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Königsberg, 26. März 1762   ZH II 144   Orig    geprüft    Komm  
Johann Georg Hamann  →  Johann Gotthelf Lindner
S. 144 / 6



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Königsberg den 26 März 1762.

Herzlich geliebtester Freund,
Popowitsch ist gestern angekommen, wofür ergebenst danke. Ich hoffe recht
sehr damit zufrieden zu seyn und werde so bald wie möglich das Geld abgeben.
Es ist mir lieb, daß Sie meine freye Beurtheilung Ihres Schulstückes nicht
übel genommen. Sie ist gut gemeynt gewesen. Sie bitten sich das Paar
versprochene Erinnerungen aus. Hier findt sich ein Misverständnis. Es waren
die beyde, die ich machte 1.) über das teufelische Gemüth, welcher Ausdruck
mir für ein Kind zu männlich und zu roh vorkam 2.) über dasie abgezirkelte
Entwickelung. Ich setze immer die Regel zum voraus: de gustibus non est
disputandum,
kein Geschmack ergrübelt sich. Absaloms Sünde war eine
Strafe Davids für Ehebruch und Meuchelmord, die ein eben so teufelisch
Gemüth im Vater
zum voraus setzten. Bey einem Kinde setze ich keinen
rechten Verstand oder kein rechtes Gefühl derjenigen Schandthat zum
voraus, die er an seines Vaters Kebsweibern begieng. Ein christl. Kind könte
sonst auch denken: warum hielt sein Vater so viel verhaßte Menschen? –
Ein Kind muß mehr gewöhnt werden das Verderben seines eigenen Herzens
aus der Geschichte kennen zu lernen, und nicht richten sondern angeführt
werden für sich selbst zu zittern. Quid damnas? de te fabula narratur.
Dergleichen Sommerflecken in Ihren Carakteren lohnen nicht der Mühe, daß
man sich dabey so lange aufhält, laßen sich auch durch äußerliche Reinigung
nicht so leicht vertreiben. Es sind Cruditäten, die in der Idee liegen, in der
Grundlage der idealischen intellectualischen Geschöpfe, die ein Autor dichtet
naturam si expellas furca – eben so geht es mit dem Gantzen, und was
im Plan selbst liegt; da hilft keine Feile mehr. Der Druck giebt vielen Dingen
ein ander Ansehen wie ich selbst noch kürzlich erfahren habe. Seyn Sie also
ruhig. Das Ihrige haben Sie gethan – – und was soll ich viel sagen, da es
vielleicht bald mit mir heißen wird: Artzt, hilf Dir selber! u. s. w.
Mit der Kurschen Correspondance geht es recht, wie Sie sagen. – Hat
P. Rupr. schon erhalten seinen Bogen und haben Sie schon das Geld
auszahlen können? Seitdem habe nichts mehr davon gehört.
Prediction sur la n. H. habe gelesen. Ni Queue ni tete ist nicht mehr;
sonst hätten Sie es schon. NB. Eine Bitte, worinn ich mich hier nicht
befriedigen kann und die Sie dort mehr Gelegenheit haben. Was heißt
Amphigouris, amphigouriques und Lazis eigentl., fürneml. das erste Wort. Sollte
es nicht Mauvillon haben, oder im Diction. Encycloped. stehen, und wo
mögl. die Etymologie, oder aus welcher Sprache es herkommt.
Noch hab ich nicht aus dem Hause gehen können; ich bin so überhäuft,
daß ich fast unterliege. Gott weiß wo alles herkommt. Dies ganze Jahr fast
den Platon und das arabische kaum recht ansehen können; und doch soll der
Sommer zu Ergötzlichkeiten bestimmt seyn. Mit meiner sauersten Arbeit geht
es diese Woche wills Gott! zu Ende, und damit will ich auch pausiren. Alea
iacta;
jetzt kommt es darauf an, ob ich aufhören oder erst anfangen soll. Ich
muß mich auf beydes wenigstens gefaßt machen und gehörig zubereiten.
Mein Wahlspruch bleibt:

Was ich geschrieben hab, das decke zu
Was ich noch schreiben soll, regiere Du.

In der deutschen Sammlung ist ein klein Wortspiel, das Sie nicht übel
auslegen werden. Es war da, ehe ich von ihrem Schuldrama was wußte,
und kann so wohl auf mich selbst als auf Sie gedeutet werden; zielt am
meisten auf unser beyder Mutter, die liebe Albertine. Die Gelegenheit dazu
gab mir mein lateinisches Exercitium, was hinter Ihrer Disputation steht,
das ich auch habe zum Füllstein gebraucht. Meine Juvenilia stehen hier
zusammen, und machen ein Iournal meiner Autorschaft; woraus Nachfolger
ersehen können, wie der Wein zu Eßig wird. Der Aristobulos fängt an; das
Denkmal auf meine Mutter beschliest das Werk, von 15 oder 16 Bogen.
Stark genug! werden die Hamburgischen Nachrichten abermal sagen können.
Heute habe zu meinem großen Vergnügen, aber zu meiner eben so großen
Verwirrung oder Verlegenheit eine Antwort mit Nicolai Siegel erhalten. Da
der Innhalt dieses Briefes in petto bleiben soll: so wollen wir uns beyde
darnach richten, biß ich Gelegenheit habe Ihnen mehr zu sagen.
Gott wird auch Ihren Wünschen den Weg bahnen; ich würde mich herzlich
erfreuen, Sie in meinem Vaterlande umarmen zu können. Schicken Sie doch
Ihren Bruder, so bald wie möglich, statt Ihres Vorläufers. Sollte sich Rahel
nicht durch einen kleinen Joseph legitimiren?
Ich habe für 9 gl. eine schöne Stephansche Ausgabe von Athenagorä
Apologie und Rede über die Auferstehung nebst Petri Bunelli (praeceptoris)
Pauli Manutii (discipuli) et aliorum Gallorum pariter et Italorum epistolae
Ciceroniano stylo conscriptae
aus eben der Officin und eine recht reine
Ausgabe von Demetrio Phalereo ohne Uebersetzung nebst beygebundnen
griechischen Donat und lateinischen Gedichten erstanden – aus der Kongehlschen
Auction.
Moldenhauer will seine Erklärung über die H. S. drucken laßen; pro
Bogen 16 fl. hat 18 Jahre daran gearbeitet. Ich habe eine Probe davon zur
Durchsicht bekommen. Sie ist würklich ein Original in ihrer Art, ein eben so
stilles als tiefes Waßer, wo der einfältigste Leser und der Gelehrte das seine
findt. Sie bleibt immer bey dem Wortverstande mit einem kalten Blute, mit
einer Deutlichkeit, die unnachahmlich ist. Ich bin sehr dafür, daß dies Werk
bekannt würde; es wird aber viel kosten den Eigennutz des Verfaßers und
den Geschmack der Leser zu gewinnen. Das letztere halte ich für leichter; das
erstere hab ich dem Verleger überlaßen. Kunst und Natur sehen sich hier
einander so ähnlich, daß es fast nicht möglich ist sie zu unterscheiden. Mein
consilium fidele denke morgen darüber aufzusetzen.
Vergeßen Sie doch nicht Amphigouris – Ich empfehle mich Ihrer
Freundschaft und geneigten Andenken. Mein Vater grüst Sie aufs herzlichste. Ich
umarme Sie und Ihre liebe Hälfte unter Anwünschung eines frölichen
Osterfestes und ersterbe Ihr treuer Freund.
Hamann.


Auf die Woche fängt sich hier ein die Auction eines reformirten P
Landpredigers an, wo sehr rare und ausgesuchte Schriften sind. Leben Sie
wohl.




freye Beurtheilung Vgl. HKB 222 ( II 136/17 )





de gustibus non est disputandum dt.: Über Geschmack läßt sich nicht streiten.

Absaloms Sünde … 2 Sam 16,22f.








Quid damnas? de te fabula narratur
Hor. sat.
1,1,69f.; Hamann setzt »damnas« an die Stelle von »ridas« (»lachst«): »Was verdammst du? die Geschichte handelt von dir.«





naturam si expellas furca
Hor. epist.
1,10,24: »naturam expellas furca« – »die Natur magst du mit der Heugabel austreiben«.




Artzt, hilf Dir selber! Lk 4,23

Kurschen Correspondance Briefwechsel mit dem Kurland, wo sich u.a.
Gottlob Immanuel Lindner
und
Christoph Anton Tottien
aufhielten.






Amphigouris, amphigouriques und Lazis Frz. amphigouri: Unsinnsgedicht; ital. lazzi, Begriff aus der ital. Commedia dell’arte für clowneske Elemente im Drama. Das Wort ›amphigouris‹ verwendet Sticotti in der von Hamann in HKB 222 und in den Näschereyen (N II S. 191/37, ED S. 153) zitierten Passage über Rousseaus nouvelle Héloise. Die ›Lazzis‹ sind bspw. Thema in Mösers Vertheidigung des Groteske-Komischen (S. 64), die mit Zitat der entsprechenden Stelle in den Literaturbriefen rezensiert wurden (12. Tl., 1761, 215. Brief, S. 353).





Platon
Platon

sauersten Arbeit Vmtl. die Korrekturen des Drucks der Kreuzzüge.

Alea iacta »Der Würfel ist gefallen.« Ausspruch Caesars bei der Überquerung des Rubikon. Überliefert etwa bei Plut. Pompeius 60 und Suet. Caes. 32.





Was ich geschrieben hab … Lat.: quod scripsi scripsi. Vgl. Joh 19,22. HKB 202 ( II 63/35 )



klein Wortspiel Untertitel im Lateinischen Exercitium, N II S. 219, ED S. 221: »dem eiteln Wandel nach Väterlicher Weise gemäß, öffentlich aufgeführt worden von einem verlornen Sohne U.[nsrer] L.[ieben] F.[rau] Albertine.«





Juvenilia »Jugendwerke« in den Kreuzzügen des Philologen. HKB 224 ( II 143/18 )


Wein zu Essig Vgl. HKB 224 ( II 143/33 )
Aristobulus
Aristobulus
, genannt auf dem Titelblatt von
Hamann, Versuch über eine akademische Frage

Denkmal auf meine Mutter am Ende der Kreuzzüge, N II S. 233–238, ED S. 241–252

Stark genug! Anspielung auf die Kritik Ziegras an den Sokratischen Denkwürdigkeiten, die Hamann bereits im ersten Aufzug der Wolken aufgreift (W S. 55, N II S. 86/14–17, ED S. 30).









gl. Groschen (in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch)
Athenagorä Apologie
Apologia pro Christianis

Rede über die Auferstehung nebst Petri Bunelli
Bunellus, Galli




Kongehlschen Auction Aus dem Nachlass von
Christian Gottlieb Kongehl
.



fl. Gulden, Goldmünze, hier aber 1 polnischer Gulden, eine Silbermünze, entsprach 30 Groschen.









consilium fidele getreulicher Rat; vll. hier der Plan einer Rezension








Landpredigers nicht ermittelt


Provenienz
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (79).

Bisherige Drucke
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, III 137–140.
ZH II 144–146, Nr. 225.

Zusätze ZH
HKB 225 (145/8): Lindner dazu: Absal. wiehernder Hengste Übermuth
HKB 225 (146/18): Lindner: Leisetritt der Katze auf Nußschaalen. Ruth
verklärte Augen.
S. 493 / 32






Textkritische Anmerkungen
146/5 beygebundnen
Geändert nach Druckbogen 1940; ZH: beygebundenen