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Königsberg, 16. April 1762   ZH II 146   Orig    geprüft    Komm  
Johann Georg Hamann  →  Johann Gotthelf Lindner
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Königsberg den 16 April. 1762.

Herzlich geliebter Freund,
Einlage richtig erhalten; Sie werden mir gleichfalls eine bey Gelegenheit
anvertrauen, weil ich ungern Unbekannten Verbindlichkeiten haben mag.
Die Feyertage Gott Lob! glücklich zurück gelegt, wünsche von Herzen ein
gleiches. Gott wolle es Ihnen an keinem Guten fehlen laßen!
Auf die Woche fangen sich wills Gott! meine Arbeiten an; auf die ich desto
hitziger bin, da ich mein Gr. v. Arab. das ganze Jahr kaum ansehen können.
Ich habe Gelegenheit gehabt einen Bogen Ihrer Sammlung hier zu sehen,
auf dem ihr kleines Provinzial Wörterbuch war, das mir sehr gefiel. Wegen
Aplamdwatsch ist meine Vermuthung eingetroffen, daß es ein hybridisch
Wort aus dem lettischen seyn würde. Ein Landsmann war eben bey mir, der
mir versichern wollte; daß aplam, nimis zu viel folglich ausschweifend
närrisch bedeute. Die griechische Etymologie schien mir an sich schon übel
angebracht. Sie haben nähere Gelegenheit sich darnach zu erkundigen. Weil
mir der Bißen am ersten ins Gesicht fiel, so halte mich bey selbigen auf.
Für Ihre Mühe wegen amphigouriques danke recht sehr, liebster Freund,
ohngeachtet selbige fruchtlos gewesen. Erfahr ich etwas zuerst, so theile
Ihnen gleichfalls mit.
Meine Iuuenilia werden Sie auch schon erhalten haben. Das Glück muste
sich fügen, daß ich Ihnen die Erstlinge schicken konnte; noch ehe ich selbst
ein Exemplar hatte, so warm gieng i Ihres ab – Der Abälard scheint den
Litteratur Briefstellern ein eigen Schicksal zu drohen. Der Uebersetzer der
neuen Heloise hat sich gleichfalls gemeldt, und ein Bändchen Anmerkungen
für die deutschen Kunstrichter
verursachtanlaßt, aus dem ich nicht recht
klug werden kann. Er kostet 3 fl. und ich wünschte auch Ihr Urtheil darüber.
Die Anarchie in der gelehrten Welt scheint ihren Gipfel erreicht zu haben,
und ein großes Apostem zeitig zu seyn. Zu meinem großen Leidwesen findt
sich in diesen Anmerkungen auch Kabbala und blauer Dunst, und französische
Schulmeisterstreiche.
Die Ode an Cyrus soll einen Hermes zum Verfaßer haben, der in Morungen
ist. Der Diaconus hat abermal 1½ Bogen über den Frieden drucken laßen;
auch Pastoralmemoires. Letztere habe noch nicht gesehen; vermuthe selbige
aber im Forstmannschen Geschmack. Erstere überschicke mit nächsten.
Ich habe mich eben jetzt an einer deutschen Uebersetzung des Homers
geweidet die in Frkf. am Mayn bey den von Düren ausgekommen; und
lerne jetzt die Neue Sammlung der merkwürdigsten Reisegeschichten aus
eben der Officin kennen. Ein groß Werk, von dem ich mich beynahe schäme,
daß es mir so lange unbekannt geblieben. HE von Loen hat die Aufsicht
darüber geführt. Es ist vielleicht unter dem Titel der allgemeinen
Reisegeschichte
bekannter. Ich habe von ungefehr ein defect Exemplar zum
Gebrauch gefunden. Wenn Sie Gelegenheit haben es kennen zu lernen, so wird
es Ihrer Neugierde nicht unwürdig seyn. Der erste Theil scheint an meinem
Exemplar nicht ganz zu seyn und der 2 gar zu fehlen. Biß 7 Theile kann ich
hier zählen. Wenn Sie was erfahren können von diesem Werk ob es
aufgehört hat oder noch fortgesetzt wird, geben Sie mir doch einen Wink
davon.
Aus Kurl. bin schon vor Ihrer gütigen Nachricht befriedigt worden. Der
Pastor hat mir selbst geschrieben, ich weiß aber nicht: wie? Ihren jüngsten
Bruder bin recht neugierig zu sehen. Daß meiner 20 Zeilen geschrieben hat,
darauf können Sie sich nicht wenig einbilden. Gott woll ihm helfen und uns
allen gnädig seyn! Beyliegende Qvittung zeigt, daß Popowitsch hier schon
bezahlt worden.
Lauson beschwert sich daß Sie ihm nicht die letzte Schulhandl. auf den
letzten Geburtstag geschickt haben. – Wolson hat mich nach Jahr und Tag
wieder ein paar mal besucht; unser Umgang dürfte kaum jemals zur ersten
Vertraulichkeit zurückkehren. Hinz, der Gallimafrist ist jetzt der einzige mit
dem ich am nächsten stehe. Die Ähnlichkeit der Seelen geht den Geist nichts
an. Seine Verfaßung ist eine Gährung, die mit der Ruhe und Sicherheit der
Freundschaft nicht bestehen kann. Desto mehr Nutzen kann ich von meiner
Muße erwarten.
Meine Bibliothek hat wieder einen kleinen Zuwachs an einer Amsterdamer
Ausgabe von der Septuaginta iuxta exemplar Vaticanum, von Pselli
Arithmetik, Geometrie, Archimedes v Procli Sphaera. Die beyde letztern sind
nur lateinisch; sämtl. von Meurer zu Leipzig ausgekommen aus des Autors
eigener Hand, an deßen galanten Bande man den Leipziger Stutzer erkennen
kann. Endlich Rhetores Selecti von Gale ex Theatro Sheldoniano. Mornay’s
Mystere d’Iniquité
gleichfalls. Wenn Sie Mornay im Gelehrten Lexico
aufschlagen, so bezieht sich selbiges auf Anecdoten in einem Buch, deßen Namen
ich schon vergeßen habe. Wißen Sie mehr davon wie ich, so unterhalten Sie
mich einmal damit, bey Gelegenheit, liebster Freund.
Ich habe den Mornay kennen gelernt aus Danielis Gerdesii Introduction
in Historiam Euangelii Saec. XVI. passim per Europam renouati Groning.

1744. Ich habe bloß den ersten Theil dieses Buchs bekommen können, und
habe mit viel Vergnügen selbiges gelesen, weil ich theils einige Qvellen zur
Reformationsgeschichte, theils viele particularia der Theilnehmer darinn
gefunden. Erasmus beschloß einen Brief an Zwinglium, der überhaupt für
mich sehr interessant geschienen mit den Worten: – videor mihi fere omnia
docuisse quae docet Lutherus, nisi quod non tam atrociter quodque
abstinui à quibusdam aenigmatis et Paradoxis.
Als Staupitz eine Vorbitte
für Luther einlegte bey dem Kardinal Caietanus, soll letzterer gesagt haben:
Ego nolo amplius cum hac bestia loqui, habet enim profundos oculos et
mirabiles speculationes in capite suo. Luthers Paradoxa
haben mir ihres
Tiefsinns sehr gefallen. Das 21ste unter den Theologischen war: Theologus
gloriae dicit malum bonum et bonum malum; Theologus crucis dicit id
quod res est. Petrus Mosellanus
hat einen Brief an Joh. Pflugium über die
zu Leipzig gehaltene Disputation geschrieben, den Heumann sr Ausgabe von
Sculteti Annalibus beygefügt, worinn Luther Carlstadt v Eccius geschildert
sind mit einer Meisterhand. Meine Lüsternheit mich in dieser Reformations
Geschichte näher umzusehen muß Zeit und Umstände wegen noch
unterdrücken. –
Eine kleine Registratur Ihrer Empfindungen, womit Sie den Philolog.
v die Essais lesen werden, erwarte ehstens von Ihrer Freundschaft und
Aufrichtigkeit. Manum de tabula! bleibt jetzt mein Vorsatz. An Nicolai
selbst unter meinem Namen und an Moses habe anonymisch schon vor den
Feyertagen geschrieben. Ich glaube, daß der Briefwechsel jetzt aufhören wird;
weil ich wenigstens für mein Theil alle meine Hauptabsichten dabey erreicht
habe. Denken Sie ja nichts daran an Krickende, daß ich in einigen
Verbindungen dort zufällig gerathen bin. Mein wahres Interesse erfordert es noch
unbekannt und außer aller Connexion zu seyn.
Schreiben Sie mir doch im Ernst, was Ihre liebe Frau macht. Ich umarme
Sie herzlich und bin nach den zärtlichsten Grüßen von meinem alten Vater
mit der aufrichtigsten Hochachtung Ihr ergebenster Freund
Hamann.


Ist Runtzen Advocat bey Ihnen geworden? Hippel steht in Condition bey
dem Praesidenten von Schroeder, besuchte mich gestern mit seinem jungen
Baron, bey deßen Vater ich heute speisen sollte, wenn – ich Lust hätte.


Einlage nicht ermittelt





Gr.[iechisches] [und] Arab.[isches]


Provinzial Wörterbuch
Lindner, Abhandlung von der Sprache
; von
Thomas Abbt
im 232. der Literaturbriefe rezensiert.

Aplamdwatsch ebd., S. 220






amphigouriques Vgl. HKB 225 ( II 145/6 )



Iuuenilia Jugendwerke; gemeint sind die Kreuzzüge des Philologen, die wohl Anfang April aus dem Druck kamen.


Abälard Unter diesem Pseudonym erschien
Hamann, Chimärische Einfälle
, die sich ebenfalls in den Kreuzzügen finden.

eigen Schicksal
Petrus Abaelardus
wurde auf Betreiben des Onkels der Heloisa, Fulbert, kastriert. Hier auf die Auseinandersetzung mit
Moses Mendelssohn
und die Literaturbriefe bezogen: HKB 219 ( II 128/18 ).
Uebersetzer der neuen Heloise
Johann Gottfried Gellius

Anmerkungen für die deutschen Kunstrichter
Gellius, Anmerkungen zum Gebrauche deutscher Kunstrichter


fl. Gulden


Apostem Geschwür




Diaconus […] über den Frieden
Trescho, Schreiben des Friedens



deutschen Uebersetzung des Homers Die bibliophile Ausgabe der übersetzten Ilias war bereits 1754 erschienen.













Kurl. Kurland

Pastor
Johann Christoph Ruprecht
, Brief nicht überliefert
jüngsten Bruder
Gottlob Immanuel Lindner








Hinz, der Gallimafrist
Jakob Friedrich Hinz
, genannt so wegen seiner Galimafreen nach dem heutigen Geschmack.





Amsterdamer Ausgabe […] exemplar Vaticanum Vetus testamentum Graecum Ex Versione Spetuaginta interpretum. Juxta Exemplar Vaticanum Romae editum (Amsterdam 1683). [Biga 49/500 »Η παλαια Διαθηκη κατα τοτς ὁ Amst. 683«]





Rhetores Selecti von Gale
Gale, Rhetores selecti
Mornay’s Mystere d’Inquité
Mornay, Le mystère d’Iniquités

Gelehrten Lexico
Jöcher, Allgemeines Gelehrten-Lexicon
, 3. Tl., 1751, S. 686.




Danielis Gerdesii Introduction …
Gerdes, Introductio in historiam Euangelii Saeculo XVI






– videor […] Paradoxis »Mir scheint, daß ich fast alles gelehrt habe, was auch Luther lehrt, wenn auch nicht so trotzig, und daß ich mich gewisser Rätsel und Paradoxien enthalten habe.« Zitat bei
Gerdes, Introductio in historiam Euangelii Saeculo XVI
, Bd. 1, S. 151.



Caietanus
Thomas Cajetan

Ego nolo […] capite suo »Ich will nicht weiter mit dieser Bestie reden, denn er hat tiefliegende Augen und in seinem Kopf wunderliche Gedanken.« Zitat bei
Gerdes, Introductio in historiam Euangelii Saeculo XVI
, Bd. 1, S. 227.


Theologus … »Der Prediger der Herrlichkeit nennt das Böse gut und das Gute böse; der Prediger des Kreuzes sagt, was die Sache wirklich ist.« Zitat bei
Gerdes, Introductio in historiam Euangelii Saeculo XVI
, Bd. 1 (Monumenta), S. 179. In der Heidelberger Disputation von 1518, WA I S. 354/21f.


Petrus Mosellanus
Petrus Mosellanus [Schade]
Pflugium
Julius v. Pflug

Heumann […] Sculteti Annalibus
Christoph August Heumann
; vmtl. meint Hamann aber Hermann von der Hardts Historia litteraria reformationis, in deren 5. Tl. Sculteti Annalibus ediert sind.

Carlstadt v Eccius Karlstadt [Andreas Rudolf Bodenstein] (1480–1541), Prof. in Wittenberg u. Johann Mayer von Eck (1486-1543), Gegner von
Martin Luther
.






Manum de tabula! Plin. nat.35,36,80: »Hand vom Bild!« (im Sinne von: nicht weiter anrühren)




Krickende
Samuel Krickende
, der als Hofmeister bei Johann Peter Süßmilch in Salons verkehrte, die auch Mendelssohn und Co. frequentierten.



liebe Frau Marianne Lindner








Provenienz
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (80).

Bisherige Drucke
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, III 144–146.
ZH II 146–149, Nr. 226.

Textkritische Anmerkungen
149/2 Tiefsinns
Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): Tiefsinns wegen