228
Königsberg, 29. Mai und 11. Juni 1762   ZH II 155   Orig    geprüft    Komm  
Johann Georg Hamann  →  Johann Gotthelf Lindner
S. 155 / 25




30



S. 156



5




10




15




20




25




30




35


S. 157



5




10




15




20




25




30




Königsberg den 29 May 1762.

Geliebtester Freund,
Ungeachtet ich ersehe, daß Sie meine neuliche Laune, mit der ich mich über
ihr kleines Supplement aufgehalten habe, nicht recht gefaßt: so ist es mir
doch lieb, daß Sie selbige nicht übel aufgenommen haben. Noch ist kein Bogen
zur Correctur eingelaufen – Was auf mich ankomt, werde ich thun. In
Ansehung der Zahlen setze ich alle mögliche Richtigkeit zum voraus, weil ich
nicht alle Sprüche aufschlagen kann, und mein Gedächtnis gar nichts zum
citiren daucht.
Mit Platons Büchern de republica bin heute Gott Lob! vor den
Pfingstfeyertagen fertig worden, wie auch mit Hosea nebst Burschers Auslegung,
die ich nicht ausstehen kann, und von diesem Autor nichts mehr mir
anschaffen, vielmehr das angeschafte loszuwerden wünschte.
Meßgut ist auch schon hier angekommen. Die Amazonen Lieder sind nicht
uneben. Der vierte Theil von Gesners Schriften ist fürtreflich, und für Sie
sehr interessant, Muster für die Schulbühne. Das übrige habe nicht gelesen,
außer die Nacht, die hinter dem Daphnis im 2. Bande steht. Von Wielands
Gedichten bloß die Vorrede. Mon chef d’œuvre von Sticotti, wo der ewige
Jean Jaques wieder vorkommt und den Leuten im Hospital dedicirt ist.
Weil sie alle die Krätze haben; so saget er bon soir und nennt sie mes chers
miserables.

Des Herrn von Hagedorns Betrachtungen über die Malerey haben mich
warm gemacht – und meine ungezogene Muse hat abermals einen
Schleicher
à vingt ongles begehen müßen. Ich dachte Ihnen schon heute das erste
Exemplar, weil es nichts mehr als einen Bogen ausmacht zu überschicken;
ich muß aber biß nach den Feyertagen Gedult haben. Es ist die andere Hälfte
von Schriftstellern und Kunstrichtern; der Titel ist also Leser und
Kunstrichter nach perspectivischem Unebenmaasse. Man muß des Herrn
von Hagedorns Betrachtungen über die Malerey in 2 Theilen zum voraus setzen; weil
mein Bogen sich zu seinen 2 Alphabethen verhält wie die Vorhaut zum
ganzen menschlichen Leibe, oder wie jener Daume eines Fußes, den ein Maler
meßen ließ um den Leser auf die Größe des Riesen aufmerksam zu machen.
Mehr als dreymal sind mir die Hände gesunken über dieser Arbeit; nun sie
wieder mein Vermuthen und wieder meinen Willen gleichsam fertig worden:
so mag sie in alle Welt gehen, und gleich der Hagar mit ihrem Ismael ihr
Glück machen, so gut sie kann. Der Grundsatz der schönen Künste ist in ihrer
Blöße darinn aufgedeckt. Weil die Ästhetik schöne Natur nennt, was Rost
die Seele der Mädchen: so war ich genöthigt im Geschmack der
Schäfererzählungen zu schreiben.
Der Verfaßer der Anmerkungen zum Gebrauche deutscher Kunstr. soll
Gellius heißen, ein junger Mensch, der von Uebersetzungen lebt. Relata
refero.

Die Herleitung des Wortes Schächer ist mir sehr bekannt, ich kann mich
aber darauf nicht besinnen. So bald ich auf die Spur komme – –
Kochs Stärke und Schwäche der Feinde der Offenbarung habe überlaufen,
die aus 3 kleinen Theilen besteht, wozu noch ein 4ter fehlt. Er gehört auch wol
in ihre Sammlung – Eine muntere Schreibart, die aber ungleich und nicht
stark genung ist.
Den alten Manilius, den Astrologen, habe jetzt auch gelesen und thut mir
nicht leyd. So viel Lust ich noch zu der römischen Litteratur habe: so zweifele,
daß ich das Fach jemals werde berühren können. Was mir aufstößt nehm ich
mit, und befinde mich recht wohl dabey.
Ich erwarte, liebster Freund! ein Exemplar Ihrer Schulhandlungen, und
für Lauson gleichfalls gratis. Ihre übrige gute Freunde können bezahlen,
Lauson, der mehr Geld als ich hat, war schon mit seinem Gelde herausgerückt,
als ich ihm zurief: halt! – Ob ich Ihren Sinn getroffen, melden Sie mir.
Laß ein jeder das Seine thun; der Kaufmann sein Comtoir, der Gelehrte
sein Handwerk. Rachsucht war die schöne Natur, die Homer nachahmte. Was
mein eigen Herz betrift; so trau ich demselben nicht, wenn es mich absolvirt,
nicht wenn es mich verdammt. Gesetzt daß es mich verdammt; so ist Er
größer als mein Herz. Herz gegen Herz gerechnet, liegt mir meins näher als
meiner Nachbarn Herz. Wenn ich an selbiges appelliren möchte in einigen
Augenblicken, in gewißen Schäferstunden: so würden Sie nicht mehr
Herrlichkeit in Ihrem eigenen als in meinem finden. Schlechter Trost – und noch
schlechterer Grund, auf den ich bauen soll!
Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, der mich von allem Uebel erlösen wird,
und auch von der Sünde, die mich wie meine eigene Haut umgiebt, mich träge
macht und allenthalben anklebt – Ich weiß, daß meine Muse auf einer
glühenden Asche singt, und ihre Feder statt einer Scherbe braucht um sich zu kratzen.
– Ich weiß, daß die Erde meine Mutter und Würmer meine Brüder sind.
Sie haben auch Ihr Hauskreutz und werfen die Gläser der Theodiceen
weg, wenn sie am nöthigsten sind.
Grüßen Sie Ihre liebe Hälfte, die sich auch an Stiefkindern alt tragen
wird. Mein alter Vater empfiehlt sich Ihnen gleichfalls. Fröhliche,
vergnügte, geseegnete Pfingsten! Ich umarme Sie und ersterbe Ihr treuer Freund
Hamann.


den 11. Jun.

Eben jetzt reise nach Elbing – Correctur wird besorgt werden. Entschuldigen
Sie mich. Erörterung künftig. Leben Sie wohl. Gott sey uns allen gnädig!


neuliche Laune vgl. HKB 227 ( II 150/5 )

Supplement Vermutlich meint Hamann seine Anmerkungen zu Lindners »Zusätze zum ersten Theile des Rigischen Katechismus«.






de republica
Plat. rep.




Amazonen Lieder
Weiße, Amazonenlieder

Gesners Schriften
Gesner, Schriften


die Nacht
Gesner, Schriften
, Bd. 2, S. 159–176. Auch in
Hamann, Leser und Kunstrichter
, N II S. 344/39, ED S. 8 erwähnt.
Daphnis Titel eines Schäferromans von Gesner.
Wielands Gedichten
Wieland, Poetische Schriften

Mon chef d’œuvre
Sticotti, Mon chef-d’oeuvre





à vingt ongles Französische Redewendung; wörtlich: [Furz] mit 20 Nägeln; Bezeichnung für ein neugeborenes Kind. Vgl. HKB 227 ( II 153/33 )








jener Daume … Größe des Riesen
Hagedorn, Betrachtungen über die Mahlerey
, Bd. 1, S. 169f., bezogen auf ein Gemälde des griechischen Malers Timanthes von einem schlafenden Zyklopen, dessen Größe im Vergleich zu Satyrn vorstellbar gemacht wird.


die Hände gesunken Anspielung auf
Verg. Aen.
6,33: »bis patriae cecidere manus«.


gleich der Hagar 1 Mo 21,10






Relata refero dt.: Ich berichte über Gehörtes.








Manilius Hamann entnahm Manilius’ Astronomica das Titel-Motto zu Leser und Kunstrichter.

















Ich weiß, daß mein Erlöser lebt Hi 19,25
der mich von allem Uebel erlösen wird 2 Tim 4,18

wie meine eigenen Haut umgiebt Heb 12,1


glühenden Asche Hi 2,8

daß die Erde … meine Brüder sind Hi 17,14



liebe Hälfte
Marianne Lindner






Elbing Elbląg


Provenienz
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (82).

Bisherige Drucke
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, III 153–156.
ZH II 155–157, Nr. 228.

Zusätze ZH
HKB 228 (156, 30): Lindner dazu:
Ihm ist heiß ruft man Pudeln zu und sie nehmen.
Stänker
Micromegas
Fiction
HKB (156, 33): Prov. 30.
Blut zu viel Seele
HKB (157, 19): Noli disp. de corde Herz ist Betrüger.
HKB (157, 26): Anfechtung lehrt aufs Wort merken. ist Theodicee gl. …
Jason Homme de lettres zurückgewiesen.
S. 494 / 17


20




25