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Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner
Grünhof, vmtl. Anfang Januar 1754
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ZH I, 60



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Liebster Freund,

Sie haben mich in Ihrem neulichen Briefe Gott weiß nicht in welchem
Winkel der Welt gesucht; da ich geglaubt hätte, daß ich ganz nahe immer bey
Ihnen v Ihrem Andenken zur Hand wäre. Sie werden schon längst durch
Ihren HE. Bruder wißen wo ich bin, den ich ehstens bey mir zu haben denke,
um Erzählungen der alten Weiber durch den Augenschein zu wiederlegen, daß
es mir hier nach Wunsch geht. Ich wolte, daß es ihm ebenso gienge, v traue
anderen Berichten nichts. Der Tod des D. Bornwasser hat eine gantze Trift
Ärtzte nach Mietau gezogen; v er wird nichts als seine Gesundheit nöthig
haben und alle auszustechen. Diese soll im zieml. Stande wieder seyn v also
hoffe ich, daß sein Glück unsern Wünschen v. seinen Verdiensten bald die
stange halten wird. Gott weiß, er hat unsäglich viel an seinem Leibe
ausgestanden v kann sich mit seiner Jugend trösten. Sein Kreutz hat ihm den lieben
Gott kennen gelehrt. Er hat den Vortheil gehabt eine schöne Bibliotheck bey
seinem Wirth brauchen zu können; der ein ehrlicher Mann ist. Er gestand mir,
daß sie ihm viel Einsichten in des D. Suchlands Vorlesungen gegeben hätte,
die für ihn nicht unbrauchbar v überflüßig wären, v er urtheilte von seiner
jetzigen Erkenntnis beßer als von derjenigen, die ihm in Königsberg
hinlänglich geschienen hätte. Sehen Sie, lieber Freund, wie klug uns die Erfahrung
v wie unwißend v. eitel uns die Schule macht. Unsere Umarmungen von
beyden Theilen sind gewiß recht zärtlich v. aufrichtig gewesen; v ich freue mich
schon im Voraus ihn in Grünhof zu sehen. Er liebt sie jetzt, bester Freund,
noch einmal so viel als sonst; v wir haben in unsern Gesprächen wenigstens
eben so oft an Sie als an uns selbst gedacht.
Meine Umstände sind sehr gut hier; 100 Thrl. v mit dem Neujahrs
Geschenk kann ich auch zum Anfange zufrieden seyn. Die Frau Reichs Gräfin ist
eine Dame von vielem Verstande, eine Marquisin von Rambouillet oder
Lambert. Sie liest gerne, hat eine artige Bibliotheck, die ich aber noch nicht selbst
zu sehen bekommen habe, sie hat mir aber selbige zum Gebrauch angeboten.
Ich habe ein kostbares Werk jetzt zum Gebrauch daraus bekommen. Es ist das
kriegerische Leben des Eugens, Marlborough v. Prinzens von Nassau
Friesland; in zwey großen Royal Folianten mit prächtigen Kupfern. Du mont hat
des erstern Schlachten beschrieben; das übrige ist von dem bekannten Rousset,
Die Frau Gräfin hat unstreitig vielen Verstand v. viele Verdienste, die ihre
zarte Gesichtsbildung schon verspricht. Sie schreibt artige Verse, v besitzt
beynahe eine gar zu große Delicatesse im Umgange. Man muß ihr Weyrauch
streuen, v sie nimmt es nicht übel, wenn man ihr das Rauchfaß auch vor die
Nase hält. Sie ist die Seele ihres Hauses, v besitzt eben so viel Sanftmuth als
Entschlüßung. Sie wird von ihrem Gemahl v von allen denjenigen die sie
kennen bewundert v. verehrt. Ihr Geist zeigt, daß sie die Tochter eines großen
Generals ist. Acht Kindbetten haben ihr den Glantz ihrer Schönheit noch nicht
benommen, v sie wird einmüthig für die beste unter ihren Geschwistern
erkannt; nachdem die General Stuartin tod ist.
Von den HE. von Firx habe ich gestern v heute einen Gruß bekommen; ich
habe mit dem ältesten in Mietau gespeist; v er begegnete mir sehr höflich er
bat mich zu sich v hat mich jetzt wieder bitten laßen. Sein Gut liegt 2 Meilen
von hier. Ich bin mir so viel Höflichkeit von einem kurländischen Cavalier auf
seinen 4 Pfälen nicht vermuthen gewesen. Er erkundigte sich nach mir Sie
v nach übrigen guten Freunden. Zeigen Sie diese Stelle keinem LandsMann
noch Nachbar.
HE. Poehling habe ich hier gleichfalls auf dem Pastorat aber noch als
Hofmeister gesprochen; ich habe nicht Lust mit ihm Bekanntschaft einzugehen. Er
sagte, daß man die Wiederkunft des HE. von Groethuysen hier vermuthete.
HE. M. Hase ist eine halbe Meile von mir. Ein Mann von Ihren Jahren,
der eine ungemeine Stärke auf dem Clavier, Violoncello v ein großes Genie
zu allem besitzt, linguist, Philosoph, Mathematiker, Maler v. alles, auch ein
großer Einfällist ist. Er ist Hofmeister bey einem HE. von Buttler, der ein
reicher Cavalier von 16 Jahren aber überdem ein Klotz ist, aus dem der beste
Praxiteles keinen Mercur schnitzen wird. Sein Gehalt ist wie meines; er wird
wie man mir erzählt von seiner HErrschaft auf den Händen getragen. Er ist
ein Abgötz der lieben Dummheit v läst sich zu viel herunter um ihr zu gefallen.
Dies ist das einzige, was mir an ihm nicht ansteht. Das Alter wird vielleicht
seiner Eigenliebe beßere Augen geben. Wir haben uns über Ihre Venus
Metaphysique
einen Abend ziemlich gestritten; er hatte Lust sie zu einem heiml.
Materialisten darüber zu machen. Ich habe Ihre Parthey so gut als mögl.
gehalten. Einmal ist er bey uns gewesen; der Frau Gräfin und dem Ober
Parlament aber fiel dieser Besuch zum besten aus. Ich habe ihn noch nicht
besucht; sondern bisher immer im Pastorat versprochen. So artig wie sein
Umgang so abgeschmackt ist sein Briefstyl. Er hat mir einmal frantzoisch
geschrieben; es war eine schlechte v. künstl. Uebersetzung übertriebener deutscher
Gedanken. Ich bewundere dies an einem Menschen, der einen allgemeinen
Geschmack in den Wißenschaften besitzt, v vieles sehr vieles in den schönen gelesen
hat v beurtheilen kann. Sie wollen liebster Freund, nach Göttingen gehen; ich
weiß den Zusammenhang dieser Entschlüßung nicht v will ihre eigene
Erklärung abwarten ehe ich es glaube. Schreiben Sie mir doch wenn Sie etwas
Neues wißen v geben Sie mir etwas von demjenigen ab, was Sie mißen
können. Sind Ihre Gedichte schon in Berlin fertig. Was macht mein
Hennings v. Sahme. Ich glaube daß keine Entschuldigung im stande ist meine
Aufführung gegen Sie gut zu machen. An den letzten habe ich schon für ein
viertel Jahr 3 Bogen geschrieben, die ich beynahe cassiren werde. Ist lauter
Poschwinn, wenn Sie dies polnische Gericht kennen. Grüßen Sie alle beide
tausendmal recht herzlich von mir, v versichern Sie beide, daß ich trotz Ihrem
Groll, den ich von Ihnen verdient habe, Ihr Freund leben v sterben werde.
Sie sollen ehstens von mir bedacht werden. Hat Voltaire nicht im Namen des
Publici geantwortet. Wenn Sie den Schlüßel zu diesen Geheimnisvollen
Briefen haben, so theilen Sie mir doch selbigen mit. Ich bitte Sie äußerst darum.
Schreiben Sie mir doch; ich beschwöre Sie darum. Mit nächster Post erwarte
ich eine kleine Beylage von Ihnen bey dem Briefe meiner Eltern.







Adam Bornwasser, Arzt in Mitau

Mietau Mitau, heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O] (40 km südwestlich von Riga)






















Dumont, Histoire militaire du prince Eugène de Savoye
; Hamann hat daraus in sein Berliner Notizbuch exzerpiert (N V S. 140).


Rousset Der 2. Band von
Dumont, Histoire militaire du prince Eugène de Savoye
enthält den Text von Jean Rousset de Missy.











Johann Heinrich oder Christopher Friedrich v. Fircks









vll. Otto von Grothusen, Oberhauptmann zu Goldingen






Praxiteles Der Bildhauer Praxiteles schuf ca. 330 v.Chr. eine Marmorskulptur des Hermes/Mercurius mit dem neugeborenen Dionysos auf dem Arm.


















Vll. die sieben, die in
Trescho, Religion, Freundschaft und Sitten
erschienen sind.




Poschwinn Rote-Bete-Suppe




Es handelt sich vll. um den anonym erschienenen, aber von den Zeitgenossen leicht zugeschriebenen
Voltaire, Réponse d’un Académicien
.




Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (3).

Bisherige Drucke:
Roth I 257–260.
Gildemeister I 50–51.
ZH I 60–62, Nr. 22.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
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Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies um statt und  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): um alle