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Königsberg, 7. November 1761   ZH II 121   Orig    geprüft    Komm  
Johann Georg Hamann  →  Johann Gotthelf Lindner
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Königsberg. den 7 Nov. 1761.

GeEhrtester Freund,
Falls Sie mich für den Abälard Virbius halten; so behalten Sie ja ihr
Exemplar. Sie bekommen sonst kein anders. Von der Inschrift weiß nichts,
und muß durch einen Irrthum geschehen seyn, weil mehr zu besorgen
gewesen. Sie wißen meine gäntzl. Scheidung, die mir jetzt mehr als jemals zu
statten kommt. Die Abfertigung des Hamb. Nachr. fand für gut nach P. zu
bestellen, weil derselbe ein treuer Kopist der edeln Empfindungen war und
wenn HE. B. durch HE. Mag. K. hatte die Recension bestellen laßen: so
hätte sie nicht edler gerathen können. Denn Jakob Böhm bin ich in den Augen
dieser Leute immer gewesen. Wenn man Poßen und Calumnien an statt
Urtheile reden will; so bin ich dergl. Narrentheidungen beßer gewachsen, als
diese kluge Kunstrichter. Ich wünsche auch meinen Feinden Weib und Kinder,
Schaff und Rinder – mein bescheiden Theil auf der Wellt habe ich täglich, und
bitte darum wie Agur, der allernärrischte unter allen Menschenkindern –
Pro secundo; sagen Sie Herrn Baßa, daß ich mausetodt bin, wie eine
ägyptische Mumie in lauter Specereyen eingewickelt liege, und weder Hand noch
Fuß rühren kann. Seine Verbindungen mit meinem Bruder sind mir gäntzl.
fremde, und da ich mich seiner wesentl. Angelegenheiten gäntzl. entzogen
habe, so würde es sich am wenigsten schicken mich um seine Rechenpfennige zu
bekümmern. Ich habe selbst 10
Thrl
. in Riga von ihm aufgenommen und
habe noch gar keine Lust an Bezahlung zu denken; es ist ihm auch noch gar
nicht eingefallen mich darum zu mahnen.
Bengels Erklärung habe bestellt, liebster Freund, – ich denke selbst, daß
der Jünger im Schooß zu bescheiden gewesen indiuidua zu karakterisiren.
Dergl. Freyheiten nehmen sich nur Zöllner und Sünder von Autorn, aber
keine Heiligen. Ein wenig Schmeicheley mag auch wol in dem Herzen der
Pharisäer gewesen seyn, da sie Christum beschuldigten, daß er nach niemand
frage pp. Ich vertiefe mich aber nicht in Dingen die mir zu hoch sind; sondern
bleibe bey irrdischen.
Im Charakter Wolmars liegt das erhabene Komische, das nur Rousseau’s
zu treffen malen wißen. Ein ruhiger, weiser, ehrl. Mann ohne Gott im
Herzen. Ein solch glimmend Tocht in der Welt muß freylich kalt Blut haben.
Ein solch Geschöpf ist einem Blinden gleich, der Farben fühlen kann und
eben so bewundernswürdig wie ein Mondsüchtiger, der sichere Schritte thut
als ein wachender. Das Romanhafte im eigentl. Verstande mag wohl in
dergl. Chimären und Illusionen bestehen, da man sich non – entia zu Mustern
macht. Die Frau gewordene Julie sagt sehr alberne Einfälle auf dem
Sterbebette, die nur ein Wolmar für würdig halten kann aufzuzeichnen und die
nur ein frostig Gehirn rühren können. Als eine Hausmutter über eine
mystische Schriftstellerin zu urtheilen, ist eben so seicht, als wie ein Buchdrucker
von der Güte eines Buchs Autors zu urtheilen. Zum urtheilen gehört, daß
man jeden nach seinen eigenen Grundsätzen prüft, und sich selbst in die
Stelle des Autors setzen kann. Wer ein Richter der Menschen seyn will, muß
selbst ein Mensch werden, und wer einen Herkules furiosum vorstellen will,
muß selbst einer, caeteris paribus, zu werden im stande seyn.
Den letzten Octobr. habe den ersten Theil von Platons Werken zu Ende
gebracht v zugl. ein Gespräch vom 2ten mitgenommen das zur Einleitung sr.
politischen dient. Ich dachte nicht gegen Weynachten mit fertig zu werden –
Gott Lob! – Diese Woche habe geruht, und mir einen Galgen gebaut 50 Ellen
hoch. Für diese Arbeit hat mich gegraut, und ich habe sie mir langweiliger,
mühsamer vorgestellt. Fertig! fertig! Cui bono? wird jener alte Schulphilister
sagen; Abaelard Virbius entschuldigt sich mit einem Spruch des Apelles:
Ne sutor vltra crepidam.
Feurige Roß v. Wagen! die kein Kleinmeister, wie
Phaeton war, regieren wird. Wer sein Leben verleurt, sagt mein Apoll, der
wirds erhalten. Komm ich um; so komm ich um.
Gestern mir zur Ader gelaßen, heute die 7 chaldäische Kapitel im Daniel zu
Ende gebracht, mit denen es jetzt zieml. gut gegangen. Er fördert das Werk
meiner Hände – –
Plato möchte wohl viel Muße biß Weynachten haben, weil ich noch eine
Arbeit in der Zeit endigen muß, um wie Ianus bifrons das neue Jahr erleben
zu können.
Mein Vater empfiehlt sich Ihnen bestens. Von der geEhrten Mama v HE
Wagner erwarte Einschluß. Ich umarme Sie und Ihre liebe Hälfte. Leben
Sie wohl und denken Sie an Ihren Freund.
Hamann.


Ich werde Ihnen einige Sachen nach dem Buchladen schicken, auch 3 Ex.
der Lettr. neolog. Das eine davon war nach Paris bestimmt, ist eben mit
Fleiß zurückgeblieben. Sie können mit machen was Sie wollen Fidibus oder
Schnupftücher –
Bin heute mehr als halb krank, habe weder Appetit ein Buch anzusehen
noch Koffee zu trinken, werde also auf dem großen Schlafstuhl die Woche
beschlüßen.


Abälard Virbius Unter diesem Pseudonym erschien
Hamann, Chimärische Einfälle

Inschrift Lindnder hat wohl gefragt, ob er der intendierte Empfänger sei.


gäntzl. Scheidung von Berens und Kant

Abfertigung des Hamb. Nachr.
Christian Ziegra
im 57 St. von
Ziegra (Hg.), Hamburgische Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit
, Juli 1760; abgedruckt in
Hamann, Wolken
P. St. Petersburg

derselbe Ziegra


Jakob Böhm
Jacob Böhme

Calumnien Verleumdungen

Narrentheidungen Eph 5,4



wie Agur Spr 30,8






Thlr. Taler, meist ist der 24 Silbergroschen entsprechende Reichstaler gemeint, eine im ganzen dt-sprachigen Raum übliche Silbermünze.




Jünger Joh 13,23



Pharisäer Mt 22,15ff.



Charakter Wolmars Mit dem Julie standesgemäß aber gegen ihren Willen verheiratet wird in
Rousseau, Julie ou La nouvelle Héloise
.


glimmend Tocht Mt 12,21












Herkules furiosum vll. Anspielung auf die Tragödie Hercules furens des Seneca

caeteris paribus lat.: ceteris paribus qui hypothetice concludunt – dt.: unter sonst gleichen Bedingungen, die hypothetisch zum Schluß führen

ersten Theil von Platons Werken; vgl. HKB 215 ( II 118/2 )

Gespräch vom 2ten wohl das Buch Politikos der zweiten Tetralogie


Galgen Est 5,14, bezogen auf Haman, der erste Minister Ahasveros, und seine List zur Vernichtung der Juden, die sich gegen ihn selbst wendet.


Cui bono? dt.: Wem nützt es?

Abaelard Virbius Unter diesem Pseudonym erschien
Hamann, Chimärische Einfälle
Apelles […] crepidam
Apelles von Kolophon
.
Plin. nat.
35,36,85: »Schuster bleib bei deinen Leisten.«

Feurige Roß v. Wagen 2 Kön 2,11

Phaeton Sohn des Sonnengottes Helios. Als er mit dessem Sonnenwagen zu fahren versucht, stürzt er durch einen Blitz von Zeus ab (u.a.
Ov. met.
1,750–2,400).
Wer sein Leben … Mt 10,39

Komm ich um … Es 4,16


Er fördert … Ps 90,17


Plato
Platon

Ianus bifrons Janus, doppelgesichtiger röm. Gott der Tore und des Anfangs



liebe Hälfte Marianne Lindner





nach Paris bestimmt nicht ermittelt

Fidibus Pfeifenanzünder





Provenienz
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (75).

Bisherige Drucke
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, III 114–117.
ZH II 121–123, Nr. 216.

Zusätze ZH
HKB 216 (123/4): Lindner dazu: Mondsüchtiger! fahre auf zu dem Vater
Apotheosis
S. 492 / 31