre liebe Noth geklagt. Gedult!) sui admodum reuerendi P. Cyrilli,
Equestris Academiae, quae Petropoli est, Presbyteri, priuatum in vsum noua
plane aptioreue methodo delineatam; domi demum suae compluribus
iisque Criticis augtam Scholiis non modo discentium ac Docentium sed
etiam eorum, qui ad Criticen sacram se conferunt atque faciles in ea
felicesque progressus desiderant, in gratiam publici iam iuris esse uult
Georgius Kalmár, Hungaro-Panon a Tapoltzafó. Imperatoriarum
Academiarum Florentinarum adlegtus Socius. Ψ. XVIIII. 8. 9. Geneuae
Typis P. Pellet Typographi MDCCLX.
7 Bogen. Die Vorrede mit dem Titel
und langen Dedication an alle Universitäten in Deutschland, Engl. und wo
nur welche sind, an hundert vornehme Gönner und einer spezial Zuschrift
in neugriechischer Sprache an den Patriarchen zu Konstantinopel machen
3½ Bogen. Was ich in diesem Buch verstanden, ist elend Zeug, von dem ich
auf das übrige schließe, daßs ich nicht Lust gehabt hab weder zu lesen noch
näher anzusehen.
Der Verfaßer will eine neue Schreibart einführen, für die er Gründe hat
aus seiner weitläuftigen Erkenntnis der lebenden Sprachen. Ein Specimen
davon giebt der Titel schon; gnota an statt nota, weil die Engl. vermuthlich
know schreiben und das k nicht lesen. Hheth und Oin sind seine lange, He
und Vau seine kurze, Aleph und Jod seine Zwitterselbstlauter. Hierinn liegt
das Mark seines genuinen Systems. Erzählt beyläufig, was er an diesem und
jenem Ort geredt, führt auch wo es nöthig diem et consulem, Tag und
Monath an, wenn es geschehen; meldet auch, daß er zu Oxfort 1750 eine Dissert.
Crit. Philol. Theolog.
geschrieben, zu London aber M. B–e’s Answer to Dr.
Sharp’s two Dissertations on Elohim and Berith answered: being a
Vindication of the Etymology and true Meaning of the same Hebrew Words
1751. encore: A Short Reply to Mr. Holloway’s few Remarks upon Dr.
Sharp’s Dissertation on the two hebrew words Elohim and Berith;
noch
eine Dissertationem criticam in Esai. VII. 14 die mit sn. ganzen Tractat
in S. S. aufgelegt werden wird. Der Autor ist auch ein Cabalist. Sie können
leicht erachten wie mir der Mund gewäßert hat einen solchen gelehrten Held
zu sehen, der jetzt in sein Vaterland geht, um das zu werden, was Vossius von
einem seiner Bekannten gesagt haben soll: Sacrificulus in pago et rusticos
decipit.
An Gaben Bauren zu unterhalten fehlt es dem Mann nicht. Eine
Liste aller Gelehrten in Geneve stand vorn, die auf sein Werk subcribirt
hatten loco viatici; die Vorrede war am ersten NeujahrsTage datirt. Diese
Grammatic ist sehr rar und der Autor verschenkt bloß Exemplar. Unsere
Akademie hat auch eins bekommen; was mir in die Hände gerieth war eins was
unser neue Prediger le Fort nach Berlin schickte mit einer lateinischen
Zueignung an einen dortigen Amtsbruder.
Weil ich einige Monathe mich mehr als sonst eingehalten, noch gar nicht vor
dem Thor gewesen bin, so habe mehr als gewöhnl. gelesen. Das Leben des
Leibnitz von Joncourt
ist mir eine ganz neue Schrift gewesen. Ich habe in
der Schreibart denselben Mann erkannt, der die Herrl. Titel in der
Encyclopedie geschrieben. Dies Buch verdient doch, daß Sie es haben bey allen
den schlechten Geschmack, den der Autor hat, sind Nachrichten und Fleiß
darinn; iudicium aber setzt man beym Lesen zum voraus nach der bekannten
französischen Schmeicheley.
Geddes habe mir schon über den Platon verschreiben wollen; vielleicht thue
ichs noch; ich werde gl. die Samml. vermischter Nachr. holen laßen, wenn sie
zu haben sind.
Auf meinen Bruder zu kommen; so war B‥ vergangen hier und sagte, daß
Herr und Frau mit ihm zufrieden wären – Gut! das geht mir nichts an. Ist er
es aber? und kann ich es mit ihm oder mit ihnen seyn? Das ist eine andere Frage.
Freylich haben Sie sich, liebster Freund geirrt; warum hörten Sie damals
nicht, warum dünkten Sie sich klüger. Sie haben sich nicht nur geirrt; sondern
Sie haben sich auch geschadt; und uns auf eine unverantwortliche Art, 1.)
indem Sie meinen Bruder in seinem Bauerstoltz und Faulheit stärkten, 2. und
alle meine Arbeit dadurch vereitelten, daß Sie ihn den Rücken hielten und mir
entgegen waren, wie der Satan ein Kind des Lichts wird, und lästert, was er
nicht versteht. Ich liebe Sie und meinen Bruder; ich wünsche daß Gott
jedem gebe und eingebe, was ihm seelig und heilsam ist. Aber das kann ich
Ihnen nicht vergeben, daß Ihre Herzen damals harmonirten um sich selbst zu
hintergehen; besonders wenn es ihnen gut deucht denselben Weg fortzugehen
und die Folgen nicht zu achten, die auf sie warten.
Lauson hat durch Wagner geschrieben – von Premontval weiß nichts –
Ihre GeEhrte Mama ist wieder in der Klemme. Gott helf ihr! Man ist
nicht auf das inwendige der Schüßeln bedacht, und sorgt nur immer für die
Außenseite. Der Tod in den Töpfen wird nächstens ankommen; ein klein
Gemüse, das nach lauter Kolaqvinten schmeckt.
Leben Sie wohl. Mein Vater grüst Sie herzl. Ich umarme Sie und Ihre
liebe Hälfte. Gott empfohlen. Ihr treuer Freund.
Hamann.


In den Leipziger Zeitungen sind Treschos Empfindungen der Religion und
Freundschaft gelobt, auf seines Lehrmeisters Unkosten, wie man mir erzählt.
Trescho mag Sinngedicht schreiben, wie er auf einen Kandidaten eins gemacht
hat; aber meine Leichenrede soll er mir nicht machen.





Metaphysik
Aristot. metaph.

Plato
Platon
Aeschylus
Aischylos


Uebersetzung Von
Johann Jakob Steinbrüchel
lagen Übersetzungen der Antigone, der Elektra, des König Ödipus und des Philoktet vor; HKB 234 ( II 171/4 ).

Ulyses
Hom. Od.














Sterlingzeile Knappheit des englischen Stils


jetzigen Gelde … Friedrich II. finanzierte den Siebenjährigen Krieg u.a. durch kalkulierte Münzverschlechterungen, die er mit den Pächtern der staatlichen Münzprägestätten vereinbart hatte. Zu diesen gehörten die Nathan Veitel Heine Ephraim (1703–1775) und Daniel Itzig (1723–1799). Mit Bezug auf Ersteren wurden diese Münzen als Ephraimiten bezeichnet.
























Versuch Versuch eines Entwurfs von dem Leben und dem philosophischen Lehrgebäude Simons des Zauberers, zur Erläuterung der Worte Apostelgesch. 8, V. 9. 10. Aus dem Holl. übersetzt. (Cleve: Sitzmanns Witwe o. J. [1750]; Biga 91/264), Verfasser unbekannt.







ägyptischen Studenten
György Kalmár



in natura et effigie wahrhaftig und bildlich






















Patriarchen Seraphim II., Patriarch von Konstantinopel von 1757 bis 1761







Hheth und Oin Thet und Ain,
Kalmár, Genuina linguæ Hebraicæ grammatica
, S. 2











S. S. nicht ermittelt



Sacrificulus in pago … Lat. Sprichwort: Er gäb’ einen guten Pfaffen, aber einen schlechten Propheten.

















vermischter Nachr. vmtl. Sammlung vermischter Schriften zur Beförderung der schönen Wissenschaften, worin die deutsche Übers. von
Geddes, composition and manner of Writing of the Antients
erschienen ist.



Herr und Frau Wegner







wie der Satan 2 Kor 11,14






Premontval nicht zu ermitteln, welche Schrift von
André-Pierre Le Guay de Prémontval


inwendige der Schüßeln Mt 23,25f.

Tod in den Töpfen 2 Kö 4,39f.

Kolaqvinten Koloquinten, orientalische Frucht mit stark purgierender Wirkung





Zeitungen Neue Zeitung von gelehrten Sachen, Nr. 49, Leipzig 1761, S. 421–423.

Lehrmeisters Die Rezension bezeichnet
Johann Gotthelf Lindner
, der mit einigen Gedichten in dem Band vertreten ist, als Treschos Lehrer.



Provenienz
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (71).

Bisherige Drucke
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, III 89–91.
ZH II 97–100, Nr. 209.

Textkritische Anmerkungen
100/30 Kolaqvinten
Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): Koloqvinten